mini|Reichsaußenminister Gustav Stresemann bei seiner Rede vor dem Völkerbund, Genf 1926, direkt nach dem deutschen Beitritt. Die Außenpolitik der Weimarer Republik, das heißt die Außenpolitik des Deutschen Reiches von 1919 bis 1933, wurde vor allem von den Folgen des Ersten Weltkriegs bestimmt.
Im Krieg hatte Deutschland mit seinen Verbündeten gegen Frankreich, Russland, Großbritannien, die Vereinigten Staaten und weitere Länder gestanden. Mit dem Friedensvertrag von Versailles aus dem Jahr 1919 beschlossen die Siegermächte unter anderem, dass Deutschland Gebiete abtreten und seine Rüstung beschränken musste. Das Rheinland wurde von den Alliierten besetzt. Außerdem sollte Deutschland an diese Reparationen zahlen. Besonders Frankreich hatte ein starkes Interesse daran, dass Deutschland geschwächt blieb und wollte die Friedensbedingungen dauerhaft dazu nutzen. Großbritannien und die Vereinigten Staaten waren oftmals verständigungsbereiter. Sie hatten einerseits die Sorge, dass Frankreich eine Vormachtstellung auf dem europäischen Festland erhalten könnte, andererseits wollten sie sich nicht zu sehr an die Vorgänge in Europa binden.
Zur Revision (Überprüfung, hier gemeint: Abänderung) des Versailler Vertrages musste Deutschland sich mit dem Westen verständigen. Dies gelang vor allem in den Jahren 1923 bis 1929, als Gustav Stresemann Außenminister war. Zusätzlich jedoch versuchte die Republik, mit dem kommunistischen Russland zusammenzuarbeiten (Vertrag von Rapallo, 1922). Es gelang, viele Versailler Bestimmungen aufheben zu lassen. Ersetzt wurden sie teilweise durch Vereinbarungen, an deren Zustandekommen Deutschland gleichberechtigt beteiligt war. Vorbereitet durch die Verträge von Locarno von 1925 wurde Deutschland im Jahr darauf Mitglied im Völkerbund. Andere Bestimmungen liefen von selbst aus, wie die erzwungene einseitige Meistbegünstigung im Außenhandel bis 1925. Die Besatzung der Rheinlande endete 1930. Gegen Ende der Republik, 1932, gelang die Beendigung der Reparationen, und im gleichen Jahr gestanden die Westmächte Deutschland prinzipiell die militärische Gleichberechtigung zu. Keinen Erfolg hatte die Weimarer Politik bei der Veränderung der Ostgrenze mit Polen. Eine deutsch-österreichische Zollunion scheiterte 1931 am Widerstand Frankreichs.
In der Zeit des Nationalsozialismus ab 1933 ging Deutschland zur Politik zweiseitiger Abkommen über, verletzte den Versailler Vertrag sowie später unterzeichnete Vereinbarungen und begann 1939 den Zweiten Weltkrieg.
Vorgeschichte Erster Weltkrieg 1914–1918 mini|Mächtegruppen im Ersten Weltkrieg, orange Deutschland und seine Verbündeten, grün die Gegner (jeweils einschließlich der Kolonien).
Die Julikrise 1914 hatte zur Folge, dass Deutschland und Österreich-Ungarn sich Ende August gegenüber Frankreich, Russland und Großbritannien im Kriegszustand befanden. Es sollte später noch ein großer Streitpunkt sein, wer die Schuld am Krieg trug.Eine neuere, knappe Darstellung des Weges in den Krieg siehe Sönke Neitzel: Blut und Eisen. Deutschland im Ersten Weltkrieg (Deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert), Pendo Verlag: Zürich 2003, S. 16–33. Im Westen besetzte Deutschland fast ganz Belgien, Luxemburg und einen großen Teil Nordfrankreichs. Im Osten gelang es Deutschland und Österreich-Ungarn, nach und nach den westlichen Teil des europäischen Russlands zu erobern. Weitere Kriegsschauplätze waren die Südalpen, der Balkan, die deutschen Kolonien, das Osmanische Reich und die Ozeane.
