Mithu Melanie Sanyal (* 1971 in DüsseldorfDr. Mithu Sanyal – Vita (Memento vom 28. September 2007 im Internet Archive).) ist eine deutsche Kulturwissenschaftlerin, Journalistin und Schriftstellerin. Ihre Themenschwerpunkte sind Feminismus, Rassismus, Popkultur und Postkolonialismus.

Leben Sanyal wuchs als Tochter eines indischen Ingenieurs und einer polnischstämmigen Sekretärin, deren Eltern als Bergarbeiter nach Duisburg gekommen waren, in Düsseldorf-Oberbilk auf. Sie studierte deutsche und englische Literatur an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Während ihres Studiums arbeitete sie zeitweilig als Aktmodell. Sie promovierte in Düsseldorf über die Kulturgeschichte des weiblichen Genitals. Aus ihrer Doktorarbeit entstand 2009 das Buch Vulva. Die Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts.

Seit 1996 ist Mithu Sanyal Hörspiel- und Featureautorin für den WDR. Darüber hinaus schreibt sie für NDR, BR, Frankfurter Rundschau, Literaturen, taz, junge Welt, SPEX,Mithu Sanyal bei SPEX, abgerufen am 28. Juli 2020. Bundeszentrale für politische BildungDie erste Kanzlerin. Ist nun Gleichberechtigung? Bundeszentrale für politische Bildung, 12. November 2018 abgerufen am 28. Juli 2020. etc. und war ehrenamtliche Redakteurin der Zeitschrift Wir Frauen. Seit Erscheinen ihres zweiten Buches Vergewaltigung wird Sanyal häufig als Expertin, Vortragende, Moderatorin, Gesprächspartnerin und Studiogast zu Beiträgen, Lesungen, Vorträgen, öffentlichen Diskussionsrunden und ins Fernsehen eingeladen.Kommunales Kino Freiburg: Mithu Sanyal spricht heute über die Tiefengrammatik von sexueller Gewalt, 12. März 2019.Vorwürfe gegen Asia Argento: „Eine Person kann nicht eine Bewegung diskreditieren“. Mithu Sanyal im Gespräch mit Marietta Schwarz, Deutschlandfunk Kultur, 23. August 2018.Deutscher Frauenrat: Mithu M. Sanyal, Video vom 16. Januar 2019; WDR-Hörfunk: „Eure Heimat ist unser Albtraum“, Gespräch mit Mithu Sanyal, WDR 3 Kultur am Mittag, 21. Februar 2019; Der Lila Podcast. Mehrere Gesprächsrunden mit Mithu Sanyal, 2017–2019; Heinrich-Böll-Stiftung, Gunda Werner Institut: Alle Beiträge von Mithu Sanyal, 2017–2018; Literarisches Zentrum Göttingen in Kooperation mit der 10th European Feminist Research Conference 2018 und dem Fachbereich Kultur der Stadt Göttingen: Mithu Sanyal im Gespräch mit Svenja Flaßpöhler, 2018. Vergewaltigung wurde wie Vulva in mehrere Sprachen übersetzt.

Am 17. Februar 2017 löste ein Artikel von Sanyal und der Journalistin Marie Albrecht in der Tageszeitung (taz) eine Kontroverse aus. Nach Gesprächen mit Betroffenen von sexualisierter Gewalt schlugen sie für diese neben dem Wort „Opfer“ die Bezeichnung „Erlebende sexualisierter Gewalt“ als weitere Möglichkeit der Selbstbezeichnung vor. An der #metoo-Bewegung kritisierte sie nicht die fehlende faktische Untermauerung der Vorwürfe gegen Harvey Weinstein, sondern deren stigmatisierenden Charakter: Wer einmal als Vergewaltiger gekennzeichnet werde, könne dieses Stigma kaum noch loswerden. Feministische Medien wie der Blog Die Störenfriedas oder die Zeitschrift Emma kritisierten diesen Vorstoß als Verharmlosung von Vergewaltigungen und sexualisierter Gewalt. Unabhängig davon konstruierten rechte Blogs und Websites hieraus Bezüge auf Sanyals indische Herkunft und behaupteten fälschlicherweise, Vergewaltigung sei in Indien nicht strafbar. In dem Blog Politically Incorrect wurde Sanyals E-Mail-Adresse veröffentlicht, woraufhin sie Vergewaltigungs- und Morddrohungen erhielt. In den großen Zeitungen wurde Sanyals Artikel breit diskutiert, auch die feministische Sprachwissenschaftlerin Luise F. Pusch nahm in ihrem Blog Stellung.Vergewaltigung als Erlebnis? Luise F. Pusch, Fembio Blog, 25. Februar 2017. Zudem schrieben hunderte Menschen Sanyal solidarische E-Mails. Im Juli 2019 veröffentlichte das Journalismusportal Correctiv seine Stellungnahme unter dem Titel Nein, Mithu Sanyal hat Opfern nicht geraten, eine Vergewaltigung könne „auch Erleben sein“.

