Die Evangelisch-reformierte Kirche Wölfersheim gehört zu den größten barocken Querkirchen Deutschland, erbaut in den Jahren 1717 bis 1740.Eugen Rieß, 250 Jahre Evangelisch-Reformierte Kirche Wölfersheim. Festschrift anläßlich des 250. Jahrestag ihrer Einweihung. 22. Mai 1991. Wölfersheim 1991, S. 9. Sie ist das Gotteshaus der evangelisch-reformierten Gemeinde in Wölfersheim in der Wetterau und war „der erste rein als Querkirche ausgeführte Bau im oberhessischen Raum“. „Die […] oft geäußerte Vermutung, dass die Kirche […] als Schloss geplant gewesen sei, ist falsch“. Auf einer Anhöhe, den Ort überragend, liegt die Kirche im Norden des Ortskerns von Wölfersheim zwischen der Kirchgasse und der Wingertstraße.

Vorgängerbau Der Vorgängerbau, auf dessen Grundmauern die Kirche teilweise errichtet wurde, die Burg Wölfersheim, war mit seinem Bergfried und heutigem Kirchturm als einer der vier Wehrtürme Teil der damaligen Ortsbefestigung von Wölfersheim. Die Grundmauern der Burg bildeten den östlichen Teil des heutigen Kirchenkellers. Von dort aus führen zwei unterirdische Wehrgänge unter der Ortsbefestigung entlang. Sie wurden in den 1960er Jahren zugemauert. Unter dem Kirchenkeller befindet sich ein zubetonierter Brunnen, der wohl die Wasserversorgung der Burg sicherte.S. 10–12. Wann und von wem die Burganlage gebaut wurde, ist nicht bekannt.Rudolf Knappe: Mittelalterliche Burgen in Hessen. 800 Burgen, Burgruinen und Burgstätten. 3. Auflage. Wartberg-Verlag, Gudensberg-Gleichen 2000, ISBN 3-86134-228-6, S. 344 f. Die Keller und unterirdischen Wehrgänge der zerfallenen Anlage wurden beim Neubau für den östlichen Teil der Kirche wieder genutzt.

Baugeschichte miniatur|Wappen von Solms-Braunfels an der Orgel

Seit dem Spätmittelalter gab es in Wölfersheim eine Antoniuskapelle, die ursprünglich als Burgkapelle, seit 1611 auch als Gotteshaus der Gemeinde diente. Weil die Kapelle aber nach 1650 rasch zu klein wurde, schließlich baufällig war, beschloss man den Neubau einer großen Kirche.

Unter der Regierung des Grafen Wilhelm Moritz zu Solms-Braunfels (* 1651; † 1724) begann der Maurermeister Thomas Sendker mit neun Arbeitern am 14. April 1717 mit dem Brechen der Steine am Singberg. Am 29. Juni 1717 legte man den Grundstein. Der damalige Pfarrer Johann Daniel Elling stellte seine Predigt unter das Galaterwort Kapitel 4, Vers 19. Der Bericht im Kirchenbuch über die Grundsteinlegung führt Folgendes aus:

Im Jahre 1720 begann der Stillstand der Bauarbeiten durch eine Finanzkrise. Wilhelm Diehl schreibt über die „Schenkung“ des Herrn von Pappenheim Folgendes:

mini|Dachstuhl der Kirche Neuwied zahlte die Summe schließlich nach einem langen Prozess vor dem Reichskammergericht in Wetzlar. So konnte der Bau, wie oben beschrieben, fortgesetzt werden und man kaufte 1737 Bauholz für den Dachstuhl und die Turmhaube sowie für den Innenausbau. 1738 wurde unter dem Zimmermeister Johann Conrad Öhler und Aufsicht des Solms-Laubacher Bauschreibers Johann Wiesenfeld der Dachstuhl und die Turmhaube aufgesetzt.Kathrin Ellwardt: Die Evang.-ref. Kirche Wölfersheim. – Ein Kurzführer, Marburg, März 1994. Im selben Jahr erstellte der Maurermeister Johann Caspar Mertel Aufmauerungen an den drei Portalen, das Gewölbe zum Kirchenkeller und ein Fenster im Turm. Paul Schwenk, Heinrich Hirschsteiner und Johann Hermann Sattler deckten die Kirche und den Turm mit Schiefer. Am 27. April wurden der Steinmetz Johann Wilhelm Büll aus Ortenberg und die Glasermeister Johannes Wagner und Johannes Zimmer aus Nidda unter Vertrag genommen. Im August 1738 wurden die Kirchenbänke aufgestellt und Johann Peter Hieronymus aus Friedberg erstellte die Stuck- und Verputzarbeiten.S. 13–15. Im Frühjahr 1741 stellte man die Orgel auf und die Kirche wurde am 22. Mai 1741 eingeweiht.

Graf Wilhelm Moritz zu Solms-Braunfels erlebte die Vollendung der Kirche nicht, denn er starb 1724. Unter der Regierung seines Sohnes Fürst Friedrich Wilhelm zu Solms-Braunfels und auf Initiative des Pfarrers Johannes Phillipp Schmitthenner wurde die Kirche fertiggestellt.

