mini|Die Inseln São Tomé und Príncipe im Golf von Guinea

Auf den beiden Inseln, die den Staat São Tomé und Príncipe bilden, werden neben der Amtssprache Portugiesisch drei verschiedene Kreolsprachen gesprochen: Santomense Principense und Angolar

Diese bemerkenswerte linguistische Besonderheit lässt sich größtenteils aus der Geschichte São Tomés und Príncipes erklären.

Santomense Das Santomensische, auch Forro (portugiesisch: freigelassener Sklave) oder Lungwa di tela (, ) genannt, wurde vorwiegend von der angesehenen Kreolschicht gesprochen, wodurch es zur Mehrheitssprache sowohl auf São Tomé als auch auf Príncipe wurde. Auch nachdem portugiesische Unternehmer den Großteil der Ländereien während des Kaffeebooms zu Beginn des 20. Jahrhunderts zurückgekauft hatten, blieb das Santomense aufgrund der etablierten Gruppenidentität der Sprechergruppe eine angesehene Sprache (vgl. Lorenzino 1998: 39).

Die Tatsache, dass das Santomense strukturell dem Principense (s. u.) sehr ähnlich ist, ist wahrscheinlich sowohl darauf zurückzuführen, dass Príncipe nach einer Malariaepidemie, bei der nur 300 Menschen insgesamt überlebten (vgl. Günther 1973: 13), mit Sklaven aus São Tomé bevölkert wurde, als auch darauf, dass der Sprachkontakt zwischen den Bantu-Sprachen und dem Portugiesischen auf beiden Inseln strukturell ähnlich war.

Zur Entwicklung der portugiesisch basierten Kreolsprachen und der Kreolsprachen im Allgemeinen, gibt es verschiedene Theorien. Eine davon besagt, dass sich diese Sprachen aus einer lingua franca, einer Verkehrssprache zwischen den Plantagenbesitzern und den Sklaven, bzw. einem portugiesisch basierten Pidgin entwickelte, das in der zweiten Generation, also sobald es eine Muttersprache war, zur Kreolsprache wurde. Dieser „substrattheoretische Ansatz“ besagt, dass hier Sklaven, die ihre Muttersprache nur noch begrenzt verwenden, die Kolonialsprache aber auch nicht vollständig erlernen, auf Grundstrukturen ihrer muttersprachlichen Grammatik zurückgreifen und auf die teilweise missverstandene Lexik der europäischen Sprache anwenden (vgl. Boretzky 1994: 147). Charakteristisch für Kreolsprachen ist also, dass die Lexik zu einem großen Teil der Superstratsprache der Kolonisten entnommen wird (hier Portugiesisch), wobei viele Elemente der Grammatik und Syntax der indigenen Substratsprachen (hier Bantu- und Kwa-Sprachen) entnommen sind (wie beispielsweise die Verdoppelung eines Wortes, auf die weiter unten noch eingegangen werden soll) (vgl. Günther 1973: 21, 22).

Principense Das Principensische oder die lingua le (von portugiesisch língua da ilha, deutsch: Sprache der Insel) ist, wie gesagt, dem Santomensischen recht ähnlich, da die kleinere der beiden Inseln im 16. Jahrhundert mit Sklaven von São Tomé besiedelt wurde (s. o.).

Angolar Der Ursprung der Sprechergruppe dieser Kreolsprache, der so genannten Angolares, ist nicht eindeutig belegt. Es gibt einerseits die Theorie, dass die es sich um Nachkommen von freigelassenen schwarzen Sklaven handelt, da es ab 1550 bis ins 17. Jahrhundert Überfälle auf die Plantagen gab, wobei allerdings die Existenz der Angolares erst ab dem frühen 17. Jahrhundert eindeutig belegt ist. Andererseits wird vermutet, dass die Angolares sich aus einem untergegangenen Sklavenschiff auf die Insel São Tomé retten konnten und so ihre vom Plantagensystem abgetrennte Gesellschaft etablieren konnten (vgl. Maurer 1995: 2). Das Leben der Angolares als Fischer und Kleinbauern im Südosten der Insel war also relativ frei, bis die boomende Wirtschaft der Insel zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Erschließung weiterer Anbauflächen für Kakao und Kaffee notwendig machte. Nun stießen die Plantagenbesitzer auf die Angolares, doch der Kontakt war relativ friedlich, da die Angolares bereit waren, als Kanubauer und Waldarbeiter im Transport der auf den Plantagen produzierten Waren zu arbeiten. Sprachlich gesehen beginnt an dieser Stelle die in der Angolarkultur mit „bila folo“ (Forro werden) bezeichnete Entwicklung, die eine Annäherung des Angolar an das sprecherzahlenmäßig weit überlegene Santomensische (Forro) bezeichnet. Für die Angolares war und ist ihre eigene Sprache eng verbunden mit der Gruppenidentität und trotz des Sprachkontaktes mit dem Santomense und dem Portugiesischen wird die Sprache weiterhin gesprochen und kultiviert, wenn auch bei Mischehen meist das Santomense dominiert (vgl. Lorenzino 1998: 52, 53).

