Nation building (Nationenbildung) ist ein Begriff, der von amerikanischen Staatswissenschaftlern geprägt wurde, um die Vorgänge zu bezeichnen, die in einer Reihe ehemaliger Kolonien in der Dritten Welt abliefen, indem sie sich von ihren Mutterländern losrissen und sich als eigene Staaten etablierten. In der neueren norwegischen Geschichtsforschung wird dafür der Begriff „nasjonsbygging“ eingesetzt und auf die Entstehung Norwegens als Nation nach der Loslösung von Dänemark im Kieler Frieden angewendet.

Geschichte des Patriotismus in Norwegen bis 1814 Begriffliches Patriotismus Im 18. Jahrhundert wurde der Begriff des „Patriotismus“ in Dänemark-Norwegen in zwei Varianten gebraucht: Zum einen handelte es sich um die Verwirklichung einer allgemeinen staatsbürgerlichen Tugend, um das Zurückstellen des Eigeninteresses zu Gunsten des gemeinen Wohls. Daneben wurde „Patriotismus“ auch in dem Sinne gebraucht, dass es sich dabei um die Förderung des speziell Norwegischen handele. Der allgemeine Patriotismus war eine Tugend, die zur bürgerlichen Gesellschaft als solcher gehörte. Der „nationale Patriotismus“ befasste sich mit den allgemeinen gesellschaftlichen Interessen in ihrer spezifischen Ausformung in einem Teil der Gesellschaft, nämlich der Nation. Das Verhältnis zwischen dem allgemeinen Bürger-Patriotismus und dem besonderen Patriotismus im Hinblick auf die norwegische Nation bildete ein wichtiges Thema in der intellektuellen Elite von Dänemark-Norwegen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Im 18. Jahrhundert verfasste der Däne Tyge Rothe Schriften, in denen er die unverfälschte Moral und Freiheit der norwegischen Bauern besonders hervorhob. Sein Verständnis von Patriotismus bezog sich auf die Regierung. Er verfasste 1788 die Schrift Om nogle Danmarks og Norges Fordringer til hinanden; i Anledning af Kronprinsens Rejse til Norge. Darin untersuchte er erstmals gründlich das Verhältnis zwischen Norwegen und Dänemark und forderte, dass die beiden Reiche absolut gleichberechtigt im Gesamtstaat sein sollten. Dort schrieb er auch den Satz: „Das Vaterland lieben heißt die Regierung zu lieben, unter der man lebt.“

Der auf Vernunft gegründete Patriotismus des norwegischen Landrichters (Sorenskriver) Hans Arentz in seiner Schrift von 1787 Grund-Tegning af den fornuftige Norske Patriotism ist demgegenüber anders geartet. Arentz meint, dass der Patriotismus eine natürliche Eigenschaft des Menschen sei, die ohne staatliche Einwirkung entstehe; er verändere sich nicht dadurch, dass verschiedene Landschaften unter eine Regierung zusammengefasst würden. Also bleibe ein Norweger ein Norweger unabhängig von seiner staatlichen Zugehörigkeit. Das staatliche Band zwischen Norwegen und Dänemark führe nicht dazu, dass man Norweger und Dänen nicht auseinanderhalten könne, sowenig wie in Großbritannien die Schotten und die Engländer oder im Habsburgerreich die Österreicher, Böhmen und Ungarn. Da aber dieser Patriotismus sowohl eine Tugend als auch ein Laster sein könne, indem daraus Fremdenhass entstehen könne, forderte er, dass der Patriotismus durch die Vernunft gesteuert werden müsse. Der „vernünftige Patriotismus“ sei erst dadurch vernünftig, dass er mit staatsbürgerlichen Tugenden und Pflichten übereinstimme. Es gebe also einen allgemeinen Patriotismus in norwegischer und in dänischer Form. Der norwegische vernünftige Patriotismus beinhalte daher Treue gegenüber dem König, Wohlgesinntheit gegenüber der königlichen Familie, aufrichtige Sympathie gegenüber dem dänischen Volk, Förderung von allem, was das Wohl des Gesamtstaates fördert; gleichwohl bleibe das norwegische Vaterland das eigentliche und natürliche Ziel. Arentz war also keineswegs für separatistisches Gedankengut aufgeschlossen.

