miniatur|Frisch, fromm, fröhlich, frei! Turnerkreuz frei nach Friedrich Ludwig Jahn Ein Bergturnfest bzw. Bergsportfest ist eine überwiegend sportlich und gemeinschaftlich motivierte Open-Air-Veranstaltung, die auf einer topographisch signifikanten Anhöhe bzw. einem Berg stattfindet. Bergturnfeste entstanden in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Sie gelten als Meilenstein der Turnbewegung, als deren Initiator Friedrich Ludwig Jahn gilt, der deshalb auch als Turnvater bezeichnet wird.
Vorbemerkung Dass gerade geeignete Berggipfel Anziehungspunkt für turnerische Veranstaltungen wurden, lag historisch in dem Umstand begründet, dass während der Zeit der napoleonischen Okkupation Protestkundgebungen auf deutschen Berggipfeln stattfanden und dort nach der Völkerschlacht bei Leipzig im Jahr 1813 weithin sichtbare Freudenfeuer entzündet wurden.
Ernst Moritz Arndt (1769–1860) war Hauptredner einer Veranstaltung auf dem Großen Feldberg im Taunus (Hessen), die am 18. Oktober 1814 mit tausenden von Teilnehmern stattfand, um den Sieg in den Befreiungskriegen zu feiern. Die Hanauer Turner berichten von ihrem ersten Turnausflug auf den Großen Feldberg im Jahr 1817. Turner aus Offenbach am Main veranstalteten 1827 für Jungturner Turnspiele am Brunhildisfelsen (früher auch: Brunhildenfels) auf dem Gipfelplateau des Großen Feldberges im Taunus.
Turnvereine nahmen den bis dahin ungewöhnlichen Veranstaltungsort als Anregung auf, Berggipfel als Ziel ausgedehnter Turnerausflüge und Wanderungen zu nutzen. Zur damaligen Zeit war es noch eine deutlich größere Herausforderung als heute, Berggipfel zu erklimmen, denn Tourismus existierte ebenso wenig wie eine entsprechende Infrastruktur.
Auf Berggipfeln gewissermaßen über den Dingen zu stehen, ein Gefühl von Freiheit zu erfahren, das Erhabene, Große und Mächtige (der Natur) zu empfinden, die weithin sichtbare Landschaft als Einheit zu betrachten, verlieh der Unternehmung seinerzeit eine politische Symbolik. Hinzu kam das besonders gute Gefühl, die Herausforderung des Aufstiegs zum Berggipfel gemeinschaftlich bewältigt zu haben. Auch dies lässt sich synonym auf die politischen Ziele der Turnbewegung übertragen.
Die Anfang des 19. Jahrhunderts aufkommende Turnbewegung war zu einem guten Teil einer gewünschten Stärkung freiheitskämpferischer Bestrebungen gegen die französische Okkupation deutschen Gebietes geschuldet. Das Turnen war demzufolge als Wehrertüchtigung der Jugend mit einer gleichzeitigen Stärkung des (patriotischen) Gemeinschaftsgefühls gedacht. Darüber hinaus bestehen Bezüge zwischen der Turnbewegung und der Deutschen Revolution von 1848/49.
Der aktive Turner, Kartograph, Topograph und Buchhändler Friedrich August Ravenstein (1809–1881) aus Frankfurt am Main, der später unter anderem die Frankfurter Turngemeinde (1833), die Frankfurter Turnanstalt (1838) sowie den Taunusklub (1868) gründete und als Frankfurter Turnvater bekannt wurde, wollte mit Hilfe einer so genannten „Kommission für die Erbauung eines Hauses auf dem Feldberg“ ein Jugend- und Wanderheim sowie einen Aussichtsturm für die Turnausflügler errichten lassen. Die Notwendigkeit, dafür finanzielle Mittel generieren zu müssen, geriet zur Initialzündung für das erste deutsche Bergturnfest, da eine solche Veranstaltung als Einstieg in das Fundraising geeignet erschien. Für diese Idee wurde am 10. Juni 1844 dazu eingeladen, sich zu einem „gemeinschaftlichen Gebirgsausflug und Besuch des Feldbergs (zu) vereinigen“.
In der Zeit des Nationalsozialismus wurde das „Jahnsche Turnen“ für Propagandazwecke herangezogen. Bis heute wird dem Turnerbund in Deutschland und Österreich ein Naheverhältnis zur deutschnationalen Bewegung zugeschrieben.
