mini|Schlussstein am Eingang des Societaetstheaters von Jürgen Mehlhorn, 1979 Das Societaetstheater ist das älteste, durch bürgerschaftliches Engagement getragene Theater Dresdens. Societaet und Theater wurden 1776 gegründet und trugen auf diese Weise das erste Laientheater Dresdens. Aufführungen waren nur über die Mitglieder der Societaet zugänglich, d. h. sie waren im heutigen Sinn „nicht-öffentlich“. Ab 1800 begann der Abstieg des Liebhabertheaters der Societaet, das 1832 endgültig aufgelöst wurde. Erst in den 1980er-Jahren entschloss man sich, das barocke Theatergebäude wiederaufzubauen und das Societaetstheater wiederzubeleben. Die Wiedereröffnung des Theaters, nunmehr als öffentliches Theater, erfolgte 1999.

Gründung des Societaetstheaters mini|Das barocke Gartenhaus in heutiger Gestalt Nach Ende des Siebenjährigen Krieges 1763 veränderte sich die Dresdner Theaterlandschaft. Die bis dahin dominierenden französischen Schauspieler wurden, „theils aus Oekonomie, theils aus Patriotismus“August Wilhelm Iffland: Fragmente über Menschendarstellung auf den deutschen Bühnen. 1. Sammlung. Gotha 1785, S. 19. entlassen und stattdessen deutsche Theatergruppen engagiert. Vor allem die Schauspieltruppe um Abel Seyler erwarb sich in Dresden den Ruf einer reformierten Schaubühne abseits des als minderwertig empfundenen „Spektakelwesens“. Neben der Aufwertung der deutschen Theatergruppen abseits des Hoftheaters gewann auch das Liebhaberspiel des Adels an Bedeutung und wurde in bürgerlichen Gelehrtenkreisen nachgeahmt.

Am 19. Mai 1776 gründete sich in Dresden eine „Gesellschaft längst verbundner Freunde, [die] bey gleichem Geschmacke an Kunst, und bey ähnlichen Trieben zur geselligen Freude […] mit vereinten Kräften an [der] Errichtung einer Privatbühne arbeiteten.“Vom Societäts-Theater in Dresden. In: Theater-Kalender auf das Jahr 1785. Gotha 1785, S. 83f. Am selben Tag wurde die Societaetsbühne mit einer festlichen Vorrede eröffnet. Die Vereinigung umfasste 15 Adelige und Bürger. Sie planten, „während ihrer Mußestunden die gemeinschaftliche Aufführung von Theaterstücken zu bewerkstelligen“.Eckhard Gruber: Sittlicher Bürger Abendschule. Das Societätstheater – Eine Dresdner Liebhaberbühne des ausgehenden 18. Jahrhunderts. In: Dresdner Geschichtsverein e. V. (Hrsg.): Dresdner Hefte. Jahrgang 22, Heft 79, Nr. 3, 2004, S. 17.

Kurz nach Spielbeginn auf einer provisorischen Bühne in der Nähe des heutigen Hauptbahnhofs, die rund 50 Zuschauer fasste, erfolgte mit Unterstützung des Verlegers Conrad Georg Walter 1777 der Umzug in ein größeres Gebäude in der Borngasse.In der Nähe befindet sich heute das Hygienemuseum. Da Walther bereits ein Jahr später verstarb, zog das Societaetstheater erneut um. Es bezog am 7. Dezember 1779 das Gartengebäude des Regierungskanzlisten Johann Christoph Hoffmann, das sich im Hof hinter dem Gebäude Hauptstraße Nr. 19 befand.

Das Theater mini|Johann Heinrich Ramberg – Aufführung des Stücks Siegfried von Lindenberg am Societaetstheater Dresden 1790. Die Anlage Hauptstraße 19 mit Vorderhaus, Gartengebäude und Garten war um 1740 in barockem Stil angelegt worden, wurde jedoch bis zum Einzug des Theaters nicht genutzt. Zeitgenössische Schriften beschrieben die Innenausstattung des Theatersaals:

Die Bühne war mit der Größe 6 × 5 Meter auch für die damalige Zeit eher klein. Sie wurde mit Wachs- oder Talgkerzen in speziellen Proszeniumshalterungen beleuchtet, die das Licht zielgerichtet reflektieren konnten.