Nationalismus Im 18. Jahrhundert war der Begriff „Nationalismus“ noch ungebräuchlich, in Norwegen-Dänemark bis in die letzten Jahre überhaupt unbekannt. Der Dichter Jens Zetlitz wies es 1796 weit von sich, dass er einem „beleidigenden Nationalismus“ (fornærmende Nationalismus) verfallen sei und betonte, dass er sich davon völlig frei fühle. Dass sich gleichwohl aus dem Patriotismus innerhalb des Staates ein Nationalismus entwickelte, lag am Staatsgebilde selbst. Dänemark-Norwegen war ein Vielvölkerstaat: Die Oldenburger herrschten über Dänen, Norweger, Deutsche, Isländer, dazu kamen Samen, Eskimos, Afrikaner, Bewohner West-Indiens und Bengalen. Innerhalb dieses Gebildes nahm der Regierungssitz Dänemark eine Sonderrolle ein. Dies führte zum Konflikt über den deutschen Einfluss im Zusammenhang mit dem Gesetz zum Bürgerrecht vom 15. Januar 1776. Das Gesetz gab den eingeborenen Bewohnern Dänemarks, Norwegens und der Herzogtümer das alleinige Recht auf Zugang zu öffentlichen Ämtern. Aber es gab viele Deutsche innerhalb des Landes, die nun von allen Ämtern ausgeschlossen wurden. In den Herzogtümern waren sie sogar in der Mehrzahl. Die Staatsideologie war gleichwohl übernational, in erster Linie repräsentiert durch den allen gemeinsamen absolutistischen König, aber auch durch die allgemeine staatsbürgerliche Gesinnung. Eine besondere Ideologie für einen nationalen Patriotismus wäre ein Angriff auf die Ideologie einer gesamtstaatlichen Gesellschaft gewesen und damit letztendlich auf diesen Staat selbst. Die norwegischen Patrioten waren weit davon entfernt, separatistische Ideen zu entwickeln. Gleichwohl weckte die besondere Hinwendung zum speziell norwegischen Horizont in dänischen Kreisen entsprechende Befürchtungen. Aber die norwegischen Patrioten wollten nicht den Vielvölkerstaat verlassen, wollten aber innerhalb dieses Staates der dänischen Nation gleichgestellt werden.

So hatte der Nationalismus in Norwegen zwei Dimensionen: Eine horizontale und eingeführte Dimension, die auf der dänischen Sprache, Kultur und den über mehrere Jahrhunderte gewachsenen dänischen Staatsapparat zurückzuführen war, und eine schwächere vertikale Dimension, die auf das Volksleben, die Volkskultur, die eigene Vergangenheit der Vorzeit aufbaute. Die norwegischen Intellektuellen hatten aber am Ende des 18. Jahrhunderts noch nicht die Mittel, dem norwegischen Vaterland eine politisch-programmatische Form zu geben. In der neueren historischen Forschung wird dies als „Kulturnationalismus“ bezeichnet. Er trug vor 1800 noch keinerlei Tendenzen in sich, sich von Dänemark zu lösen. Im 19. Jahrhundert orientierten sich die norwegischen Nationalisten zunehmend an einem „eigentlichen und historischen Norwegischtum“ in einer inneren und mehr unberührten ethnisch-kulturellen Tradition, die auf einer im Volk verwurzelten Kulturgesellschaft aufbauen sollte.

Vaterland Allgemeine Erörterungen In seinem Buch Tanker om Kjærlighet til Fædernlandet definierte Tyge Rothe 1759 das Vaterland folgendermaßen: Vaterland war für ihn die bürgerliche Gesellschaft, die zu fördern eine moralische Tugend, eine Pflicht ist. Allerdings gestand er zu, dass es eine „Kraft“, einen Zug in den Menschen zu dem Ort, wo sie geboren sind, gebe, aber dies dürfe nicht zu einer allgemeinen Regel werden. Denn die Vaterlandsliebe dürfe nicht mit dem Wunsch des Einzelnen verwechselt werden, in der Stadt seiner Eltern zu leben. Zwar sprach man schon von Norwegen und Dänemark als von „Zwillingen“, aber es war offensichtlich, dass die Dänen Dänemark als Vaterland des Gesamtstaates betrachteten. Die Länder wurden von einem dänischen Königshaus regiert, von einer dänischen Kanzlei verwaltet und von einer dänischen Flotte verteidigt.

Der in Norwegen geborene Jurist Eiler Hagerup verfasste 1767 eine Schrift Brev om Kierlighed til Fædrenelandet, in der er die Vaterlandsliebe als Verbindung der Liebe zur bürgerlichen Gesellschaft mit der Liebe zum Geburtsland bezeichnet. Sein Text richtete sich gegen den dominierenden Einfluss der Deutschen unter der Regierung Struensee, wenn er anmahnte, dass man, wenn man sein Vaterland lieben solle, nicht das Gefühl vermittelt bekommen dürfe, man sei ein Fremder im eigenen Land, und kündigte so bereits die Redanisierung unter dem Nachfolger Guldberg an.

1788 verfasste Johan Nordahl Brun eine Preisschrift Fornuftig Kierlighet til Fædrenelandet (Vernünftige Vaterlandsliebe). Sie gewann den von „Det Nordiske Selskab i London“ ausgelobten Preis für die beste Arbeit über das Gebiet „Liebe zum Vaterland im Allgemeinen oder zu Dänemark und Norwegen im Besonderen“. Er band die Vaterlandsliebe nicht an den Geburtsort, sondern an den Ort der frühesten Prägung, also an den Ort, an dem man aufgewachsen ist, und wandte sich von der aufklärerisch rationalen Konstruktion der Vaterlandsliebe als Tugend ab. Auch der Richter und Schriftsteller Envold de Falsen hielt den Geburtsort nicht für einen wesentlichen Bestandteil des Vaterlandes. Er selbst war in Dänemark geboren, hatte aber sein Amt in Norwegen ausgeübt und war so Wahlnorweger geworden. Envold de Falsen fügte zwischen die Vernunft und das Gefühl als vermittelndes Zwischenglied die „Kultur“ ein. Denn dies sei der Ort der Entwicklung des Individuums.

Das spezifisch Norwegische Bald stellte sich die Frage, was denn das spezifisch Norwegische sei.