mini|hochkant=1.3|Festspielhaus Hellerau im Jahr 2013; im Vordergrund zwei der ursprünglichen Lehrerwohnhäuser Das Festspielhaus Hellerau entstand 1911 im Stile der Reformarchitektur in der heute zu Dresden gehörenden Gartenstadt Hellerau. Der Architekt war Heinrich Tessenow. Es gilt als ein Hauptwerk der Architektur des 20. Jahrhunderts.
Errichtet wurde das Festspielhaus als Schulgebäude für die „Bildungsanstalt für Musik und Rhythmus von Émile Jaques-Dalcroze“. Die Bildungsanstalt war eine Internatsschule. Entsprechend wurden Schülerpensionate und Lehrerwohnungen in unmittelbarer Umgebung zum Hauptgebäude errichtet, so dass sich ein Gebäudeensemble bildete. Umgangssprachlich wird bei Verwendung des Begriffs „Festspielhaus Hellerau“ nicht zwischen dem eigentlichen Festspielhaus an sich und dem Festspielhausgelände mit seinen anderen Gebäuden unterschieden. Der Name „Festspielhaus“ kam nach den ersten dort veranstalteten Festen auf. Offiziell wurde dieser Name erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts benutzt.
Architektur Festspielhaus Das Festspielhaus ist ein achsensymmetrisches Gebäude. Seine Hauptachse ist von Nord nach Süd ausgerichtet. Die Grundfläche des Gebäudes beträgt . Der Mittelbau mit dem Festsaal überragt mit 36 Metern Firsthöhe die Seitenflügel um 16 Meter. An der Nord- und der Südseite ist diesem Mittelbau jeweils ein vier Meter tiefer Portikus mit quadratischen Pfeilern vorgebaut. Über den Pfeilern erhebt sich ein Giebel in Form eines gleichschenkligen Dreiecks, in dessen Tympanon das Symbol der Bildungsanstalt, ein Yin-Yang-Zeichen angebracht ist. Die Zwischenräume der Pfeiler geben den Blick auf die Fenster und Eingangstüren frei. Die Pfeiler und die Ecken des Portikus sind mit Sandstein verkleidet. Die Dachgauben wiederholen die Form des Spitzgiebels. Zwei zweigeschossige Seitenflügel schließen U-förmig jeweils einen eingeschossigen Oberlichtsaal ein. Das gesamte Gebäude ist schmucklos und mit einem Kalkputz von heller Ockerfarbe versehen. Alle Teile des Gebäudes lassen sich auf geometrische Grundfiguren wie Quadrat, Rechteck und Dreieck zurückführen. Tessenow schuf ein eigenes Proportionssystem für diesen Bau und wendete dieses bis in die Details an.Ausführliche Beschreibungen des Gebäudes in seiner ersten Baufassung siehe: Marco DeMichelis Heinrich Tessenow sowie Nina Sonntag: Raumtheater.
Der große Saal erstreckt sich, sieht man von der eingeschossigen Eingangshalle ab, welche 9 Meter tief in den Saal hineingebaut ist, über den gesamten Mittelbau. Er ist 45 Meter lang, 16 Meter breit und 12 Meter hoch und hat an allen vier Seiten große Fenster. Die Decke ist offen. Die Beleuchterbrücken befinden sich zwischen dem Dachgebälk. Das nördliche Ende des Saales bildet den Bühnenraum. Die bespielbare Fläche misst bei der üblichen amphitheatralen Bestuhlung . Rechts und links des Saals befinden sich kleinere Seitenbühnen, die bei Bedarf zum Saal hin geöffnet werden können. Im Boden vor dem Bühnenraum ist mittig ein mobiles Tafelbodensystem installiert. Durch Absenken dieser Böden kann unter anderem ein Orchestergraben ermöglicht werden. Über diese Öffnung wird auch das mobile Bestuhlungssystem, welches maximal 400 Sitzplätze bietet, bei Nichtgebrauch im Kellergeschoss verstaut.Bilder und Grundrisse vom Saal auf der Website des Festspielhauses, abgerufen am 25. Januar 2019.
Die eingeschossigen und großen Oberlichtsäle dienen heute als variable Veranstaltungsräume. Sie sind durch Türen in ihren vier Wänden mit allen umliegenden Räumen verbunden. Im westlichen Oberlichtsaal sind Wandarbeiten von Nancy Spero aus dem Jahr 1998 konserviert.Weibliche Zeichen, brandneu und steinalt. In: Sächsische Zeitung. 9. Juli 1998, S. 18. Die Seitenflügel des Festspielhauses beherbergen neben den Treppenhäusern viele Räume, welche flexibel genutzt werden können, da die ursprünglich von Tessenow für den Schulbetrieb eingebauten Sanitäranlagen und Umkleideräume nicht wieder hergestellt wurden. Obendrein wurden die Büros zur Verwaltung des Hauses in das „Seitengebäude West“ ausgelagert.
