mini|hochkant=1.5|Brieftaube mit Fotoapparat, diente vermutlich der Luftaufklärung im Ersten Weltkrieg
Die Brieftaubenfotografie ist eine Anfang des 20. Jahrhunderts vom Kronberger Apotheker Julius Neubronner erfundene Methode der Luftbildfotografie. Dabei wird eine Brieftaube mit einem Geschirr versehen, an dem eine leichte, zeitgesteuerte Miniaturkamera befestigt ist. Neubronners Experimente endeten nach dem Ersten Weltkrieg, da das Militär das Interesse an der Erfindung verlor. Die Technik wurde jedoch später vorübergehend von dem Uhrmacher Christian Adrian Michel aus Walde im Kanton Aargau wieder aufgenommen sowie Berichten zufolge auch vom deutschen und französischen Militär und später der CIA.
Ursprünge Die ersten fotografischen Luftbildaufnahmen machte 1858 der französische Luftschiffer Nadar; die älteste erhaltene machte 1860 James Wallace Black ebenfalls vom Ballon aus.Professional Aerial Photographers Association: . papainternational.org; abgerufen am 18. Mai 2023 Fortschritte der Fotografietechnik gestatteten am Ende des 19. Jahrhunderts den Einsatz in unbemannten Fluggeräten. So experimentierte Arthur Batut in den 1880er Jahren mit Fotografie von Drachen aus. Viele andere folgten ihm, und 1896 machte William Abner Eddy mit dieser Technik gute Aufnahmen. Amedee Denisse rüstete 1888 eine Rakete mit Kamera und Fallschirm aus, und Alfred Nobel betrieb 1897 ebenfalls Raketenfotografie.Alfred Hildebrandt: Die Luftschiffahrt nach ihrer geschichtlichen und gegenwärtigen Entwicklung. München 1907, S. 384–386.
Brieftauben wurden im 19. und 20. Jahrhundert häufig verwendet, vor allem in der zivilen Taubenpost und als Boten im Krieg. Im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 transportierte die berühmte Pariser Taubenpost bis zu 50.000 auf Mikrofilm übertragene Telegramme pro Taubenflug von Tours in die belagerte französische HauptstadtFribourg: Photographie militaire et photo-cartographie (suite). Bulletin de la Société Photographique du Nord de la France. 1892, S. 131–136 (). – insgesamt 100.000 Staatsdepeschen und eine Million Privatnachrichten.Alfred Hildebrandt: Die Luftschiffahrt nach ihrer geschichtlichen und gegenwärtigen Entwicklung. München 1907, S. 395.
In einem Experiment der kaiserlich-russischen technischen Gesellschaft Sankt Petersburg erstellte Alexander von Kowanko, der Chef des russischen Ballon-Korps, im Jahr 1889 Luftaufnahmen aus dem Ballon und sandte die entwickelten Kollodium-Negative per Brieftaube auf den Boden.Alfred Hildebrandt: Die Luftschiffahrt nach ihrer geschichtlichen und gegenwärtigen Entwicklung. München 1907, S. 406.
Julius Neubronner mini|Julius Neubronner (1914) Im Jahr 1903 kam Julius Neubronner, Hofapotheker in Kronberg im Taunus nahe Frankfurt am Main, auf die schon ein halbes Jahrhundert früher von seinem Vater ausgeübte Technik zurück, sich Rezepte durch Brieftauben schicken zu lassen. Darüber hinaus lieferte er auch dringende Medikamente bis zu einem Gewicht von 75 Gramm mit derselben Methode und versah seinen Frankfurter Grossisten mit einigen Tauben, um selbst schneller beliefert zu werden. Als eine seiner Tauben beim Transport eines Rezeptes im Nebel die Orientierung verlor und rätselhafterweise erst mit vier Wochen Verspätung wohlgenährt eintraf, kam der leidenschaftliche Amateurfotograf auf den zunächst scherzhaften Einfall, seine Tauben mit automatischen Fotoapparaten auszustatten, die ihren Weg aufzeichnen. Dieser Gedanke bewog ihn, den Brieftaubensport mit der Amateurfotografie zu einem neuen „Doppelsport“ zu vereinigen.Franz Maria Feldhaus: Taubenpost. In: Ruhmesblätter der Technik – Von den Urerfindungen bis zur Gegenwart. Leipzig 1910, S. 549–551.
