mini|Alt- und Neubau der Königlichen Porzellan-Manufaktur
Die Königliche Porzellan-Manufaktur Berlin (KPM) ist eine seit 1763 in Berlin bestehende und produzierende Manufaktur von feinen Porzellanerzeugnissen. Sie wurde von Friedrich dem Großen gegründet und hat ihren Sitz in der heutigen Wegelystraße.
Firmengeschichte mini|Gedenktafel, Wilhelm Caspar Wegely, Klosterstraße 67, in Berlin-Mitte mini|hochkant=0.85|Signet der Königlichen Porzellan-Manufaktur von 1841 (das Zepter ist unter der Glasur aufgebracht und deshalb etwas verschwommen)
Anfänge Vor der Gründung der KPM am 19. September 1763 hatte es Mitte des 18. Jahrhunderts bereits zwei Versuche gegeben, mit königlicher Förderung die Fertigung des weißen Goldes (Porzellan) in Berlin zu etablieren.
Die erste Gründung einer Porzellanmanufaktur in Berlin geht auf den Berliner Kaufmann und Wollfabrikanten Wilhelm Caspar Wegely zurück. 1751 erhielt er von Friedrich dem Großen das königliche Privileg, in Berlin eine Porzellanmanufaktur zu errichten. Hierzu wurde ihm vom König das ehemalige Kommandantenhaus auf der Bastion X geschenkt. Außerdem gewährte der König Kaufmann Wegely Zollfreiheit für die Einfuhr der notwendigen Rohstoffe und sicherte ihm den Ausschluss jeglicher Konkurrenz zu.
Künstlerische Akzente setzte der Modelleur Ernst Heinrich Reichard, den Wegely 1753 für seine Manufaktur gewinnen konnte. Von ihm stammen vor allem Entwürfe für figürliches Porzellan wie Putten, allegorische Darstellungen, Kavaliere und galante Damen im Stil des Rokoko. Technische Schwierigkeiten und der Siebenjährige Krieg zwangen Wegely jedoch schon nach wenigen Jahren zur Aufgabe. 1757 veräußerte er die Bestände, Werkzeuge und Materialien an den Berliner Kaufmann Johann Ernst Gotzkowsky.
1761 erwarb Gotzkowsky auf Wunsch Friedrichs des Großen das Grundstück Leipziger Straße 4 zur Errichtung einer Porzellanmanufaktur. Mit Wegelys Modellmeister Ernst Heinrich Reichard, der im Besitz des Arkanums – der geheimen Rezeptur zur Herstellung von Porzellan – war, schloss er einen Vertrag: Für 4000 Reichstaler verkaufte Reichard ihm das Arkanum und für weitere 3000 den Porzellanvorrat und sonstige Materialien. Außerdem verpflichtete Reichard sich, bei Gotzkowsky als Arkanist und Abteilungsleiter zu arbeiten. Auch seine acht Mitarbeiter wurden übernommen.
Gotzkowsky, vom preußischen König als Unternehmer geschätzt und gefördert, gelang es, bedeutende Künstler und Mitarbeiter der Meißener Porzellan-Manufaktur in dem von preußischen Truppen besetzten Sachsen abzuwerben. So verpflichtete Gotzkowsky einen Kändler-Schüler, Friedrich Elias Meyer aus Meißen, als Modelliermeister und Carl Wilhelm Boehme als Vorsteher der Porzellanmalerei. Als erster Direktor wurde Johann Georg Grieninger eingesetzt. Mit diesen Fachkräften entstand in der Leipziger Straße 4 in Berlin in nur wenigen Monaten eine leistungsfähige Porzellanmanufaktur. Gleichwohl geriet auch Gotzkowsky in finanzielle Schwierigkeiten. Da von königlicher Seite aufgrund der hohen Belastungen des Staatshaushalts durch den Siebenjährigen Krieg keine Unterstützung zu erwarten war, sah sich Gotzkowsky 1763 schließlich gezwungen, die Produktion einzustellen.
Gründung Am 19. September 1763 erwarb Friedrich der Große das inzwischen gut aufgestellte Unternehmen zum Preis von 225.000 preußischen Reichstalern.Das Geschworenengericht. In: Stephanie u. Joachim Marzahn (Hrsg.): Der Stralauer Fischzug. Sagen, Geschichten und Bräuche aus dem alten Berlin. Verlag Neues Leben, Berlin 1987, ISBN 3-355-00326-3, S. 198–199. Zum einen wollte er den angesehenen Berliner Kaufmann vor dem drohenden Bankrott retten, zum anderen war ihm daran gelegen, das junge Unternehmen, das ihm am Herzen lag, vor dem vorzeitigen Ende zu bewahren. Mit der Übernahme der Manufaktur durch Friedrich den Großen begann die eigentliche Erfolgsgeschichte der nun Königlichen Porzellan-Manufaktur Berlin.
Der König übernahm das gesamte Personal von 146 Mitarbeitern und gab der Manufaktur ihren Namen und ihr Markenzeichen: das königliche Zepter aus dem kurfürstlich-brandenburgischen Wappen. Von nun an trug sie den Namen Königliche Porzellan-Manufaktur Berlin und wurde zum Musterbetrieb: Die Mitarbeiter hatten feste, geregelte Arbeitszeiten, erhielten ein überdurchschnittliches Einkommen, waren durch die eigene Betriebskrankenkasse abgesichert und erwarben einen gesicherten Rentenanspruch. Bei der Königlichen Porzellan-Manufaktur Berlin gab es zudem keine Kinderarbeit. Auch für die Versorgung hinterbliebener Witwen und Waisen wurde Vorsorge getroffen. In den folgenden Jahren wurden die Arbeitsabläufe in der Manufaktur rationalisiert und die Techniken perfektioniert.
Rokoko mini|Platte aus dem 1. Potsdam'schen Service, KPM, 1765, Modellmeister Friedrich Elias Meyer mini|hochkant|Wilhelm Cristian Meyer: Diana, um 1769. Auf ihrem Kopf trug sie wahrscheinlich einen Halbmond.Jagdschloss Grunewald
Zu den wichtigsten Auftraggebern der Manufaktur zählte Friedrich der Große selbst, der sich deshalb scherzhaft seinen „besten Kunden“ nannte. Von 1763 bis zu seinem Tode im Jahr 1786 bestellte der König bei der KPM Porzellan im Wert von 200.000 Reichstalern. Allein für seine Schlösser gab er 21 Tafelservice’ in Auftrag. Diese Service’ hatten meist 36 Gedecke und bestanden aus bis zu 500 Einzelteilen sowie kunstvollen figürlichen Tafelaufsätzen. Ihre Gestaltung und Farbgebung war auf die Innenausstattung der Räume abgestimmt, für die sie bestimmt waren. Das erste Tafelservice, welches Friedrich im Jahr 1765 für das Neue Palais in Potsdam bestellte, war das Service Reliefzierat. Die Form Neuzierat im Stil des Rokoko stammte von dem Modellmeister Friedrich Elias Meyer, der später noch weitere Service für den König entwerfen sollte. Die Ornamentik des Reliefs aus vergoldeten Rocaillen und Blumenspalieren fand ihre Entsprechung in den Deckenstuckaturen des Neuen Palais. In den Folgejahren entstanden unter anderem die noch heute produzierten Service Neuglatt, Antique Zierat (später Rocaille genannt) und Neuosier.
1784 entstand nach vierjähriger Entwicklungsarbeit ein neuartiger, Bleu mourant („sterbendes Blau“) genannter Farbton. Mit ihm erfüllte sich der Wunsch Friedrichs, das von ihm geschätzte zarte Blau, das auch in seinen Privaträumen in Schloss Sanssouci vorherrschte, auf sein Lieblingsservice Neuzierat zu übertragen. Als Eigentümer der KPM setzte der König das weiße Gold gezielt als Mittel der Diplomatie ein. Seine Staatsgeschenke stammten häufig aus der Manufaktur und fanden sich im russischen Zarenhaus ebenso wie auf den Tafeln der führenden europäischen Königshäuser.
Klassizismus Unter Friedrichs Nachfolger, seinem Neffen Friedrich Wilhelm II., wurde die Manufaktur zu einem technologisch führenden Unternehmen in Preußen. Auch der neue König bestellte Porzellan bei der KPM und ließ die Forderungen mit seinem Gewinnanspruch verrechnen. Mit dem Betrieb ging es stetig aufwärts: Ab 1787 betrug der durchschnittliche Reingewinn pro Jahr mehr als 40.000 Taler.
Die verspielten Formen des Rokoko wichen nun den klaren Linien des Klassizismus.
1790 erteilte Peter von Biron, Herzog von Kurland, der Berliner Manufaktur den Auftrag für ein vierteiliges Tafelservice. Den klassizistischen Entwurf dazu lieferte Johann Karl Friedrich Riese (1759–1834), seit 1770 bei KPM und hier ab 1789 Modellmeister. stilundmarkt.de Das später Kurland genannte Tafelservice wird bis heute produziert. Es gilt als das bekannteste und beliebteste Service der Manufaktur, das mit 87 Einzelteilen auch das umfangreichste ist.
