mini|Friedrich Moltenbrey, Fotobestand Stadtarchiv Leinfelden-Echterdingen Friedrich Moltenbrey (* 10. September 1899 in Möhringen bei Stuttgart; † 13. März 1962 in Plochingen) war ein deutscher Politiker der SPD. Während der Zeit des Nationalsozialismus wurde er wegen seiner politischen Tätigkeiten und Überzeugungen verfolgt. Moltenbrey wurde monatelang im Konzentrationslager Heuberg festgehalten. Nach dem Zweiten Weltkrieg war Moltenbrey als Bürgermeister von Echterdingen tätig und setzte sich dort für Kriegsopfer und Heimatvertriebene ein.

Beruf und politischer Werdegang Friedrich Moltenbrey absolvierte eine Mechaniklehre. Bereits seit 1919 war er Mitglied der SPD und engagierte sich schon vor 1933 kommunalpolitisch im Bezirksrat des damaligen Amtsoberamtes Stuttgart für die Fildergemeinden. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs übernahm er ab dem 1. August 1945 als Amtsverweser die Leitung der Gemeinde Echterdingen. Seit dem 1. Mai 1946 war er Bürgermeister. Im Jahr 1948 wurde er gewählt und 1954 erneut in seinem Amt bestätigt. Darüber hinaus war Moltenbrey seit 1945 Mitglied im Kreistag und Kreisrat. Dort war er Vorsitzender der SPD-Fraktion sowie 1. Stellvertreter des Landrats im Kreisrat. Außerdem gehörte er dem Verwaltungsausschuss der Kreissparkasse Esslingen-Nürtingen an. Im Jahr 1950 wurde er als Mitglied der SPD in den Landtag von Baden-Württemberg gewählt, wo er im Verwaltungsausschuss mitarbeitete. Bis 1988 war er Vorsitzender des SPD-Kreisverbandes. Für seine zahlreichen Verdienste erhielt Friedrich Moltenbrey den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland. Zudem war er während seiner Zeit als Bürgermeister in vielen Vereinen Ehrenmitglied.Bürgermeister M-Z, E BM Moltenbrey. In: Stadtarchiv Leinfelden-Echterdingen.

Überfall Am 8. August 1931 umstellten eine große Anzahl an von SA-Männern (laut Moltenbrey 300) der 119. Stuttgarter Standarte Moltenbreys Haus, unter dem Vorwand, geflüchtete Reichbannermitglieder in dem Haus zu finden. Sie warfen seine Fenster mit Steinen, Prügeln und anderen Geschossen ein, während sie versuchten, die Tür gewaltsam zu öffnen und das Haus anzuzünden. Schüsse sollen ebenfalls gefallen sein. Glücklicherweise trug das Haus zusätzlich zu den kaputten Fensterscheiben keine weiteren Schäden davon. Da Moltenbrey sich allerdings mit einer Schusswaffe verteidigen musste, wurde er festgenommen. Jedoch ließ die Polizei ihn wieder frei. Am 16. August 1931 rächte sich daraufhin der Reichsbanner, indem 40 bis 50 Mann acht Nationalsozialisten abfingen. In der darauffolgenden Auseinandersetzung, die als „Rache des Reichsbanners“ bekannt wurde, setzten die Beteiligten neben der Faust auch Stöcken und Schulterriemen ein, wobei mehrere Personen verletzt wurden. Die anschließende Verhandlung vor dem Stuttgarter Schöffengericht verdeutlichte das tiefsitzende Problem der damaligen Justiz, während die an dem Angriff auf Moltenbreys Haus beteiligten SA-Männer lediglich wegen Sachbeschädigung verurteilt wurden, mit maximal 14 Tagen Gefängnis für drei der SA-Männer, wurden die Männer des Reichsbanners wegen Landfriedensbruchs und Körperverletzung angeklagt. Einer von ihnen wurde zu drei Monaten Haft verurteilt, zwei weitere zu sechs Monaten Haft.Bernd Klagholz: Friedrich Moltenbrey – Vom NS-Opfer zum angesehenen Politiker.

Im Visier der NSDAP Nach der Machtergreifung 1933 erklärten die Nationalsozialisten die SPD zu einer „Verfassungs- & staatsfeindlichen Organisation“, woraufhin sie verboten wurde. Wegen seiner Mitarbeit in der SPD wurde Moltenbrey am 13. März 1933 verhaftet. Daraufhin wurde er vier Wochen in Konzentrationslagern (unter anderem im Konzentrationslager Heuberg) verhört und untersucht, gequält und gedemütigt. Da er jedoch schwer krank wurde, wurde er entlassen. Als Bedingung musste er sich jedoch jeden Tag bei der Polizei melden. Diese Verhaftungen im März 1933 betrafen neben Moltenbrey weiter 46 Personen aus Leinfelden-Echterdingen und Filderstadt. Im April 1933 gab Moltenbrey sein Gemeinderatsmandat auf.Bestand Leinfelden-Echterdingen VS 277-280 Nach dem Stauffenberg-Attentat vom 20. Juli 1944 geriet er erneut in das Visier der Nationalsozialisten und wurde polizeilich überwacht. Grund hierfür waren seine Kontakte zu sozialdemokratischen Exilanten in der Schweiz, denen er zuvor aktiv bei der Flucht geholfen hatte. Beruflich sah er sich in dieser Zeit massiven Repressalien ausgesetzt: Sowohl seine politische Gesinnung als auch schwere Kriegsverletzungen erschwerten sein Fortkommen erheblich. Sein Handeln in dieser Zeit wird heute als Akte des „stillen Widerstands“ gewertet, geprägt von humanistischen Werten und persönlichem Mut.

Neuanfang – Politische Karriere und Ämter ab 1945 Moltenbrey arbeitete schließlich eine Zeit lang als Tankwart in einer Reichsautobahntankstelle und übernahm dort auch die Rolle als Tankstellenleiter, bis er im April 1945 Stellvertreter des Bürgermeisters Rohleder wurde. Im März 1946 wurde Moltenbrey vom Gemeinderat mit den Stimmen der SPD und der Landwirte zum Bürgermeister gewählt. Dieses Amt hielt er bis zu seinem Tod im Jahr 1962. Zudem gehörte er dem Verwaltungsrat der Kreissparkasse Esslingen an. Auch auf Landesebene engagierte sich Moltenbrei politisch. Als Mitglied der SPD wurde er 1950 in den württembergisch-Badischen Landtag gewählt, dem er vom 5. Dezember 1950 bis zum 30. Mai 1952 angehörte. Anschließend war er Mitglied der Verfassunggebenden Landesversammlung von Baden-Württemberg (25. März 1952 bis 11. November 1953). Nach der Gründung des Landes Baden-Württemberg gehörte er dem Landtag von Baden-Württemberg vom 19. November 1953 bis zum 31. Mai 1960 an, wobei er verschiedene Wahlperioden und Wahlkreise vertrat. Während seiner gesamten parlamentarischen Tätigkeit war er Mitglied der SPD-Fraktion und wirkte im Verwaltungsausschuss mit.

Wirken in Echterdingen mini|Friedrich Moltenbrey in seiner AmtsstubeFotobestand Stadtarchiv Leinfelden EchterdingenNach dem Krieg, in dem Echterdingen zu 40 Prozent zerstört worden war, trieb Moltenbrey den Wiederaufbau maßgeblich voran. Unter seiner Führung entwickelte sich die ehemalige Landgemeinde zu einer Industriegemeinde und einem Mittelpunkt der Filder. Zu den realisierten Projekten gehörten der Bau von Straßen, Wohnungen und Industrieanlagen, die Renovierung des Rathauses sowie die Errichtung einer neuen Schule und einer weiteren Turnhalle. Besonders setzte er sich auch für den Ausbau des Stuttgarter Flughafens ein.

Rolle bei der Entnazifizierung Auch während der Spruchkammerverfahren zur Entnazifizierung in der Nachkriegszeit trat Friedrich Moltenbrey als Bürgermeister von Echterdingen im Sinne der pragmatischen Reintegration belasteter Personen in die Gesellschaft in Erscheinung. So übernahm er die Verteidigung mehrerer Angeklagter, darunter zahlreiche ehemalige Mitglieder der NSDAP und SS.Bestand Leinfelden-Echterdingen VS 79–83, 79A. – Spruchkammerverfahren, u. a.: Plädoyers auf Unschuld für Gustav Wild (5. August 1946), Katharina Klauser (5. August 1946), Klara Hauck (5. August 1946), Dr. Otto Müller (27. Oktober 1947), Barette Reinhart (4. März 1948), Albert Rohleder (19. März 1948), Herrmann Rosenkranz (27. September 1948), Gottlob Wölfe (30. November 1948); Plädoyer auf Schuldig u. a. gegen Gustav Keppler (5. August 1946). Dabei ist bemerkenswert, dass er deutlich mehr Angeklagte verteidigte als dass er auf Schuldig plädierte. Eine Ausnahme bildete Karl Metzger, der an einem Überfall auf Moltenbreys Haus beteiligt gewesen war – für ihn übernahm Moltenbrey keine Verteidigung. Seine Verteidigungsargumente stützten sich dabei auf verschiedene Gesichtspunkte: Häufig verwies er auf eine seiner Ansicht nach unzureichende Beweislage, betonte die inzwischen gefestigte demokratische Grundhaltung der Betroffenen oder hob hervor, dass einzelne Angeklagte Widerstand gegen die nationalsozialistische Ideologie geleistet hätten. Ein weiteres zentrales Kriterium in seinen Ausführungen war der Beitrag, den die jeweilige Person für die Gemeinde geleistet hatte. Darüber hinaus spielte Moltenbrey auch bei Bestätigungsverfahren eine bedeutende Rolle, indem er sich in zahlreichen Fällen für die Bestätigung der Betroffenen in ihren Ämtern aussprach, auch wenn unter ihnen viele ehemalige NSDAP- und SS-Mitglieder waren. Maßgeblich war für ihn dabei das Ansehen der jeweiligen Person in der Bevölkerung von Echterdingen. Ebenso berücksichtigte er in seinen Plädoyers, ob die Angeklagten seinerzeit unter Druck gesetzt oder in anderer Weise manipuliert worden waren. Neben diesen Umständen hob Moltenbrey wiederholt den persönlichen Charakter der Betroffenen sowie deren demokratische Grundhaltung als entscheidende Faktoren hervor.

