Josef Müllner, eigentlich Josef Franz Müllner (* 1. August 1879 in Baden bei Wien, Österreich-Ungarn; † 25. Dezember 1968 in Wien), war ein österreichischer Bildhauer und Medailleur neoklassizistischen Stils.
Leben und Wirken Kindheit und Jugend Josef Müllner wurde als zweites von vier Kindern des Kaufmannes Josef Müllner und seiner Gattin Maria (geborene Schimmer) am 1. August 1879 in Baden bei Wien geboren. Ein Jahr nach seiner Geburt übersiedelte die Familie nach Wien. Dort besuchte Müllner zwischen 1893 und 1895 die Staatsgewerbeschule.
Studium und frühe Jahre Nach einer erfolglosen ersten Bewerbung wurde Müllner 1896 von Edmund Hellmer an der Akademie der bildenden Künste aufgenommen. Hellmer war die prägende Figur in Müllners Studienzeit. In seinem letzten Jahr an der Akademie besuchte er die Meisterklasse von Caspar von Zumbusch. Bereits während des Studiums wurde er mit zahlreichen Auszeichnungen bedacht, darunter dem renommierten Staatsreisestipendium, das ihm, nach Abschluss seiner Studien im Jahr 1902, einen einjährigen Aufenthalt in Rom ermöglichte. Nach seiner Rückkehr nach Wien 1904 bezog er ein Gartenatelier in der Starhemberggasse. In der Zeit von 1905 bis 1915 – bevor sein Werk zunehmend politisch wurde – entstanden mehrere Auftragsarbeiten für den Industriellen Karl Wittgenstein. 1906 stellte er erstmals in der Secession aus und wurde im gleichen Jahr als Mitglied aufgenommen. 1911 verließ er die Secession und schloss sich der Künstlerhaus Vereinigung an.
Deutschnationale Politisierung und künstlerische Karriere 1915 entstand für den Militär Witwen und Waisenfonds, in Anlehnung an den Stock im Eisen, der Wehrmann in Eisen. Dies war die erste einer Vielzahl ähnlicher Aktionen, die darauf aufgrund des großen Erfolges während des Ersten Weltkriegs in den cisleithanischen Gebieten Österreich-Ungarns sowie dem Deutschen Reich umgesetzt wurden, um Spenden zu sammeln. Insgesamt sollen durch den Wehrmann in Eisen Spenden von 700.000 Kronen eingegangen sein. Anders als die meisten anderen ist der Wehrmann in Eisen noch heute erhalten und im öffentlichen Raum zu besichtigen. 1916 gewann Müllners Entwurf unter 150 Einreichungen den Bewerb für ein Gefallenendenkmal in Wien, welches jedoch unausgeführt blieb. Von diesem ursprünglichen Entwurf wurde nur der Kopf der zentralen überlebensgroßen Ganzkörperplastik als Studie ausgeführt, welcher als Siegfriedskopf bekannt wurde. Dieser wurde 1923 im Auftrag der antisemitischen Deutschen Studentenschaft als Gefallenendenkmal der Universität Wien in der Aula der Universität aufgestellt und war bis zu seiner Kontextualisierung und Verlegung in den Arkadenhof 2006 Treffpunkt rechtsradikaler Burschenschafter. 1923 wurde die zwei Jahre zuvor geschaffene Siegerstatue vor dem Theseustempel aufgestellt, zur Erinnerung an die Deutschen Kampfspiele, die als Reaktion auf den Ausschluss Deutschlands von den Olympischen Spielen 1920 ausgerichtet wurden. 1926 wurde das Ehrenmal für den antisemitischen christlich-sozialen Bürgermeister Wiens Karl Lueger errichtet, nach bereits zwischen 1913 und 1916 gefertigten Plänen. 1934 stellte Müllner bei der ersten nationalen Beteiligung Österreichs an der Biennale di Venezia zwei Brunnen aus. 1936 nahm Müllner am Bildhauerei Wettbewerb der Olympischen Spiele in Berlin teil, für die er im Vorfeld ein Reiterstandbild fertigte.