Im Jahr 2021 veröffentlichte Sanyal ihr Romandebüt Identitti. Der Roman handelt von einer Düsseldorfer Professorin für postkoloniale Theorie, die sich nach der hinduistischen Göttin Saraswati benannt und fälschlich als Inderin ausgegeben hat, tatsächlich aber deutscher Abstammung ist und ihre Haut verdunkeln ließ. Die Figur ist an Rachel Dolezal angelehnt. Der auf diese Enthüllung folgende Skandal wird aus der Perspektive von Saraswatis Studentin Nivedita erzählt, die wie Sanyal eine polnische Mutter und einen indischen Vater hat. Unter dem Pseudonym Identitti betreibt Nivedita einen Blog und mehrere Social-Media-Accounts, auf denen sie u. a. Rassismus, Migrationsgeschichten, sexuelle Identitäten und Orientierungen sowie identitätspolitische Debatten kommentiert. Aufgrund seiner Verortung im universitären Milieu zeichnet sich der Roman durch eine hohe Dichte an theoretischen Reflexionen aus. In Rezensionen wurde der Roman überwiegend sehr positiv besprochen.

Im Roman Antichristie (2024) wählte Sanyal eine vielschichtige Erzählweise und zielte auf die Verschmelzung historischer, politischer und popkultureller Themen. Die Handlung bewegt sich zwischen den Zeiten und Welten: Durga, die Protagonistin, reist von der Gegenwart ins Jahr 1906 und wechselt dabei sogar ihr Geschlecht. Sanyal verbindet die indische Unabhängigkeitsbewegung und die britische Kolonialgeschichte mit einer zeitgenössischen feministischen Perspektive, wobei sie auch humorvolle Dialoge einfließen lässt. Der Roman ist dabei sowohl Kriminalroman als auch eine kritische Auseinandersetzung mit den Folgen des Kolonialismus und dem westlichen Blick auf Geschichte.

Im Oktober 2021 wurde sie in das PEN-Zentrum Deutschland aufgenommen. Als es wegen des Eklats um Deniz Yücel beim PEN-Zentrum zur Spaltung der Organisation kam, schloss sich Sanyal den Austritten an und wurde am 10. Juni 2022 in den Gründungsvorstand des PEN Berlin gewählt. Seit 2023 ist Sanyal Mitglied der Jury des Ingeborg-Bachmann-Preises.Ingeborg-Bachmann-Preis - Jury.Mithu Sanyal: „Literaturpreise haben blinde Flecken, sind selektiv und selten fair“, Augsburger Allgemeine, 17. September 2025.

Seit 2025 schreibt sie im nd die Kolumne Mithulogi, die zuvor auch schon von ihr für die taz verfasst wurde.

Sanyal lebt mit ihrem Mann, dem Musiker und Sprecher Matti Rouse, in Düsseldorf-Oberbilk. Sie hat mit ihm zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter.Der ewig postpubertäre Typ. Ruprecht (Heidelberger Studierendenzeitung), 15. Juni 2018. Gegenüber dem Stern gab sie an, mehrere Abtreibungen gehabt zu haben.Wir haben abgetrieben. Mithu Sanyal: „Zu meinem Leben gehören Kinder, aber auch Abtreibungen“. Mithu Sanyal ist Kulturwissenschaftlerin und Autorin. Die 49-Jährige hat dreimal abgetrieben und wünscht sich, dass in der Gesellschaft offener über das Thema gesprochen wird. Ein Protokoll. Der Stern, 7. Juni 2021.

