mini|hochkant=1.5|Wettinger Jesuskind Das Wettinger Jesuskind ist ein Heiligenbild. Es hängt über dem Altar der Kreuzgangkapelle in der ehemaligen Zisterzienserabtei Maris Stella (Maria Meerstern), dem Kloster Wettingen im Kanton Aargau in der Schweiz.

Das Holzgemälde mini|hochkant|Detailansicht des Wettinger JesuskindesDer nackte Jesusknabe sitzt lächelnd auf einem roten Kissen inmitten einer grünen Wiese. Sein linkes Bein ist gestreckt, das rechte ist angewinkelt. Er hält in seinen erhobenen Händen ein langes Spruchband und blickt nach oben in den dunklen, rot-violett gefärbten Himmel. Leider ist die Schrift auf dem Spruchband kaum zu lesen, da mehrere Buchstaben fehlen. Nach dem letzten Wort „jar“ zu schliessen, wäre es ein deutscher Text. Andachtsbildchen des Jesuskindes wurden früher gern mit Neujahrsgrüßen verschickt.

Das Bild könnte um 1450 (vielleicht unter Abt Rudolf Wülflinger) für das Kloster Wettingen geschaffen worden sein und dort einen Raum des Abtes geschmückt haben. Das Tafelbild besteht aus zwei gleich grossen Holzbrettern. Das Bild misst 86 × 71 cm und zeigt in seiner künstlerischen Manier noch Einflüsse des sogenannten Schönen Stils, der um 1400 und bis ins vorgerückte 15. Jahrhundert nördlich der Alpen weit verbreitet war und sich durch seine weichen Umrisslinien auszeichnet.

Eine Künstlersignatur fehlt auf dem Bild, ebenso eine Archivquelle, die den Autor nennen würde. Die Malerwerkstatt könnte sich im Kloster selbst oder in Baden oder Basel befunden haben (zu Basel hatte Abt Wülflinger besondere Beziehungen). Dass ein Mönch das Bild gefertigt hätte, ist nicht auszuschliessen, aber eher unwahrscheinlich.

Geschichte mini|hochkant|Unsere Liebe Frau zu Kloster Wettingen Klosterbrand von 1507 Das Holzgemälde überstand den verheerenden Klosterbrand vom Weißen Sonntag 1507 (11. April) trotz höchster Gefährdung auf wundersame Weise: Durch die Flammen entstanden zahlreiche Glutlöcher in einer besonderen Anordnung. Im Zentrum des Gnadenbildes befindet sich ein herzförmiges Glutloch, das zugleich als Heiligstes Herz Jesu interpretiert wurde.

Laut der Cistercienser-Chronik von 1894 soll sich der junge Konventuale und nachmalige Abt Johann Schnewly in der Herstellung von Raketen geübt habenP. Dominicus Willi OCist, Abt von Marienstatt: Cistercienser-Chronik. 1894, S. 39; nach den Elogia Abbatum Marisstellae von 1695 war eine unbewachte KerzeP. Joseph Meglinger OCist: Elogia Abbatum Marisstellae. 1695., S. 21 Brandursache.

Der damalige Abt Johann Müller (Abtzeit 1486–1521) soll nach dem Bericht eines Gewährsmannes Folgendes gesagt haben:Peter Hoegger, Das ehemalige Zisterzienserkloster Wettingen. 1998, S. 240

Der mythologische Vogel Phönix symbolisiert Leben, Auferstehung und Keuschheit. Er ist eines der ältesten Christussymbole und findet sich seit dem 2. Jahrhundert in der Katakombenmalerei. Der Sage nach geht der Phoenix in Flammen auf, um sich aus der Asche verjüngt zu erheben. Offenbar war das Bild zu Abt Müllers Zeiten an einem gut sichtbaren Platz aufgehängt, wo es alle Besucher des Klosters sehen konnten.

Das Wettinger Nekrologium gedenkt jeweils am 11. April eines Valentin Scharpf, der bei einem Unglück, das bei Löscharbeiten geschah, verstarb:Necrologium Wettingense. 11. April 1507.

Bildersturm von 1529 Abt Georg Müller (Abtwahl 1528) schloss sich 1529 mit 17 im Kloster lebenden Mönchen der Reform Zwinglis an. Sie legten das Ordensgewand ab, Messe und Chorgebet wurden abgeschafft. Nach dem Übertritt sollen sich nach Bullinger unflätige Dinge abgespielt haben. Im Kloster herrschten über einige Zeit das Chaos und der Mob. Dabei wurden die «bilder vnd kilchenzierden hingetan, alltär vnd Götzen zerbrochen vnd abgethan», obschon der wankelmütige Abt Georg Müller von seinen Konventualen zu erwirken versucht hatte, «dass sy die götzen still und mit züchten verbergind.»Peter Hoegger, Das ehemalige Zisterzienserkloster Wettingen. 1998, S. 77

Nach der Zweiten Schlacht bei Kappel 1531 setzten sich die katholischen Kantone sofort für die Rekatholisierung des Klosters ein. Pater Johann Schnewly, der als junger Konventuale den Klosterbrand von 1507 verursacht hatte, wurde zum neuen Abt ernannt. Ende November 1531 begann er mit vier katholisch gebliebenen Mönchen wieder den Gottesdienst zu feiern.

