Neue Selbständigkeit, auch Neue Selbstständigkeit geschrieben,Vergl. den entsprechenden Abschnitt im Artikel Selbständigkeit. ist ein seit den 1980er Jahren von unterschiedlichen Wissenschaftsdisziplinen identifizierter und seitdem untersuchter arbeitsweltlicher Begriff, mit dem unterschiedlichste neuartige Arbeitsformen bezeichnet werden, die sich durch ihre zunehmende Risikogebundenheit und Gestaltungsautonomie in Abgrenzung zum Normalarbeitsverhältnis der fordistischen Industriegesellschaft, aber auch im Unterschied zur konventionellen selbständigen Tätigkeit herausgebildet haben.
Formen Neuer Selbständigkeit gründen häufig auf der Entstehung neuartiger Tätigkeitsprofile, die auf persönlichen Wissensbeständen und Fähigkeiten basieren und vergleichsweise geringe Anforderungen an ökonomische und personelle Ressourcen stellen.K. Schulze-Buschoff: Neue Selbstständige - Die Entwicklung in Deutschland und in anderen europäischen Ländern., 2007, S. 5.
Die Figur des Neuen Selbständigen Die Neue Selbständigkeit ist vor allem durch die „domestication“ des Arbeitsplatzes gekennzeichnet. Darunter wird nicht nur das Ausüben der Arbeit von zuhause verstanden, sondern vor allem die Befreiung von Weisungsgebundenheit bei der Arbeitsausführung und ein höherer Freiheitsgrad bei Entscheidungen.S. Bologna: Die Zerstörung der Mittelschichten. Thesen zur Neuen Selbständigkeit, 2006, S. 14. Die ungeregelten Arbeitszeiten, die freie Gestaltung des Arbeitsablaufes und die wachsende Rivalität auf dem Arbeitsmarkt sind die Faktoren, welche den Neuen Selbständigen zur Entwicklung von flexiblen Arbeitsmodellen zwingen. Professionalität, Fachkenntnisse, Kreativität und Innovations- und Verwirklichungsfähigkeiten gehören zu den wichtigsten Eigenschaften des Neuen Selbständigen und zu den Grundelementen für den Einstieg in die selbständige Tätigkeit.S. Bologna: Die Zerstörung der Mittelschichten. Thesen zur Neuen Selbständigkeit, 2006, S. 31.
Begriffsentwicklung Der BegriffA. Gerlmaier: Neue Selbstständigkeit in der Informationsgesellschaft. Ein Vergleich von Anforderungen und individuellen Ressourcenpotenzialen bei autonom-flexiblen und arbeitsteiligen Arbeitsformen im IT-Bereich., 2002, S. 58ff. der Neuen Selbständigkeit wurde in den 1980er Jahren durch Gerd Vonderach geprägt und von der Soziologie aufgegriffen, die damit eine soziokulturell und beruflich heterogene Gruppe mit dem Ziel der eigenverantwortlich-alternativ organisierten Arbeit definierte.G. Vonderach: Die Neuen Selbstständigen: 10 Thesen zur Soziologie eines unvermuteten Phänomens In: Mitteilungen aus der Arbeitsmarkt- und Berufsforschung., Jg. 13, 1980, S. 161. Mitte der 1990er Jahre beschreiben Arbeitsrechtler mit ihm eine Tendenz, Schutzrechte von Arbeitnehmern aufzuweichen und die damit einhergehende Prekarisierung der Erwerbsarbeit. Seit Ende der neunziger Jahre wird der Begriff speziell für die Welle von Selbständigen in der Informationstechnologie und im Multimediabereich, in Beratungsdienstleistungen und Medien verwendet. Allgemeiner wird der Begriff heute „in den Sozial- und Rechtswissenschaften […] für eine neue, vom traditionellen Sozialtypus des Selbstständigen abweichende Arbeits- und Lebensform verwendet, die sich seit Anfang der 1990er Jahre als Folge struktureller und organisationaler Veränderungsprozesse etabliert.“A. Gerlmaier: Neue Selbstständigkeit in der Informationsgesellschaft. Ein Vergleich von Anforderungen und individuellen Ressourcenpotenzialen bei autonom-flexiblen und arbeitsteiligen Arbeitsformen im IT-Bereich., 2002, S. 62.
