Ramanuja (Devanagari: रामानुज, Rāmānuja; * vermutlich um 1050 in Sriperumbudur im heutigen Bundesstaat Tamil Nadu; † wohl 1137 in Srirangam) war ein indischer Philosoph und religiöser Lehrer des Hinduismus. Ramanuja gilt als einer der bedeutendsten Vertreter der Tradition des Sri-Vaishnavismus im Hinduismus. Er war der Begründer der Vishishtadvaita-Lehre, eines „modifizierten“ bzw. eingeschränkten Monismus, und gilt als zentraler Lehrer der Sri-Vaishnava-Tradition. Diese Auffassung stellte er dem radikalen Monismus des Advaita Vedanta („Vedanta des Nicht-Dualismus“) entgegen. Damit schuf er die theoretische Grundlage für eine theistische Weltanschauung, die den Konsequenzen des radikalen Monismus entgeht, ohne dabei den Monismus zugunsten einer dualistischen Weltsicht aufzugeben.

Quellen Von den zahlreichen Lebensbeschreibungen Ramanujas, die nach seinem Tod entstanden, stammen zwei angeblich von Zeitgenossen. Die älteste erhaltene Biographie, die zuverlässig datierbar ist, wurde jedoch erst mehr als ein Jahrhundert nach seinem Tod geschrieben. Die Biographen waren bestrebt, Ramanujas Heiligkeit zu demonstrieren. Eine Trennung des legendenhaft-hagiographischen Materials von historischen Fakten ist unter diesen Umständen schwierig.

Leben Ramanuja stammte aus einer Brahmanenfamilie, gehörte also der obersten Kaste an. Den überlieferten Angaben zufolge wurde er im Jahr 1017 geboren und starb 1137. Diese Chronologie, wonach er ein Alter von rund 120 Jahren erreicht hätte, macht einen legendenhaften Eindruck. Daher wird in der Forschung vermutet, dass seine Geburt mehrere Jahrzehnte später anzusetzen ist. Auch das überlieferte Todesjahr ist angezweifelt worden.Zur Chronologie siehe Eric J. Lott: God and the Universe in the Vedāntic Theology of Rāmānuja, Madras 1976, S. 12, 171; John Braisted Carman: The Theology of Rāmānuja, New Haven 1974, S. 27.

Seine erste Ausbildung erhielt Ramanuja bei dem Vedanta-Lehrer Yadavaprakasha. Nach Meinungsverschiedenheiten über die Interpretation des Vedanta trennte er sich jedoch von ihm.Siehe dazu Gerhard Oberhammer: Yādavaprakāśa, der vergessene Lehrer Rāmānujas, Wien 1997, S. 9 f., 100 f.; John Braisted Carman: The Theology of Rāmānuja, New Haven 1974, S. 28 f. Er gehörte zur Gemeinschaft der Vaishnavas, der Verehrer des Gottes Vishnu, die diesen Gott nicht als einen unter anderen, sondern als höchstes Wesen betrachten (Vishnuismus). Die Vaishnavas legen traditionell großen Wert auf ihre Behauptung, es gebe eine ununterbrochene Kette von Meistern, von denen jeder die Lehre, die er von seinem eigenen Meister empfing, unverfälscht an seine Schüler weitergab. Ramanuja gilt als der letzte von drei besonders prominenten und verehrten Acharyas (religiösen Lehrern, Meistern). Der erste war Nathamuni (10. Jahrhundert), der zweite sein Enkel Yamuna (10./11. Jahrhundert). Ramanuja soll Yamuna nicht begegnet sein, aber von fünf Schülern Yamunas Unterweisung empfangen haben. Jeder der fünf führte ihn in einen besonderen Aspekt der Lehre Yamunas ein. Der Überlieferung zufolge wurde Ramanuja von einem seiner fünf Lehrmeister in ein religiöses Geheimnis eingeweiht, nachdem er geschworen hatte, es nicht zu enthüllen. Am folgenden Tag bestieg er aber einen Tempelturm (nach einer anderen Version begab er sich auf einen Balkon des Tempels) und enthüllte das Geheimnis den versammelten Gläubigen mit lauter Stimme. Vom Meister zur Rede gestellt bekannte er, dass er damit ungehorsam gewesen war. Er sagte, er wisse, dass ihm deswegen die Hölle drohe, aber die Gläubigen würden (durch ihre Teilhabe an dem Geheimnis) mit dem Lehrer verbunden und damit erlöst werden, und dafür nehme er das Opfer auf sich. Davon war Ramanujas Lehrer so beeindruckt, dass er ihn daraufhin als echten Meister anerkannte, dem er selbst, der Lehrer, unterlegen sei.John Braisted Carman: The Theology of Rāmānuja, New Haven 1974, S. 39–41. So erlangte Ramanuja das Ansehen, das ihm die Führung der Vaishnava-Gemeinschaft verschaffte.

In dieser Erzählung spiegelt sich der Übergang von einer exklusiven, auf Geheimhaltung bedachten spirituellen Schule, deren Lehrinhalte nur nach eingehender Vorbereitung an einzelne Schüler weitergegeben wurden, zu einer offenen Religionsgemeinschaft, deren Lehren universal verkündet wurden und deren Praxis der volkstümliche Vishnu-Kult war. Neben dieser Öffnung zur Öffentlichkeit hin hielt Ramanuja aber auch streng am Prinzip eines persönlichen Meister-Schüler-Verhältnisses fest. Er legitimierte sich als Lehrer durch eine Einweihung (Initiation), die ihm sein Meister Tirukottiyur Nampi erteilt hatte, und weihte seinerseits Schüler ein, die er damit bevollmächtigte, die Einweihung an andere weiterzugeben.

Der für Ramanuja charakteristische Verzicht auf die traditionelle, von den Brahmanen gepflegte Exklusivität brachte ihn in Konflikt mit dem herkömmlichen strikten Kastendenken. Während die Brahmanen konsequent an den Vorrechten ihres Ranges als Angehörige der obersten Kaste (Priester) festzuhalten pflegten, wurde Ramanuja, obwohl er Brahmane war, Schüler eines Meisters, der einer niedrigeren Kaste angehörte. Damit anerkannte er den Vorrang der individuellen spirituellen Qualifikation vor dem durch die Kastenzugehörigkeit gegebenen Status. Ramanujas Frau soll das missbilligt haben, worauf er sie verließ und Mönch wurde.Die Darstellung dieses Vorgangs in der Legende ist wiedergegeben bei Arvind Sharma: Viśiṣṭādvaita Vedānta. A Study, New Delhi 1978, S. 10 f. Vgl. John Braisted Carman: The Theology of Rāmānuja, New Haven 1974, S. 31 f. Ein solcher Verzicht auf ein Familienleben war bei religiösen Lehrern häufig; im Fall Ramanujas handelte es sich aber nicht um eine grundsätzliche Abwertung oder Ablehnung des Ehestands, sondern um eine fundamentale Meinungsverschiedenheit, an der seine Ehe scheiterte.

Ramanuja erwies sich als fähiger Erneuerer und Organisator des Vishnu-Kults. Aus dem Haupttempel der Vaishnavas in Srirangam, dem Ranganathaswamy-Tempel machte er das Zentrum seiner wachsenden Schülergemeinschaft. Auf weiten Reisen suchte er Pilgerzentren auf, um den dortigen Tempelkult in seinem Sinne zu reformieren. Dies führte zu einer stärkeren Beteiligung nichtbrahmanischer Gruppen am Tempelkult. Auf der Suche nach Kommentaren zu den als heilig verehrten Schriften gelangte er bis nach Kaschmir.

Im südindischen Chola-Königreich, wo er lebte, regierte ein Herrscher, der ein eifriger Anhänger des Shivaismus war. Daher kam es dort zu einer Verfolgung von Vaishnavas; Ramanuja musste nach Norden ins Hoysala-Reich fliehen, wo er einen Teil seines späteren Lebens verbrachte. Dort gewann er die Gunst des Königs und drängte den Jainismus zurück. Eine Skulptur mit Inschrift, die ihn mit dem Hoysala-König zeigt, ist der älteste Beleg für seine historische Existenz. Später konnte er nach Srirangam zurückkehren.Einzelheiten der Exilszeit und die Chronologie erörtern B.R. Gopal: Sri Ramanuja in Karnataka, Delhi 1983, S. 5 ff. und John Braisted Carman: The Theology of Rāmānuja, New Haven 1974, S. 44–46.

Werke Traditionell werden Ramanuja neun Werke zugeschrieben. Vermutlich als erstes von ihnen entstand die Abhandlung Vedarthasamgraha („Zusammenfassung des Sinns des Veda“). Dort fasst er seine philosophische Position mit Berufung auf die Upanishaden zusammen. Später verfasste er sein Hauptwerk Shribhashya („Der ehrwürdige Kommentar“), auf dem sein Ruhm hauptsächlich beruht. Es ist eine Auslegung der Brahmasutras, die einen Dialog mit einem philosophischen Gegner enthält. Darin entwickelt er seine theistische, gemäßigt monistische Lehre in Auseinandersetzung mit dem radikalen Monismus, dessen Hauptvertreter der berühmte Philosoph Shankara war. Ein Teil seiner besonders ausführlichen Kommentierung des ersten Brahmasutra wurde in Ramanujas Schule Mahasiddhanta genannt. Zwei weitere, kürzere Kommentare zu den Brahmasutras tragen die Titel Vedantadipa („Vedanta-Leuchte“) und Vedantasara („Die Essenz des Vedanta“). Das Vedantadipa wurde sicher, das Vedantasara vermutlich nach dem Shribhashya verfasst; das Vedantasara ist möglicherweise eine von Ramanuja autorisierte Arbeit eines seiner Schüler.Zur Chronologie siehe Johannes A. B. van Buitenen (Hrsg.): Rāmānuja’s Vedārthasaṃgraha, Poona 1956, S. 30–32; anderer Meinung ist John Braisted Carman: The Theology of Rāmānuja, New Haven 1974, S. 57–60. Ramanuja schrieb auch einen Kommentar zur Bhagavadgita, das Bhagavadgitabhashya, vermutlich ein Spätwerk. Dort wendet er sich gegen radikal monistische, Gott als letztlich unpersönlich darstellende Deutungen dieses religiösen Gedichts.