Nach der Oktoberrevolution 1917 waren die zuvor von Deutschland geförderten russischen Kommunisten bereit, den für Deutschland günstigen Friedensvertrag von Brest-Litowsk zu unterzeichnen (3. März 1918). Der deutsche Außenminister Richard von Kühlmann war gegen den harten Frieden,Peter Krüger: Die Außenpolitik der Republik von Weimar. Wissenschaftliche Buchgesellschaft: Darmstadt 1985, S. 32. konnte sich aber gegen die militärische Führung nicht durchsetzen. Dieser Frieden wurde später argumentativ gegen Deutschland verwendet, als es um die Härte des Versailler Friedens ging.Gerhard Schulz: Revolutionen und Friedensschlüsse 1917–1920 (dtv-Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts). 5. Auflage, dtv: München 1980 (1967), S. 122. Die Entlastung im Osten gab Deutschland die Hoffnung, den Krieg im Westen siegreich beenden zu können. Im Sommer 1918 zeigte sich jedoch, dass die Westfront nicht mehr zu halten sein werde, unter anderem wegen der frischen Truppen der Vereinigten Staaten. Diese hatten Deutschland 1917 den Krieg erklärt.
Waffenstillstand 1918 mini|Der Zentrums-Politiker Matthias Erzberger (Mitte, hier in Spa 1918) war Leiter der deutschen Waffenstillstandskommission.
Die Oberste Heeresleitung drängte daraufhin die Reichsregierung, Politiker der demokratischen Parteien aufzunehmen und einen baldigen Waffenstillstand zu erreichen. Grundlage sollte das 14-Punkte-Programm des amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson sein, das gemäßigter als die französischen und britischen Vorstellungen klang. Es sah einen Verständigungsfrieden unter Beachtung des Selbstbestimmungsrechts der Völker vor.
Seit dem 3. Oktober 1918 war Max von Baden deutscher Reichskanzler, der Vertreter der Sozialdemokraten, Liberalen und katholischen Zentrumsleute in die Regierung aufnahm. Außenminister Paul von Hintze hätte gern erst einen (weiteren) Regierungswechsel gesehen, dann die Verkündigung eines neuen Kurses in der Innen- und Außenpolitik, dann innere Reformen, dann die Anerkennung der Vierzehn Punkte und schließlich ein Gesuch um Waffenstillstand. Es kam aber genau andersherum. Dem unvernünftigen Druck der Obersten Heeresleitung habe die Reichsregierung sich nicht zu widersetzen getraut, so der Historiker Peter Krüger.Peter Krüger: Die Außenpolitik der Republik von Weimar. Wissenschaftliche Buchgesellschaft: Darmstadt 1985, S. 37. Auf das Ausland wirkte der Wandel wie ein opportunistisches Manöver, während die Menschen in Deutschland nicht verarbeiten konnten, dass die Siegesmeldungen der Kriegszeit nun völlig ins Gegenteil umschlugen.Peter Krüger: Die Außenpolitik der Republik von Weimar. Wissenschaftliche Buchgesellschaft: Darmstadt 1985, S. 33/34.
Am 9. November brachte von Baden Kaiser Wilhelm II. zur Abdankung, dessen geringes Ansehen im Ausland die Friedensverhandlungen belastet hätte. Zwei Tage später unterzeichnete eine deutsche Delegation im französischen Compiègne den Waffenstillstand. Auch hierbei war der Druck der Obersten Heeresleitung entscheidend, welche die Kämpfe für aussichtslos erachtete und die deutschen Truppen für die Zukunft schonen wollte.Gerhard Schulz: Revolutionen und Friedensschlüsse 1917–1920 (dtv-Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts). 5. Auflage, dtv: München 1980 (1967), S. 163. Die deutsche Delegation musste ohne westliche Gegenleistungen bereits vieles akzeptieren, darunter die sofortige Räumung der besetzten Gebiete, auch Elsaß-Lothringens (dies hatten bereits die Vierzehn Punkte gefordert). Der Frieden von Brest-Litowsk wurde aufgehoben und die Seeblockade, die Deutschland aushungern sollte, blieb (bis März 1919) bestehen.Gerhard Schulz: Revolutionen und Friedensschlüsse 1917–1920 (dtv-Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts). 5. Auflage, dtv: München 1980 (1967), S. 165, 224.
Versailler Vertrag 1919
mini|Europa zwischen den Weltkriegen. mini|Die deutsche Delegation in Versailles 1919, dritter von rechts: Reichsaußenminister Ulrich von Brockdorff-Rantzau.