Flügelbilder von 1602 mini|hochkant|Flügelaltar des Wettinger Jesuskindes1602, erst knapp hundert Jahre nach dem Brand, wurde das Bildnis mit zwei damals neu geschaffenen Flügelbildern zum jetzt noch erhaltenen Altarretabel zusammengefügt. Vermutlich liess Abt Peter Schmid (Abtzeit 1594–1633) das Retabel in der damals neu hergerichteten Abtkapelle hinter der sogenannten «Sommerabtei» aufstellen. Er verfügte die Herstellung der zusätzlichen Darstellungen Unserer Lieben Frau zu Kloster Wettingen, Klosteransicht und Klostergründer sowie die Anbringung der umfangreichen Inschriften. Die Inschrift unter der Klostervedute auf dem linken Flügel lautet frei übersetzt:Peter Hoegger, Das ehemalige Zisterzienserkloster Wettingen. 1998, S. 241

Auch in diesem Falle ist kein Künstlername überliefert. Vor allem das Marienbild «Unsere Liebe Frau zu Kloster Wettingen» zeigt mit seiner gewagten architektonischen Perspektive ausgesprochene Renaissance-Züge, wie sie ähnlich auf zeitgleichen Glasgemälden zu erkennen sind (auch auf solchen im Kreuzgang von Wettingen). Abt Peter Schmid stammte aus Baar (Kanton Zug) und hat für viele Ausstattungsarbeiten in seinem Kloster Innerschweizer Künstler herangezogen. Die Innerschweiz spielte in manchem Fall eine Rolle als «Einfallstor» für die aus Italien stammenden Formen der Renaissance. Vermutlich war ein Innerschweizer Glas- oder Tafelmaler der Künstler der beiden Retabelflügel.

Heinrich Murers Chronik von 1631

Der Kartäuser und Historiker Heinrich Murer verfasste in der Kartause Ittingen von 1614 bis 1638 zahlreiche Chroniken von Klöstern, Abteien und Bistümern, die als Teile seines unvollendet gebliebenen Hauptwerks Theatrum Ecclesiasticum Helvetiorum («geistlicher Schauplatz Helvetiens») konzipiert waren. In seiner handschriftlichen Chronik des Klosters Wettingen beschrieb er 1631 die wundersame Bewahrung des Wettinger Jesuskindes im Klosterbrand von 1507:Heinrich Murer: Chronik des Klosters Wettingen, Frauenfeld, Kantonsbibliothek Thurgau, Y 115, S. 27v

Atlas Marianus von 1672 Das Flügelaltärchen des Klosters Wettingen präsentiert sich den Gläubigen wie ein grosses Bilderbuch. Das Marienbild auf der linken Flügelaussenseite kündigt das Geschehen im Retabelinnern an: Das Jesuskind überlebte den verheerenden Brand des Klosters Maria Meerstern auf wundersame Weise.

1672 verzeichnete der Jesuitenpater Wilhelm Gumppenberg in seinem lateinischen «Atlas Marianus»P. Wilhelm Gumppenberg SJ, Atlas Marianus, Band 2. 1672, S. 464, der 1200 wundertätige Marienbilder von Mexiko bis zu den Philippinen beschreibend katalogisierte, auch das Flügelaltärchen mit dem Wettinger Jesuskind. Der Beitrag für den Atlas Marianus wurde vom Jesuitenpater Wolfgang Lieb verfasst, der vor allem in Luzern in der Seelsorge tätig war. Der Eintrag im Marianischen Atlas verdeutlicht die grosse Verehrung des Flügelaltärchens mit dem Wettinger Jesulein durch die Bevölkerung in der Umgebung von Wettingen im 17. Jahrhundert.

Marianischer Atlas von 1673 und 1717 Der Atlas Marianus wurde das verbreitetste geistliche Illustrationswerk des 17. Jahrhunderts; der lateinischen Erstausgabe (Ingolstadt 1657) folgten erweiterte Neuauflagen und Übersetzungen in deutscher, italienischer, ungarischer und polnischer Sprache. Eine der deutschen Übersetzungen des Atlas Marianus und der Beschreibung des Flügelaltars des Wettinger Jesuskindes erfolgte 1673 durch P. Maximilianum Wartenberg SJ:P. Maximilianum Wartenberg SJ: Marianischer Atlass. Deutsche Übersetzung. Band 2. 1673, S. 66

Eine weitere deutsche Übersetzung des Atlas Marianus erfolgte 1717 durch P. Augustino Sartorio OCist:P. Augustino Sartorio OCist: Marianischer Atlas. Deutsche Übersetzung. Band 2. 1717, S. 493