Geschichte Das erste Bergturnfest mini|Gipfelplateau des Großen Feldbergs mit Feldberghaus und Brunhildisfelsen im Taunus (Hessen), 1868 Das erste Bergturnfest überhaupt, das Feldbergfest, fand am 23. Juni 1844 statt. Über das Plateau des Großen FeldbergesGipfelplateau des Großen Feldbergs im Taunus während eines Feldbergfestes, undatiert auf: alt-idstein.info verliefen seinerzeit drei politische Grenzen, die des Kurfürstentums Hessen-Kassel, der Stadt Frankfurt am Main und des Herzogtums Nassau. Musikanten und Chöre eröffneten das Fest, Turner veranstalteten die erste Zusammenkunft unter Missachtung von Landesgrenzen. Damit setzten sie ein Zeichen der deutschen Einheit.
Die Hanauer Turngesellschaft unter August Schärttner (1817–1859) begann nach der Rede mit turnerischen Vorführungen. Zum Auftakt bildeten die Turner ein kreisförmiges Schneckengebilde.Schneckenlauf-Skizze auf: alt-idstein.info Danach gab es Steinstoßen, Ziehringen, so genannte Ringelmühlen und Freiübungen. Fünf Turner-Pyramiden wurden gleichzeitig errichtet. Zum Abschluss wurde ein „Lebehoch“ ausgebracht. Danach zogen die Versammelten mit klingendem Spiel wieder den Berg hinab.
Der anwesende Dichter Ferdinand Freiligrath (1810–1876) äußerte sich positiv über das Feldbergfest. Mehr als 6000 Besucher und rund 200 aktive Turner und eine durchweg positive Resonanz wurden seinerzeit als so überzeugende Nachfrage gewertet, dass eine Wiederholung der Veranstaltung beschlossen wurde. Zu den Besuchern wurden Wanderer, Sänger, Schützen, Bürgerwehren und Studenten bzw. Burschenschafter gerechnet. Hessen gilt seitdem als Land der Bergturnfeste.
Beim zweiten Feldbergfest im Jahr 1845 waren bereits 350 Knaben und 50 erwachsene Turner dabei, und die Besucherzahl steigerte sich auf rund 8000. 1846 kamen 10.000 Besucher, 600 Sänger und Turner aus 15 Vereinen. 1847 waren es wegen widriger Wetterverhältnisse nur maximal 5000 Menschen, im Jahr 1848 dann aber wieder 10.000. Aus dem Jahr 1847 ist eine Urkunde vom Feldbergfest erhalten, die für erfolgreiches Steinstoßen und Wettlaufen verliehen worden war.Feldbergfest-Urkunde von 1845 auf: alt-idstein.info
Im Kontext der nach dem Scheitern der Deutschen Revolution 1848/49 durch die Reaktionsära einsetzenden politischen Verfolgung der Burschenschafter und Turner wurde die Gesamtsituation jedoch zunehmend schwieriger. In diesem Jahr verbot Kurfürst Friedrich Wilhelm I. von Hessen-Kassel das Feldbergfest. Die Turner wichen auf die benachbarte Fläche am Fuchstanz aus, eine zu dieser Zeit noch unbewaldete Fläche zwischen Großem Feldberg und Altkönig, da diese auf dem Gebiet des Herzogtums Nassau lag und kein Verbot des dortigen Landesherren vorlag. mini|Das 1860 errichtete Feldberghaus auf dem Großen Feldberg im Taunus 1850 wurde die geplante Ersatzveranstaltung des Feldbergfestes auf dem Wiesbadener Neroberg verboten. Am Großen Feldberg wachten kurhessische Soldaten mit angelegten Gewehren, dass die Turner auf nassauischem Gebiet blieben. 1851 wurde die geplante Ersatzveranstaltung auf dem Schrenzer bei Butzbach ebenfalls verboten.
Auf den Großen Feldberg führten die Turner weiterhin Wanderungen durch. Die Grundsteinlegung für das Feldberghaus erfolgte 1859, Architekt war Heinrich Velde. Erst am 15. Juli 1860 war auf dem Großen Feldberg eine Fortsetzung der Feldbergfeste möglich. Am 12. August desselben Jahres wurde das Feldberghaus als Wanderheim mit zehn Betten eingeweiht. 1861 wurde ein Feldbergfest-Ausschuss gegründet. Im gleichen Jahr zog sich Ravenstein zurück. Für ihn war die Arbeit in der Kommission mit der Errichtung des Feldberghauses getan. Eine Realisierung des Aussichtsturmes vorerst nicht in Sicht; er entstand erst 1902.
