300px|rechts mini|300px|Lageskizze des römischen Brückenkopfes mini|300px|Relief einer Schiffsbrücke auf der Mark-Aurel-Säule (2. Jahrhundert n. Chr.) mini|300px|Kleinkastell Stopfenreuth nach den Befunden von 1898 mini|Ziegelstempel der Legio XIV und XV mini|Ausgrabungsgelände aus der Vogelperspektive (2024) mini|300px|Mauerreste des Kleinkastells bei Niedrigwasser (1908) mini|300px|Rosskopfarm, Donau-Altarm bei Stopfenreuth (2014)
Das Kleinkastell Stopfenreuth war Bestandteil der Festungskette am Limes Pannonicus in Österreich. Es befindet sich im Bundesland Niederösterreich, Bezirk Gänserndorf auf dem Gemeindegebiet von Engelhartstetten.
In der Region war die Ruine seinerzeit auch als Hungerstein oder Durstkugel bekannt, urkundlich wird es als Veste Stopfenreuth oder Ödes Schloss erwähnt.Walther Brauneis: Die Schlösser im Marchfeld, NÖ Pressehaus, Wien, St. Pölten 1981, ISBN 3-85326-617-7, S. 24. Aufgrund dort aufgefundener Ziegelstempel interpretierte man die Mauerstrukturen als Reste eines befestigten römischen Brückenkopfes, wo die Bernsteinstraße die Donau querte. Eine Nachgrabung im Jahr 2024 bestätigte schließlich, dass es sich eindeutig um die Reste eines römischen Brückenkopf- oder Gegenkastells handelt, das bislang einzige, das in Österreich nachgewiesen werden konnte. Es dürfte etwa 100 Jahre in Verwendung gewesen sein. Ob dort in der Antike auch eine feste Brücke über die Donau existierte, ist zweifelhaft. Nahe dem Kleinkastell, auf slowakischen Staatsgebiet, befinden sich noch römerzeitliche Anlagen auf dem Felsen von Devín. Das Bodendenkmal ist seit 2021 Bestandteil des zum UNESCO-Weltkulturerbe erhobenen Donaulimes.
Lage Die Fundstelle liegt nördlich von Bad Deutsch-Altenburg direkt im Naturschutzgebiet der Stopfenreuther Au, am linken Donauufer, neben der heutigen Andreas-Maurer-Brücke bei Hainburg nahe der Mündung des so genannten Rosskopfarmes, gegenüber dem Plateau „Am Stein“, etwa drei Kilometer vom Legionslager Carnuntum entfernt. Ob sich die Festungsanlage in der Römerzeit am nördlichen oder südlichen Ufer des Hauptstromes befand, ist bis heute ungeklärt, da sich der Wasserlauf seither mehrmals geändert hat. Die vom Baltikum nach Süden verlaufende Bernsteinstraße passierte dort die Grenze des Römischen Reiches.
So nahm zum Beispiel der Archäologe Eduard Novotny (1862–1935),Eduard Novotny (Numismatischer Anhang), Friedrich von Kenner (Epigraphischer Anhang), E. Bormann: Die Grabungen im Standlager zu Carnuntum 1908–1911, Verlag Alfred Hölder, Wien, 1914, S. 163 f. gestützt auf eine These von E. Stauß an, und glaubt, so das Öde Schloß somit nicht als nördlichen, sondern als südlichen Brückenkopf des Lagers Carnuntum bestimmen zu können.Johann Oehler: Die Römer in Niederösterreich. In: 21. Jahresbericht des Mädchen-Obergymnasiums Wien VI, Rahlgasse 4. 1912/13, S. 20; Ernst Nischer von Falkenhof, Herbert von Mitscha-Märheim: Die prähistorischen Siedlungen auf dem Braunsberg bei Hainburg a.d. Donau. In: Forschung und Fortschritte 8, 1932, S. 238; András Graf: Übersicht der antiken Geographie von Pannonien. Institut für Münzkunde und Archäologie der Peter-Pázmány-Universität, Budapest 1936, S. 130.