Chronik der Zisterzienser von 1894 mini|hochkant|Lesegang mit KreuzgangkapellePater Dominicus Willi OCist, Abt von Marienstatt und später Bischof von Limburg, schrieb 1894 in der Cistercienser-Chronik der Zisterzienserabtei Wettingen-Mehrerau:P. Dominicus Willi OCist, Abt von Marienstatt: Baugeschichtliches über das Kloster Wettingen. 1894, Nr. 59–70

Klosterführer von 1908 Hans Lehmann (Kunsthistoriker und Direktor des Schweizerischen Landesmuseums Zürich) schrieb 1908 in seinem Klosterführer Folgendes über das Wettinger Jesuskind im Lesegang:Hans Lehmann: Führer durch die ehemalige Cisterzienserabtei Wettingen beim Thermal-Kurort Baden (Schweiz). 1908, S. 27

mini|hochkant|Abt Anselm van der Linde OCist

Restaurierung von 1954 1954 wurde die seit dem späten 16. Jahrhundert umgestaltete Kreuzgangkapelle gemäss dem Zustand im 14. Jahrhundert rekonstruiert. Das kleine Flügelaltärchen des Wettinger Jesuskindes, das vorher im Nordarm des Kreuzganges aufgestellt war, wurde nach seiner Restaurierung, um die schmucklose Ostwand der Kreuzgangkapelle nicht unbesetzt zu lassen, über dem Altar angebracht.

Verehrung

Bilder, die eine Katastrophe auf wundersame Weise überlebten, galten danach als besonders verehrungswürdig. Das Gnadenbild des Wettinger Jesuskindes, das zur Verehrung des Eucharistischen Herzens Jesu einlädt, ist im Kloster Wettingen hoch verehrt. Im bischöflichen Empfehlungsschreiben vom August 2019 für das Gebetsapostolat Wettinger Jesuskind schreibt Bischof Felix Gmür: Pfarrblatt Horizonte Baden-Wettingen: Gnadenbild „Wettinger Jesuskind“, 18. Dezember 2021

Siehe auch Kleiner Rosenkranz zum Jesuskind

Literatur mini|hochkant|Kreuzgang mit Kreuzgangkapelle Mariana Bucko: Das Wettinger Jesuskind – Ein Pilgerführer aus dem Kloster Wettingen. 2022. Hrsg. Gebetsapostolat Wettinger Jesuskind. Mariana Bucko: Das Wettinger Jesuskind – Der strahlende Morgenstern im Kloster Maria Meerstern. Geleitwort von Abt Dr. Kassian Lauterer OCist. 2007. Hrsg. Gebetsapostolat Wettinger Jesuskind. Peter Hoegger: Die Kunstdenkmäler des Kantons Aargau Band VIII, Der Bezirk Baden III: Das ehemalige Zisterzienserkloster Wettingen. Basel 1998, ISBN 3-909164-65-X. Rudolf Bruhin et al.: Die Restaurierung der Klosterkirche Wettingen. Aarau. AT Verlag, 1996, ISBN 3-85502-567-3. Emil Maurer: Kloster Wettingen. Schweizerische Kunstführer GSK. 1960. Hans Lehmann: Führer durch die ehemalige Cisterzienserabtei Wettingen beim Thermal-Kurort Baden (Schweiz). Aarau 1894 (Erstauflage, 2. Auflage 1908). P. Dominicus Willi OCist, Abt von Marienstatt: Baugeschichtliches über das Kloster Wettingen. Cistercienser-Chronik. Hrsg. von den Cisterciensern in der Mehrerau. 6. Jahrgang, 1894, Nr. 59–70. P. Augustino Sartorio OCist: Marianischer Atlas. Deutsche Übersetzung. Band 2. 1717. P. Maximilianum Wartenberg SJ: Marianischer Atlass. Deutsche Übersetzung. Band 2. 1673. P. Wilhelm Gumppenberg SJ: Atlas Marianus. Band 2. München 1672. P. Joseph Meglinger OCist: Elogia Abbatum Marisstellae. Klosterdruck Wettingen 1695. (Erstauflage 1670). Wettingen OCist: Necrologium Wettingense. Um 1420 bis 1765. Staatsarchiv Aargau, AA/3130.

Weblinks

Kreuzgangkapelle Wettingen Zisterzienserabtei Wettingen-Mehrerau

Heinrich Murer: Chronik des Klosters Wettingen. Frauenfeld, Kantonsbibliothek Thurgau Y 115. Digitalisat. Staatsarchiv Aargau: Katalog der mittelalterlichen Handschriften des Klosters Wettingen. Digitalisat. Pfarrblatt Horizonte Baden-Wettingen: Gnadenbild „Wettinger Jesuskind“, 18. Dezember 2021, abgerufen am 14. November 2022.

Quellen

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