mini|Die anthroposophische Architektur ist Grundlage vieler Waldorfschulbauten.Im Bild: Waldorfschule Trier Eine Waldorfschule (auch: Rudolf-Steiner-Schule und in Deutschland Freie WaldorfschuleÜbersicht des BFW über Schulen) ist eine Schule, an der nach der von Rudolf Steiner (1861–1925) begründeten Waldorfpädagogik unterrichtet wird. Die Waldorfpädagogik beruht auf der anthroposophischen Menschenkunde von Rudolf Steiner.Rudolf Steiner: Allgemeine Menschenkunde als Grundlage der Pädagogik. Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1993, ISBN 3-7274-2930-5 (online). In Deutschland sind Waldorfschulen staatlich genehmigte oder staatlich anerkannte Ersatzschulen in freier Trägerschaft. Seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts werden Waldorfschulen auch in anderen Ländern aufgebaut.
Nach Angaben des Bundes der Freien Waldorfschulen mit Stand vom Mai 2020 gibt es weltweit 1214 Waldorfschulen. Die meisten von ihnen befinden sich in Deutschland (252), gefolgt von den USA (123) und den Niederlanden (115). In der Schweiz gibt es 28 (Stand 2025), in Österreich 21 und in Norwegen 34 Waldorfschulen. Die meisten Waldorfschulen im Verhältnis zur Einwohnerzahl sind in Estland (10). Nach dem Ende der Sowjetunion entstanden in Russland 20 Waldorfschulen.
Geschichte Gründung und Wachstum bis 1933 mini|hochkant|Namensgeber der Waldorfschule war eine Stuttgarter Zigarettenfabrik. Die Waldorfschule entstand in der Umbruchssituation nach dem Ersten Weltkrieg in Deutschland im Zusammenhang mit der ebenfalls aus der Anthroposophie heraus entwickelten Dreigliederungsbewegung.Heiner Ullrich: Rudolf Steiner. In: Heinz-Elmar Tenorth (Hrsg.): Klassiker der Pädagogik 2. Von John Dewey bis Paulo Freire. Verlag C.H. Beck, München 2003, ISBN 3-406-49441-2, S. 68. Rudolf Steiner hatte bereits 1906 bis 1911 öffentliche VorträgeHans Schmidt: Das Vortragswerk Rudolf Steiners. Dornach 1978, zitiert nach: Rudolf Steiner Vorträge. Uni Bielefeld über Erziehung und Schulfragen sowie 1907 eine Schrift über die Erziehung des KindesRudolf Steiner: Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft. Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1969, ISBN 3-7274-5059-2. veröffentlicht. Diese Gedanken führten letztlich zur Gründung der Waldorfschule und zur Begründung der Waldorfpädagogik.
Ausgangspunkt der am 7. September 1919 in Stuttgart vollzogenen Schulgründung war die Bitte Emil Molts, Kommerzienrat und Direktor der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik, an Steiner, eine Schule für die Kinder der bei ihm beschäftigten Arbeiter pädagogisch zu betreuen.vgl. Albert Schmelzer: Die Dreigliederungsbewegung 1919. Rudolf Steiners Einsatz für den Selbstverwaltungsimpuls. Freies Geistesleben, Stuttgart 1991, ISBN 3-7725-1080-9, S. 156. Steiner übernahm die Ausbildung und Beratung des Lehrerkollegiums und war bis zu seinem Tod 1925 Spiritus rector der Schule. Die Astoria-Betriebsschule auf der Stuttgarter Uhlandshöhe, Modell für alle späteren Waldorfschulen, unterrichtete von Anfang an koedukativ und war schulgeschichtlich die erste Einheits- bzw. Gesamtschule Deutschlands.vgl. Heiner Ullrich: Reformpädagogische Schulkultur mit weltanschaulicher Prägung – Pädagogische Prinzipien und Formen der Waldorfschule. In: Inge Hansen-Schaberg, Bruno Schonig: Basiswissen Pädagogik. Reformpädagogische Schulkonzepte Band 6: Waldorf-Pädagogik. Schneider Verlag Hohengehren, Baltmannsweiler 2002, ISBN 3-89676-503-5, S. 174.S. 233. Von der Zigarettenfabrik erhielt die pädagogische Bewegung ihren Namen.
In den folgenden Jahren wurden weitere Waldorfschulen und -kindergärten in Deutschland und im Ausland begründet. 1921 wurde in Dornach nahe Basel die erste Schule (als Internat) außerhalb von Deutschland gegründet, die Friedwartschule am Goetheanum. 1922 wurde in Wandsbek die Freie Goethe-Schule gegründet, welche nach der Freien Waldorfschule Uhlandshöhe als zweitälteste noch existierende Waldorfschule Deutschlands gilt.Manfred Leist: Zu diesem Heft. In: Die Rudolf-Steiner-Schule Hamburg-Wandsbek anläßlich ihres Neubaues. Sonderheft von Erziehungskunst : Monatsschrift zur Pädagogik Rudolf Steiners, , Jahrgang 49 (“XLIX”), Heft 2 (Februar 1985), S. 77–79. () Die erste Waldorfschule in Nordamerika wurde 1928 in New York am Central Park eröffnet. Bereits 1926 entstand der erste Kindergarten in Stuttgart. 1928 schließlich weitere Schulen unter anderen in Budapest, London und Lissabon.E. Skiera: Reformpädagogik in Geschichte und Gegenwart. Eine kritische Einführung. Oldenbourg, München 2003, ISBN 3-486-27413-9.
Zeit des Nationalsozialismus Während der Zeit des Nationalsozialismus wurden im Deutschen Reich alle Waldorfschulen „allmählich erstickt“.Detlef Hardorp: Die deutsche Waldorfschulbewegung in der Zeit des Nationalsozialismus. In: Inge Hansen-Schaberg, Bruno Schonig: Basiswissen Pädagogik. Reformpädagogische Schulkonzepte. Bd. 6. Waldorf-Pädagogik. Schneider Verlag Hohengehren, Baltmannsweiler 2002, ISBN 3-89676-503-5, S. 135. 1934 gab es einen Kultusministeriums-Erlass, dass keine ersten Klassen mehr gebildet werden durften. 1935 wurde die Anthroposophische Gesellschaft verboten. Zu den Waldorfschulen heißt es in dem Dekret Reinhard Heydrichs (u. a. Leiter des Reichssicherheitshauptamtes): „Die auf der Pädagogik des Gründers Steiner aufgebauten und in den heute noch bestehenden anthroposophischen Schulen angewandten Unterrichtsmethoden verfolgen eine individualistische, nach dem Einzelmenschen ausgerichtete Erziehung, die nichts mit den nationalsozialistischen Erziehungsgrundsätzen gemein hat.“Preußische Geheime Staatspolizei Berlin, 1. November 1935, StAM LR 17 134354, BAD Z/B 1 904, BAK R 43 II/822, zitiert nach Walter Kugler: Feindbild Steiner. 2001, S. 11 f.
1936 lösten sich sechs Schulen in Deutschland unter diesem äußeren Druck selbst auf sowie auch Schulen in Österreich, Ungarn und den Niederlanden. Die übrig gebliebenen drei Schulen in Deutschland wurden bis 1941 geschlossen.Ausführlich bei Uwe Werner: Anthroposophen in der Zeit des Nationalsozialismus (1933–1945), München 1999. 1942 arbeiteten nur noch die Waldorfschulen in der Schweiz, Großbritannien und den USA sowie einige Kleinstschulen in Breslau, Amsterdam, Zeist, Oslo, Bergen und Buenos Aires.100 Jahre Waldorf – Zeitstrahl
Nachkriegszeit
Im September 1945 eröffneten wieder einige deutsche Waldorfschulen und es kam bald zu Neugründungen, zunächst in überschaubarer Zahl. 1952 existierten 24 Schulen in Deutschland und 25 im restlichen Europa, außerhalb Europas waren es fünf. Ab den 1970er Jahren stiegen die Gründungen in größerem Umfang im In- und Ausland an.vgl. Detlef Hardorp: Zwei biographische Schlüsselerlebnisse Rudolf Steiners. Zur Entwicklung und Ausbreitung der Waldorfpädagogik. In: Inge Hansen-Schaberg, Bruno Schonig: Basiswissen Pädagogik. Reformpädagogische Schulkonzepte. Bd. 6. Waldorf-Pädagogik. Schneider Verlag Hohengehren, Baltmannsweiler 2002, ISBN 3-89676-503-5, S. 44. 1985 war die Waldorfbewegung auch in den USA und Kanada angekommen mit zusammen 65 Schulen, in Australien und Neuseeland waren es 19 Schulen. Im Wendejahr 1989 waren es schließlich 114 Schulen in Deutschland, im Rest Europas 224 und außerhalb Europas 107.
Auf dem Gebiet der ehemaligen DDR kam es erst nach dem Zusammenbruch des Sozialismus zur Gründung neuer Waldorfschulen. Kurz vor der deutschen Wiedervereinigung eröffnete am 1. September 1990 als erste die Freie Schule am Zernsee in Werder.Erste Waldorfschule in der DDR, Tagesspiegel, 29. September 2010. Nach Angaben von Hartwig Schiller, dem damaligen Sprecher der Waldorfschulen, bestanden zu der Zeit bereits in mehr als 30 Orten Gründungsinitiativen.Waldorfschulen erobern die DDR, taz, 28. April 1990.Waldorf in der DDR?, taz, 7. April 1990.
Die Zahl der Waldorfschulen hat sich in Deutschland von 1990 bis 2018 etwa verdoppelt. In diesem Zeitraum gab es 128 Neugründungen. 1996 wurden die ersten Schulen in Asien gegründet. 2017 gab es in Deutschland 240, im Rest Europas 497 und außerhalb Europas 358 Waldorfschulen. Im Schuljahr 2018/19 gab es nach Angaben des Bundes der Freien Waldorfschulen in 39,6 % der Landkreise und kreisfreien Städte eine Waldorfschule. Die Waldorfschulbewegung ist mit etwa 1200 Schulen und über 2000 Kindergärten die größte freie Schulbewegung weltweit.
Anspruch und theoretische Fundierung
Steiners esoterische Lehren und seine goetheanistische ganzheitlich-orientierte Wissenschaftsmethodik sollen, so seine Forderung, nicht Lehrgegenstand der Waldorfschule sein. Sie begründen aber die Sicht des Menschen in seiner Entwicklung und wirken so auf Erziehung und Methoden des Unterrichts.„Uns liegt nichts daran, unsere ‚Dogmen‘, unsere Prinzipien, den Inhalt unserer Weltanschauung dem werdenden Menschen beizubringen.“ In: Rudolf Steiner: Allgemeine Menschenkunde als Grundlage der Pädagogik. 9. Auflage. Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1993, ISBN 3-7274-2930-5, S. 211./ „Vor allem würde ich nie anthroposophische Schulen gründen. Die Anthroposophen müssten die Methoden und die Organisation umgestalten, aber niemals Anthroposophie lehren. Als erste müssen wir die geistige Freiheit verstehen. Weltanschauungsschulen müssen wir am meisten vermeiden.“ Rudolf Steiner am 24. April 1919 in einer Vertreterversammlung des „Bundes für Dreigliederung des sozialen Organismus“, zitiert nach E.A. Stockmeyer: Angaben Rudolf Steiners für den Waldorfunterricht. 6. Auflage. Pädagogische Forschungsstelle, Stuttgart 2001, (siehe Waldorf Schriftenkatalog), S. 13.
Steiner will die Pädagogik nicht von „den Qualifikations-, Reproduktions- und Selektionsanforderungen einer spätindustriellen demokratischen Leistungsgesellschaft her“ (Ullrich), sondern unmittelbar aus den Erfordernissen der kindlichen Entwicklung heraus bestimmen.Heiner Ullrich: Reformpädagogische Schulkultur mit weltanschaulicher Prägung – Pädagogische Prinzipien und Formen der Waldorfschule. In: Inge Hansen-Schaberg, Bruno Schonig: Basiswissen Pädagogik. Reformpädagogische Schulkonzepte Band 6: Waldorf-Pädagogik. Schneider Verlag Hohengehren, Baltmannsweiler 2002, ISBN 3-89676-503-5, S. 147. Seine Auffassung dieser Erfordernisse ergibt sich aus seinen anthropologischen Hypothesen. Dies sind insbesondere die Lehren von der Drei- und Viergliederung des Menschen und die Temperamentenlehre.
Die Dreigliederung des Menschen in Geist, Seele und Leib und die Einteilung der Seelenfähigkeiten in Denken, Fühlen und Wollen zieht im pädagogischen Bereich die Forderung zur gleichberechtigten Schulung von „Denken, Fühlen und Wollen“ nach sich.Heiner Ullrich: Rudolf Steiner. In: H.E. Tenorth (Hrsg.): Klassiker der Pädagogik 2. 2003, S. 66.
Die Viergliederung des Menschen beschreibt neben dem physischen Körper drei weitere „Wesensglieder“ des Menschen, die nur übersinnlich wahrnehmbar sind. Der Ätherleib sei Träger der Wachstumskräfte, der Astralleib Träger des Seelenlebens und das Ich ein unsterblicher, geistiger Kern im Menschen. Jedes dieser Glieder verlässt zu einem bestimmten Zeitpunkt des Lebens seine übersinnliche Hülle, werde also „geboren“, wie der physische Leib geboren wird, indem er die leibliche Hülle der Gebärmutter verlässt. Diese übersinnlichen Geburten erfolgten in Abständen von sieben Jahren, weshalb die anthroposophische Anthropologie die Entwicklung des Kindes in Jahrsiebte einteilt.
Für die Schulzeit, die ungefähr die Altersspanne von 7 bis 18 Jahren umfasst, sind das zweite und das dritte Jahrsiebt maßgeblich: Die Geburt des Ätherleibes (Beginn des 2. Jahrsiebts) zeigt sich, so Steiner, durch den Zahnwechsel. Nachdem das Kind bislang durch „Nachahmung und Vorbild“Rudolf Steiner: Die Erziehung des Menschen vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft. Rudolf Steiner Verlag, Dornach 2003, ISBN 3-7274-5260-9, S. 37. gelernt habe, lerne es nun durch „Nachfolge und Autorität“. Damit einher geht eine verstärkte Ausbildung der seelischen Kräfte des Lernens, insbesondere der bildhaften Phantasie und des Gedächtnisses.