Baubeschreibung Außenbau und Fassade miniatur|Südfassade

Die Kirche hat ein Mansarddach, das, wie auch die Kirchturmhaube, mit Schiefer gedeckt ist. Die südliche Längsseite, oft auch Prachtfassade genannt, ist verputzt und architektonisch reich gegliedert, im Gegensatz zu den drei anderen Seiten, die mauersichtig sind. Eugen Rieß beschreibt die Südfassade in seinem Buch 250 Jahre Evangelisch-reformierte Kirche Wölfersheim wie folgt:

Die Säulen und Einfassungen sind aus hartem Sandstein aus Rockenberg.S. 15. Die Inschrift über dem Mittelportal, die über die damalige Sachlage berichtet, lautet sprachlich vereinfacht:miniatur|hochkant=1|Inschrift über dem Mittelportal

Grundriss und Innenraum

miniatur|330px| 1 Kirchturm 2 Sakristei 3 Kanzel und Abendmahlstisch (Kanzelwand) 4 Mittelportal 5 Seitenportale 6 Treppenaufgänge zu der Empore

Die im Spätbarock erbaute querschiffige Saalkirche besitzt im Innenraum an der nördlichen Längsseite eine hölzerne zweigeschossige Kanzelwand, die den Sakristeianbau vom Gemeinderaum abtrennt. Der Sakristeianbau verbindet das Querschiff mit dem Kirchturm. Der Abendmahlstisch befindet sich direkt vor der Kanzel, auf ihm steht ein Buchständer von 1987. Gegenüber der Kanzelwand befand sich die Patronatsloge mit einem eigenen Treppenaufgang und Fensterfronten, wobei die Rahmen dieser noch heute vorhanden sind. In der Mitte der ehemaligen Patronatsloge befindet sich heute die Orgel. An den zwei schmalen Seiten befindet sich eine Empore mit ansteigenden Bankreihen.

1855 und 1856, 1912, 1927, 1958 und 1967 fanden größere Renovierungen der Kirche statt. 1953 wurde speziell der Innenraum renoviert und neue Lampen angeschafft. Bei der erneuten Renovierung von 1979 bis 1980 entstand das heutige Aussehen des Innenraums.S. 16 und 20. Bei dieser Renovierung wurde unter anderem der Sandsteinfußboden durch Marmorplatten ersetzt. Die kreuzförmige Sitzordnung stammt von dem Pfarrer Schmitthenner aus dem Jahr 1738. Den endgültigen Entwurf für den Innenraum lieferte der Solms-Braunfelsische Baudirektor Johann Ludwig Knoch im Jahre 1739.

Anfang der 1980er Jahre erstellte man einen behindertengerechten Zugang.S. 16.

Orgel mini|Bernhard-Orgel von 1877

Die erste Orgel wurde im Frühjahr 1741 über der Kanzel angebracht. Sie stammt von dem Orgelbauer Conrad Lindt aus Weckesheim und wurde am 10. November 1875 durch einen Blitzeinschlag zerstört.

Die heutige Orgel stammt von den Orgelbauern Gebrüder Bernhard aus Gambach und kostete 4300 Mark. Sie wurde an der gegenüberliegenden Seite, an der Stelle der Patronatsloge, aufgebaut und im Oktober 1877 eingeweiht. Das erhaltene Instrument verfügt über 13 Register, verteilt auf zwei Manuale und Pedal. Das querrechteckige Gehäuse wird durch drei Flachfelder mit gekoppelten Rundbögen geprägt. Das mittlere Pfeifenfeld tritt risalitartig hervor.

1953 erhielt die Orgel von der Orgelbaufirma Förster & Nicolaus aus Lich ein elektrisches Gebläse.S. 20.

mini|Lage der Antoniuskapelle neben dem Schwarzen Turm

Kirchturm mini|hochkant=0.6|links|Nordseite des Kirchturms

Der untere Teil des heutigen Kirchturms war früher ein Bergfried der Burg Wölfersheim und als Wehrturm in die mittelalterliche Ortsbefestigung einbezogen. Seine heutige Höhe beträgt 37 m, die aber erst nach der Aufsetzung der dreigeschossigen geschweiften Turmhaube im Juli 1738 erreicht wurde. Der Kirchturmhahn wurde im Juni 1739 von dem Laubacher Maler Weiz vergoldet. Der Schieferdeckermeister Schneider renoviert den Kirchturm im November 1848. 1865 wurde eine neue Turmuhr angeschafft.

Am 10. November 1875 schlug ein Blitz im Turm ein, bei dem unter anderem die erste Orgel, ein Stück der Schiefereindeckung und der Uhrkasten zerstört wurde.

In den 1980er baute man unten im Kirchturm Toiletten ein und oben im Turm wurden Zwischendecken und Stahltreppen eingezogen. Letztere sind eine Spende der PreussenElektra.

Glocken Zeitleiste über Glocken in Wölfersheim   1596 Erste Nachricht über Glocken in Wölfersheim   17. Jhd. Mehrere Eintragungen von Pfr. Georg Venator über Glockenstiftungen   1690 Anschaffung einer weiteren Glocke   1725 Umguss der damaligen größten Glocke zu einer neuen Glocke   1862 Anschaffung von zwei neuen Glocken; Einschmelzung der Glocke von 1690   1917 Die zwei Glocken von 1862 werden zerschlagen, der Erlös wurde der Kriegsanleihe zugeschlagen   1921 Erneute Anschaffung von zwei Glocken   1941 Wieder mussten zwei Glocken zu Kriegszwecken abgeliefert werden   1951 Anschaffung von drei Eisengussglocken   1986 Anschaffung von drei Bronzeglocken wegen Schäden des zu hohen Gewichts der Eisengussglocken

Im Jahre 1596 wird erstmals im Festungsbuch, das 1589 begonnen wurde, ein glocken thurm (der Schwarze Turm) erwähnt. Dies ist die erste Nachricht über Kirchenglocken in Wölfersheim. In Aufzeichnungen des Pfarrers Georg Venator finden sich später mehrere Einträge über Glockenstiftungen. Im Jahre 1690 wird zusätzlich zu diesen eine weitere Glocke angeschafft. Was mit den Glocken der Antoniuskapelle, außer der Glocke von 1690, geschah, lässt sich nicht mehr nachweisen.S. 67–69.

Die Glocke von 1725 mini|Die Glocke von 1725

Die älteste der heutigen Glocken wurde im Mai 1725 von Philipp Schweitzer aus Werdorf gegossen. Sie ist ein Umguss der ältesten Glocke in Wölfersheim, gegossen um 1611, die einen Sprung bekommen. Die lange Inschrift dieser Glocke, die als einzige der Glocken vor 1945 noch vorhanden ist, lautet:

Unter der Regierung des hochgeborenen Grafen und Herrn Friedrich Wilhelm Graf zu Solms Braunfels und Tecklenburg. Zeitiger Pfarrer war der wohlehrwürdige H. C. Elling, Karl E. Gloes Schultheiß und Johannes Alt und Konrad Keller Burgmeister. Die Gemeinde Wölfersheim hat diese Glocke gießen lassen. Aus dem Feuer floß ich Philipp Schweitzer von Wehrdorff goß mich. J. J. Weller Wann ich lass hören meine Stimm ein Jeder es zu Herzen nimm und lauf begierig an den Ort Wo man verkündet Gottes Wort Lasst eure Herzen nicht sein verstockt Wann Gott der Herr euch durch mich lockt So Gottes Wort gepredigt wird Ach denkt es ist der gute Hirt Der euch ruft auf die Seelenweid Zur eurer Seelen Seeligkeit Amen 1725.S. 70–71.

Es handelt sich um eine Molloktavglocke mit dem Schlagton h1.

Die Glocken von 1862 Im Jahre 1862 wurden zwei neue Glocken angeschafft und die Glocke von 1690 eingeschmolzen. Die Inschrift dieser Glocke hat der damalige Pfarrer Philipp Kring erhalten:

Im Jahre 1690 haben die Bürger von Wölfersheim diese Glocke gießen lassen zu Gottes Dienst. Im Namen Gottes floß ich, Schmidt Dilemon von Aslar goß mich.S. 72, mit Verweis auf: Pfarrchronik, KAW, S. 25.

Philipp Bach von Windecken goss 1862 die zwei Glocken, die im gleichen Jahr am 6. Juni zur Konfirmation eingeweiht wurden. Die größte der beiden Glocken wog 1.269,50 Pfund und die kleinere 372,50 Pfund. Sie kosteten insgesamt 1.307 Taler und 54 Kreuzer.S. 72, mit Verweis auf: Pfarrchronik, KAW, S. 25, ebenso Gerichtsbuch 1650 ff, S. 180. Die größte Glocke trug folgende Inschrift: Sammle um des Herrn Altar Glaubensfrohe Christenschar Jubeldank trag himmelwärts Kraft und Trost ins betend Herz Kuend den raschen Flug der Zeit mahn stets an die EwigkeitS. 72, mit Verweis auf: Pfarrer Clotz, E., Pfarrchronik, KAW, S. 25, o. S.

Im August 1868 zersprang die kleinere Glocke bei einem Trauergeläut für den Prinzen Friedrich Wilhelm Heinrich zu Solms-Braunfels und wurde 1869 wieder von Bach gegossen.Robert Schäfer: Hessische Glockeninschriften (PDF; 37,7 MB), in: Archiv für Hessische Geschichte und Alterthumskunde. 15, 1884, S. 521 f. 1917, als bereits die Orgelpfeifen als Kriegsanleihen für den Ersten Weltkrieg abgegeben mussten, wurden die beiden Glocken im Kirchturm zerschlagen und in Stücken heruntergetragen. So besaß die Kirchengemeinde bis 1921 nur die älteste Glocke von 1725. Der Erlös wurde der Kriegsanleihe zugeschlagen.S. 72, mit Verweis auf: Pfarrchronik, KAW, S. 165.