miniatur|hochkant|Jean Yoyotte 2003 in Paris
Jean Max Joseph Yoyotte (* 4. August 1927 in Lyon; † 1. Juli 2009 in Paris) war ein französischer Ägyptologe. Er hatte von 1964 bis 1991 den Lehrstuhl für Religionen des Alten Ägypten an der École pratique des hautes études (EPHE) und anschließend bis 1997 den Lehrstuhl für Ägyptologie am Collège de France inne.
Werdegang Während seiner Schulzeit am Lycée Henri IV schloss er Freundschaft mit Serge Sauneron, dem späteren Direktor des Institut français d’archéologie orientale. Gemeinsam halfen sie Pierre Montet bei der Registrierung von Ausgrabungsdatenblättern aus Tanis im Nildelta.Jean Yoyotte – Biographie et publications, Collège de France. Bereits mit 15 Jahren besuchte er bei Jacques Vandier einen Kurs an der École du Louvre. Mit 16 Jahren wurde er Schüler an der École pratique des hautes études bei Georges Posener. Nachdem er 1947 an der Universität Paris (Sorbonne) das certificat d’études supérieures in Geschichte erhalten hatte, forschte er von 1948 bis 1952 am Centre national de la recherche scientifique (CNRS). Mit einer Arbeit über Das Kommando und die militärische Organisation von Expeditionen nach außen im Alten Ägyptischen Reich, betreut von Posener, erhielt er 1951 das Diplom der historisch-philologischen Sektion der EPHE. Im Jahr darauf schloss er das Diplôme d’études supérieures (DES) ab, Thema seiner Abschlussarbeit war die religiöse Geographie des westlichen Nildeltas.Christiane Zivie-Coche: Jean Yoyotte, in: Dictionnaire prosopographique de l’EPHE, École pratique des hautes études, Stand 26. Januar 2019.
Die Jahre 1952 bis 1957 verbrachte er am Institut français d’archéologie orientale in Kairo. Von 1957 bis 1964 war er erneut wissenschaftlicher Mitarbeiter beim CNRS. 1964 wurde er zum directeur d’études (entspricht einem Professor) für altägyptische Religion in der religionswissenschaftlichen (V.) Sektion der École pratique des hautes études ernannt. Zwischen 1965 und 1985 leitete er die französischen Ausgrabungen in Tanis im östlichen Nildelta. 1987 organisierte er eine große Ausstellung zu den Ausgrabungen in Tanis im Grand Palais in Paris. 1991 wurde er auf den Lehrstuhl für Ägyptologie am Collège de France berufen, den er bis zu seinem Rücktritt 1997 innehatte.
Bedeutung Eines der bemerkenswertesten Ergebnisse seiner Laufbahn erzielte Yoyotte in den Jahren 1969 bis 1976, als das bis dahin von ihm untersuchte Grabungsgelände in Tanis durch die ägyptischen Behörden gesperrt worden war.Christiane Zivie-Coche: Nécrologie. Jean Yoyotte (1927-2009). In: Annuaire de l'École Pratique des Hautes Études. section des Sciences religieuses (2008–2009), Band 117, Paris 2010, S. XXI–XXVII (). In dieser Zeit war an eine Wiederaufnahme der dortigen Grabungsarbeiten nicht zu denken. Daher hatte sich Yoyotte nach Luxor begeben und erforschte einen Priesterstammbaum, dessen Genealogie in der Zeit Takelot III. (764–757 v. Chr.) in das Dach des Chons-Tempels zu Karnak gesetzt worden war.Jean Yoyotte: Osorkon, fils de Mehytouskhé: Un pharaon oublié? In: Bulletin de la Société Franc̣aise d'Égyptologie. Nummern 77–78, Paris 1976 / 1977, S. 39–54 (Volltext als PDF). Diese Priesterannalen