Vier weitere Werke Ramanujas sind nicht philosophisch, sondern für die Praxis der Frömmigkeit bestimmt. Das Nityagrantha ist ein Handbuch der täglichen hingebungsvollen Gottesverehrung. Das Sharanagatigadyam ist ein literarisch stilisiertes persönliches Gespräch zwischen Gott und dem bei ihm Zuflucht Nehmenden; die Zuflucht wird erbeten und gewährt. Das Shrirangagadyam und das Vaikunthagadyam sind hymnenartige Gebete in Prosa. Dieses Schrifttum unterscheidet sich der literarischen Form nach stark von den fünf philosophischen Werken. Seine Echtheit ist im 20. Jahrhundert bezweifelt worden. Die Grundhaltung, die in diesen vier Werken zum Ausdruck kommt, zeigt jedoch keine wesentlichen Unterschiede zu der bekannten philosophischen Einstellung Ramanujas. Daher besteht unter inhaltlichem Gesichtspunkt keine Notwendigkeit, die traditionelle Auffassung, wonach das Handbuch und die Gebete von ihm stammen, zu verwerfen.Zur Echtheit des Sharanagatigadyam siehe Gerhard Oberhammer: Zur spirituellen Praxis des Zufluchtnehmens bei Gott (Śaraṇāgatiḥ) vor Veṅkaṭanātha, Wien 2004, S. 140 f., 160. Vorsichtige Skepsis hinsichtlich der Echtheit der drei Gebete äußert Julius J. Lipner: The Face of Truth, Houndsmills 1986, S. 116–118. John Braisted Carman: The Theology of Rāmānuja, New Haven 1974, S. 19–22, 62–64, 230–236 vermutet Echtheit aller neun traditionell Ramanuja zugeschriebenen Werke.

Lehre Wie sein philosophischer Gegner Shankara akzeptiert Ramanuja vorbehaltlos die Autorität der Upanishaden, des Mahabharata, des Ramayana und des Vishnu-Purana. Er beruft sich auf diejenigen Stellen in dieser Literatur, die geeignet sind, seine Position zu stützen, so wie Shankara sich auf die Auslegung anderer Stellen konzentriert, die für seine Auffassung sprechen.

Ontologie In der Ontologie vertritt Ramanuja hinsichtlich der Wirklichkeit der Einzeldinge eine gemäßigte Position. Im Gegensatz zu Shankara lehrt er nicht, Gott sei die einzige, absolut einheitliche und alles umfassende Realität und die Vielheit in der Welt eine bloße Illusion (maya). Er hält die einzelnen Lebewesen und die unbelebten Dinge für Formen Gottes. Diese Formen sind für ihn nicht bloßer Schein, sondern er billigt ihnen ein eigenes, reales Sein zu. Dieses Sein ist allerdings vom Sein Gottes untrennbar. Ramanuja akzeptiert somit wirkliche Unterschiede (vishesha) zwischen real existierenden Entitäten, jedoch ohne ihnen ein separates Dasein in der Weise zuzusprechen, wie es im Dualismus geschieht. Daher kann er eine individuelle Unsterblichkeit der Einzelseelen lehren und zugleich an dem monistischen Gedanken festhalten, dass deren Wesen mit demjenigen Gottes übereinstimmt und sie insofern „Teile“ von ihm sind (tat tvam asi). Mit dieser differenzierten Position begründet er seinen Theismus, dem zufolge die Einzelwesen nicht absolut mit Gott zu identifizieren sind, sondern ewige Partner der als Person aufgefassten Gottheit sind. Wären sie im Sinne des Advaita mit Gott als der einzigen Wirklichkeit absolut identisch, so wäre alle Gottesliebe reine Selbstliebe, was für Ramanuja nicht akzeptabel ist.

Diese Lehre wurde später unter der Bezeichnung Vishishtadvaita bekannt, die Ramanuja selbst noch nicht verwendet hat. Dieser Begriff bedeutet „modifizierter (oder eingeschränkter) Nicht-Dualismus“.