Neubronner begann mit der Entwicklung einer leichten Miniaturkamera, die mit Hilfe eines Geschirrs aus Gummilitze und Leder und eines Kürass aus Aluminium auf der Brust der Taube gehalten wurde. Die Tauben wurden durch Holzmodelle im Gewicht von 30 bis 75 Gramm vorsichtig an ihre Last gewöhnt. Zur Aufnahme eines Luftbildes brachte Neubronner eine Brieftaube zu einem Ort bis zu etwa 100 Kilometer von ihrem Schlag, versah sie mit einer Kamera und entließ sie. Der Vogel, darauf bedacht, von seiner Last befreit zu werden, flog typischerweise den direkten Weg, in einer Höhe von 50 bis 100 Meter. Ein pneumatischer Mechanismus in der Kamera regelte die Zeitverzögerung vor der Aufnahme. Der Taubenschlag hatte für die Aufnahme der Kameratauben mit ihrer Last ein geräumiges und elastisches Flugbrett und ein großes, nur einwärts passierbares Einflugloch.
mini|zentriert|hochkant=2.5|Luftaufnahmen von Schlosshotel Kronberg (oben links) und Frankfurt am Main (unten links und Mitte); Tauben mit Kameras (rechts). mini|Taubenkamera mit zwei Objektiven (Patentskizzen) mini|Die patentierte Kamera mit Kürass, am Geschirr aufgehängt
Neubronner zufolge gab es bis 1920 rund ein Dutzend verschiedene Modelle seiner Kamera. 1907 hatte er hinreichenden Erfolg für eine Patentanmeldung. Seine Erfindung „Verfahren und Vorrichtung zum Photographieren von Geländeabschnitten aus der Vogelperspektive“ wurde vom Kaiserlichen Patentamt zunächst als unausführbar abgelehnt, nach Nachreichung von Aufnahmeresultaten jedoch im Dezember 1908 angenommen. (Die Ablehnung basierte auf einer verbreiteten falschen Vorstellung über die Tragekapazität von Haustauben.Alfred Gradenwitz: Pigeons as picture-makers. Technical World Magazine. Band 10, 1908, S. 485–487. https://babel.hathitrust.org/cgi/pt?id=mdp.39015075032303;view=1up;seq=509 (Digitalisat, letzter Aufruf 27.1.2019).) 1909 wurde die Technik durch Neubronners Teilnahme an der Internationalen Photographischen Ausstellung in Dresden (auf Einladung des Verlagshauses von August Scherl) und der ersten Internationalen Luftschiffahrtausstellung, damals noch in Frankfurt am Main, weiter bekannt. Zuschauer in Dresden konnten das Einfliegen der Tauben beobachten, und die mitgebrachten Luftaufnahmen wurden an Ort und Stelle in Postkarten umgesetzt. Die Erfindung wurde in Dresden prämiert, ebenso wie 1910 und 1911 auf der zweiten und dritten Pariser Luftfahrtschau.Jan-Peter Wittenburg: Photographie aus der Vogelschau: zur Geschichte der Brieftaubenkamera. Photo deal. Band 4, Nr. 59. 2007, S. 16–22.
Ein Foto von Schlosshotel Kronberg (damals Schloss Friedrichshof) wurde berühmt, da es zufällig die Flügelspitzen der Taube zeigte. Das Bild wurde 1929 unter Verletzung des Urheberrechts in der Wochenschau in den deutschen Kinos gezeigt, nach Intervention der Familie Neubronner jedoch herausgeschnitten.
Die verschiedenen Kameramodelle waren recht unterschiedlich gebaut. In einem 1911 erschienenen Artikel wurden vier Typen aufgezählt: Eine gewöhnliche Kamera mit einem Objektiv, eine in Anführungszeichen als „Panoramakamera“ bezeichnete Kamera, eine Kamera mit zwei Objektiven sowie eine Kamera für acht aufeinanderfolgende Fotos. Dem Artikel zufolge hatte die größte und schwerste von ihnen Abmessungen von etwa 10 mal 6,5 Zentimetern und wog etwa 75 Gramm.Pigeon Photographers. Photographic Topics. Band 10, Nr. 1. New York 1911. S. 3–5. An Stelle eines Autors ist „Strand Magazine“ angeben. Die Kamera mit zwei Objektiven der Brennweite 4 cm machte gleichzeitig zwei Aufnahmen mit einem Format von fünf mal fünf Zentimeter: eine nach vorn und eine senkrecht nach unten. Bei diesem auch in der Patentschrift beschriebenen Modell teilten sich die beiden Objektive einen gemeinsamen Schlitzverschluss-Mechanismus, der sich parallel zur Flugrichtung bewegte. Ein ähnliches Modell, bei dem beide Objektive in dieselbe Richtung gerichtet waren, erlaubte die Erstellung von stereoskopischen Aufnahmen. Bei einem Modell war das Objektiv an einem Balg angebracht, der sich unmittelbar nach Auslösung der Aufnahme durch eine Scherenkonstruktion verkleinerte. Dies ermöglichte eine Aufnahme im Format 6 cm × 9 cm bei einer Brennweite von 8,5 cm. Um 1910 entwickelte Neubronner die Doppel-Sport-Panoramakamera, die Panoramaaufnahmen im Format 3 cm × 8 cm machte. Wie die anderen Modelle ging sie jedoch nicht in Serienproduktion.Pascale Bonnard Yersin, Jean-Marc Bonnar Yersin: De l'origine du pigeon photographe. In: Musée suisse de l'appareil photographique: . Vevey 2007, S. 6. Das letzte Modell (vor 1920) wog knapp unter 40 Gramm und machte 12 Aufnahmen.Julius Neubronner: 55 Jahre Liebhaberphotograph: Erinnerungen mitgeteilt bei Gelegenheit des fünfzehnjährigen Bestehens der Fabrik für Trockenklebematerial. Gebrüder Knauer, Frankfurt am Main 1920, S. 23–24, 27–28 und 31. Ein bekanntes Foto von drei ausgestopften Tauben mit Kameras (siehe oben) zeigt rechts eine Kamera mit nur einem Objektiv, in der Mitte eine Kamera mit zwei Objektiven und links die Panoramakamera.
