mini|hochkant|Alexej von Jawlensky: Selbstbildnis, 1912, Öl auf Karton, Museum Wiesbaden Wiesbaden wirkte auf Künstler noch nie schulbildend, wie etwa die Düsseldorfer- oder die Münchner Malerschule. Auch entwickelte sich hier zu keiner Zeit eine Künstlerkolonie,Ausstellungskatalog: Künstlerkolonien in Europa, Im Zeichen der Ebene und des Himmels. Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg 2001. wie etwa in Worpswede, im hessischen Willingshausen oder im näher gelegenen Kronberg.
Schon im frühen 19. Jahrhundert wurde Wiesbadens kultureller Charakter geprägt. Dafür waren zwei Faktoren ausschlaggebend. Zum einen war (und ist) diese Stadt Sitz der Regierung und zum anderen war (und ist) sie Kurstadt. Schon 1850 klagte Hofrath Philipp Leyendecker (1801–1866), damaliger Vorsitzender des Nassauischen Kunstvereins, dass er sich „in die traurige Nothwendigkeit versetzt sehe, junge vielversprechende künstlerische Talente unseres Landes, die sich um Empfehlung ihrer Unterstützungspetitionen an uns gewandt, nur auf bessere Zeiten vertrösten zu müssen.“Freie Zeitung. 1. August 1850. Während der Kurbetrieb Theater und Konzert förderte, blieb die bildende Kunst begleitende Attitüde.Anja Baumgart-Pietsch: „Warum nicht auch Kögler und Ritschl.“ Der Kunsthistoriker Bernd Fäthke plädiert für Straßennamen nach heimischen Künstlern. Nachholbedarf, Kommentar von Manfred Gerber. In: Wiesbadener Kurier. 6. Februar 2009, S. 7.
Daran hat sich bis heute kaum etwas geändert,pak. Kunststipendium nur für Frauen; Kommentar von Katinka Fischer: Ehrenwert, aber nicht eben geklotzt. In: Wiesbadener Kurier. 4. März 2009. wie die 2008 geplante „Kunstarche“Kathinka Fischer: Ort für künstlerischen Nachlass – Wiesbadener Projekt „Kunstarche“ erhält Rückendeckung im Ausschuss. In: Wiesbadener Kurier. 13. September 2008. verdeutlicht, die nunmehr mit der in den 1960er Jahren gegründeten städtischen ArtothekKatinka Fischer: Almasy ist fast immer unterwegs, Kunstverleih hat vor allem Stammkunden/Ausstellungen zum Jubiläum. In: Wiesbadener Kurier. 24. März 2009. verbunden werden soll.Anja Baumgart-Pietsch: „Kunstarche“ nimmt langsam Fahrt auf, Kulturdezernat unterstützt Pläne, eine Nachlass-Stiftung Wiesbadener Künstler zu gründen. In: Wiesbadener Tagblatt. 26. März 2009. Vereint wollen sich beide Projekte zur Bestandssicherung künftig gegen das schleichende Vergessenwerden heimischer Maler und Bildhauer wenden. Das Schaffen dieser Künstler zu erhalten und darzustellen ist neben der Bauforschung der Denkmalpflege wichtiger Teil der Wiesbadener Kunstgeschichtsschreibung. Im Jahr 2010 „schlummern“ wieder einmal Werke der Wiesbadener Künstler „im Verborgenen“, was schon 1963 beklagt wurde.Redaktion Wiesbadener Leben. Offener Brief an Clemens Weiler. In: Wiesbadener Leben. Jg. 12, April 1963, S. 2.
Geschichte 18. Jahrhundert Mit der Ausstattung des barocken Schlosses Biebrich durch Fürst Georg August Samuel von Nassau wurden erste Künstlerpersönlichkeiten Wiesbadens, die in der heutigen Landeshauptstadt Hessens wirkten, namentlich fassbar. Ein Beispiel dafür ist der Schweizer Luca Antonio Colomba, der 1719 das Deckenfresko Die Aufnahme des Aeneas in den Olymp in der Rotunde des Schlosses malte.
mini|hochkant|Johann Daniel Bager: Stillleben, um 1813 Johann Daniel BagerMuseum Wiesbaden, Früchtestück, o. J., Öl/Leinw. – 36 × 40 cm, Inv. Nr.: M 73, Früchtestück, o. J., Öl/Leinw. – 36 × 40 cm, Inv. Nr.: M 74 (Wiesbaden 1734–1815 Frankfurt) „war Porträt-, Genre-, Landschafts- und Früchtemaler“,Friedrich Gwinner: Kunst und Künstler in Frankfurt am Main vom dreizehnten Jahrhundert bis zur Eröffnung des Städel’schen Kunstinstituts. Frankfurt am Main 1862, S. 384 ff. der auch als Radierer bekannt wurde. Er stammte aus einer weitverzweigten Wiesbadener Künstlerfamilie, aus der auch Baumeister hervorgegangen sind.Zum Beispiel wurde die Rundkirche von Wiesbaden-Naurod 1730 von Johann Jakob Bager erbaut. Er wanderte nach Frankfurt am Main ab, war dort unter anderem als Lehrer tätig und wurde als „Goethemaler“ bekannt. Der Dichter Goethe bezeichnete Bager in seiner Autobiographie Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit als einen der Künstler, die für seinen Vater Johann Caspar Goethe und den französischen Königsleutnant Graf Thoranc arbeiteten. Der Frankfurter Kunstsammler und Pionier der Kunstgeschichte Heinrich Sebastian Hüsgen bezeichnete Bager in einer Abhandlung über die Künstler Frankfurts als einen Maler, dessen „vorzüglichstes Talent in Portraiten bestehet“ und „Bager mahlt auch gute sehr fleißige Früchtestücke, die öfters so schön wie de Heem ausgefallen sind.“ Diese waren häufig Pendants, die passend zur Inneneinrichtung einer Wohnung in Auftrag gegeben wurden.
19. Jahrhundert Als um 1800 die wirtschaftliche Bedeutung der Wiesbadener MineralquellenBirgit Emnet: Wiesbadens versiegende Quellen – Aus 27 Thermalbrunnen wurden 15/Entweder sind sie außer Betrieb oder beseitigt. In: Wiesbadener Kurier. 5. März 2009. zur Entwicklung eines Kurortes erkannt wurde,Versuch einer kurzen Beschreibung von Wiesbaden und seinen warmen Mineralquellen, zunächst für Kurgäste. Von Dr. Friedrich Lehr, zweyter Stadt- und Landphysikus und Brunnenarzt zu Wiesbaden. Darmstadt 1799. setzte unter Fürst Karl Wilhelm eine verstärkte Bautätigkeit in der Stadt ein, „da seine Hochfürstliche Durchlaucht […] den Wunsch hegen, daß die Stadt Wiesbaden durch Einrichtung neuer Gebäude erweitert und verschönert werde.“M. J. Horn, Amtsverweser: Bekanntmachung. In: Gnädigst priviligirte Wiesbadener Nachrichten. 16. Mai 1803. In der Folge wurden Hotels gebaut und ein erstes Kurhaus entstand. Mit den Kurgästen kamen in der Saison auch Maler, die ihre DiensteDazu zählte zum Beispiel auch das Restaurieren „aller Arten von Oelgemälde“, vgl.: Wiesbadener Wochenblatt. 10. April 1830. als PorträtistenAls Porträtisten waren damals auch Silhouetteure beliebt, vgl. Wiesbadener Wochenblatt vom 5. März 1816. und ihre Produkte – Stillleben und Landschaften – durch Inserate in den ZeitungenAb 1800 wurden in Wiesbaden nach und nach folgende Zeitungen vertrieben: Gnädigst priviligirte Wiesbadener Nachrichten, Gnädigst priviligirtes Wiesbadener Wochenblatt, Wiesbadener Bade-Blatt, Wiesbadener Wochenblatt, Wiesbadener Tagblatt, Der Cursaal, Conversationsblatt für Taunusbäder, Hygieia, Unterhaltungsblatt für die Taunusbäder. anboten.
Zur Regierungszeit von Friedrich August wurde 1806 unter dem Druck von Napoleon Nassau ein Herzogtum. Der zweite Herzog, Wilhelm I., vereinigte das Nassauische Land und erhob das gerade einmal „4608 Seelen“Wiesbadener Bade-Blatt. 21. August 1881. zählende Wiesbaden 1816 zu dessen Hauptstadt.
Philipp Zollmann (Wiesbaden 1785–1866 Wiesbaden) diente den Nassauischen Herzögen ein Leben lang. 1808/1809 erhielt er vom Herzog finanzielle Unterstützung, die es ihm ermöglichte, sich in Durlach bei Karlsruhe bei dem badischen Hof-Stempelschneider Johann Martin Bückle (1742–1811) zum Medailleur ausbilden zu lassen. 1810 nannte er sich selbstbewusst „Metailleur Zollmann von Wiesbaden“ und „bittet unterthänigst um eine gnädigste landesväterliche Unterstützung“, um in Paris weiterstudieren zu können. Zollmann arbeitete fast fünfzig Jahre als Münzmeister für das Herzogtum Nassau.Günther Kleineberg: Philipp Zollmann, ein nassauischer Meister der Gravierkunst. In: Napoleon und Nassau. Ausstellungskatalog. Wiesbadener Casino-Gesellschaft, Wiesbaden 2006, S. 157 ff.
Philipp Jacob Albrecht (Limburg 1779–1860 Limburg), ein nassauischer Maler, der ursprünglich als „Zeichenmeister“ am Gymnasium in Limburg tätig war; er übte diese Tätigkeit von 1817 bis 1842 am Pädagogium in Wiesbaden aus. Außerhalb seines Dienstes gab er unter anderem dem jungen Ludwig Knaus ersten Zeichenunterricht.
Ernst LotichiusMuseum Wiesbaden, Frachtführer auf einer Alpenstraße, 1838, Öl/Leinw. – 32 × 39,5 cm, Inv. Nr.: M 942 (Wiesbaden 1787–1876 Wiesbaden) studierte an der Düsseldorfer Akademie Malerei. Er war der Sohn des in Wiesbaden-Clarenthal ansässigen Johann Friedrich Lotichius, der Herzoglich Nassauischer Domänenrath war. Von ihm ist bekannt, dass er 1839 und 1846 im damals berühmten Rheinischen Kunstverein zu Mainz ausgestellt hat. Längere Zeit arbeitete Lotichius in Kronberg im Taunus, in München und in Amerika. Den Kontakt zu seiner Heimatstadt pflegte der Künstler stets. Seinen Lebensabend verbrachte er in Wiesbaden.