Formen Selbständige Arbeit Formen der Selbständigkeit sind insbesondere die altbekannten Freiberufler, Selbständige und Kleinbetriebe ohne Angestellte. Die neue Selbständigkeit ist geprägt durch Begriffe wie Freier Mitarbeiter (auch: Freelancer), E-Lancer, mehrfach Beschäftigte, Micropreneurs oder Netpreneurs. Diese Gruppen agieren auf dem Markt mit zumindest gelegentlich wechselnden Kunden und sind ökonomisch und organisatorisch weitgehend eigenständig. Kennzeichnend ist die typische Organisation der Arbeit: unter Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnologien bieten sie projektbezogene Dienstleistungen auf Honorarbasis an.G. Voß / H. Pongratz: Der Arbeitskraftunternehmer. Eine neue Grundform der Ware Arbeitskraft?, 1998, S. 7f. Von Scheinselbständigkeit oder Festen Freien wird gesprochen, wenn Unternehmen bisher arbeitnehmerische Tätigkeiten auf formell Selbständige übertragen (sog. Outsourcing), die Arbeitskräfte aber in weitgehend wirtschaftlich-organisatorischer Abhängigkeit verbleiben.
Die unabhängige Arbeit im Unternehmen Auch in Unternehmen gibt es den Trend, dem Arbeitnehmer die Organisation der Arbeit zu überlassen (sog. lohn- und weisungsabhängige Formen der Arbeit mit erweiterter Autonomie). Diese Formen fallen zwar nicht direkt unter das Profil des Neuen Selbständigen, beide Erscheinungen sind jedoch als Ausdruck einer Entwicklung zu sehen, die sich durch gewählte oder erzwungene Verantwortungsverlagerung auf den „Arbeiter“ auszeichnet. Als Hintergrund wird das sog. Transformationstheorem ebenso gesehen wie die Notwendigkeit für Unternehmen, in einem schnellen, nahezu unkontrollierbaren Markt Organisationsprozesse, Strategieentwicklung und Ergebnisverantwortung möglichst auf den untersten Ebenen anzusiedeln und damit von der Unternehmensleitung auf den Mitarbeiter zu übertragen.H. Bullinger et al.: Neue Organisationsformen im Unternehmen. Ein Handbuch für das moderne Management., 2003, S. 87ff. Mit Transformationtheorem ist die Überführung des Arbeitspotentials in eine konkrete Arbeitsleistung gemeint, die nun verstärkt vom Mitarbeiter selbst vorgenommen werden soll. Leitbild ist der viel zitierte Intrapreneur oder Unternehmer im Unternehmen.
Folgende Formen der selbständigen Arbeit existieren im Unternehmen:G. Voß / H. Pongratz: Der Arbeitskraftunternehmer. Eine neue Grundform der Ware Arbeitskraft?, 1998, S. 6. Gruppenbezogene Arbeitsformen wie beispielsweise die Projektorganisation, Formen der zeitlichen und örtlichen Flexibilisierung von Arbeit (Telearbeit, Heimarbeit, Mobilarbeit als zeitweise Arbeit außerhalb des Betriebs, Zeitarbeit, Leiharbeit) und Cost- und Profit-Center-Modelle, die sich an Führungskräfte der mittleren Ebene richten.
Branchen Die klassischen Branchen neuer Selbständigkeiten können weitestgehend der Kultur- und Kreativwirtschaft zugerechnet werden. Hierzu zählen beispielsweise: Musikwirtschaft Buchmarkt Kunstmarkt Filmwirtschaft Rundfunkwirtschaft Markt für darstellende Künste Designwirtschaft Architekturmarkt Pressemarkt Werbemarkt Software-/Games-Industrie Eventbranche und Veranstaltungstechnik
Jedoch kommt es auch in anderen Bereichen wie beispielsweise der ambulanten Pflege oder der Informatik zu einem immer größeren Anteil selbständiger Arbeitskräfte. Generell wird angenommen, dass sich die Anzahl der Selbständigen auch in anderen Wirtschaftsbereichen weiter erhöhen wird.
Der Neue Selbständige auf dem Arbeitsmarkt Abgrenzung zu den klassischen Arbeitsrollen Der neue Selbständige verortet sich zwischen den klassischen Arbeitsrollen des Unternehmers, des klassischen Selbständigen und des Arbeitnehmers.
Mit der Figur des Unternehmers gemeinsam haben die neuen Selbständigen, dass sie in Bezug auf ihr eigenes Arbeitsvermögen und das eingesetzte Kapital unternehmerisch handeln. Sie sind für die Produkt- oder Projektentwicklung und den Erfolg verantwortlich und stehen ständig in einer Kunde-Auftragnehmer-Beziehung. S. Bologna: Die Zerstörung der Mittelschichten. Thesen zur Neuen Selbständigkeit., 2006, S. 9–45.
Von der Rolle des „alten“ Selbständigen grenzt der neue Selbständige sich insbesondere durch die verstärkte Vermarktlichung von Arbeits- und Leistungsverhältnissen ab. „Freie Berufe umfassen in der Regel ein eng umrissenes, berufsstrategisch abgeschottetes Feld privilegierter Erwerbstätigkeit als typisches Ergebnis von Professionalisierungsstrategien.“G. Voß / H. Pongratz: Der Arbeitskraftunternehmer. Eine neue Grundform der Ware Arbeitskraft?, 1998, S. 19. Die neuen Selbständigen sind zwar typischerweise in bestimmten Branchen vertreten, mit ihnen sind aber in keiner Weise klare Berufsprofile oder Privilegien verbunden.
Im Gegensatz zum fordistischen Arbeitnehmer bewegt sich der postfordistische Auftragnehmer entweder frei auf dem Markt oder gliedert sich an ein Unternehmen an, das marktliche Strukturen in die Beziehung zum Arbeitenden integriert. Arbeitsinhalt, Arbeitsplatz und Arbeitszeit sind kaum noch vordefiniert oder vorgegeben, abgeglichen wird das Arbeitsergebnis über die Form des Honorars.S. Bologna: Die Zerstörung der Mittelschichten. Thesen zur Neuen Selbständigkeit., 2006, S. 9–45.
Vor- und Nachteile der Neuen Selbständigkeit Zu den Vorteilen, wegen derer die selbständige Arbeit heutzutage im Vergleich zur Lohnarbeit an Attraktivität gewinnt, zählen: die Entscheidungsfreiheit bei der Wahl des Arbeitsplatzes, ungeregelte Arbeitszeiten, weisungsfreies Ausüben der gewählten Tätigkeiten, autonome Entscheidungsfindung, Harmonisierung des Privat- und Arbeitslebens, reduzierte Fahrzeit und Fahrtkosten.
Die Neue Selbständigkeit hat gegenüber der Lohnarbeit auch Nachteile. Erwähnenswert ist beispielsweise das große Geschäftsrisiko, das jeder Selbständige eingehen muss. Die Unsicherheit, gestärkt durch Marktmechanismen und große Konkurrenz, und die Angst vor Verschuldung und Insolvenz sind ständige Begleiter.S. Bologna: Die Zerstörung der Mittelschichten. Thesen zur Neuen Selbständigkeit, 2006, S. 38. Schließlich ist der Neue Selbständige weder in das staatliche System der Sozialversicherung eingegliedert noch wird er durch Arbeitsschutz-, Kündigungsschutz- oder Entgeltschutzgesetze erfasst.H. Otto: Einführung in das Arbeitsrecht. 1997, Gruyter: Berlin, New York, S. 34.
Bewältigungsstrategien der Neuen Selbständigen Soziale Netzwerke Ein Netzwerk: 1. ist ein sozialer Rahmen, der eine stabilisierende Funktion hat, 2. es bietet sozialen Rückhalt, 3. es lässt einen wirtschaftlichen Gewinn auf lange Sicht erwarten und 4. es nimmt eine Schlüsselfunktion bei der Kundenakquise ein.M. Wolf; M. Kastner: Beanspruchungen durch Brüche und Lücken in diskontinuierlichen Erwerbsverläufen: Transitionskompetenzen als Bewältigungsressource. Ergebnisse aus den Untersuchungen im Rahmen des Projektes VICO (virtueller Qualifizierungscoach). In: H. Neuendorff / B. Ott (Hg.): Neue Erwerbsbiografien und berufsbiografische Diskontinuität. Identitäts- und Kompetenzentwicklung in entgrenzten Arbeitsformen., 2006, S. 101–133. Es kann aber nicht davon ausgegangen werden, dass ein soziales Netzwerk die Versorgungsfunktion übernimmt.M. Wolf; M. Kastner: Beanspruchungen durch Brüche und Lücken in diskontinuierlichen Erwerbsverläufen: Transitionskompetenzen als Bewältigungsressource. Ergebnisse aus den Untersuchungen im Rahmen des Projektes VICO (virtueller Qualifizierungscoach). In: H. Neuendorff / B. Ott (Hg.): Neue Erwerbsbiografien und berufsbiografische Diskontinuität. Identitäts- und Kompetenzentwicklung in entgrenzten Arbeitsformen., 2006, S. 125. Es kann jedoch als Gegenbewegung zur zunehmenden sozialen Diskontinuität verstanden werden.