1920 konstatierte Neubronner, dass zehn Jahre harte Arbeit und beträchtliche Ausgaben nur durch die Aufnahme ins KonversationslexikonMeyers grosses Konversations-Lexikon. 6. Auflage. Band 23 (Jahres-Supplement), 1912, S. 73. Eintrag Luftbildfotografie, Untereintrag Brieftaubenphotographie. belohnt worden seien sowie durch das Bewusstsein, dass eine Hilfstechnologie, der unten beschriebene mobile Taubenschlag, im Weltkrieg seinem Land genützt hatte. Inzwischen ist Neubronners Erfindung auch im Museum angekommen, so z. B. in der Sammlung des Agfa Foto-Historamas in Köln. Die Doppel-Sport-Kamera ist außer im Kronberger Stadtmuseum auch im Deutschen Technikmuseum Berlin sowie im Deutschen Museum in München zu sehen.Agfa-Photo-Historama. In: Yvonne und Thomas Plum: Kunst, Kakao und Karneval – was Museen in und um Köln zeigen. J.P. Bachem Verlag. Köln 1995.Faszination des Augenblicks: Eine Technikgeschichte der Fotografie (PDF; 594 kB). Deutsches Technikmuseum Berlin 2/2007, S. 4–13.Deutsches Museum: Die neue Ausstellung Foto + Film: Von Daguerre bis DVD. deutsches-museum.de.
Erster Weltkrieg Von Anfang an war Neubronners Erfindung zumindest teilweise durch die Aussicht auf militärische Verwertbarkeit motiviert. Zur damaligen Zeit war die fotografische Luftaufklärung möglich, aber umständlich, da sie auf Ballons, Drachen oder Raketen angewiesen war. Der erfolgreiche Flug der Brüder Wright im Jahr 1903 eröffnete neue Möglichkeiten, die im Ersten Weltkrieg perfektioniert werden sollten. Aber auch danach versprach die Brieftaubenfotografie – trotz aller praktischen Schwierigkeiten – zusätzliche detailliertere Aufnahmen aus geringerer Höhe zu liefern.
mini|Neubronners mobiler Taubenschlag mit Dunkelkammer, wie auf den Ausstellungen 1909 vorgestellt Das Preußische Kriegsministerium zeigte grundsätzlich Interesse an der Erfindung, aber die anfängliche Skepsis ließ sich nur durch eine Reihe von erfolgreichen Vorführungen abbauen. Es zeigte sich, dass die Tauben relativ unempfindlich auf Detonationen reagierten, aber eine bedeutende Schwierigkeit unter Kriegsbedingungen war die Tatsache, dass es relativ lange dauert, Brieftauben an einen auch nur wenige Meter versetzten Taubenschlag zu gewöhnen. Das Problem, die Umlernzeit von Brieftauben nach der Versetzung des Schlages zu minimieren, war von der italienischen Armee um 1880 mit einigem Erfolg angegangen worden,Les colombiers militaires en Italie. Revue militaire de l'étranger. Band 30, 1886, S. 481–490 (). und der französische Artilleriekapitän Reynaud löste es schließlich, indem er Brieftauben in einem herumziehenden Taubenschlag aufzog.G. Reynaud: Les lois de l'orientation chez les animaux. In: Revue des deux mondes. 1898, S. 380–402 (). Es ist nicht klar, ob Neubronner diese Arbeiten bekannt waren. Er wusste jedoch, dass es eine Lösung geben musste, denn er hatte von einem Schausteller gehört, der mit seinem Taubenschlag im Wagen herumzog. Schon auf den Ausstellungen 1909 in Dresden und Frankfurt stellte Neubronner einen kleinen Wagen vor, der eine Dunkelkammer mit einem Taubenschlag in auffälligen Farben kombinierte. In monatelanger anstrengender Arbeit richtete er junge Tauben ab, in den Schlag zurückzukehren, auch wenn er versetzt wurde.