miniatur|hochkant|Gastgeber der Konferenz von Guadeloupe Präsident Valéry Giscard d’Estaing Die Konferenz von Guadeloupe fand vom 4. Januar bis 7. Januar 1979 auf Einladung des französischen Präsidenten Valéry Giscard d’Estaing in Guadeloupe statt. Die Konferenz wurde als informelles Treffen nach dem G7-Gipfel in Bonn von 1978 und zur Vorbereitung des G7-Gipfels in Tokio im Juli 1979 deklariert, um Fragen der internationalen Sicherheit und der Sicherung der Energieversorgung zu diskutieren. Neben der raschen Ratifizierung des SALT-II-Abkommens, dem Verkauf britischer Harrier-Kampfflugzeuge an die Volksrepublik China und der Stationierung von Raketen in Europa war die „Krise im Iran“ eine der bedeutendsten sicherheitspolitischen Fragen, die auf der Konferenz diskutiert wurden. Es sollte entschieden werden, ob der Westen Schah Mohammad Reza Pahlavi weiter unterstützen würde, oder ob man das Gespräch mit seinem politischen Gegner, dem Ajatollah Ruhollah Chomeini, suchen sollte. An der Konferenz nahmen neben dem Gastgeber Valéry Giscard d’Estaing aus Frankreich, Präsident Jimmy Carter aus den USA, Premierminister James Callaghan aus Großbritannien und Bundeskanzler Helmut Schmidt aus Deutschland teil. Auf der Konferenz wurden keine offiziellen Beschlüsse gefasst. Der französische Präsident Valéry Giscard d’Estaing wurde beauftragt, den Kontakt zu Chomeini herzustellen und die Frage eines möglichen Regierungswechsels zu erörtern.

Die Lage im Iran miniatur|Präsident Jimmy Carter und Bundeskanzler Helmut Schmidt Das ganze Jahr 1978 war es im Iran zu Demonstrationen und Streiks gekommen. Am 5. November 1978 stand Teheran in Flammen. Verwaltungsgebäude ausländischer Firmen, Kinos, Läden, in denen Alkoholika verkauft wurden, Busse, Autos und vor allem Bankgebäude waren von oppositionellen Gruppen attackiert worden. Nahezu 400 Bankfilialen wurden an diesem Tag in Brand gesetzt.S. 472. Die Regierung der nationalen Versöhnung von Premierminister Dschafar Scharif-Emami, die erst am 27. August 1978 ihre Arbeit aufgenommen hatte, war mit ihrer Politik der Zugeständnisse an die Opposition vollständig gescheitert. Am 6. November 1978 trat Premierminister Scharif-Emami zurück und wurde durch eine Militärregierung unter Führung von General Gholam Reza Azhari ersetzt.

Chomeini im französischen Exil Zur Leitfigur der Oppositionsbewegung war der aus dem langjährigen irakischen Exil am 6. Oktober 1978 nach Neauphle-le-Château in die Nähe von Paris abgeschobene Ajatollah Ruhollah Chomeini geworden. Chomeini formte in Paris einen Schulterschluss zwischen Teilen der Geistlichkeit, der linksintellektuellen Opposition sowie den marxistisch-leninistischen und maoistischen Gruppierungen, deren gemeinsames Ziel der Sturz des Schahs war.

Der französische Präsident Valéry Giscard d’Estaing war der Überzeugung, dass der Schah Mohammad Reza Pahlavi nur noch wenig Unterstützung aus der iranischen Bevölkerung erhielt. Der französische Botschafter hatte Berichte nach Paris gesandt, dass sich die durch Streiks, Demonstrationen und teilweise gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Sicherheitskräften und Opposition gelähmte Wirtschaft erst wieder erholen würde, wenn der Schah den Iran verließe und Chomeini aus seinem Pariser Exil in den Iran zurückkehren würde. Bis zur Ankunft Chomeinis in Paris am 6. Oktober 1978 war man in der französischen Regierung nicht wirklich darüber informiert, wer Chomeini war, welche Rolle er in den anhaltenden Streiks und Demonstrationen im Iran spielte, und was seine politischen Absichten waren. Der französische Präsident hatte Chomeini bei seiner Einreise gewarnt und eindeutig klargemacht, dass sein Aufenthalt in Frankreich mit der Verpflichtung verbunden sei, nicht zu Gewaltakten im Iran aufzurufen. Dieses eindeutige Verbot hatte Chomeini allerdings von Anfang an missachtet: Laut Informationen, die dem französischen Präsidenten vorlagen, hatte Chomeini Kassetten in den Iran gesandt, in denen zur Ermordung des Schahs aufgerufen wurde.S. 591.