Diese Annahme wurde wiederum vom Landesschulinspektor und Heimatforscher Anton Becker (1868–1955) bestritten,Hugo Hassinger, Karl Lechner (Hrsg.): Anton Becker. Ausgewählte Schriften. Mit einer Bibliographie. Zu seinem 80. Geburtstag. Phönix Verlag, Wien 1948, S. 329; Anm. S. 55. wobei dieser zusammen mit dem Staatsarchivar Ernst Nischer von Falkenhof die Lage des Bauwerkes so zu erklären versuchte, dass ein östlich des Lagers die Donau querendes Fahrzeug durch die Strömung ja auch kontinuierlich in diese Richtung abgetrieben werden musste. Auch die Archäologin Gertrud PascherGertrud Pascher: Römische Siedlungen und Straßen im Limesgebiet zwischen Enns und Leitha (= Der römische Limes in Österreich. Band 19). Rohrer, Wien 1949, S. 22. und der Prähistoriker Herbert Mitscha-Märheim (1900–1976)1965–1967, S. 2; vgl. auch Werner Jobst: Provinzhauptstadt Carnuntum. Österreichs größte archäologische Landschaft. Österreichischer Bundesverlag, Wien 1983, ISBN 3-215-04441-2, S. 84. interpretierten Stopfenreuth als Vorwerk eines nördlichen Brückenkopfes. Im Zusammenhang mit Funden, die 1957 etwa 110 m nordöstlich der Ruinenstätte gemacht wurden, kehrte der Archäologe Hans G. WalterHans G. Walter: Römische Funde in Stopfenreuth. In: Pro Austria Romana 7, 1957, S. 23. aber wieder zu der schon einst von Nowotny vertretenen Ansicht zurück, dass das Brückenkopfkastell von Stopfenreuth einst am Südufer der Donau gelegen habe. Solange jedoch der Stromverlauf in der fraglichen Zeitperiode nicht zweifelsfrei geklärt ist, hielt sein Kollege Erich Swoboda (1896–1964)Erich Swoboda: Carnuntum: Seine Geschichte und seine Denkmäler, 4. neu bearbeitete und erweiterte Auflage, Böhlaus Verlag, Graz/Köln 1964, S. 253. generell jede Diskussion über diese Angelegenheit für obsolet. Auf Basis der Grabungen von 2024 gilt es nun aber als gesichert, dass es sich um ein Brückenkopf- oder Gegenkastell handelt.Archäologen klären Rätsel um „Schloss“ in den Donauauen. In: Die Presse, 14. April 2025 (abgerufen am 25. 04.2025).
Forschungsgeschichte 19. Jahrhundert Die Machart des Mauerwerkes war für den Altertumsforscher Eduard von Sacken (1825–1883) eindeutig römisch.Eduard v. Sacken: Die römische Stadt Carnuntum, ihre Geschichte, Ueberreste und die an ihrer Stelle stehenden Baudenkmale des Mittelalters, Wien; 1853, S. 337 ff.; Eduard v. Sacken: Katechismus der Baustyle oder Lehre der architektonischen Stylarten von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart nebst einer Erklärung der im Katechismus vorkommenden Kunstausdrücke, Weber, Leipzig, 1876, S. 323 ff. Aufgrund aufgefundener Ziegelstempel, darunter einer der legio XV Apollinaris, glaubte er damit auch den sicheren Beweis für das Vorhandensein eines Kastells gefunden zu haben. Dies auch deswegen, da sich an diesem Punkt ein Übergang über die Donau wegen „der am rechten Ufer stehenden Berge und der geringen Breite des Stromes“ geradezu angeboten habe, interpretierte er die Anlage als Rest eines befestigten Brückenkopfes.Vgl. auch Friedrich von Kenner: Die Römerorte in Nieder-Oesterreich. In: Jahrbuch des Vereins für Landeskunde von Nieder-Oesterreich 2, 1868–1869, S. 153. 213; ders. Noricum und Pannonia. Eine Untersuchung über die Entwicklung, Bedeutung und das System der römischen Verteidigungsanstalten in den mittleren Donauländern. In: Berichte und Mittheilungen des Alterthums-Vereines zu Wien. 11, 1870, S. 93; E. Schmidel: Ausflug nach Carnuntum am 8. August 1880. Den Teilnehmern gewidmet von der Anthropologischen Gesellschaft in Wien. Hölder, Wien 1889, S. 3. Bis 1860 sollen auch noch ausgedehnte Mauerzüge sichtbar gewesen sein. Trotz dieser Erkenntnisse dauerte es 40 Jahre bis, 1896, ein neuer Befund durch die Centralcommission für Erforschung und Erhaltung der Kunst- und historischen Denkmale unter dem Archäologen Wilhelm Kubitschek (1858–1936) vorgenommen wurde, dieser jedoch infolge des rasch steigenden Wasserpegels wieder abgebrochen werden musste.Vgl. auch Carl Tragau: Die Befestigungsanlagen von Carnuntum. In: Archäologisch-Epigraphische Mitteilungen 20, 1897, S. 173–203, hier: S. 174; Wilhelm Kubitschek (1899), S. 1603; Maximilian von Groller-Mildensee: Topographie der Umgebung von Carnuntum. In: Der römische Limes in Österreich 1. Hölder, Wien 1900, S. 87; Carnuntum 1885–1910. Zum 25jährigen Bestande des Vereines „Carnuntum“, Wien 1911, S. 3.
