Der Landkreis Rotenburg (Wümme) ist ein ländlicher Landkreis in Niedersachsen am Südwestrand der Metropolregion Hamburg. Er liegt zwischen Hamburg und Bremen im Zentrum des Elbe-Weser-Dreiecks. Kreisstadt ist Rotenburg (Wümme).
Geographie Nachbarkreise Der Landkreis Rotenburg (Wümme) grenzt im Uhrzeigersinn im Nordwesten beginnend an die Landkreise Cuxhaven, Stade, Harburg, Heidekreis, Verden und Osterholz.
Naturräumliche Gegebenheiten Der nach seiner Flächenausdehnung viertgrößte Landkreis Niedersachsens liegt in der Stader Geest und lässt sich in verschiedene naturräumliche Bereiche gliedern. Beim nordwestlichen Teil handelt es sich um Geestbereiche, die sich nach Nordwesten bis weit in den Landkreis Cuxhaven fortsetzen. Östlich dieser Geestbereiche mit dem markanten Endmoränenwall der Lamstedter Endmoräne liegt eine von Ostendorf und Iselersheim über Fahrendorf und Karlshöfen bis westlich von Breddorf und Wilstedt verlaufende bis zu 15 km breite Niederung, die sich im benachbarten Landkreis Osterholz fortsetzt. Es handelt sich um die Oste-Hamme-Niederung, die im Volksmund als Teufelsmoor bezeichnet wird. Weite Teile dieser ehemaligen Hochmoorgebiete wurden in den letzten 200 Jahren systematisch kultiviert. Östlich einer Linie von Bremervörde über Sandbostel und Tarmstedt bis Sottrum schließt sich die bis zur östlichen Kreisgrenze ausgedehnte sogenannte Zevener Geest an. Ein markanter Teilbereich dieses Naturraumes ist das Ostetal. Südlich der Zevener Geest erstreckt sich der Naturraum Wümmeniederung, zu dem zahlreiche reizvolle Zuflüsse gehören. Im Raum Stemmen/Vahlde haben sich mehrere größere Hochmoorkomplexe wie das Tister Bauernmoor, das Ekelmoor und das Königsmoor gebildet. Südwestlich der Wümmeniederung schließt sich mit der Achim-Verdener Geest ein sandiger Geestbereich an, der in Richtung Ahausen/Kirchwalsede ein zunehmend schwachwelliges bis hügeliges Relief aufweist. In abflusslosen Mulden haben sich Hochmoore entwickelt, so z. B. das Große und Weiße Moor bei Kirchwalsede. Den südöstlichen Zipfel des Kreises im Bereich um Visselhövede prägt eine flachwellige Geest, die schon zum Naturraum Lüneburger Heide gehört. Etwa bei Visselhövede beginnt ein Endmoränenzug, der nach Nordosten auf Neuenkirchen zuläuft und beim Höllenberg südlich von Drögenbostel mit 93 m den höchsten Punkt des Kreisgebietes bildet.
Großstädtische Einzugsbereiche Der Landkreis ist zwar der Metropolregion Hamburg beigetreten, ebenso könnten aber große Teile des Kreisgebietes – insbesondere die Gemeinde Gnarrenburg, die Samtgemeinden Sottrum, Geestequelle und Tarmstedt – auch dem Einzugsbereich Bremens und Bremerhavens zugerechnet werden. Aus dem Süden des Kreisgebietes pendeln viele Einwohner in den Großraum Hannover. Insgesamt füllt der ländlich strukturierte Landkreis somit eine Mittlerfunktion zwischen den umliegenden Großstädten aus, insbesondere zwischen Hamburg und Bremen. Am 15. Dezember 2019 trat der Landkreis Rotenburg (Wümme) dem Tarifgebiet des Hamburger Verkehrsverbundes (HVV) bei.