miniatur|Präsident Jimmy Carter und Premierminister James Callaghan Daraufhin hatte Giscard d’Estaing seinen Innenminister Christian Bonnet angewiesen, Chomeini nach Algerien auszuweisen. Auf Anfrage der französischen Regierung erklärte Mohammad Reza Schah: „Die Ausweisung Chomeinis ist eine rein französische Angelegenheit; Iran hat mit dieser Entscheidung nichts zu tun“, woraufhin Giscard d’Estaing die Ausweisung stoppte, da er das damit verbundene politische Risiko nicht alleine tragen wollte. Um sich ein genaues Bild über die Lage im Iran zu machen, entsandte der französische Präsident den Sonderbeauftragten Michel Poniatowski nach Teheran. Poniatowski traf am 27. Dezember 1978 Mohammad Reza Schah und berichtete später in Paris, dass der Monarch am Ende sei, krank, hilflos, allein und fest entschlossen, seine Armee unter keinen Umständen auf Iraner schießen zu lassen.

Präsident Giscard d’Estaing machte die USA für die angespannte Lage im Iran mit verantwortlich. Die USA hatten in den letzten Jahrzehnten die Beziehungen zwischen dem Iran und der westlichen Welt dominiert und hatten nach Meinung des französischen Präsidenten eine besondere Verantwortung für die politische Stabilität Irans übernommen. Nach den Informationen, die dem französischen Präsidenten vorlagen, distanzierten sichVgl. auch Natalie Amiri: Zwischen den Welten. Von Macht und Ohnmacht im Iran. Aufbau, Berlin 2021, ISBN 978-3-351-03880-9; Taschenbuchausgabe ebenda 2022, ISBN 978-3-7466-4030-3, S. 23. sowohl der amerikanische Botschafter als auch nahezu alle anderen Einrichtungen der amerikanischen Regierung, die im Iran tätig waren, vom Schah und schienen eine neue „politische Lösung“ anzustreben, ohne dass es bisher gelungen wäre, dafür „den richtigen Mann zu finden“.S. 592.

Auch im Irak, dem direkten Nachbarland des Iran, in dem eine große Anzahl an Schiiten beheimatet ist, war man über die politische Entwicklung im Nachbarland beunruhigt. Der Staatschef des Iraks, Saddam Hussein, der eigentlich als politischer Gegner des Schahs bekannt war, hatte sich bei der französischen Regierung dafür verwandt, dass es für seine Zwecke förderlich sei, den Schah im Iran zu halten.S. 224.

„Denken wir das Undenkbare“ Im völligen Gegensatz zur früheren Einschätzung der Lage im Iran hatte der Botschafter der USA im Iran William H. Sullivan am 9. November 1978 ein Telegramm mit dem Titel Thinking the Unthinkable (‚das Undenkbare denken‘) nach Washington gesandt. Sullivan ging in seiner Lagebeurteilung von zwei Gruppierungen aus, die den Ausgang der revolutionären Situation beeinflussen würden: die Geistlichkeit und das Militär. Geistlichkeit und Militär waren beide antikommunistisch eingestellt. Wenn es gelänge, das Militär und die Geistlichkeit zur Zusammenarbeit zu bewegen, könnte Chomeini in den Iran zurückkehren und eine ähnliche Rolle wie seinerzeit Mahatma Gandhi in Indien spielen. Chomeini würde einen Politiker der bürgerlichen Opposition als Premierminister vorschlagen, der auch vom Militär akzeptiert werden könnte. Moderate politische Kräfte würden dann die Wahl einer verfassungsgebenden Versammlung organisieren und eine neue Verfassung für den Iran ausarbeiten, die die nichtkommunistischen, nicht-fundamental-islamistischen und pro-westlichen Kräfte stärken würde.S. 82. Auf der Grundlage dieser Überlegungen hatten Mitarbeiter der US-Botschaft Kontakte mit Führern der Opposition, unter anderem mit Ajatollah Mohammad Beheschti, dem Vertreter Chomeinis in Teheran, aufgenommen. Erste Abstimmungsgespräche zwischen der amerikanischen Botschaft und der Opposition über das weitere Vorgehen waren aus Sicht des US-Botschafters Sullivan vielversprechend verlaufen.S. 132.