Audios „Ich liebe Humor in Literatur“, 68.12 Minuten Audio-Version, Die Publizistin Mithu Sanyal im Gespräch mit Joachim Scholl, Deutschlandfunk Zwischentöne. Musik und Fragen zur Person, 5. Januar 2025 Ist die junge „Kakerlaken-Bewegung“ gefährlich für Indiens Regierung?, 9.47 Minuten Audio-Version, Deutschlandfunk Kultur 31. Juli 2026

Publikationen Sachbücher Vulva – die Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2009, ISBN 978-3-8031-3629-9. mit Jasna Strick, Nicole von Horst und Yasmina Banaszczuk: „Ich bin kein Sexist, aber ...“. Sexismus erlebt, erklärt und wie wir ihn beenden. Orlanda Verlag, Berlin 2013, ISBN 978-3-944666-00-6. Vergewaltigung. Aspekte eines Verbrechens. Edition Nautilus, Hamburg 2016, ISBN 978-3-96054-023-6.Christiane Florin: Narrative der Gewalt: Über die Kulturgeschichte der Vergewaltigung. In: deutschlandfunk.de, Andruck – Das Magazin für Politische Literatur. 21. November 2016. (24. November 2016). Übersetzung ins Englische: Rape. From Lucretia to #MeToo. Verso Books, Brooklyn (NY)/London, 2019, ISBN 978-1-78663-750-5.Rape. From Lucretia to #MeToo. by Mithu Sanyal, Verso Books, 2019. Über Emily Brontë. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2022, ISBN 978-3-462-00366-6. Romane Identitti. Roman. Carl Hanser Verlag, München 2021, ISBN 978-3-446-26921-7. Antichristie. Roman. Carl Hanser, München 2024, ISBN 978-3-446-28076-2. Hörspiele Sternenkinder sterben schöner, später Aliens sind auch nur Menschen. Regie: Leonhard Koppelmann (WDR 2009) LoveArtLab Rules. Regie: Ulrich Bassenge (WDR 2010) Post Porn Panik. Regie: Leonhard Koppelmann (WDR 2012) Gott ist tot. Wirklich. Regie: Martin Zylka, 55 Min. (WDR 2015) Identitti. Regie: Eva Solloch, 52 Min. (WDR 2022) Bühnenfassungen und Verfilmungen Antichristie in einer Bühnenfassung von Kieran Joel, Premiere am 29. November 2025, am Theater Dortmund. Regie: Kieran Joel, Bühne: Justus Saretz, Kostüme: Tanja Maderner, Musik: Leonardo Mockridge, Video: Leon Landsberg, Dramaturgie: Sabrina Toyen.Sarah Heppekausen: Strategische Zeitreise: Antichristie - Theater Dortmund , Rezension auf nachtkritik.de vom 30. November 2025, abgerufen am 1. Dezember 2025 Artikel in Zeitungen, Zeitschriften und Sammelbänden Zuhause. In: Fatma Aydemir, Hengameh Yaghoobifarah (Hrsg.): Eure Heimat ist unser Albtraum. Ullstein fünf, Berlin 2019, ISBN 978-3-96101-036-3. Von 2017 bis 2019 schrieb Sanyal die Kolumne „Mithulogie“ für Die Tageszeitung (taz) 2019/2020 schrieb sie für die britische Zeitung The Guardian.The Guardian, Profil von Mithu Sanyal Auszeichnungen (Auswahl) Für ihre Radiobeiträge über die Kulturgeschichte des Lesens bekam sie dreimal den Dietrich-Oppenberg-Medienpreis der Stiftung Lesen.Dr. Mithu Sanyal – Vita (Memento vom 28. September 2007 im Internet Archive).

2017: Sonderpreis im Rahmen des Programms Geisteswissenschaften International für Vergewaltigung. Aspekte eines Verbrechens 2021: Identitti auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2021: Ernst-Bloch-Preis für Identitti 2021: Literaturpreis Ruhr für Identitti 2025: Erich-Pawlu-Literaturpreis für Antichristie 2026: 10-wöchiges London-Stipendium des Deutschen Literaturfonds:London-Stipendium, Deutscher Literaturfonds, abgerufen am 13. April 2026 Writer in Residence an der Queen Mary University of LondonWriters in Residence, Queen Mary University of London, abgerufen am 13. April 2026 2026: Heinrich-Mann-Preis der Akademie der Künste

Literatur

Moritz Baßler: Populärer Realismus: Vom International Style gegenwärtigen Erzählens. C.H.Beck, 2022, ISBN 978-3-406-78338-8, S. 251–266.

Weblinks

Website von Mithu M. Sanyal

Einzelnachweise

Kategorie:Autor Kategorie:Literatur (Deutsch) Kategorie:Roman, Epik Kategorie:Sachliteratur Kategorie:Hörspielautor Kategorie:Literaturwissenschaftler Kategorie:Mitglied im PEN Berlin Kategorie:Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland Kategorie:Featureautor Kategorie:Person (Feminismus) Kategorie:Schriftsteller (Düsseldorf) Kategorie:Absolvent der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf Kategorie:Deutscher Kategorie:Geboren 1971 Kategorie:Frau