Müllner war „Ehrenbursche“ der der deutsch-nationalen Verbindung Deutscher Kunstakademiker Athenaia, einer Hauskorporation an der Akademie der bildenden Künste in Wien, der er bis zu ihrer Auflösung als Alter Herr angehörte. Der damalige Rektor der Akademie Alexander Popp würdigte die Verbindung in seiner Rede zum 250-jährigen Bestehen der Akademie als „Keimzelle der nationalsozialistischen Bewegung“. Drei Tage nach dem sogenannten Anschluss Österreichs unterzeichnete Müllner einen Diensteid an Hitler. Im November 1938 wurde Müllner eingeladen dem Reichskultursenat beizutreten, was er aus Zeitgründen und, wie er selbst betonte, nicht aus mangelndem Idealismus ablehnte. Er wolle hingegen durch seine Hände Arbeit „zur Verherrlichung der nationalsozialistischen Idee“ beitragen. 1940 trat Müllner in die NSDAP ein. Im gleichen Jahr schuf er, einem Staatsauftrag folgend, aus Laaser Marmor eine Hitler-Büste. 1944 wurde er in die Gottbegnadeten-Liste des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda aufgenommen.Müllner, Josef. In: Theodor Kellenter: Die Gottbegnadeten : Hitlers Liste unersetzbarer Künstler. Arndt, Kiel 2020, ISBN 978-3-88741-290-6, S. 108f. Außerdem gehörte Müllner dem NS-Dozentenbund, dem NS-Altherrenbund und dem Reichsluftschutzbund an. Müllner und seine Werke, insbesondere der Siegfriedskopf und das Karl-Lueger-Ehrenmal sind heute wegen seiner Unterstützung des Nationalsozialismus stark umstritten.
Akademische Karriere Bereits 1910 wurde Müllner Professor an der Akademie der bildenden Künste Wien und 1922 Leiter der Meisterschule für Bildhauerei.Hans Vollmer (Hrsg.): Allgemeines Lexikon der bildended Künstler von der Antike bis zur Gegenwart. Begründet von Ulrich Thieme und Felix Becker (Band 25). E.A. Seemann, Leipzig 1931. In den Studienjahren 1922/23, 1928/29, 1929/30 und 1936/37 war Müllner Prorektor der Akademie und in den Studienjahren 1926/27 und 1927/28 ihr Rektor. Zwischen Juli 1943 und Juni 1944 füllte er diese Funktion effektiv erneut aus, als er als „dienstältestes Mitglied im Professorenkollegium“ die Vertretung des erkrankten Rektors Alexander Popp übernahm. Nach Beendigung des Studienjahrganges 1947/48 trat er nach 38 Jahren Lehrtätigkeit unter Monarchie, Erster Republik, austrofaschistischem Ständestaat, NS-Diktatur und Zweiter Republik in den Ruhestand. Zu seinen Schülern zählten eine Vielzahl der einflussreichsten Bildhauer des NS-Regimes, darunter die NS-Größen Josef Thorak, Gustinus Ambrosi und Robert Ullmann, sowie Franz Barwig der Jüngere, Alfred Crepaz, Emmerich Kerle, Albin Lanner, Hans Plangger, Walter Pochlatko, Robert Propf, Alfons Riedel, Josef Franz Riedl und Rudolf Schmidt. Weitere wichtige Schüler Müllners waren Heinz Leinfellner, József Árpád Murmann und Walter Ritter.
Krankheit und Tod Müllner erlitt 1967 einen Gehirnschlag. Er konnte seither nicht mehr künstlerisch arbeiten und wurde von seiner Nichte gepflegt. Müllner starb am 26. Dezember 1968 an Herzversagen. Er wurde am 3. Januar 1969 auf dem Wiener Zentralfriedhof bestattet.
Werke (Auswahl) Über 140 Werke Müllners sind bekannt. 1903: Sandsteingruppe Heilige Familie, Herz-Jesu Kloster, Wien 1908/10: Nackter Reiter, Bronze, Kurpark, Baden bei Wien 1910: Schubertbrunnen, Marmor, Schubertmuseum (Schuberts Geburtshaus), Wien 1913: Bronzegruppe Scherzo, Modenapark (ursprünglich im Arenbergpark), Wien 1913–16/26: Ehrenmal Früchte bringe das Leben dem Manne für Karl Lueger, Dr.