Linguistische Betrachtung der drei Sprachen Um dieses Kapitel übersichtlich zu gestalten, ist es vergleichend aufgebaut. Verschiedene wichtige Aspekte der drei Sprachen sollen hier kontrastiv gegenübergestellt werden, sowohl um die Unterschiede herauszuarbeiten, als auch, um allgemeine Entwicklungen und Regelmäßigkeiten der Kreolsprachen zu verdeutlichen. Zunächst werden phonetische Besonderheiten betrachtet, um im Folgenden einige Aspekte aus Lexikosemantik und Morphosyntax herauszugreifen.

Phonetik Das Phoneminventar aller drei Sprachen auf São Tomé und Príncipe ist demjenigen des Portugiesischen recht ähnlich, es enthält beispielsweise auch Nasalvokale wie das Portugiesische. Allerdings haben sich bestimmte Laute in unterschiedlicher Weise ausgehend vom Phoneminventar der portugiesischen Lexik entwickelt. Als Besonderheit ist zu erwähnen, dass das Angolar als einzige der drei Sprachen die phonetisch relativ schwer zu realisierenden dentalen Frikative, die dem englischen stimmhaften und stimmlosen [th] vergleichbar sind, verwendet (vgl. Maurer 1994: 9).

Regelhafte Lautentwicklungen und Liquidencluster In Angolar und Santomense werden die portugiesischen Frikative ch und j ersetzt. Dies findet im Principense nicht regelmäßig statt. So werden die portugiesischen Wörter chuva (Regen) und já (schon, sofort) in Angolar zu Tuba2 und Ua, in Santomense zu suva und za; somit bleibt es bei gleicher Artikulationsart und Stimmbeteiligung, allerdings verändert sich der Artikulationsort (vgl. Lorenzino 1998: 74). Im Principensischen seien drei Beispiele genannt, die eine nicht regelmäßige Entwicklung der Laute ch und j belegen. So wird aus dem portugiesischen Wort chave (Schlüssel) im Principensischen savi, was eine ähnliche Regularität wie im Santomensischen vermuten lässt, doch bleibt bei folgenden beiden Wörtern der anlautende Frikativ erhalten: gentinho → chici und chifre → sifi (vgl. Günther 1973: 268).

Bei einem anderen phonetischen Phänomen bildet das Santomensische eine Ausnahme. Es ist die einzige der drei Kreolsprachen, die die unten aufgelisteten Liquidencluster aus dem Portugiesischen übernommen, bzw. nur abgewandelt hat, statt einen Konsonanten wegzulassen, wie es in den beiden anderen Sprachen geschehen ist. Die nachfolgende Tabelle zeigt eine Liste, die dies belegt. Die Unvollständigkeit ist darauf zurückzuführen, dass die Angaben verschiedenen Quellen entnommen sind.

Portugiesisch Angolar Santomense Principense trabalhar taba tlaba tabyá casca kachika kachka desgraça disigaTa dichglasa preto peetu pletu pÈ´tu graxa ngaTa nglasa cruz kuuTu klusu cuzu falcão fako farkon fákon

Diese Ausnahme des Santomensischen ist auf die übliche Vokal-Konsonanten-Verteilung der beiden anderen Kreolsprachen zurückzuführen, die nur selten zwei aufeinander folgende Konsonanten zulässt. Die Tatsache, dass die Liquide r durch l ersetzt wird, ist eine verbreitete Alternation, die unter dem Begriff Rhotazismus zusammengefasst wird (vgl. Bußmann 1990: 651). Steht bei dem portugiesischen Ursprungswort eines Wortes in Angolar r oder l vor einem betonten Vokal, so verdoppelt sich dieser, wie an folgendem Beispiel deutlich wird. Aus dem portugiesischen Wort fruta (Obst) wird in Angolar fuúta, was in Opposition steht zu dem aus furtar abgeleiteten futá steht. Dies ist bereits ein Vorgriff auf das nachfolgende Thema der bedeutungsunterscheidenden Tonlänge und -höhe (vgl. Lorenzino 1998: 91).