20. Jahrhundert In den Jahren 1898 und 1900 setzte die Limeskommission der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften unter der Leitung von Oberst Maximilian von Groller-Mildensee die Untersuchungen fort.Maximilian von Groller-Mildensee: Topographie der Umgebung von Carnuntum. In: Der römische Limes in Österreich 1. Hölder, Wien 1900, S. 92; vgl. auch András Graf: Übersicht der antiken Geographie von Pannonien. Institut für Münzkunde und Archäologie der Peter-Pázmány-Universität, Budapest 1936, S. 81. Er fand die Fundstelle stellenweise im Schwemmsand versunken, von Wasser bedeckt und mit Bäumen überwuchert vor. Man konnte damals die Mauerreste jedoch bei sehr niedrigen Wasserstand gut ausmachenAnm: Am 4. Oktober 1898 lag der Spiegel auf 0,73 Meter, am 17. Oktober auf 0,53 Meter, d. s. 2,69 Meter bzw. 2,49 Meter unter dem Normalstand der Donau. und sie teilweise auch wieder vom Schwemmsand befreien. Der seichte Flussgrund, der bis gegen 30 Meter flussaufwärts sichtbar war, war mit Mauersteinen übersät, zusammenhängende Mauerzüge oder auch nur Spuren davon waren nicht mehr erkennbar. Die verbliebenen Mauerreste standen zum Teil im sandigen Flussgrund oder in der 1,50 bis zwei Meter hohen Uferböschung dessen Fläche sie noch leicht überragten. An der West und Nordwest-Seite waren sie von einer grabenartigen Vertiefung umgeben, in der ein Teil des Fundamentsockels und ein Teil der aufgehenden Mauer stand. An der Nordseite verschwand die Mauer wieder im Schwemmsand und war von Vegetation überwuchert. Im Innenbereich waren Mauerbruchstücke und Betonbrocken verstreut. Ob das Mauerwerk auf Piloten stand, konnte wegen immer wieder nachdrängenden Grundwassers nicht geklärt werden, es verhinderte auch weitere Nachgrabungen unter den Mauerbruchstücken im Flussbett. Das Fußbodenniveau konnte anhand von kurzen Betonstrichen in zwei Mauerecken festgestellt werden, es betrug 0,14 bis 0,34 Meter über den damaligen Normalwasserstand der Donau. Sie wären also schon bei geringen Hochwasser sofort überschwemmt worden, falls in römischer Zeit die Donau so nahe wie zur damaligen Zeit (1900) an dieser Anlage vorbeigeflossen wäre.
Auch die Umgebung des „Öden Schlosses“ (Auwälder) wurde an beiden Ufern des Rosskopfarmes auf einer Länge von einem bis zwei Kilometern nach Spuren einer Dammstraße, weiteren Befestigungsanlagen oder sonstigen Gebäude untersucht, gefunden wurde aber nichts dergleichen. Da bei anderen Lagern (wie z. B. beim Legionslager Aquincum mit Contra Aquincum) Gegenkastelle vorhanden waren, unterstützte Groller-Mildensee die Annahme, dass dies der Platz des Gegenkastells von Carnuntum gewesen sein muss.
Im Jahre 1957 konnte von Hans G. Walter etwa 110 Meter nordöstlich der Kastellruine einige Keramikscherben, Terra Sigillata, Knochen und Ziegelfragmente geborgen werden. Die Fundstelle lag in der Römerzeit am Südufer der Donau. Die Funde wurden dem Niederösterreichischen Landesmuseum übergeben.Hans G. Walter in: Fundberichte aus Österreich 7, Berichte 1956–1960. (1971), S. 112; vgl. auch Hans G. Walter: Römische Funde in Stopfenreuth. In: Pro Austria Romana 7, 1957, S. 23
21. Jahrhundert