Lehrerwohnhäuser Gegenüber dem Festspielhaus auf der Südseite des Festspielhausplatzes stehen die vier Lehrerwohnhäuser. Sie waren für die leitenden Lehrer der Bildungsanstalt vorgesehen. Die vier Häuser waren identisch. Eingeschossig mit einem ausgebauten Dachgeschoss, kragt das Dach über der Vorderseite hervor. Jeweils zwischen zwei Häusern wurden diese Vordächer mit einer Pergola verbunden. Auf der Gartenseite haben diese Pensionshäuser im Erdgeschoss eine Veranda und im Dachgeschoss einen Balkon. Beim Bau der Häuser setzte Tessenow zum ersten Mal die von ihm patentierte Tessenow-Wand ein.; Die Tessenow-Wand ist eine zweischalige, kostengünstige Backstein-Holz-Konstruktion. Nach ihrer Nutzung als Offizierswohnhäuser wurden die Gebäude ab 1992 substanzschonend saniert.Beschreibung auf der Website der Wüstenrot-Stiftung; abgerufen am 23. Oktober 2016. Heute sind die vier Häuser Sitz der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen.
Seitengebäude mini|Bildungsanstalt Jaques-Dalcroze (1912) Ursprünglich wurden an den Seiten des Festspielhausplatzes vier eingeschossige Schülerwohnhäuser erbaut, welche sich von ihren Proportionen an die Lehrerwohnhäuser anlehnten. Es standen jeweils zwei an der Ost- und Westseite, so dass der Platz einen offenen Charakter hatte. Nach der Übernahme des Festspielhausgeländes in Staatseigentum wurden diese Schülerwohnhäuser abgerissen und an ihrer Stelle zwei Kasernengebäude errichtet, welche den Platz bis heute abriegeln. Die zweigeschossigen Kasernengebäude haben eine Firsthöhe von 13 Metern. Der Dachstuhl der beiden Gebäude ist jeweils ein denkmalgeschützter Ludwig-Kroher-Dachstuhl.siehe Technische und Wirtschaftliche Rundschau. Heft 1, Januar 1939, S. 7 f. PDF-Datei, 10 MB, abgerufen am 23. Oktober 2016. Der Kasernenflügel West wurde saniert und dient heute unter dem Namen „Seitengebäude West“ als Verwaltungsgebäude, Besucherzentrum und Heimstatt verschiedener Vereine. Außerdem befinden sich 10 Künstlerapartments in ihm. Der Ostflügel wurde zwischen 2020 und 2024 durch das Architekturbüro Heinlewischer saniert. Es entstanden ein Kleiner Saal für Aufführungen, ein Probestudio und Residenzapartments.
Großes Pensionshaus 1911 errichtete der Architekt Carl Sattler ein großes Pensionshaus im Süden des Festspielhausgeländes. Es sollte nicht nur zum Wohnen dienen, sondern auch Möglichkeiten zur Zusammenkunft bieten. Damit das Haus zu den von Tessenows entworfenen Gebäuden passte, plante Sattler einen zweigeschossigen Bau mit ausgebautem Dach und Souterrain. Unten befanden sich die Wirtschaftsräume inklusive Küche und Wohnräumen für die Angestellten. Im Hochparterre umschlossen mehrere Gesellschaftsräume sowie Schülerunterkünfte den zentralen Speiseraum mit Zugang zu Terrasse und Garten. Weitere Pensionszimmer befanden sich im Dachgeschoss.siehe: Claudia Beger, Monika Roth, Andreas Seeliger: Gartenstadt Hellerau: Architekturführer. Deutsche Verlags Anstalt, München 2008, ISBN 3-421-03700-0.
Nach dem kriegsbedingten Niedergang der Bildungsanstalt stand das Pensionshaus ab 1915 leer. 1920 eröffnete Carl Theil in diesem Gebäude die „Neue Schule Hellerau“. Zwischen 1921 und 1924 nutzte Alexander S. Neill mit seiner „Internationalen Freien Schule“ hauptsächlich dieses Gebäude. Ab 1925 mietete die Mathilde-Zimmer-Stiftung das Pensionshaus, welches sie später kaufte. Sie betrieb darin ein Töchterheim, in welchem Mädchen „auf ihre Aufgaben in Beruf, Ehe und Familie vorbereitet“ wurden.
