Unter Verelendungstheorien werden Theorien verstanden, die eine Verelendung der Proletarier im Zuge der Industrialisierung, bzw. der Arbeiterklasse unter kapitalistischen Produktionsverhältnissen annehmen.
Zu unterscheiden ist einerseits zwischen einer Theorie der absoluten Verelendung, die von ständigem Absinken des Reallohns und des Lebensstandards der Arbeiter ausgeht, und andererseits einer Theorie der relativen Verelendung, nach welcher der Einkommensunterschied zwischen Armen und Reichen immer weiter zunimmt.
Die Verelendungstheorie konnte durch die gesellschaftliche Entwicklung in den hoch entwickelten Industrieländern nicht bestätigt werden. Gegen die relative Verelendungstheorie wird der langfristige Anstieg der Lohnquote in den westlichen Industriestaaten vom 19. Jahrhundert bis in die 1970er Jahre ins Feld geführt. Nach Erich Arndt ist jedoch „diese sehr langfristige Steigerung [...] wohl nicht nur auf das Wirksamwerden eines Machtausgleichs der Gewerkschaften auf dem Arbeitsmarkt, sondern vor allem auch auf das relative Anwachsen der Zahl unselbständig Beschäftigter zurückzuführen.“
Theoriegeschichte Erste Ansätze Erste Ansätze zur Formulierung einer gesetzmäßigen Verarmung von Arbeitern bei gleichzeitiger Erhöhung der von ihnen hergestellten Produktion finden sich bereits 1766 bei Turgot. In dessen Tradition befassten sich Theoretiker in England und Frankreich weiter mit diesem Thema, während in Deutschland erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine, durch den Pauperismus ausgelöste, Debatte über die soziale Frage stellte.
Zu Karl Marx’ Lebzeiten waren alle (klassischen) Ökonomen der Ansicht, dass die Lohnhöhe für Arbeit durch das Existenzminimum bestimmt werde (Existenzlohn) und höchstens unter besonderen Angebots- und Nachfragekonstellationen kurzfristig davon abweichen könne. Adam Smith sah den Grund dafür in der Macht der Unternehmer, David Ricardo und Thomas Robert Malthus in der Bevölkerungsdynamik.Heinz-J. Bontrup: Lohn und Gewinn: Volks- und betriebswirtschaftliche Grundzüge. 2. Auflage. 2008, ISBN 3-486-58472-3, S. 52 Der Theorie Ricardos und Malthus folgend formulierte Ferdinand Lassalle das Eherne Lohngesetz.Wolf Wagner: Verelendungstheorie. Die hilflose Kapitalismuskritik. Fischer Taschenbuchverlag, Frankfurt/Main 1974, ISBN 3-436-02203-9, S. 14
Verelendung bei Marx und Engels Den Begriff „Verelendungstheorie“ haben Marx und Engels nicht verwendet; den Namen hat vermutlich erst Eduard Bernstein eingeführt.Werner Hofmann: Einkommenstheorie. Vom Merkantilismus bis zur Gegenwart. Sozialökonomische Studientexte, Duncker & Humblot, Berlin 1965., S. 150. Nach Paul M. Sweezy hat Marx auf einem hohen Niveau der Abstraktion ein ‚allgemeines Gesetz der kapitalistischen Akkumulation‘ mit der Tendenz zunehmender Verelendung des Proletariats formuliert, das aber nicht als „konkrete Voraussage zu interpretieren“ sei.Theorie der kapitalistischen Entwicklung. Bund-Verlag, Köln 1959, S. 13. Laut Wolf Wagner lasse sich aus den marxschen Schriften eine Theorie belegen, „die besagt, dass der Kapitalismus in seiner Entwicklung notwendig die Lage des Proletariats verschlechtere, und dass dieser Prozess der Verelendung bei den Proletariern das Bewusstsein und den Willen erzeugt, den Kapitalismus als die Quelle ihres Elends abzuschaffen“.Wolf Wagner: Verelendungstheorie – die hilflose Kapitalismuskritik. Fischer Taschenbuchverlag, Frankfurt/Main 1974, ISBN 3-436-02203-9, S. 20 Wagner bezieht sich dabei unter anderem auf folgenden Text von Marx, welcher die Verelendungstheorie für die Arbeiterbewegung, die sich auf die Theorie von Marx berief, zu einem zentralen und konstituierenden Teil einer Weltanschauung machte:Wolf Wagner: Verelendungstheorie – die hilflose Kapitalismuskritik. Fischer Taschenbuchverlag, Frankfurt/Main 1974, ISBN 3-436-02203-9, S. 18–19
Marx bezog die Verelendung auf die gesamte Lebenslage des Arbeiters, nicht nur seine Einkommenssituation, sondern auch seine Situation im Arbeitsprozess (unmenschliche Arbeitsbedingungen, Entfremdung, Unterwerfung).Thieß Petersen, Karl Marx anthropologisch orientierte Kritik der Industriegesellschaft, in: Uwe Carstens und Carsten Schlüter-Knauer, Der Wille zur Demokratie. Traditionslinien und Perspektiven., Duncker & Humblot GmbH; 1. Auflage 1998, ISBN 978-3-428-08801-0, Seite 466, 467Wolf Wagner: Verelendungstheorie – die hilflose Kapitalismuskritik. Fischer Taschenbuchverlag, Frankfurt/Main 1974, ISBN 3-436-02203-9, S. 16 Die Verelendungstheorie sei jedoch nicht nur eine Theorie über die Entwicklung der Lage der Arbeiterklasse, sondern vor allem eine Theorie über die Bewusstseinsentwicklung der Arbeiterklasse. Erst als eine solche Theorie über die Entstehung von antikapitalistischem Bewusstsein erhalte sie laut Wagner einen zentralen Stellenwert für eine Geschichtsbetrachtung, die den Kapitalismus, nicht als ewige Naturnotwendigkeit, sondern als Durchgangsstadium in einer historischen Gesamtentwicklung verstehe. Doch darf nach Wagner diese Theorie nicht als Prognose oder gar prophetische Voraussage über die Entwicklung der tatsächlichen Lage der Arbeiterklasse interpretiert werden, die mit Notwendigkeit aus der gesamten Marxschen Theorie folgt und deren Nichteintreffen eine Widerlegung dieser Theorie bedeuten würde.Wolf Wagner: Verelendungstheorie – die hilflose Kapitalismuskritik. Fischer Taschenbuchverlag, Frankfurt/Main 1974, ISBN 3-436-02203-9, S. 83
Interpretationen als Tendenz Karl Kautsky, einer der bedeutendsten Marxisten des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, interpretierte Das Kapital so, dass Marx seine Theorie nicht als unbedingte Wahrheit, sondern als Tendenz auffasse. Marx selbst habe als Gegenwirkung auf die Bedeutung der Gewerkschaften hingewiesen.Karl Kautsky: Rede gegen die revisionistischen Auffassungen Eduard Bernsteins (September 1901), abgerufen am 22. Juli 2017. Auch die Trotzkisten Ernest Mandel und Roman Rosdolsky vertraten die Auffassung, Marx habe keine absolute Verelendungstheorie formuliert. Rosdolsky versuchte in seinem Werk Zur Entstehungsgeschichte des Marxschen Kapital die These zu widerlegen, dass Marx von einer unausweichlichen Verelendung der Arbeiter ausgegangen sei. So hat Marx z. B. das so genannte Eherne Lohngesetz Lassalles ausdrücklich abgelehnt, weil er die gesellschaftlichen Verhältnisse als Ursache des Elends ansah und die Vorstellung von Armut als unveränderlichem Naturgesetz ablehnte. Laut Theodor Geiger sei diese Deutung der marxschen Lehre ohne jeden Halt. Nur eine wirkliche Verelendung könne zum Zusammenbruch des Kapitalismus beitragen. Denn würden sich die Daseinsbedingungen der Arbeiterklasse trotz Verelendungstendenz günstiger gestalten, so sei deren Wirkungskraft als politisch-sozialer Faktor aufgehoben.Theodor Julius Geiger: Die Klassengesellschaft im Schmelztiegel, Ayer Publishing Verlag, 1949, ISBN 0-405-06505-1, S. 59–60
Interpretationen als relative Verelendung Jürgen Kuczynski wehrte sich vehement gegen alle Interpretationsversuche, „daß die absolute Verelendung nur eine Tendenz sei, die sich nicht durchsetzen könne, da es eben Gegentendenzen gebe, die stärker seien.“Wolf Wagner: Verelendungstheorie – die hilflose Kapitalismuskritik. Fischer Taschenbuchverlag, Frankfurt/Main 1974, ISBN 3-436-02203-9, S. 48 Ihm und seiner Frau Marguerite zufolge habe sich die Lage des Arbeiters verschlechtert und seine relative Kaufkraft sei gesunken, weil sein Lohn ihm einen geringeren Teil des Sozialprodukts zugänglich mache als zuvor.Theodor Julius Geiger, Die Klassengesellschaft im Schmelztiegel, Ayer Publishing Verlag, 1949, ISBN 0-405-06505-1, S. 66
Nach Helmut Arndt ist die Verelendungstheorie nur unter bestimmten Bedingungen gültig. Ein Ansteigen der Reallöhne mit der Arbeitsproduktivität sei in allen Volkswirtschaften der Fall, in denen der Schutz starker und selbständiger Gewerkschaften garantiert sei. Er folgert daraus: „Ist der Arbeiter ohnmächtig, trifft sie [die Verelendungstheorie] zu. Ist die Macht am Arbeitsmarkt dagegen gleich verteilt, nimmt der Arbeiter an der Wohlstandssteigerung teil.“Arndt: Markt und Macht. Tübingen 1973, S. 173 (zitiert nach Heinz-J. Bontrup: Volkswirtschaftslehre. 2. Auflage. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, 2004, ISBN 3-486-57576-7, S. 339).
Heinz-Josef Bontrup vertritt die Auffassung, dass sich die Verelendungstheorie für viele kapitalistische Länder verifizieren lasse, auch wenn dies aus verschiedenen Gründen nicht zur von Marx vorausgesagten Instabilität des Kapitalismus führe. Er bringt die Verelendung zudem in Zusammenhang mit psychischen Belastungen in der Arbeitswelt und weist darauf hin, dass es selbst in der BRD Massenarbeitslosigkeit und Sozialhilfeempfänger gebe.Heinz-J. Bontrup: Volkswirtschaftslehre. 2. Auflage. Oldenbourg, München 2004, S. 396.
Rezeption der Verelendungsthesen Die Verelendungstheorie konnte durch die gesellschaftliche Entwicklung in den hoch entwickelten Industrieländern nicht bestätigt werden. Hans Werner Holub führt die Verelendungstheorie als Beispiel dafür an, „wie marxistische Dogmatiker Hypothesen, die mit der Realität nicht in Einklang gebracht werden konnten, vor einer Falsifizierung schützten.“ So wurde aus der – in westlichen Industrieländern nicht mehr haltbaren – physischen Verelendung die statistisch ebenfalls schwer haltbare relative, dann die normative fiktive und schließlich die psychische Verelendung.Hans-Werner Holub: Eine Einführung in die Geschichte des ökonomischen Denkens. Band 4. Band 9 von Einführungen Wirtschaft. Münster, 2007, ISBN 3-7000-0697-7, S. 231f.
Diskussion der absoluten Verelendung