Der Arbeitsstab Iran des Auswärtigen Amtes war der Ansicht, dass die Lage im Iran weiter unklar sei und dass es zu Ausschreitungen gegen Ausländer, auch gegen die 13.000 deutschen Staatsangehörigen, die sich derzeit im Iran befänden, kommen könne. Der Arbeitsstab bat daher am 1. Dezember 1978 die Luftwaffe, vorbereitende Überlegungen anzustellen, wie bei einer plötzlichen Verschärfung der Lage die vielen Deutschen ausgeflogen werden könnten.S. 43.

Einen Tag vor der Konferenz, am 3. Januar 1979, berief Präsident Carter den Nationalen Sicherheitsrat ein. Alle Anwesenden waren der Meinung, dass der Schah „irreparabel beschädigt“S. 140 f. sei. Vor dem Abflug nach Guadeloupe betonte Zbigniew Brzeziński, der Sicherheitsberater von Präsident Carter, vor der Weltpresse, dass die USA Mohammad Reza Schah voll unterstützen würden. Was das im Einzelnen bedeuten würde, ließ er offen. Man wollte sich in Guadeloupe zunächst mit Frankreich, Großbritannien und Deutschland abstimmen, wie die Krise im Iran beendet werden könnte:

Präsident Jimmy Carter hatte noch vor Beginn der Konferenz ein Telegramm an Mohammad Reza Schah gesandt, dass die USA die Regierung Bachtiar unterstützen würden, und dass Mohammad Reza Schah in den USA als Gast willkommen sei, wenn er den Iran für unbestimmte Zeit verlassen wolle. Die erforderlichen Sicherheitsmaßnahmen würden von Seiten der US-Regierung bereitgestellt. Präsident Jimmy Carter bat den Schah, dass er darauf hinwirken möge, dass die führenden iranischen Militärs im Lande blieben, wenn er das Land denn verließe.

Am 4. Januar 1979, dem Tag an dem die Konferenzteilnehmer in Guadeloupe anreisten, hatte Präsident Carter General Robert E. Huyser nach Teheran entsandt, um mit den führenden Militärs der iranischen Streitkräfte Kontakt aufzunehmen. Die Hauptaufgabe Huysers war zweigeteilt:

Die Generäle der iranischen Streitkräfte sollten davon abgehalten werden, das Land zu verlassen, wenn Mohammad Reza Schah ins Ausland ginge. Die Generäle sollten den designierten Premierminister Schapur Bachtiar nach besten Kräften unterstützen.

Der deutsche Botschafter im Iran, Gerhard Ritzel, bewertete am 4. Januar 1979 die Aussichten der Bildung einer zivilen Regierung unter dem designierten Premierminister Schapur Bachtiar wie folgt:

Die Konferenz miniatur|Gastgeber Valéry Giscard d’Estaing, Präsident Jimmy Carter, Premierminister James Callaghan und Bundeskanzler Helmut Schmidt in einer Konferenzpause Zum offiziellen Beginn der Konferenz, am 5. Januar 1979, führte Präsident Carter mit einem allgemeinen Tour d’Horizon insbesondere über die letzten Entwicklungen im Verhältnis zur Volksrepublik China in die weltpolitische Lage ein. Am Nachmittag desselben Tages lag der Schwerpunkt der Diskussion auf den Strategic Arms Limitation Talks (SALT II und SALT III).S. 12 ff.

Erste Einschätzungen zur Lage im Iran Am folgenden Tag wurde zunächst die Diskussion über die SALT II und SALT III vom Vortag fortgesetzt. Anschließend folgte das Thema „Iran“, wobei man sich zunächst über eine gemeinsame Beurteilung der Lage im Iran verständigen musste. Bundeskanzler Helmut Schmidt berichtete über das Engagement der deutschen Wirtschaft im Iran. Er befürchtete durch die Ereignisse im Iran Verluste, die die Bundesrepublik letztlich jedoch verkraften könne.S. 24. Präsident Carter, der dem Schah zunächst zu einer Militärregierung geraten hatte, war nach dem Scheitern dieser Regierung unter Führung von General Gholam Reza Azhari der Meinung, dass der Schah „nicht zu halten sei“. Präsident Carter ging es jetzt nicht mehr darum, wie man den Schah retten könnte, sondern vielmehr, wie es im Iran nach dem Schah weitergehen sollte. Präsident Valéry Giscard d’Estaing schrieb über die Diskussion in Guadeloupe in seinem Buch Le Pouvoir et La Vie:

Präsident Carter hatte mit seiner Entscheidung, den Schah nicht weiter zu unterstützen, die in Guadeloupe versammelten Staatschefs vor vollendete Tatsachen gestellt. Präsident Valéry Giscard d’Estaing war zu der Konferenz mit einer völlig anderen Einschätzung als Präsident Carter angereist: