Die SARS-Epidemie 2002/2003 ist das erste – gleich weltweite – Auftreten des durch SARS-CoV hervorgerufenen Schweren Akuten Atemwegssyndroms (SARS), das im November 2002 begann. Von Südchina ausgehend verbreitete sie sich binnen weniger Wochen über nahezu alle Kontinente und forderte innerhalb eines halben Jahres 774 Menschenleben. Der wissenschaftliche Name des Erregers SARS-CoV bleibt auch nach der Namensgebung des COVID-19-Erregers als SARS-CoV-2 unverändert.The species Severe acute respiratory syndrome-related coronavirus: classifying 2019-nCoV and naming it SARS-CoV-2. In: Nature microbiology. Band 5, Nummer 4, 04 2020, S. 536–544, doi:10.1038/s41564-020-0695-z, PMID 32123347, . Beispielhafte Verwendung in: Außerhalb der virologischen Fachwissenschaft ist jedoch seitdem auch die Bezeichnung „SARS-CoV-1“ anzutreffen.„SARS-CoV-1“ als Name zum Beispiel in Vielköpfiges Wissenschaftlerteam in Science: Comparative host-coronavirus protein interaction networks reveal pan-viral disease mechanisms, Prof. R. Grosse, Freiburg: Gemeinsamkeiten von SARS-CoV-1, SARS-CoV-2, MERS aufgedeckt und kartiert (con-nexi.de) und PZ – Pharmazeutische Zeitung (offizielles Organ des Apothekerverbandes in D): Pneumologen: Vergleich mit SARS-CoV-1

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) unterschied zwischen Ländern, in denen lokale Infektionsketten bestanden, das heißt Neuansteckungen auftraten, und solchen, in denen die Erkrankung nur bei Reisenden auftrat, die sich in den Ländern der ersten Kategorie infiziert hatten. Staaten mit lokalen Infektionsketten waren die Volksrepublik China, Hongkong, Singapur, Kanada, Vietnam, Taiwan, die Vereinigten Staaten und das Vereinigte Königreich.

Als erste größere Epidemie des 21. Jahrhunderts weckte sie neue Ängste in der Bevölkerung und wurde weltweit in großem Rahmen von den Medien begleitet. Ihr erlagen außerhalb Asiens 45 Menschen und sie ist ein Beispiel für die rasche Ausbreitung einer Krankheit in der vernetzten, globalisierten Welt.

Verlauf Ausbruch in China Über den Ausgangspunkt der SARS-Epidemie herrscht nach wie vor keine absolute Sicherheit. Die WHO geht allerdings davon aus, dass sie am 16. November 2002 ausbrach.Martin Enserink: SARS: Chronology of the Epidemic. In: Science. Band 339, Nr. 6125, 2013, S. 1266–1271, doi:10.1126/science.339.6125.1266 (englisch). Der erste Erkrankte war demnach ein Bauer aus der Stadt Foshan in der Provinz Guangdong, dessen Leiden von den örtlichen Ärzten als „atypische Lungenentzündung“ klassifiziert wurde. Andere Quellen berichten, die drei ersten Infizierten seien auf Wild spezialisierte Küchenchefs gewesen. Gesichert ist, dass ein 33-jähriger Koch aus Shenzhen Ende November mit Krankheitssymptomen in seine Heimatstadt Heyuan reiste und Anfang Dezember im dortigen städtischen Krankenhaus behandelt wurde. Während seines stationären Aufenthaltes infizierte er einschließlich des Krankenwagenfahrers acht Klinikangestellte. Sein Zustand verschlechterte sich trotz intensiver medizinischer Behandlung und bald war offensichtlich, dass er an einer neuartigen Krankheit litt. Man verlegte ihn in ein Krankenhaus in Guangzhou und im Januar 2003 in das Zhongshan Memorial Hospital in derselben Stadt. Dort steckte er binnen kürzester Zeit 13 Mitarbeiter an. Unter ihnen war auch der 64-jährige Oberarzt und Lungenspezialist Liu Jianlun, der Mitte Februar erkrankte.

Die chinesische Regierung erließ derweil Beschränkungen für die örtliche Presse und zensierte Berichte über die Krankheit. Informationen bezüglich der Infektionen gelangten zunächst nicht über die Grenzen Guangdongs hinaus. Zudem verzögerte man die notwendige Benachrichtigung der WHO und schob einen ersten offiziellen Bericht immer weiter hinaus. Erst am 10. Februar 2003 informierte China die WHO über die Vorkommnisse und meldete 305 Infektionen sowie fünf Todesfälle.

mini|hochkant=1.2|Ausbreitung von SARS am 28. März 2003 durch den „Superspreader“

Der „Superspreader“ Am 21. Februar reiste Liu Jianlun, obschon seit einigen Tagen erkrankt, anlässlich einer Hochzeit von Guangzhou nach Hongkong. Dort bezog er im neunten Stock des Metropole Hotel ein Zimmer. Innerhalb von 24 Stunden infizierte er zwölf Hotelgäste. Am 4. März verstarb er im Kwong Wah Hospital. Unter den Neuerkrankten waren drei Singapurer, zwei Kanadier, der US-amerikanische Geschäftsmann Johnny Chen auf der Durchreise nach Singapur und ein 26-jähriger Einheimischer, der einen Freund im Hotel besuchte. Die internationalen Gäste trugen das Virus als Wirte über die chinesischen Staatsgrenzen hinaus in andere Länder und infizierten auf direktem oder indirektem Weg ungefähr 350 Personen. Die WHO errechnete, dass mehr als 4000 SARS-Erkrankungen weltweit auf Liu Jianlun im Metropole Hotel zurückzuführen sind. Das Gebäude erhielt aus diesem Grund die Bezeichnung „Superspreader“ („Superverbreiter“), die sich in den Medien, speziell in der Boulevardpresse, auch für Liu Jianlun selbst etablierte.

Ausbreitung zur Epidemie + Chronologie der Reisewarnungen der WHO Datum Inhalt2. April 2003 Reisewarnung für Hongkong und Provinz Guangdong (China)23. April 2003 Reisewarnung für Peking und Provinz Shanxi (China) und für Toronto (Kanada)29. April 2003 Reisewarnung für Toronto aufgehoben8. Mai 2003 Reisewarnung für Tianjin, Innere Mongolei (China) und Taipeh (Republik China (Taiwan))17. Mai 2003 Reisewarnung für Provinz Hubei (China)21. Mai 2003 Reisewarnung ausgedehnt auf ganz Taiwan23. Mai 2003 Reisewarnung für Hongkong und Guangdong aufgehoben13. Juni 2003 Reisewarnung für Hubei, Innere Mongolei, Shanxi und Tianjin aufgehoben17. Juni 2003 Reisewarnung für Taiwan aufgehoben24. Juni 2003 Reisewarnung für Peking aufgehoben Binnen weniger Tage breitete sich SARS zur Epidemie aus. Viele Faktoren begünstigten seine Verbreitung, darunter das dichte Beisammensein vieler Menschen in öffentlichen Verkehrsmitteln oder an Veranstaltungsorten und die Möglichkeit, dass Infizierte vor dem Ende ihrer Inkubationszeit per Flugzeug reisten und das Virus unwissentlich in andere Staaten trugen.

Februar und März Ein Geschäftsmann, der sich auf einer Geschäftsreise durch Hongkong und Guangdong infiziert hatte, reiste am 25. Februar 2003 zurück nach Taiwan und gilt als Ausgangspunkt für die dortige Epidemie – ebenso wie die zurückkehrenden Singapurer in ihrem Staat. Am selben Tag kehrte eine der beiden im Hotel infizierten Kanadierinnen, eine 78-jährige Diabetikerin, nach Toronto zurück. Sie starb am 5. März 2003, noch bevor sie in ein Krankenhaus eingeliefert werden konnte und infizierte ihren 43-jährigen Sohn. Dieser wurde in das Grace Hospital nach Scarborough Village, einen nördlichen Vorort Torontos, gebracht und starb dort am 15. März 2003. Binnen weniger Tage entwickelte sich Toronto zur am stärksten von der Epidemie betroffenen Region außerhalb Asiens. Johnny Chen aus dem Metropole Hotel in Hongkong zeigte am 26. Februar 2003 auf dem Weiterflug nach Singapur erste Erkrankungserscheinungen, weshalb der Flug ins vietnamesische Hanoi umgeleitet wurde. Chen erhielt eine Behandlung im French Hospital of Hanoi, steckte jedoch zahlreiche Angestellte an und wurde zurück nach Hongkong verlegt, wo er am 14. März 2003 in einem Hospital verstarb. Unter den Infizierten in Hanoi war auch Carlo Urbani, ein Epidemiologe der WHO. Urbani schlug sofort Alarm bezüglich des SARS-Ausbruchs. Er erkannte und klassifizierte das Virus als erster, bevor er ihm am 29. März selbst erlag.

Der 26-jährige Einheimische, der im Hotel infiziert worden war, erkrankte Ende Februar 2003 und erhielt eine Behandlung als Ambulanzpatient im Prince of Wales Hospital, dem ersten Krankenhaus der Chinese University of Hong Kong. Sein Zustand besserte sich nicht, weshalb man ihn am 4. März 2003 auf Station 8A verlegte. Diese Station entwickelte sich in der Folge zu einem Brennpunkt von SARS, da der Patient zahlreiche andere Patienten, Krankenträger, Krankenschwestern, Ärzte und Medizinstudenten ansteckte. Einer der infizierten Patienten war ein 33-jähriger Mann aus Shenzhen, der für eine Dialyse im Krankenhaus war. Nach seiner Behandlung besuchte er am 14. und am 19. März 2003 seinen Bruder, der in der 7. Etage im Block E, einem 33-stöckigen Gebäude in der Großwohnsiedlung Amoy Gardens wohnte. An einer Durchfallerkrankung leidend, kontaminierte er durch die Benutzung der Toilette seines Bruders die Abwasserleitungen des Hauses. 321 Bewohner der Amoy Gardens infizierten sich, 41 % davon in Block E des Wohnkomplexes. Am 30. März 2003 wurde der gesamte Block unter Quarantäne gestellt und die Balkone unter Polizeiaufsicht geschlossen. Einen Tag später verlegte man alle Bewohner in Krankenhäuser. Als Ursache für die große Zahl an Betroffenen wurde seitens des Hongkong Health Departments die hohe Rate an zeitgleich vorliegenden Durchfallerkrankungen der Bewohner sowie ausgetrocknete Siphons von Bodenabläufen der Badezimmer angegeben, durch die sich das Virus bei Benutzung des Abluftventilators, der bei geschlossener Tür einen Unterdruck erzeugte, verbreitet haben könnte.

Am 12. März 2003 löste die WHO einen weltweiten Alarm aus, bezüglich einer neuen hochgradig ansteckenden Krankheit unbekannten Ursprungs in Vietnam und Hongkong und erhöhte die Warnstufe am 15. März 2003, nachdem auch in Kanada und Singapur erste bestätigte Infekte aufgetreten waren. Zur selben Zeit gaben die Centers for Disease Control and Prevention eine Meldung heraus, der zufolge 14 US-Amerikaner infiziert seien. Ende März 2003 stand in Hongkong das gesamte öffentliche Leben still und die Stadt stand unter einer Belagerung von Behördenvertretern, Medizinern, Journalisten und Seuchenbekämpfern. mini|hochkant=1.2|Die normalerweise überfüllte U-Bahn Peking am 11. Mai 2003 Am 29. März 2003 sprachen die US-amerikanischen Centers for Disease Control and Prevention (CDC) eine Reisewarnung für die Volksrepublik China und Singapur aus, und Angestellte der CDC begannen mit Quarantänemaßnahmen bei Schiffen und Flugzeugen, die aus Festlandchina, Singapur oder Vietnam kommend in den Vereinigten Staaten eintrafen.

April und Mai Während sich die SARS-Epidemie weiter ausbreitete, erteilte die US-Regierung am 1. April eine Reisewarnung für Südostasien und berief alle nicht unbedingt notwendigen Mitarbeiter aus den dortigen Botschaften ab. Auf einer Pressekonferenz am 4. April erklärte ein chinesischer Gesundheitsspezialist erstmals öffentlich, die Bevölkerung nicht rechtzeitig über die anfänglichen Krankheitsfälle und den Ernst der Lage informiert zu haben. Diesen verdeutlichte die WHO am 11. April, als sie einen weltweiten Gesundheitsalarm ausrief, nachdem offiziell bestätigt worden war, dass sich die Krankheit mit Hilfe von Interkontinentalflügen verbreitet hatte. Da Vietnam seit mehr als 20 Tagen keine neuen Infektionen verzeichnete, erklärte die WHO den dortigen SARS-Cluster am 28. April für gestoppt und hob nur zwei Tage später die Reisewarnung für die kanadische Metropole Toronto auf. Gleiches widerfuhr am 23. Mai auch Hongkong und der Ursprungsprovinz von SARS Guangdong, bevor man ab dem 31. Mai Singapur nicht länger als infiziertes Land betrachtete.

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