Die von 27 Nationen beschickte Friedenskonferenz, die den Friedensschluss mit Deutschland erarbeiten sollte, tagte ab Januar 1919 im Schloss von Versailles bei Paris ohne deutsche Beteiligung. Die Leitung hatten die Vertreter der Großen Vier, das heißt Frankreich, Großbritannien, die USA und Italien.Gerhard Schulz: Revolutionen und Friedensschlüsse 1917–1920 (dtv-Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts). 5. Auflage, dtv, München 1980 (1967), S. 204/205. Die deutsche Delegation wurde absichtlich demütigend empfangen und konnte durch schriftliche Eingaben nur geringfügige Erleichterungen erwirken; der deutsche Außenminister Ulrich von Brockdorff-Rantzau (parteilos) trat bei der Entgegennahme des Vertragsentwurfs bewusst rüde auf, indem er seine scharfe Erklärung im Sitzen abgab, und trat kurz darauf von seinem Amt zurück.Gerhard Schulz: Revolutionen und Friedensschlüsse 1917–1920 (dtv-Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts). 5. Auflage, dtv, München 1980 (1967), S. 223/224.
Das umfangreiche Vertragswerk bestimmte:
Entwaffnung Deutschland durfte nur eine Berufsarmee von 100.000 Soldaten haben (1914: 800.000, im Krieg: 2,4 Millionen deutsche SoldatenGerundet, nach Sönke Neitzel: Blut und Eisen. Deutschland und der Zweite Weltkrieg (Deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert), Pendo: Zürich 2003, S. 44.) und musste unter anderem auf bestimmte Waffen wie Panzer, U-Boote, Flugzeuge oder Giftgas verzichten. Reparationen Deutschland sollte für die Schäden aufkommen, die den Siegermächten durch die Kriegsführung entstanden waren. Grundlage für die Forderung war die Behauptung in Art. 231, dass Deutschland die Alleinschuld am Krieg trage. Gebietsverluste Deutschland verlor, mehrheitlich ohne Volksabstimmung, letztlich dreizehn Prozent der Fläche und zehn Prozent der Einwohnerzahl,Wolfgang Michalka und Gottfried Niedhart: Die ungeliebte Republik. Dokumentation zur Innen- und Außenpolitik Weimars 1918–1933, dtv: München 1980, S. 397. ferner die Kolonien. Konflikte entstanden vor allem bezüglich der an Polen abgetretenen Gebiete. Besatzung Das Rheinland kam unter die Besatzung verschiedener Siegermächte; die einzelnen Zonen sollten nach fünf, zehn bzw. fünfzehn Jahren geräumt werden. Das Saargebiet, das wegen seiner Kohlevorkommen wichtig war, sollte von Frankreich ebenfalls fünfzehn Jahre besetzt werden.
Künftige Kriege sollten durch den Völkerbund verhindert werden, der Angreifer-Staaten zu bestrafen hatte. Deutschland blieb aber zunächst vom Völkerbund ausgeschlossen.
Herausforderungen Deutschland und Österreich mini|Deutschland nach 1919/1921. mini|Teil der Festungsanlagen von Köln, die wegen des Versailler Vertrages geschleift werden mussten.
Am 11. August 1919 wurde die republikanische Weimarer Verfassung verkündet. In die Beratungen der Nationalversammlung waren die Nachrichten vom Versailler Vertrag geplatzt, die dem Ansehen der Koalition aus SPD, DDP und Zentrum stark schadeten. Sie verlor bereits bei der Wahl von 1920 ihre absolute Mehrheit. Dennoch wäre es unzulässig, einseitig zu sagen, der Vertrag sei der Hauptgrund für den endgültigen Untergang der Republik 1933 gewesen.Klaus Hildebrand: Das vergangene Reich. Deutsche Außenpolitik von Bismarck bis Hitler 1871–1945. Deutsche Verlags-Anstalt: Stuttgart 1995, S. 404. Deutschland war ungeteilt und wirtschaftlich bedeutend geblieben und konnte wieder eine Großmacht neben Frankreich und Großbritannien werden. Dem Ausland gegenüber konnte man argumentieren, nur ein wirtschaftlich gesundetes Deutschland könne Reparationen zahlen und dem Kommunismus widerstehen.