Vokallänge und Toneme

Eine bemerkenswerte Besonderheit zweier der drei hier behandelten Kreolsprachen stellt die bedeutungsunterscheidende Tonalität von Vokalen dar, womit sie zu den Tonsprachen zu rechnen sind. Sowohl im Principensischen als auch im Angolar haben Unterschiede in Tonlänge und Tonhöhe Phonemcharakter. In der nachfolgenden Tabelle sind die möglichen Tonverbindungen als Minimalpaaranalyse dargestellt. H steht für hoch und wird im Wort mit einem ´ markiert, T für tief und wird im Wort mit einem `markiert.

HH : TT mámá (Brust) màmà (stillen) HH : HT mÓCí (viel) mÓCì (Tod) HT : TT ándà (dennoch) àndà (kauen) HT : TH bÓrÒ (Kante) bÒrÓ (Stock) TH : TT màzí (Öl) màzì (aber) (vgl. Lorenzino 1998: 92)

Als möglicher Grund hierfür kann die Tonalität der Hauptsubstratsprache des Angolar, der Bantusprache Kimbundu angegeben werden. Im Principensischen werden sogar drei statt wie im Angolar zwei Töne unterschieden: hoch, tief und steigend. Die nachstehende Tabelle verdeutlicht dies an Beispielen. Hochtöne sind hier durch ´ markiert, Tieftöne durch ` und Steigtöne durch ^: pá (praia, Strand) pà (para, für)fá (falar, sprechen) fà (Verneinungspartikel)swá (história, Geschichte) swâ (suar, schwitzen)pwé (pai, Vater) pwê (parir, gebären)

Zwischen Tief- und Steigton gibt es keine Opposition. Zu den möglichen Ursprüngen der Tonalität werden keine Angaben gemacht, es ist jedoch auch hier eine afrikanische Sprache als Vorbild zu vermuten (vgl. Günther 1973: 50, 51).

Lexikosemantik Substratspracheneinflüsse anhand von Numeralen Was die Lexikosemantik betrifft, sollen zunächst einige Zahlen genannt werden, um dann anhand der Numerale vergleichend die verschiedenen Einflüsse darzustellen. Angolar ist diejenige der drei Sprachen, mit der meisten afrikanisch beeinflussten Lexik, bei der sowohl Kwa als auch Bantu-Einflüsse bewiesen sind; Santomensisch weist ebenfalls Kwa- und Bantu-Einflüsse auf, wohingegen beim Principensischen die Bini-Sprache aus Nigeria als größte afrikanische Einflussquelle gilt. Hier fehlen allerdings genaue Zahlen (vgl. Günther 1973: 32,33; Lorenzino 1998: 99). Ausgehend von der Swadesh-Liste, einer Liste von etwa 200 basalen Wörtern, anhand deren Entsprechungen in den jeweiligen Sprachen es möglich ist, verschiedene Sprachen zu vergleichen und die Einflüsse der verschiedenen Substrat- und Superstratsprachen in Zahlen auszudrücken (vgl. Digitale Quelle g).

Sprache Portugiesische Wörter Afrikanische Wörter Angolar 77 % 23 % Santomense 89 % 11 % (vgl. Lorenzino 1998: 100)

Aus dieser Tabelle geht hervor, dass das Santomensische weitaus mehr portugiesische Lexik angenommen hat als das Angolar. Zu bemerken ist weiterhin, dass das Vokabular des Santomensischen die meisten seiner afrikanischen Wörter aus dem Kikongo und dem Edo übernommen hat, wohingegen beim Angolar Kimbundu und Kikongo die Hauptsubstratquellen darstellen. Als Beispiel für die verschiedenen Entwicklungen bei der Übernahme von Wörtern soll nachfolgend eine Liste von Numeralen dienen, anhand derer sowohl allgemeine phonetische Entwicklungen deutlich werden als auch Lehnübersetzungen und Vermischungen von afrikanischen Strukturen und portugiesischer Lexik. Aufgeführt werden sowohl zwei afrikanische Substratsprachen als auch die Superstratsprache Portugiesisch, um deren Einflüsse auf die Kreolsprachen zu verdeutlichen. Dies soll durch die farbige Markierung noch unterstrichen werden: