mini|Blick auf den Tegelberg. In der Bildmitte kann man im Bergwald die Schneise der Seilbahn erkennen, an deren Fuß die Siedlung lag. mini|Der Lech-Füssen-Raum in römischer Zeit. mini|Schnitt durch eine Idealrekonstruktion der Therme Die Römersiedlung Tegelberg ist eine aus dem 2. Jahrhundert n. Chr. stammende antike Ansiedlung am Tegelberg, unweit von Schloss Neuschwanstein bei Schwangau im Landkreis Ostallgäu, Bayern. Als bedeutendste antike Hinterlassenschaft wurden umfangreiche Reste der einstigen Ausmalung des Bades geborgen. Die wertvollen Fresken des Frigidariums (Kaltbad) wurden restauriert und sind seither eine Attraktion in der Archäologischen Staatssammlung München.
Lage Die römische Siedlung am Tegelberg, in vielen Veröffentlichungen auch als besonders ausgedehnte Villa rustica (römischer Gutshof) gedeutet, lag im Bereich der heutigen Tegelbergbahn am Fuße der Richtung Nordosten zunächst sanft, dann immer steiler aufsteigenden, 1172 Meter hohen Hornburg, die zu den Ammergauer Alpen gehört. Der 1881 Meter hohe Tegelberg liegt südöstlich. Hornburg und Tegelberg werden durch den Rautbach geteilt, der südlich der antiken Siedlung in den zunächst nördlich orientierten Lußbach abfließt. Dieser speiste in der Antike den Bannwaldsee. Der heute über die Mühlberger Ach ebenfalls mit Lußbacher Wasser versorgte Forggensee ist ein Produkt der Neuzeit und wurde ab 1952 als Speicher aufgestaut. Im Südwesten des Tegelbergs lag die größtenteils unerforschte römische Siedlung Foetes (Füssen). Auf dem dortigen Schlossberg, den heute das gotische Hohe Schloss einnimmt, wurde in der Spätantike das Kastell Foetibus für eine Vexillation der Legio III Italica errichtet, die an diesem wichtigen Punkt die Via Claudia Augusta von Verona nach Augsburg sicherte. Die römischen Häuser am Tegelberg waren auf zahlreichen Terrassen und Podien des sanft auslaufenden Hornburghanges erbaut worden.
Die Füssener Region war in der Antike ländlich besiedelt. Im heutigen Forggensee lag an dessen nördlichem Ende ein römischer BrandopferplatzWerner Zanier (Hrsg.): Der spätlatène- und römerzeitliche Brandopferplatz im Forggensee. Beck, München 2000, ISBN 3-406-10752-4.Roland Gschlößl: Im Schmelztiegel der Religionen – Göttertausch bei Kelten, Römern und Germanen. Philipp von Zabern, Mainz 2006, ISBN 3805336551, S. 137. und in der Gegend sind einige römische Gutshöfe bekannt. So wurde am ehemaligen Weg von Brunnen nach Forggen, das ebenfalls in den Fluten des Sees verschwand, 1974 eine solche Anlage mit Brandgräbern in Ufernähe freigespült.Villa rustica und Grabfunde nordöstlich von Brunnen im Forggensee, Gemeinde Schwangau. In: Zeitschrift des Historischen Vereins Schwaben. Band 70, Kommissions-Verlag Bücher Seitz, Augsburg 1976, S. 51. Es wurde vermutet, dass es sich bei einem nahebei noch gut erkennbaren, festen Straßendamm um eine in Vergessenheit geratene Römerstraße handeln könnte, die vielleicht eine Verbindung von der Römersiedlung am Tegelberg zur Via Claudia Augusta und deren Handelsstation bei Osterreinen herstellte. Eine große Zahl an Schlackenfunden im Füssener Großraum lassen vermuten, dass der Erzabbau in römischer Zeit von größerer Bedeutung war.Günther Krahe: Die römische Siedlung am Tegelberg. In: Wilhelm Liebhart: Schwangau. Dorf der Königsschlösser. Thorbecke, Sigmaringen 1996, ISBN 3-7995-3435-0, S. 73–90; hier: S. 37. Die Menschen waren offenbar in erster Linie durch das am Tegelberg anstehende Erz angelockt worden, da das gewählte Areal keine sonstigen wohnlichen Vorzüge aufweist. Die klimatischen Bedingungen sind, wie der ab 1966 leitende Ausgräber und ehemalige Landeskonservator Günther Krahe (1928–2021) betonte, problematisch. Gerade im Winter erhellt die Sonne nur für wenige Nachmittagsstunden das Gebiet.Günther Krahe: Die Restaurierung der römischen Villa von Holheim im Ries und des römischen Badegebäudes bei Schwangau im Allgäu. In: Konservierte Geschichte? Antike Bauten und ihre Erhaltung. Theiss, Stuttgart 1985, ISBN 3-8062-0450-0, S. 165.
Forschungsgeschichte Durch einen Wasserleitungsbau für die Gemeinde Schwangau wurde der damalige Hauptlehrer Hans Popp, Vorsitzender des Heimatdienstes für den Bezirk Füssen, im Jahr 1934 erstmals auf die römischen Baureste aufmerksam. In der Flur Im Winkel, zwischen dem Wildbach Pöllat und den darin mündenden Rautbach, konnte er aus dem Aushub römische Ziegel klauben. Im Jahr darauf, 1935, ließ Popp Suchschnitte anlegen, wobei er auf antike Grundmauern stieß. Seine Untersuchungen belegten an 15 verschiedenen Stellen Fundamente oder zumindest Ziegelschutt. Ein Gebäudegrundriss, von ihm Objekt 2 genannt (Wirtschaftsgebäude; heute: Haus 1), wurde vollständig ergraben.Günther Krahe: Die römische Siedlung am Tegelberg. In: Wilhelm Liebhart: Schwangau. Dorf der Königsschlösser. Thorbecke, Sigmaringen 1996, ISBN 3-7995-3435-0, S. 73–90; hier: S. 75. Der provinzialrömische Archäologe Wolfgang Czysz (1949–2022), Krahes Nachfolger als Leiter der archäologischen Außenstelle Schwaben, bestätigte Popps Untersuchungen, dass auf dem Gebiet um die Tegelbergbahn weitere antike Gebäude liegen.Wolfgang Czysz: Konservierung und Präsentation römischer Villengebäude an der Talstation der Tegelbergbahn in Schwangau (Bayern). In: Gerhard Weber (Hrsg.): Archäologie und Marketing. Alte und neue Wege in der Präsentation archäologischer Stätten. Neue Medien. Beiträge zum 3. Cambodunum-Symposion 9. und 10. Oktober 1998, Verlag für Heimatpflege, ISBN 3-88019-029-1, Kempten, 2001, S. 37–44; hier: S. 42.
Am 21. Juni 1966 stieß ein Bagger beim Bau der Tegelbergbahn-Talstation erneut auf antike Mauerreste und bemalte Putzfragmente. Der Schwangauer Heimatpfleger Hermann Pfeiffer ließ die Meldung an Krahe weiterleiten, der mit Hilfe der Behörden einen Baustopp erwirkte. Unter Aufsicht der Außenstelle Augsburg für Vor- und Frühgeschichte des Landesdenkmalamtes wurde bei der anschließenden Rettungsgrabung 1966 Haus 2 (Wohnhaus) und von 1967 bis 1968 Haus 3 (Thermen) aufgedeckt.Günther Krahe: Die römische Siedlung am Tegelberg. In: Wilhelm Liebhart: Schwangau. Dorf der Königsschlösser. Thorbecke, Sigmaringen 1996, ISBN 3-7995-3435-0, S. 73–90; hier: S. 76. Da Haus 2 dem Bau der Tegelbergbahn geopfert wurde, konnte der außergewöhnlich gute Zustand der Befunde zumindest am Badegebäude für die Öffentlichkeit dokumentiert werden.
Im Zuge des Baues einer Sommerrodelbahn waren Archäologen 1996 erneut im Gebiet und konnten 1998 Haus 1, den bereits von Popp untersuchten Wirtschaftsbau mit dazugehörendem Innenhof und drei Darren, konservatorisch sichern. 1996 hatte sich die Gemeinde Schwangau auch dazu entschlossen, die den Umwelteinflüssen ausgesetzte Badeanlage mit einem Schutzhaus zu überdachen. Der Zugang ist kostenlos.
Krahe konnte sich durchaus vorstellen, dass die drei bisher ergrabenen Gebäudereste zu einer von wohlhabenden Besitzern geleiteten Villa rustica gehört haben könnten, doch wiesen seiner Meinung nach die weiteren bekannten Fundpunkte auf ein wesentlich weiträumiger bebautes Gebiet hin, als es ähnliche Gutshöfe besessen haben.
Befunde miniatur|350px|Die Grundrisse von Haus 2 und 3 mit der von Günther Krahe stammenden Deutung der Räumlichkeiten. Wolfgang Czysz hat in einer neueren Veröffentlichung eine abweichende Raumnutzung im Bad vorgeschlagen. mini|Detail der gut erhaltenen Heißwasserwanne im Bad, Zustand 2015 Die um die Mitte des 2. Jahrhunderts n. Chr. errichteten Gebäude am Tegelberg sind noch in der Antike teilweise von einer abgegangenen Mure mit Schuttgeröll und Lehm überdeckt worden, was am Badegebäude für einen sehr guten Erhaltungszustand der zumindest in Abschnitten auf voller Höhe rekonstruierbaren Fresken sorgte. Auch aus einem etwas westlich der kleinen Therme gelegenen, fast quadratischen Wohnhaus (Haus 2), das teilweise beheizbar war, konnten Wandmalereien unter anderen mit einem Fasan, in voller Frische geborgen werden. Dieses Haus wurde jedoch durch den Bau der Seilbahntalstation endgültig zerstört.Günther Krahe in: Walter Sölter (Hrsg.): Das römische Germanien aus der Luft. 2. Auflage. Lübbe, Bergisch Gladbach 1983, ISBN 3-7857-0298-1, S. 34. Uneins ist sich die Forschung bei der Deutung des Gesamtbestandes der Gebäude; neben einer Siedlung wurde auch eine besonders ausgedehnte Villa Rustica vermutet, die sich um den Erzabbau gekümmert haben könnte. Im 3. Jahrhundert wurde das Gebiet entweder im Zuge der teilweisen Zerstörungen durch den Murgang wieder verlassen oder ging erst in einem der am Ende dieses Jahrhunderts stattfindenden germanischen Angriffe unter. Erzschürfungen fanden am Tegelberg noch bis ins Mittelalter statt.
Wohnhaus (Haus 2) Das rund 15 × 15 Meter große, beim Seilbahnbau im Juni 1966 entdeckte und anschließend unter der Leitung des Augsburger Landesamtes für Denkmalpflege ergrabene Haus 2 ist als Wohngebäude gedeutet worden. Der Bau war an drei Seiten, im Osten, Norden und zum großen Teil auch im Westen von einem rund 2,5 Meter breiten Umgang umschlossen, der offensichtlich als Portikus angesprochen werden muss. Zugänge zu diesem Umgang befanden sich an der Südostecke und besonders prominent in der Mitte der Nordfront. Nahe der südwestlichen Hausecke mündet der Säulengang an einem über den rechten Winkel der Südwestecke erbauten, hypokaustierten Raum. Daran schlossen sich in der Flucht der südlichen Fassade im Inneren des Hauses das rund 2 × 2,5 Meter große Praefurnium und ein rund 2 × 4 Meter großer nicht heizbarer Raum an, der einen Eingang von östlichen Portikus her besaß. Das größte ebenfalls erwärmbare Zimmer des Hauses umfasste rund 4 × 8,5 Meter und folgte mit seiner Längsseite der Innenwand des westlichen Umgangsbereiches. Diesem Raum östlich gegenüber befanden sich zwei fast gleich große unbeheizbare Räume, die beide Zugänge von der Portikus her hatten. Die große Menge erhaltener Reste von Wandmalereien aus diesem Haus hat ihren Ursprung in der bereits antiken Überdeckung des Areals durch Murenabgang. Einige Teile der hochwertigen restaurierten Fresken sind in der Archäologischen Staatssammlung München ausgestellt.Mitteilungen der Freunde der Bayerischen Vor- und Frühgeschichte. Nr. 1, Januar 1976. Haus 3, das Bad, liegt fast in derselben Flucht, nur leicht aus der Achse gedreht, rund 20 Meter östlich.
Badegebäude (Haus 3) Von 1967 bis 68 wurde ein Badehaus am Tegelberg aufgedeckt, das nicht zum Reihentyp gehört. Die Badeanlagen sind kompakt, in einem ohne Apsis rund 12,4 × 13,8 Meter großen Gebäude untergebracht, das in ungefährer Nord-Süd-Ausrichtung steht und somit den antiken Regeln entspricht. Betreten wurde die Anlage von Norden. Dort befand sich der rund 12,5 × 2 Meter große Eingangsportikus. Westlich dieses Raumes konnte von Norden her ein fast quadratischer Verteilerflur, der gleichzeitig als Apodyterion (An- und Auskleidebereich) diente, betreten werden. Dort fand sich als Deckengemälde der Raub des Ganymed. Westlich des Verteilers lag hinter einem Brüstungsmäuerchen das über zwei Stufen erreichbare, nur 0,90 Meter tiefe und 2,3 × 2,75 Meter große Frigidarium. Dieses konnte mit seinen Fresken in der Archäologischen Staatssammlung München vollständig rekonstruiert werden. Daher ist bekannt, dass es ein Tonnengewölbe sowie ein kleines Rundbogenfenster nach Westen hin besaß, aus dem man bis zum Füssener Schlossberg blicken konnte. Putzkanten und Glasscheibenbruchstücke belegen die Ausstattung des Frigidariums sowie des Caldariums (Warmbad) mit Rundbogenfenstern, während das Tepidarium (Laubad) rechteckige Glasfenster besessen hat.Wolfgang Czysz, Lothar Bakker: Die Römer in Bayern. Theiß, Stuttgart 1995, ISBN 3806210586. S. 514.