waren zwar bereits lange Zeit zuvor durch Lepsius entdeckt worden, doch Ernst Weidenbach konnte diese Inschrift schon damals nur mit Mühe lesen und zeichnete ihren Text nur sehr lückenhaft ab.Karl Richard Lepsius: Denkmäler aus Aegypten und Aethiopien. Abtheilung III, Band VIII: Denkmäler des Neuen Reiches. Berlin 1850, Blatt 243–304, Blatt 258 c (Volltext als PDF). Erst als sich Georges Daressy während seines Aufenthaltes in Luxor dieser Inschrift widmete und einen Abklatsch auf Papier anfertigte, konnte der Text dieser Annalen gehoben und ihr Inhalt in wesentlichen Zügen publiziert werden.Georges Daressy: Inscriptiones inédites de la XXIIe Dynastie. In: Recueil de Traveaux relatifs à la Philologie et à l'Archéologie égyptiennes et assyriennes. Band XVIII, Paris 1896, S. 51–52 (Online). Im Mittelpunkt des Interesses stand seither die in dieser Inschrift genannte „königliche Mutter Mehetenweskhet“ und „ihr Sohn Osorkon“ der Ältere.Jean Yoyotte: Osorkon, fils de Mehytouskhé: Un pharaon oublie? In: Bulletin de la Société Franc̣aise d'Égyptologie. Nummern 77–78, Paris 1976 / 1977, S. 42–51.
Auch Flinders Petrie hatte sich daraufhin nach Karnak begeben und bestätigte seinerzeit die Lesart von Daressy, wonach dieser bislang unbekannte Pharao Osorkon der Ältere ein Sohn der königlichen Mutter Mehetenweskhet und Zeitgenosse des Mencheperre (1045–992 v. Chr.) gewesen sei und damit also der XXI. Dynastie angehörte.William Matthew Flinders Petrie: History of Egypt, Vol. 3, From the XIXth to the XXXth Dynasties. Methuen & Co. London 1905, S. 244–246. Dieser nahm zudem an, dass die memphitische Pasenhor-Stele in Hinblick auf diesen Pharao insofern fehlerhaft sei, als sie ihn nicht als Sohn der Mehetenweshkhet nennt, sondern erst zwei Generationen später verzeichnet.William Matthew Flinders Petrie: Notes on the later Egyptian Dynasties. In: Proceedings of the Society of Biblical Archaeology. Band XXVI, The Offices of the Society, London 1904, S. 284. Breasted folgte ihm darin und nahm mit Flinders Petrie an, dass die Pasenhor-Stele in Bezug auf Osorkon, den Sohn der königlichen Mutter Mehetenweskhet, fehlerhaft sein dürfte.James Henry Breasted: Ancient Records of Egypt, Historical Documents, Vol. IV, The Twentieth to the Twenty-Sixth Dynasties. Chicago 1906, § 787 und 792, S. 395 und 399. Doch obwohl sich die führenden Ägyptologen jener Zeit für eine Anerkennung Osorkon des Älteren als ein Pharao der 21. Dynastie aussprachen, wurde dies andernorts mit der Begründung verworfen, dass es sich bei dem in den Priesterannalen zu Karnak genannten Pharao in Wirklichkeit um Psusennes I., oder aber eine wenig bekannte Schreibung Osorkon I. handeln würde. Erst als Eric Young 1963 feststellte, dass es sich bei dem im Priesterstammbaum genannten Sohn der Mehetenweskhet nicht um den Pharao Psusennes I. handeln könne, weil dieser einen anderen Thronnamen gehabt habe, war die langjährige Ablehnung eines in der 21. Dynastie regierenden Pharaos mit Namen Osorkon obsolet geworden.Eric Young: Some Notes on the Chronology and Genealogy of the Twenty-First Dynasty. In: Journal of the American Research Center in Egypt. Band 2, New York 1963, S. 99–112.