Mit der Umwandlung des Festspielhausgeländes in eine Polizeikaserne wurde die Mathilde-Zimmer-Stiftung enteignet und das Gebäude als Kantine genutzt. Ab 1945 war es ein Offizierskasino. Nach dem Abzug des Militärs 1992 stand das Gebäude wieder lange leer. Die Mathilde-Zimmer-Stiftung bekam die Immobilie restituiert und verkaufte sie 2011 an einen Immobilienentwickler, der das große Pensionshaus sanierte und darin Wohnungen einbaute., abgerufen am 23. Oktober 2016.
Außenanlagen Der Festspielhausplatz besaß ursprünglich vier säulenförmige Brunnen, welche in den vier Ecken des Platzes installiert waren. Mit der Umwandlung zur Kaserne wurden diese abgebaut. Auf der Freitreppe zum Haupteingang des Festspielhauses waren zwei Laternen auf Ständern installiert, welche die einzige Platzbeleuchtung darstellten. Ihr Verbleib ist unklar. Das Festspielhausgelände war mit Mauern zwischen den Schülerwohnhäusern und dem Festspielhaus zum Platz hin abgeteilt. Hinter den Mauern befanden sich beiderseits des Hauptgebäudes Licht- und Luftbäder.Das Junge Hellerau. Hellerau-Verlag; Dresden; 3. erw. Aufl. 1996, S. 13 f. Diese verschwanden mit der Umwidmung zur Kaserne. Dafür wurden im Nordwesten Gebäude für Garagen und Werkstätten erbaut. Die reale Existenz des in Tessenows Plänen eingezeichneten quadratischen Spielplatzes hinter dem Festspielhaus ist nicht nachweisbar.
Geschichte 1909–1914 mini|Schülerinnen auf einer Wiese vor dem Festspielhaus 1912 Fußend auf den Gedanken der Lebensreform sollte in der Gartenstadt Hellerau nicht nur gewohnt und gearbeitet werden. Die Einwohner sollten auch die Möglichkeit zur musischen Bildung bekommen. Bereits 1907 erschien in der Kulturzeitschrift „Hohe Warte“ ein vom Prager Musikwissenschaftler Karl Batka verfasster „Plan zur musikalischen Organisation der Gartenstadt Hellerau“. Herausgeber der Zeitschrift war Joseph August Lux, zu dem Zeitpunkt Leiter der Berufsschule der „Deutschen Werkstätten für Handwerkskunst G.m.b.H. Dresden und München“ in Dresden.Norbert Weiß, Jens Wonneberger: Am Grünen Zipfel und Auf dem Sand. Hellerau: literarisch. Neisse Verlag, Dresden 2013. ISBN 978-3-86276-085-5. S. 30. Batka schlägt in seinem Plan unter anderem vor, die Hellerauer Kinder ab dem sechsten Lebensjahr nach der auf deutsche Verhältnisse angepassten „Methode Jaques-Dalcroze“ lernen zu lassen. Später sollen die Kinder ein Instrument lernen und noch später soll ein Orchester aus Hellerauern häufig öffentlich musizieren.
Im Oktober 1909 veranstaltete im Rahmen einer Deutschland-Tournee Émile Jaques-Dalcroze mit seinen Genfer Schülerinnen eine Vorführung seiner Methode in Dresden. Wolf Dohrn war an diesem Abend anwesend. Am folgenden Tag schlug er gemeinsam mit Karl Schmidt dem Musikpädagogen vor, sein Institut nach Hellerau zu verlegen. Karl Schmidt bevorzugte eine zurückhaltende Herangehensweise und wollte Holzbauten errichten, die sich mit wachsender Schülerzahl erweitern ließen. Auch wollte er den Plan eines noch zu bauenden Volkshauses am Markt in Hellerau nicht aufgeben. Darin war er sich mit Richard Riemerschmid einig, der als Chefplaner der Gartenstadt das architektonische Gesamtbild überwachte. Wolf Dohrn dagegen wollte von Anfang an das Dalcrozesche Institut groß errichten. Er war der Ansicht, dass der moderne Mensch aufgrund der technischen Entwicklung „entrhythmisiert“ sei, was ihn an seiner Weiterentwicklung hindere.siehe die Rede zur Grundsteinlegung in: Wolf Dohrn: Die Gartenstadt Hellerau und weitere Schriften. Dresden, Hellerau-Verlag, 1992, S. 47. Also begeisterte sich Dohrn an dem Konzept der Rhythmik und wollte mit Jaques-Dalcroze den Rhythmus „zur Höhe einer sozialen Institution“ erheben,Lorenz: Wege nach Hellerau. 1994, S. 70. was 1913 zum Zerwürfnis zwischen den Gartenstadtgründern führte.