1795 orderte Friedrich Wilhelm II. bei seiner eigenen Manufaktur ein weiteres Service für das Berliner Schloss, da er anlässlich des Friedens von Basel ein umfangreiches neues Service dem französischen Gesandten François Barthélemy als diplomatisches Geschenk übereignet hatte. Zunächst erhielt der König 48 Suppenteller nebst Löffelbänkchen, die mit älteren Staatsservicen Friedrichs II. kombiniert wurden. Dieses klassizistische Service fleurs en terrasse (Blumenterrasse) war insoweit ungewöhnlich, als es die Blumen auf dem Rand des Tellers aus einer rundumlaufenden Wiese sprießen lässt, umgeben von antikisierenden Elementen auf Goldrand, die Mitte der Teller aber unbemalt ist – ein weißer Spiegel, der noch heute modern wirkt. Die weitere Lieferung zog sich dann lange hin, erst 1804 wurden die ersten Speiseteller ausgeliefert und noch bis Mitte des 19. Jahrhunderts wurden Ersatzteile geordert; dieses Service blieb aber einmalig und dem königlichen Hof vorbehalten. Einen damit eingedeckten Tisch kann man seit Erwerb eines größeren Postens durch die SPSG 2022 im Potsdamer Marmorpalais bewundern.
Berühmte Künstler der Zeit wie Karl Friedrich Schinkel, Johann Gottfried Schadow und sein Schüler Christian Daniel Rauch entwarfen für die KPM Vasen und Skulpturen, unter denen die Prinzessinnengruppe nach einem Entwurf von Johann Gottfried Schadow eine der berühmtesten ist. Die KPM hatte bis 1810 das Monopol auf die Porzellan-Herstellung in Preußen. Den Erzeugnissen der Manufaktur kam weiterhin eine wichtige Rolle im Geschenkwesen des Hofes zu. Neben der Verwendung als diplomatisches Geschenk – hierzu kann das Tafelservice für Arthur Wellesley, 1. Duke of Wellington 1817–1819 gezählt werden – wurde das Porzellan auch an treue Gefolgsleute des Monarchen vergeben. Letzterer Gruppe ist das Service für den Generalleutnant der Kavallerie Diedrich Goswin von Bockum-Dolffs zuzurechnen.Winfried Baer, Ilse Baer: Das Tafelservice der KPM für den Herzog von Wellington 1817–1819. Ausstellung der Verwaltung der Staatlichen Schlösser und Gärten Berlin aus Anlaß des 225jährigen Bestehens der KPM, Berlin 1988. / Leonard Dorn: Regimentskultur und Netzwerk. Dietrich Goswin von Bockum-Dolffs und das Kürassier-Regiment No. 1 in Breslau 1788–1805 (Vereinigte Westfälische Adelsarchive e. V., Veröffentlichung Nr. 20), Münster 2016, S. 89–91.
mini|Auszeichnung San Louis 1904, Weltausstellung Hermann Marquardt mini|Auszeichnung Brüssel 1910, Weltausstellung, Hermann Marquardt
Unter den großen europäischen Manufakturen war die KPM in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts führend bei der Produktion der Ansichten- oder Veduten-Porzellane. Zu den bedeutendsten Vedutenmalern gehörte Carl Daniel Freydanck, der unter Leitung des seit 1832 amtierenden Manufakturdirektors Georg Frick eine Serie der schönsten Ansichten von Berlin und Potsdam entwarf. Als königliche Geschenke prägten die mit ihnen geschmückten Vasen und Service das Bild des neuen Berlins an den europäischen Fürstenhöfen. Die Vedutenmalerei nach historischen Vorlagen wird in der Porzellanmalerei-Werkstatt der KPM noch heute gepflegt.
Die KPM hatte in technologischer Hinsicht stets Pionierarbeit für die keramische Industrie geleistet. Das gilt besonders für das von Erfindungen und technischem Fortschritt geprägte späte 19. Jahrhundert. Seit 1878 war der Manufaktur eine Chemisch-Technische Versuchsanstalt angeschlossen. Ihr Leiter, Hermann August Seger, brachte zahlreiche Neuerungen hervor, die das Form- und Farbrepertoire der KPM erheblich erweiterten. 1880 entwickelte Seger ein neuartiges Weichporzellan, das nach ihm benannte Segerporzellan. Inspiriert von chinesischen Keramiken entstanden neue Farbglasuren wie Ochsenblut-, Seladon-, Kristall- und Laufglasuren. Sie erlaubten neue künstlerische Ausdrucksformen und machten Seger zu einem frühen Wegbereiter des Jugendstils. Die Versuchsanstalt beschäftigte sich mit der Weiterentwicklung und Erforschung von Neuerungen auf dem Gebiet der Keramik. Von 1897 bis 1920 leitete der Chemiker Friedrich Hermann Marquardt (1863–1944) die Versuchsanstalt. Auf den Weltausstellungen in San Louis (1904) und Brüssel (1910) wurde er für seine Entwicklungen ausgezeichnet, so für die Herstellung einer Porzellanmasse, die es ab 1899 ermöglichte, anstatt erst mit Ton gleich aus der Masse selbst zu modellieren.
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