Im weiteren Verlauf der Kunstgeschichte Wiesbadens ist Goethes Aufenthalt 1814 und 1815 zur Kur von Bedeutung. In seiner Schrift Kunst und Altertum in den Rhein-Main-Gegenden berichtet er diesbezüglich, in Wiesbaden „haben schon mehrere Freunde der Kunst […] sich unterzeichnet, eine Gesellschaft zu bilden.“Ulrich Schmidt: 150 Jahre Museum Wiesbaden. In: Museum Wiesbaden. Heft 2, April 1974, S. 2. Goethes Unternehmungsgeist ist es zu verdanken, dass am 1. April 1825 das Museum eröffnet werden konnte. Es beinhaltete neben einer kulturgeschichtlichen und naturkundlichen Sammlung auch eine Gemäldegalerie. Deren Aktivitäten im Ausstellungsbereich sollten im Wesentlichen der Unterhaltung der Kurgäste dienen. mini|hochkant|Otto Reinhold Jacobi: Der spiegelnde Bach, 1854, Aquarell auf Karton, 20 × 24,8 cm, Privatsammlung Wiesbaden mini|hochkant|Ludwig Knaus: Ansicht des nassauischen Residenzschlosses Biebrich, Studienarbeit um das Jahr 1844, als Knaus beim Hofmaler Otto Reinhold Jacobi tätig war Otto Reinhold JacobiMuseum Wiesbaden, Amerikanische Landschaft mit Kühen am Wasser, o. J., Öl/Lw. – 21,5 × 32,5 cm, Inv. Nr.: M 171; Drei Bäuerinnen aus der Gegend von Idstein, 1851, Öl/Eichenholz – 26 × 36 cm, Inv. Nr.: M 419 (Königsberg 1812–1901 Ardoch, North Dakota, USA) studierte ab 1830 in Berlin an der Königlichen Akademie der Künste. Anschließend begab er sich an die Düsseldorfer Kunstakademie zu Johann Wilhelm Schirmer. Als Landschafts- und Genremaler machte er in Nassau und Kanada Karriere. 1837 wurde er von der Herzogin von Nassau zum Hofmaler nach Wiesbaden berufen. In jenen Jahren erteilte auch Jacobi dem jungen Ludwig Knaus ersten Unterricht in der Ölmalerei und empfahl ihm ein Studium bei Karl Ferdinand Sohn an der Düsseldorfer Akademie. Bis 1860 arbeitete er in Wiesbaden und wanderte noch im gleichen Jahr nach Kanada aus, wo er sich in Montreal niederließ. Zur dortigen Künstlerschaft fand er schnell Kontakt. Für kurze Zeit war er Lehrer am Ontario College of Art & Design, der größten und ältesten Universität für Kunst und Design Kanadas. Im Lauf der Jahre wurde er einer der erfolgreichsten Maler des 19. Jahrhunderts in Kanada. Seine Werke stellte er jährlich bei der Art Association of Montreal und der 1880 gegründeten Royal Canadian Academy of Arts aus, deren Präsident er 1890 wurde.
August de LaspéeMuseum Wiesbaden, Landschaft bei Adolfseck, 1878, Öl/Leinw. – 42 × 50 cm, Inv. Nr.: M 151, Burg Langenau an der Lahn, o. J., Öl/Leinw. – 24 × 31 cm, Inv. Nr.: M 152 (Wiesbaden 1816–1901 Wiesbaden) studierte in Düsseldorf Malerei. Sein Lehrer war Johann Wilhelm Schirmer. De Laspée wurde von dem ehemals weltberühmten Ludwig Knaus sehr geschätzt. Dieses geht aus einem Gutachten hervor, das Knaus seinem Malerkollegen 1862 ausstellte, damit dieser als Conservator der Herzoglich-Nassauischen Gemäldegalerie eine feste Anstellung finden konnte. In Wiesbaden war er auch als Maler und Zeichenlehrer tätig und hinterließ ein theoretisches Werk mit dem Titel Grundregeln der Malerischen Perspektive. Das Buch kam 1883 im Wiesbadener Verlag von M. Bischkopff heraus. Im Vorwort schrieb de Laspée: „Man soll in der Schule keine Künstler bilden wollen, denn der Künstler wird geboren; allein die Schule soll dem Talent ein sicherer Wegweiser werden.“
mini|hochkant|Ludwig Knaus: Bildnis einer jungen Frau, Bleistiftzeichnung 1846; womöglich ist die Dargestellte eine Wiesbadener Bürgerin, da Knaus in seiner Lehrzeit bei Jacobi zahlreiche Bildnisse als Auftragsarbeiten für das Wiesbadener Bürgertum ausführte