mini|Torhaus der Frankfurter Messe
Oswald Mathias Ungers (* 12. Juli 1926 in Kaisersesch; † 30. September 2007 in Köln) war ein deutscher Architekt und Architekturtheoretiker.
Leben Oswald Mathias Ungers war der Sohn des Postbeamten Anton Ungers und dessen Ehefrau Maria, geb. Michels. Er besuchte von 1932 bis 1945 die Grundschule und das Realgymnasium in Mayen. Kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde Ungers zum Militär eingezogen und bei Kriegsende gefangen genommen. Nach seiner Freilassung legte er 1946 am humanistischen Gymnasium (seit 1988: Megina-Gymnasium) das Abitur ab und studierte von 1947 bis 1950 an der Technischen Hochschule Karlsruhe bei Egon Eiermann Architektur. Nach erfolgreichem Abschluss als Diplom-Ingenieur im Jahr 1950 arbeitete er zunächst vier Jahre in Partnerschaft mit dem bereits vielbeschäftigten Architekten Helmut Goldschmidt zusammenKopie einer Bauakte der Stadt Köln (1954), bei dem er bereits als Student ein Praktikum in Mayen absolviert hatte. Aus dieser Zeit stammen 22 gemeinsam realisierte Bauten. Mit der Akquisition für die „Oberhausener Institute zur Erlangung der Hochschulreife“ im Jahr 1953/54 löst sich die Partnerschaft „Goldschmidt + Ungers“ auf und Ungers gründet sein eigenes Architekturbüro in Köln. Es folgen weitere in Berlin (1964), Frankfurt am Main (1974) und Karlsruhe (1983). Dreh- und Angelpunkt war und blieb jedoch das Büro in der Belvederestraße 60 in Köln-Müngersdorf, mit Karl-Lothar Dietzsch, der von 1953 bis zu seinem Tode während des Errichtung des Bonner Universitätsclubs am 26. Februar 1989 bei insgesamt 54 Projekten beteiligt war.Mitarbeit K.L. Dietzsch, im Werkverzeichnis
Ungers wurde 1963 als Nachfolger von Professor Hans Scharoun an die Technische Universität Berlin berufen und dort von 1965 bis 1967 Dekan der Fakultät für Architektur und gleichzeitig „Visiting Critic“ an der Cornell University in Ithaca im Bundesstaat New York. 1968 erfolgte die Übersiedlung mit der Familie in die USA als Folge der Studentenproteste in Berlin, als an der TU, anstelle des Fachs Entwerfen, die politisierte Debatte in den Mittelpunkt des Interesses rückte. 1969 wurde er Dekan (Chairman) der Architekturabteilung und lehrte bis 1975. Seine dortige Professur nahm er aber bis 1983 wahr. Zudem erhielt er Gastprofessuren an der Harvard University in Cambridge (1973 und 1978), der University of California in Los Angeles (UCLA) (1974–1975), der Hochschule für angewandte Kunst in Wien (1979–1980) und der Kunstakademie Düsseldorf (1986–1990). Ungers war u. a. Mitglied der Akademie der Künste (Berlin).
Ungers war in zweiter Ehe verheiratet mit der Diplom-Kauffrau Liselotte Ungers, geborene Gabler (1925–2010). Aus der Ehe gingen ein Sohn, Simon Ungers (1957–2006), der selbst erfolgreicher Architekt wurde, und die Töchter Sibylle (1960) sowie Sophia (1962) hervor.
Ungers starb im Alter von 81 Jahren an den Folgen einer Lungenentzündung. Er wurde am 11. Oktober 2007 auf dem Kölner Friedhof Melaten bestattet.
Wirken mini|Wohnblock Gernotstraße, Köln-Mauenheim, O.M. Ungers und Karl-Lothar Dietzsch (1959–61), Foto: Raimond Spekking (2025) Bereits die ersten klar gegliederten Bauten, meist Wohn- und Geschäftshäuser aus der Partnerschaft mit Helmut Goldschmidt zu Beginn der 1950er Jahre, dokumentieren, dass es Ungers um weit mehr ging als um Form, die angeblich der Funktion zu folgen hat. Beispielhaft steht dafür das eigene Wohnhaus, in Köln-Müngersdorf, das sich zu einer Ikone der Nachkriegsmoderne entwickelte. Es ging ihm um das Wesen(-tliche): „Inhalt und Form sind miteinander verknüpft, als Teile des ganzen Wesens eines Gebäudes“ (Louis Sullivan zu seinem 1895 fertiggestellten Prudential Building).Peter Riemann: Vom autonomen Rest, In: Der Architekt, Heft 3, 1990, Seiten 131–132 und ergänzt in Academia.edu, abgerufen am 29. November 2024 In dieser Suche nach Identität lassen sich die ersten Ansätze auf Ungers’ Anspruch nach einer autonomen Architektur erkennen, die ihn genau wie Aldo Rossi, später noch ausführlich beschäftigen sollte. Im Jahr 1960 verfasste er mit Reinhard Gieselmann ein ManifestGieselmann, Ungers: Zu einer neuen Architektur. 1960; Digitalisat (PDF) atelier-a3.de in dem es u. a. heißt:
mini|Wettbewerbsmodell Gymnasium in Bonn-Beuel (heute Kardinal-Frings-Gymnasium) Schlüssig folgte daraufhin das Wettbewerbsprojekt für das Erzbischöfliche Gymnasium in Bonn-Beuel (1961), das erkennbar mehr sein wollte, als eine Ansammlung von Klassenräumen. Ab 1963 entwickelte Ungers schrittweise seine Idee von der Großform, die er später weiter ausformulierte und als Konzept an der TU Berlin als Broschüre drucken ließ („Großformen im Wohnungsbau“, Veröffentlichungen zur Architektur (VzA 05), erste Auflage 1966). Zwischen dem „Manifest“ und den Bauvorhaben der „Neuen Stadt“ in Köln-Seeberg (1961–64) am Asternweg und dem Märkischen Viertel in Berlin-Wittenau (1962–67 und modernisiert von 2007 bis 2008) begann „für Ungers eine Phase der theoretischen Auseinandersetzung mit seiner entwerferischen Praxis. Er ist damit konfrontiert, dass er seine Vorhaben – in der Baupraxis wie in der Lehre – rechtfertigen muss“ und folgert: „Jede Wohnung und jedes Haus muss gleichzeitig außer nur Wohnung oder nur Haus für sich selbst zu sein an etwas Allgemeinen beteiligt werden: an einer Straße, an einem Platz, an einer Wand, einer Kette; sie können Turm, Tor, Sockel, Berg, Terrasse oder einen ganzen Komplex von Formulierungen bilden.“ mini|1. Preis Wettbewerb Berlin IV. Ring O.M. Ungers und K.-L. Dietzsch (1975) Mit Bezug zu Leon Battista Alberti entwickelte Ungers nun komplexe Gebäudekonfigurationen wie den ikonischen Entwurf einer kleinen Studentenstadt auf der grünen Wiese für die 1961 gegründete holländische TH Twente in Enschede (1964), die Ansammlung der Museen Preußischer Kulturbesitz in Berlin (1965) und die Anlage für die Deutsche Botschaft beim Heiligen Stuhl in Rom (1965). Parallel dazu behielt Ungers bei Projekten wie der Wohnbebauung am Rupenhorn (1965–70), der Wohnbebauung Ruhwald (1965–67) oder der Erweiterung des Flughafens Berlin-Tegel (1966) eine strikte Linearität bei, die mit dem Auftauchen von Rem Koolhaas als Mitarbeiter bei den Wettbewerben Landwehrkanal-Tiergartenviertel (1973) und IV. Ring, Berlin-Lichterfelde (1974) begann, sich ins leicht Surrealistische zu verschiebenLara Schrijver: Oswald Mathias Ungers and Rem Koolhaas: Recalibrating Architecture in the 1970s, transcript, 2020 (englisch), ISBN 978-3-8376-5759-3, unabhängig von seinen jeweiligen anderen Mitarbeitern. Bezeichnend dafür ist die Ausstellung City - Metaphors im Cooper Hewitt Museum of Design in New York City (1976–1977), in der sich Ungers neben seinen Ausstellungstafeln als Schattenbild des Magritte-Mannes beteiligte. Keines der genannten Wettbewerbsprojekte war erfolgreich, auch sein kristalliner Entwurf für das damalige Kölner Wallraf-Richartz Museum, (heute Museum Ludwig), als surrealer Kontrapunkt für die verschliffene Kölner Altstadt am Rhein blieb ebenso ungebaut, wie die Miniaturansammlung der Wohnhäuser an der Ritterstraße in Marburg. mini|Poster der Veranstaltungen zur Ersten Berliner Sommerakademie "Stadt" und "Villa" (1977) 1975, mit der Aufgabe seiner Position als Leiter der Architekturabteilung an der Cornell University und der Rückkehr aus den USA (ab 1976)Anmerkung: "Zurück in Deutschland, lebte die Familie auch kurzzeitig in Frankfurt am Main. (1976) und in Karlsruhe (1983)" in: "Ungers, Oswald Mathias", Frankfurter Personenlexikon 2022 und seiner dort, in der Phase des "Nichtbauens"Anmerkung: Seit der Wohnbebauung im Märkischen Viertel in Berlin-Wittenau (Projekt 29, 1967), bis zum Bau des Pumpwerks Berlin-Tiergarten (Projekt 55, 1978) konnte Ungers keines seiner vielen Projekte realisieren. (Auswertung aus: O.M. Ungers, Architektur 1951-1990, in: DVA, Stuttgart 1991, Seiten 243–247), entwickelten Theorien, entsteht eine Art zweites "Manifest"O.M. Ungers: Entwerfen mit Vorstellungsbildern, Metaphern und Analogien, in: Bauwelt, Heft 47/48, Seiten 312-317 (= "Stadtbauwelt" S 6, Seiten 1650-1655), mit Abbildungen der Projekte für Braunschweig und Marburg, das in der Sommerakademie in Berlin 1977 mit den beiden Themen The Urban Villa und The City in the City und im Vorlauf zur Internationalen Bauausstellung Berlin Gestalt annimmt. "Das Städtearchipel, das Berlin als Ausgangspunkt nimmt, sich aber als allgemeines Großstadt-Modell versteht, wendet sich gleichermaßen gegen eine beliebige Vielfalt und gegen eine essentialistische Einheit. Ziel der Reduktion ist nicht die Zurückführug auf Wesentliches oder die Ausrichtung an einem Ideal, sondern eine auf Mannigfaltigkeit beruhende Einheit". 1978 folgt, die zweite Berliner Sommerakademie mit The Urban Garden unter Beteiligung von Heinrich Klotz.
Mit dessen Unterstützung beim Projekt Ritterstrasse in Marburg gelang es Ungers als Architekt schrittweise in Deutschland Fuß zu fassen. Mit der Direktbeauftragung und Realisierung des Deutschen Architekturmuseums (1979–84) sowie zweier kleinerer Projekte in Berlin, Ende der 1970er Jahre, kam der Durchbruch und mit Großprojekten wie dem Messehaus 9 und der Galleria für die Messe Frankfurt (1980–83), dem Alfred-Wegener-Institut für Polarforschung in Bremen (1980–84) und dem Bau der Badischen Landesbibliothek in Karlsruhe,Oswald Mathias Ungers - Architektur 1951-1990, Seiten 242–250, DVA-Verlag, Stuttgart 1991, ISBN 3-421-03010-3 begann er Einfluss auf das Architekturgeschehen in Deutschland zu nehmen.
Wie kompliziert die Einordnung von Ungers ist, zeigte sich beim Bau seines Einfamilienhauses in Köln-Müngersdorf (1958-59). Ihm wurde vorgeworfen, ein Haus geschaffen zu haben, das zu „expressionistisch“ und skulptural/persönlich war. Ein innovativer Aspekt des Gebäudes, die „ehrliche“ Verwendung von unlackiertem und unbeschichtetem Sichtbeton und Klinkerziegel war einer der Gründe, warum das Gebäude als frühes Manifest des Brutalismus gewertet wurde. Aus diesem Grund nahm es Reyner Banham in seinem Buch über den Brutalismus auf (The New Brutalism, The Architectural Press, London 1966), was weder in Bezug auf die vermutete expressionistische Architektur noch auf den angedichteten Brutalismus als Stilmittel zutraf.