Erste Nachahmer Von den Turnern goutiert, wurde die Idee des Bergturnfestes ab 1866 auch in anderen Regionen aufgegriffen. In diesem Jahr fand das Elm-Bergturnfest in Reitling bei Braunschweig als zweites deutsches Bergturnfest statt.Antje Fenner & Arnd Krüger: Die Geschichte der Bergturnfeste in Niedersachsen, in: Hans Langenfeld (Hrsg.): Beiträge zur Sportgeschichte Niedersachsens. Teil 1: 19. Jahrhundert. (= Schriftenreihe des NISH, Bd. 13) Hoya: NISH 1999, 127 – 135.
Begriffsklärung Die Bergturnfeste bzw. Bergsportfeste wurden teilweise explizit als solche bezeichnet, oft mit Bezug auf regionale Topographie. Andere, wie das beispielgebende Feldbergfest, verzichteten bewusst auf einen namentlichen Bezug zum Turnen bzw. Sport. Sie waren volkstümlich gehalten, da sie niemanden ausschließen wollten. So waren beispielsweise die Sänger, Wanderer, Schützen, Studenten bzw. Burschenschafter bei Bergturnfesten früher häufig mit von der Partie. Ein Teil dieser Tradition hat sich bei einigen Bergfesten bis heute erhalten.
Die allgemeinere Bezeichnung X-bergfest oder Bergsportfest macht auch unter dem Gesichtspunkt Sinn, dass die meisten der in den Wettkämpfen repräsentierten sportlichen Disziplinen allgemeinem heutigen Verständnis entsprechend nicht mehr dem Turnen zugerechnet werden. Die überwiegende Mehrheit der Disziplinen wird inzwischen der Leichtathletik zugerechnet, die auf Vereinsebene durch entsprechende Abteilungen und auf Verbandsebene eigenständig organisiert ist. Teilweise fanden bei den Bergsportfesten auch Ringer-, Volleyball- und Schwimmwettkämpfe statt, für die gleiches gilt.
Events Anzahl Im Zeitraum von 2007 bis 2009 sind beim Deutschen Turner-Bund (DTB) 45 Bergturnfeste bzw. Bergsportfeste registriert, beim Österreichischen Turnerbund sind es elf, in Italien (Südtirol) eines. Darüber hinaus gab es noch weitere derartige Veranstaltungen, die beim DTB bzw. ÖTB jedoch nicht angemeldet worden sind. Sämtliche dieser Veranstaltungen fanden in der wärmeren Jahreshälfte zwischen Mai und Oktober statt, meist in jährlichem Rhythmus. Die Anzahl der Veranstaltungen in der Schweiz lässt sich nicht quantifizieren, da sie nicht so benannt und demzufolge vom Schweizerischen Turnverband (STV) auch nicht als solche registriert wurden. Jedoch fanden in den Jahren 2003 bis 2016 insgesamt 3 Turnfeste statt, mit der Bezeichnung „Bergturnfest“ im Namen.
Alter Erstes und ältestes deutsches Bergturnfest war das Feldbergfest (1844) auf dem Großen Feldberg im Taunus, Hessen, Deutschland. mini|Schlussfeier Bergturnfest Mettauertal/Gansingen 2014.
Größe Als größtes (teilnehmerstärkstes) Bergturnfest in Deutschland gilt das Gillerbergturnfest bei Hilchenbach im Siegerland, Westfalen, Deutschland, mit 1865 Aktiven (2012) gegenüber 1508 Aktiven (2011) und 2213 Aktiven (2010). auf: giller.info
Das größte Bergturnfest in der Schweiz war das Bergturnfest 2014 Mettauertal/Gansingen im Gebiet Bossenhaus der Gemeinde Mettauertal AG. Es wurde für den Kreisturnverband FricktalKreisturnverband Fricktal und den Kreisturnverband BruggKreisturnverband Brugg organisiert und zählte 4900 Aktive aus 200 Vereinen (davon 1400 Jugendliche).
Höhe Als höchstgelegenes Bergturnfest im deutschsprachigen Raum gilt das Bergturnfest Liezener Hütte, in Liezen, Österreich, auf 1767 Metern über NHN. auf: liezen.at
Quantität Die meisten Bergturnfeste finden im Bundesland Hessen statt. Im Jahr 1967 vermerkte der Hessische Turnverband 21 veranstaltete Bergturnfeste, auf: alt-idstein.info im Jahr 2009 immerhin noch 19.Bergturnfeste in Hessen auf: htv-online.de, Seite nicht mehr existent