-Karl-Lueger-Platz, Wien 1915: Wehrmann in Eisen, Holz, Felderstraße Wien (früher im Deutschmeistermuseum, ursprünglich auf dem Schwarzenbergplatz), Wien 1915: Zwei Statuetten Wiener Wehrmann, Zinn, Heeresgeschichtliches Museum, Wien 1917: Medaille Jubiläum der Akademie, Zinn, zum 225-jährigen Bestehen der Akademie der bildenden Künste, Wien 1917/35: Kriegerdenkmal, Zalabar 1921: Marmorrelief Ernst Fuchs, Arkadenhof der Universität Wien (ursprünglich im AKH), Wien 1922: Siegerstatue, bezeichnet „der Kraft und Schönheit unserer Jugend“, vor dem Theseustempel, Wien 1922/23: Heldendenkmal für die im Ersten Weltkrieg gefallenen Studierenden der Wiener Universität „Siegfriedskopf“, Marmor, Arkadenhof der Universität Wien (ursprünglich in der Aula der Universität Wien), Wien 1923: Heldendenkmal, Kalkstein und Bronze, Großhollenstein a. d. Ybbs 1925: Heldendenkmal für die gefallenen Kunstakademiker, Aula der Akademie der bildenden Künste, Wien 1929: Kriegerdenkmal, Kalkstein, Wittau 1930: Verdienstmedaille der Akademie, Bronze, für die Akademie der bildenden Künste, Wien 1931: Marmorrelief Edmund Hellmer zum 80. Geburtstag, Bildhauergebäude der Akademie der bildenden Künste, Wien 1931: Rotary-Medaille, Bronze, Baden bei Wien 1935: Gefallenendenkmal, Baden bei Wien 1935: Reiterstandbild, Bleiguß, für die Olympischen Spiele, Staatliche Museen Berlin, Berlin 1938: Hansi Niese Denkmal, vor dem Volkstheater, Wien 1940: Hitlerbüste, Bronze, Aula der Wiener Akademie der Bildenden Künste, Wien 1942: Relief Polizeipräsident Steinhäusel, Bronze, für die Polizeischule Marokkanerkaserne, Wien 1942: Akademie 1692 - 1942, Steinrelief zum 250-jährigen Bestehen der Wiener Akademie der bildenden Künste, Wien 1942: Mozartbüste, Bronze, Mozarthaus Domgasse, Wien 1942: Monumentalherme Die Kunst, Bronze, Wien Museum, Wien 1943: Ehrenmedaille des Wiener Künstlerhauses, Bronze, Wien 1943: Melodie aus Wien, Marmor, Wien (1945 zerstört) 1951: Herme Prof. Wagner-Jauregg, Marmor, Universität Wien, Wien 1958: Fünf Kunstallegorien, Rollettmuseum, Baden bei Wien 1961: Mozartbüste II, Bronze, Mozarttempel, Baden bei Wien
Ehrungen 1899: Goldene Fügermedaille 1900: Gundelpreis 1901: Hofpreis, verbunden mit dem Franz Josefs-Goldstipendium 1902: Dumba-Preis 1903: Staatsreisestipendium „Rompreis“ 1906: Reichelkünstlerpreis 1926: Großes silbernes Ehrenzeichen der Republik Österreich 1928: Staatspreis der Republik Österreich 1930: Staatspreis und Ehrenkreuz der Republik Österreich 1936: Ehrenzeichen der Universität Wien 1941: Preis der Stadt Wien für die Genossenschaft der bildenden Künstler Wiens 1942: Silbernes Treuedienst-Ehrenzeichen der Akademie der bildenden Künste 1943: Raphael Donner-Preis der Stadt Wien 1944: Große goldene Medaille der Künstlergenossenschaft Künstlerhaus 1948: Ehrenmitglied der Wiener Akademie der bildenden Künste (aberkannt 2023) 1949: Goldener Lorbeer der Künstlergenossenschaft Künstlerhaus 1949: Ehrenbürger der Stadt Wien 1949: Ehrenbürger der Stadt Baden 1949: Ehrenmitgliedschaft der Künstlergenossenschaft Künstlerhaus 1983: Josef-Müllner-Straße in Baden bei Wien Josef-Müllner-Gasse in Königstetten
Galerie
Literatur Julius Böheimer: Straßen & Gassen in Baden bei Wien. Lexikon der Straßen, Gassen, Plätze, Wege, Stege, Brücken. Grasl, Baden 1997, ISBN 3-85098-236-X. Ilse Krumpöck: Die Bildwerke im Heeresgeschichtlichen Museum. Wien 2004, S. 125–126. Walter Perko: Der akademische Bildhauer Josef Müllner (1879–1968) (= Katalogblätter des Rollettmuseums Baden, Band 16). Rollettmuseum, Baden 1998, ISBN 3-901951-16-4 (online).
Weblinks
Lokales. Der Schöpfer des Luegerdenkmales ein Badener. In: Badener Zeitung. 13. Oktober 1926, S. 1. Österreichische Nationalbibliothek, 2011. Auf anno.onb.ac.at. Der Nachlass des Badener Bildhauers Josef Müllner (1879–1968). (PDF; 153 kB) auf badenonline.at.
Einzelnachweise
Kategorie:Bildhauer (Wien) Kategorie:Medailleur Kategorie:Bildende Kunst (Nationalsozialismus) Kategorie:Bildung und Erziehung im Nationalsozialismus Kategorie:Hochschullehrer (Akademie der bildenden Künste Wien) Kategorie:NSDAP-Mitglied Kategorie:Burschenschafter (20. Jahrhundert) Kategorie:Ehrenmitglied einer Studentenverbindung Kategorie:Ehrenbürger von Baden (Niederösterreich) Kategorie:Ehrenbürger von Wien Kategorie:Träger des Silbernen Ehrenzeichens für Verdienste um die Republik Österreich (1922) Kategorie:Teilnehmer einer Biennale di Venezia Kategorie:Österreicher Kategorie:Geboren 1879 Kategorie:Gestorben 1968 Kategorie:Mann