Als Jean Yoyotte im Jahre 1969 nicht gestattet wurde, das Grabungsgelände in Tanis zu betreten, entschloss er sich, nach Luxor zu reisen und die offene Frage der Identität Osorkon des Älteren zu klären.Christiane Zivie-Coche: Nécrologie. Jean Yoyotte (1927-2009). In: Annuaire de l'Ècole Pratique des Hautes Études. Section des Sciences religieuses (2008-2009). Band 117, Paris 2010, S. XXI–XXVII. Yoyotte wies nach, dass Osorkon der Ältere als Sohn der königlichen Mutter Mehetenweskhet der Nachfolger des Pharao Amenemope (996–985 v. Chr.) und Vorgänger des Siamun (978–959 v. Chr.) gewesen sein wird.Jean Yoyotte: Osorkon, fils de Mehytouskhé: Un pharaon oublié? In: Bulletin de la Société Franc̣aise d'Égyptologie. Nummern 77–78, Paris 1976 / 1977, S. 46–49. Dieser Befund wurde zunächst einmal von Kitchen,Kenneth Anderson Kitchen: The Third Intermediate period in Egypt: 1100-650 BC. Aris & Phillips, Warminster 1986, ISBN 0-85668-298-5, §§ 6 u. §§ 69 u. §§ 230–232, S. 88–94 u. S. 272–275 (Digitalisat.). sowie dann von Bonhême,Marie-Ange Bonhême: Les noms royaux dans l'Egypte de la Troisième Période Intermédiaire. Le Caire 1987, ISBN 2-7247-0045-7, S. 83–87. KruchtenJean-Marie Kruchten, Thierry Zimmer: Les annales des prêtres de Karnak, XXIe à XXIIIe dynasties et autres textes contemporains relatifs à l'initiation des prètres d'Amon. In: Orientalia Lovaniensia Analecta. Band 32, Leuven 1989, ISBN 90-6831-170-0, S. 45–48. und Jansen-WinkelnKarl Jansen-Winkeln: Der Beginn der Libyschen Herrschaft in Ägypten. In: Biblische Notizen. Nr. 71, Herder, Freiburg / Basel / Wien 1994, S. 79–80 (Volltext als PDF). anerkannt und inhaltlich näher ausgeführt. Daher gelang Yoyotte mit Osorkon dem Älteren der signifikante Nachweis eines vergessenen Pharaonen der 21. Dynastie.Karl Jansen-Winkeln: Relative Chronology of Dyn. 21. In: Erik Hornung, Rolf Krauss, David A. Warburton: Ancient Egyptian Chronology. (= Handbook of Oriental Studies. Band 83) Leiden 2006, ISBN 90-04-11385-1, S. 219–220 (Volltext als PDF). Krauss datiert die Herrschaftszeit Osorkon des Älteren in die Jahre 992–987 v. Chr.Rolf Krauss: Lunar Dates - Recorded Lunar Dates from Dyn. 5 to Dyn. 22. In: Erik Hornung, Rolf Krauss, David A. Warburton: Ancient Egyptian Chronology (= Handbook of Oriental Studies. Band 83). Leiden 2006, ISBN 90-04-11385-1, S. 412–414 und S. 493. und Ritner eröffnete sein Werk über die 21. Dynastie der Dritten Zwischenzeit mit jenem Priesterstammbaum im Dach des Chonstempels zu Karnak, wobei er die Leistung von Yoyotte ausdrücklich hervorhob.Robert K. Ritner: The Libyan Anarchy: Inscriptions from Egypt's Third Intermediate Period. Society of Biblical Literature, Atlanta 2009, ISBN 1-58983-174-8, S. 11–16 (eingeschränkte Buchvorschau bei Google-books). Schneider forderte, dass die Abfolge der Könige Osorkon nunmehr „neu durchzunummerieren“ sei,Thomas Schneider: Lexikon der Pharaonen: die altägyptischen Könige von der Frühzeit bis zur Römerherrschaft. Artemis & Winkler, Zürich 1997 / Patmos, Düsseldorf 2002, ISBN 3-491-96053-3, S. 184. was angesichts der umfangreichen Rezeption der Ergebnisse Yoyottes vollauf berechtigt ist.