Historische und institutionelle Einzugsbereiche Bezogen auf die historische Entwicklung gehört der Landkreis Rotenburg zum früheren Territorium Bremen-Verden, das sich über das Elbe-Weser-Dreieck erstreckte. Zu diesem gehören neben dem Landkreis Rotenburg (Wümme) die heutigen Landkreise Cuxhaven, Osterholz, Stade und Verden. Viele Einzugsbereiche kirchlicher, kultureller, gesellschaftlicher oder sozialer Institutionen wie Handelskammer, evangelischer Kirchensprengel, Landschaftsverband und andere orientieren sich bis heute an den Grenzen dieses historischen Gebietes. Das Territorium Bremen-Verden bildete später mit der Landdrostei Stade und dem Regierungsbezirk Stade eine Kontinuität. Letzterer ging 1978 im seit 2004 ebenfalls nicht mehr existierenden vergrößerten Regierungsbezirk Lüneburg auf.
Geschichte Urgeschichte Als früheste menschliche Spuren können die Artefakte von Minstedt 7 gelten, die aus dem frühen Mesolithikum stammen und auf ein Alter von etwa 9000 Jahren datiert wurden.
mini|Kreisgrenze nahe Ottingen Mittelalter und frühe Neuzeit Historisch bildete das Kreisgebiet den Kern des Erzstifts Bremen und des Hochstifts Verden. Nach der Reformation wurden beide Territorien zu weltlichen Herzogtümern, die zunächst dänisch, später schwedisch wurden. Diese Gebiete wurden gemeinsam als Territorium Bremen-Verden, zu dem die Hansestadt Bremen selbst nicht gehörte, von Stade aus verwaltet. Im Dreißigjährigen Krieg fanden im Bereich des heutigen Landkreises schwere Kämpfe zwischen schwedischen und kaiserlichen Truppen statt.
Zugehörigkeit zu Hannover und Preußen Zum 18. Jahrhundert hin ging das Gebiet im Kurfürstentum Braunschweig-Lüneburg (Kurhannover), dem späteren Königreich Hannover auf, wo es zu verschiedenen Ämtern der Landdrostei Stade gehörte. Lauenbrück gehörte zur ebenfalls hannoverschen Landdrostei Lüneburg. Nach der Annexion des Königreichs Hannover durch Preußen im Zuge des Deutschen Krieges 1867 wurde zum 1. April 1885 in der gesamten Provinz Hannover die preußische Kreisverfassung eingeführt. Auf dem heutigen Kreisgebiet wurden dabei die Kreise Bremervörde, Rotenburg in Hannover und Zeven gegründet. Auch nach Auflösung Preußens und Wiedergründung des Landes Hannover wurde die Verwaltungsstruktur beibehalten. Die eigentliche Industrialisierung Rotenburgs erfolgte erst im 20. Jahrhundert. 1929 wurde Rotenburg zur Stadt erhoben. Seit 1936 ist Rotenburg Garnisonsort.„Rotenburg damals und heute.“ Offizielle Website von Rotenburg-Wümme; abgerufen: 24. April 2024.
NS-Zeit Judenverfolgung und Zwangsarbeit Rotenburg a.d. Wümme besaß bis ins beginnende 20. Jahrhundert eine winzige jüdische Gemeinde. Erste Familien hatten sich nach 1750 hier niedergelassen. Im Jahre 1812 bildete sich eine Synagogengemeinde, die Familien aus dem gesamten Amtsbezirk Rotenburg (mit Scheeßel und Visselhövede) umfasste. Erst 1933 wurde das endgültige Ende der Rotenburger Gemeinde offiziell vollzogen. Der kleine jüdische Friedhof im Bereich „Rönnebrocksweg/Imkersfeld“, auf dem während des Krieges sowjetische Kriegsgefangene in einem Massengrab beerdigt worden waren, wurde 1947 wieder hergerichtet. Im Zweiten Weltkrieg war der Friedhof verwüstet und geschändet worden.„Rotenburg/Wümme (Niedersachsen)“, „Aus der Geschichte der jüdischen Gemeinden im deutschen Sprachraum.“; abgerufen: 24. April 2024„Kriegsgräber auf den Friedhöfen“, Website der Stadt Rothenburg (Wümme); abgerufen: 24. April 2024.
Auch die Bürger Rothenburgs nahmen unter dem NS-Regime aktiv an der Judenverfolgung teil. Betroffen waren z. B. die jüdischen Kaufleute Cohn. Der Schneidermeister Hermann Cohn und seine Frau Gertrud flohen nach den Novemberpogromen 1938, dem Boykott und der Enteignung ihres überregional bekannten Bekleidung-Kaufhauses, mit Generalvertretung der damals berühmten deutschen Bekleidungsfirma Bleyle, nach Berlin. Dort wurden Hermann und Gertrud mit Beginn des Zweiten Weltkriegs zunächst zu Zwangsarbeit verpflichtet. Im Februar 1943 deportierte man Gertrud mit dem 31. und Hermann mit dem 33. Osttransport ins KZ Auschwitz. Am 3. März wurden sie für tot erklärt. Andreas Speit, „Der alte Kohn war hier praktisch pleite - Wie der Rotenburger Heimatbund sich der Vertreibung der Juden erinnert“. die tageszeitung (taz), 2. Januar 2002; abgerufen: 24. April 2024. Paul Immermann, ein Mitarbeiter des Bekleidungsgeschäfts der Familie Cohn, wurde am 18. November 1941 zusammen mit den noch verbliebenen Juden der Region, u. a. Rudolf Moses aus Sottrum, von Bremen über Hamburg ins Ghetto Minsk deportiert und dort ermordet.Joachim Woock: „Die KZ-Züge aus anderen Landesteilen rollten auch durch den Landkreis Rotenburg“, Vortrag in der Cohn-Scheune, Rothenburg. 9. November 2021; abgerufen: 24. April 2024.„Die Familie Cohn“, Cohn-Scheune, Rothenburg (Wümme), jüdisches Museum und Kulturwerkstatt, 2005; abgerufen: 24. April 2024.
In der Gemeinde Sottrum wurden ebenfalls Juden verfolgt. Ein Beispiel waren Rudolf Moses und sein Cousin Albert Moses, die in der „Großen Straße“ als Schlachter bis 1933, geschätzt und anerkannt im Ort, lebten. Dem setzte die NS-Verfolgung ein Ende. Albert Moses gelang mit seiner Frau Ida Moses, geborene Schad, und den beiden Töchtern Ilse und Inge Anfang 1939 noch die Emigration in die USA. Rudolf Moses wurde im November 1941 ins Ghetto Minsk deportiert und dort Opfer des Holocaust.Claudia Koppert: Vortrag: Die Sottrumer Familie Moses in der Zeit des Nationalsozialismus. Cohn-Scheune, 8. Februar 2024; abgerufen: 24. April 2024.
Die KZ-Züge rollten regelmäßig durch den Landkreis Rotenburg (Wümme). Sie kamen hauptsächlich aus dem „Judendurchgangslager Westerbork“ in der Nähe von Groningen und führten über Bremen, Ottersberg, Rotenburg und Hamburg meistens nach Auschwitz oder ins Vernichtungslager Sobibor.Joachim Woock, 2021.
Die Verfolgungsgeschichte der Opfer des Nationalsozialismus wurde erst 1989 mit der Errichtung eines Mahnmals am Rathaus der Kreisstadt aufgearbeitet. Der Rotenburger Heimatbund dagegen hatte noch 2002 Probleme mit der Anerkennung der Verfolgung, weil er eine öffentliche Auseinandersetzung befürchtete und seine Mitglieder nicht verärgern wollte.Andreas Speit, 2002
Vom Einsatz von Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen des Zweiten Weltkriegs im Kreis Rothenburg (Wümme) zeugen verschiedene „Ehrengräber“ auf den Friedhöfen. In der Gräberanlage auf dem „Waldfriedhof Freudenthalstraße“ an der Soltauer Straße sind 342 KZ-Häftlinge bestattet, die überwiegend aus der KZ-Anlage Sandbostel stammten und bei ihrer Befreiung vom Nazi-Regime im Mai 1945 noch lebten, dann in das damalige Unterstedter Krankenhaus verlegt wurden, wo sie verstarben. Die meisten waren Russen, aber auch Polen, Franzosen, Letten, Ungarn, Niederländer, Belgier, Deutsche, Jugoslawen, Serben, Griechen, Littauer, Tschechen, Estländer, Slowene und Slawen befanden sich darunter.„Kriegsgräber auf den Friedhöfen“, Website der Stadt Rothenburg (Wümme); abgerufen: 24. April 2024.
Euthanasie