Johann Ludwig Giesel (1747–1814), der Ausstatter des Leipziger Gewandhauses, dekorierte auch das Societaetstheater. Der Entwurf für den Theatervorhang aus dem Jahr 1779 stammte von Johann Eleazar Zeissig, genannt Schenau, einem der Direktoren der Kunstakademie Dresden. Auf ihm fanden sich Szenen der griechischen Mythologie, so die Muse der komischen Dichtung Thalia, die einem Jünglich zum Tempel der Tugend weist, während eine Bacchantin ihn zum Tempel der Wollust führen will, „von Genien und Rosenketten umflattert. Das ganze macht eine herrliche Wirkung, und wird von Kunstkennern bewundert.“

Die Societaet mini|Karl von Sachsen, ein passives Mitglied und Mäzen der Societaet Die Societaet der Theaterliebhaber bestand zunächst aus 15, später dann aus 50 Mitgliedern, bis sie gegen Ende des 18. Jahrhunderts auf über 75 Mitglieder angewachsen war.Eckhard Gruber: „Der Mensch hascht unaufhörlich nach Vergnügen“. Zur Geschichte des Societätstheaters und anderer ‚Bühnen im Taschenformat‘. Alexander, Berlin 1998, S. 97. Diese entstammten dem Dresdner Bürgertum und dem Adel und verpflichteten sich in dem Verein auf eine gemeinsame Theatersatzung, die 25 Artikel umfasste. Sie legte unter anderem die Gleichheit aller Mitglieder fest. Durch Votum traf man Entscheidungen und verteilte die Ämter. Aus den Reihen der Mitglieder wurden fünf Vorsteher, ein Sekretär und ein Kassierer gewählt. Sie entschieden unter anderem über den Spielplan und die Besetzung der Rollen. mini|links|August Gottlieb Meißner, ein aktives Mitglied der Societät Laut der Satzung unterschied man die Mitglieder in einen aktiven und passiven Teil,Gruber: „Der Mensch hascht unaufhörlich nach Vergnügen“, S. 101. wobei die aktiven Mitglieder überwiegend aus dem Umkreis des kursächsischen Hofes entstammten. So war der Geheimrat des Geheimen Konzils Hans Ernst von Teubern als Übersetzer ausländischer Theaterstücke tätig. Der Dichter August Gottlieb Meißner nutzte seine Rolle innerhalb der Societaet, um Werke seines Dichterfreunds Gotthold Ephraim Lessing inszenieren zu lassen. Andere Mitglieder dichteten eigene Stücke oder waren, wie im 19. Jahrhundert der Maler Ernst Ferdinand Oehme, selbst als Schauspieler auf der Bühne des Theaters tätig. Insgesamt waren regelmäßig zwischen 20 und 30 Mitglieder auf der Bühne als Schauspieler aktiv, weswegen es oft doppelt besetzte Rollen gab.Gruber: „Der Mensch hascht unaufhörlich nach Vergnügen“, S. 104. Zu den passiven Mitgliedern gehörten adelige Mäzene, die zum Beispiel Kostüme oder den Unterhalt des Hauses finanzierten. Zu den Förderern des Societaetsvereins gehörten unter anderem Karl von Sachsen, Graf Alois Friedrich von Brühl und Graf Hans Moritz von Brühl.

Die Vorstellungen der Vereinigung fanden überwiegend zwischen September und Anfang Mai, also während des verlängerten Winterhalbjahres statt. In der Fastenzeit blieb die Bühne genauso wie alle anderen Theater geschlossen. Innerhalb der Woche spielte man jedoch auch freitags und sonntags, also an Wochentagen, an denen es in Dresden bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts aus Rücksicht auf die Religion keine öffentlichen Theateraufführungen gab.

Aufführungen des Societaetstheaters waren in der Regel keiner breiteren Öffentlichkeit zugänglich. Das Publikum der Bühne beschränkte sich bewusst auf den Familien-, Freundes- und Bekanntenkreis der Societaetsmitglieder. „Jedes Mitglied erhält drei Billets, die es an seine Freunde und Bekannte vertheilen kann. Blos mittels eines solchen Billets kann man den theatralischen Vorstellungen dieser Gesellschaft beiwohnen.“Dresdner Merkwürdigkeiten gemeinnützigen Inhalts. Nr. VIII, 24. Februar 1792, S. 61. Fremde durften nur in Ausnahmefällen und auch dann nur bei Übergabe einer Namenskarte Vorstellungen beiwohnen. Diese Einlasspraxis minderte aber nicht den Ruf der Bühne.