Bevölkerungsrückhalt Friedrich Moltenbrey genoss während seiner Amtszeit als Bürgermeister von Echterdingen einen bemerkenswerten Rückhalt in der Bevölkerung, der sich vor allem in den Ergebnissen der Bürgermeisterwahlen zeigt. Bereits bei seiner ersten Bürgermeisterwahl im Jahr 1946 wurde Moltenbrey einstimmig in das Amt des Bürgermeisters gewählt.Bestand Stadtarchiv Leinfelden-Echterdingen EA 79-83 Bei der darauffolgenden Wahl vom 29. Februar 1948 erhielt er sämtliche 1.589 gültige Stimmen und wurde damit mit einem Ergebnis von 100 Prozent bei einer Wahlbeteiligung von 81 Prozent im Amt bestätigt. Auch in der Wahl vom 31. Januar 1954 war er mit 2.006 von insgesamt 2.033 gültigen Stimmen gegen neun weitere Kandidaten erfolgreich, was einem Stimmenanteil von rund 98,7 Prozent entsprach. Die Wahlbeteiligung bei dieser Wahl lag bei 74,5 Prozent. Neben diesen Wahlergebnissen zeigte sich Moltenbreys Beliebtheit auch in der breiten gesellschaftlichen Unterstützung, z. B. bei den ortsansässigen Vereinen.

Einsatz im Wiederaufbau und soziale Verdienste In den Nachkriegsjahren widmete Moltenbrey sich intensiv der Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln und Kleidung sowie der Linderung der akuten Wohnungsnot. Er initiierte den Bau einer eigenen Siedlung zur Integration von Heimatvertriebenen und unterstützte Ferienlager für traumatisierte Kinder und Jugendlicher. Unter seiner Leitung wurden wichtige Infrastrukturprojekte realisiert, darunter der Wiederaufbau des Schulhauses im Brühl (1950) sowie der Zehntscheuer (1953). Des Weiteren war er maßgeblich mitverantwortlich für den Bau des Filderstadions. Für sein unermüdliches Wirken und sein Geschick, die Gemeinde durch schwere Zeiten zu steuern, wurde ihm 1953 das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen.

mini|Friedrich Moltenbrey, Bürgermeister von Leinfelden-Echterdingen (1946–1962) im Zeltlager, Fotobestand Stadtarchiv Leinfelden Echterdingen

Persönliches Friedrich Moltenbrey war mit Pauline Frederike Moltenbrey (ehemalig Weiler) verheiratet und hatte drei Kinder. Seine Referenzschreiben für ehemalige Mitarbeiter und Angestellte zeugen von einem respektvollen und wertschätzenden Umgang mit ihnen.Personalakte BM Fritz Moltenbrey. In: Stadtarchiv Leinfelden-Echterdingen, 86 Personalakten Euth.

Lebensende und Abschied Friedrich Moltenbrey starb im Alter von 62 Jahren am 13. März 1962 gegen 10:30 Uhr im Kreiskrankenhaus in Plochingen. Er starb an einer Krankheit, die ihn schon länger begleitete, weshalb er öfter im Krankenhaus war. Laut dem Kondolenzbrief des Landrats war Friedrich Moltenbrey stets als sein Ratgeber geschätzt, da sie kollegial verbunden waren und er eine klare Gesinnung und einen klaren Blick für die Realität hatte. Er schätzte seine große Freundlichkeit, Reife, Erfahrung und Verbindlichkeit und bezeichnete ihn als einen unersetzlichen politischen Mitarbeiter im Landkreis Esslingen.