Die vorbildliche Organisationsform der Gesellschaft sowie die Qualität der Aufführungen machten das Dresdner Societaetstheater schon bald nach seiner Gründung über die Grenzen Sachsens hinaus bekannt. In zeitgenössischen Theaterzeitschriften fand die Dresdner Liebhaberbühne neben den etablierten Hofbühnen und den Gastspielen namhafter Wandertruppen gleichberechtigte Erwähnung. Auch die Beständigkeit der Vereinigung wurde erstaunt zur Kenntnis genommen, existierten doch vergleichbare Bühnen dieser Zeit meist nur über kurze Zeiträume. Der hohe Stellenwert des Theaters drückte sich zudem in seiner Vorbildfunktion aus. So gründete man in anderen Städten nach dem Muster der Dresdner Bühne neue Gesellschaftstheater. In Dresden, wo es neben den Gastspielen der Wandertruppen und dem Sommertheater noch zwei öffentliche Theater gab, entstand 1787 eine zweite vergleichbare Theatergesellschaft, das „Freundschaftliche Theater“. Da ein Teil der Mitglieder dieser Gesellschaft zugleich dem Societaetstheater angehörten, wurden beide Bühnen 1789 vereinigt.Gruber: „Der Mensch hascht unaufhörlich nach Vergnügen“, S. 109. Die Zahl der Liebhabertheater in Dresden stieg in den folgenden Jahren weiter, sodass 1802 neben dem Societaetstheater zwölf weitere Bühnen existierten.Bericht aus Dresden vom 15.5.1802. In: Journal des Luxus und der Moden. Juli 1802, S. 403.

Schließung des Theaters Am Societaetstheater waren zur Zeit seiner Gründung ausschließlich Dilettanten schauspielerisch tätig. Bis 1800 sind keine Auftritte von Schauspielern der öffentlichen Theater auf der Bühne nachgewiesen.Gruber: „Der Mensch hascht unaufhörlich nach Vergnügen“, S. 160. Dies änderte sich um 1800, als das Societaetstheater zunehmend als Talentschmiede für angehende Berufsschauspieler entdeckt wurde. Frauen wie Demoiselle Hartmann, die Schwestern Weinhold und die Schwester Richard Wagners, Luise Wagner (1805–1872), schafften hier den Sprung von der dilettierenden zur professionellen Schauspielerin. Gleichzeitig fand um 1800 ein Generationenwechsel statt. Die Generation der „Familienbühnengründer“ trat ab. Von den Nachkommen, die eine professionelle Schauspiellaufbahn einschlugen, blieben viele dem Societaetstheater weiterhin eng verbunden, hatten sie doch auf dieser Bühne ihre ersten schauspielerischen Erfahrungen gesammelt.Gruber: „Der Mensch hascht unaufhörlich nach Vergnügen“, S. 162.

Die bürgerlichen „Sitten- und Familiengemälde“, die noch um 1800 das allgemeine Repertoire der großen und kleinen Bühnen beherrschten, konnten zumeist mit geringem Aufwand an Personal und Zeit, Requisiten und Kulissen überall zur Aufführung gebracht werden. Mit der allgemeinen Durchsetzung der großen Historien- und Versdramen unter anderem von Goethe und Schillers, die aufwendige Kostüme, schwer zu rezitierende und memorierende Verse und zahlreiche Darsteller erforderten, vertiefte sich die für kurze Zeit überbrückte Kluft zwischen den großen Bühnen und dem Dilettantenspiel erneut. Das Dilettantische erhielt – wie in Goethe und Schillers Fragment Über den Dilettantismus bereits angedeutet – die negative Konnotation des Minderwertigen. So führte man auf dem Societaetstheater den eigenen Mitteln und Möglichkeiten gemäß einfache Dramen, Lustspiele und Possen auf. Es ist keine Inszenierung eines Stückes von Goethe oder Schiller auf der Bühne des Societaetstheaters nachzuweisen.Gruber: „Der Mensch hascht unaufhörlich nach Vergnügen“, S. 171.