mini|Sucharit Bhakdi (2020) Sucharit Bhakdi (* 1. November 1946 in Washington, D.C., Vereinigte Staaten) ist ein deutscher Mediziner. Bis zu seinem Ruhestand 2012 war er als Professor und Lehrstuhlinhaber für Medizinische Mikrobiologie tätig, von 1982 bis 1990 an der Justus-Liebig-Universität Gießen, dann bis 2012 als Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie und Hygiene an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Von 2016 bis Dezember 2020 beteiligte er sich als Gastwissenschaftler an Forschungsprojekten der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel.

Seit März 2020 äußert sich Bhakdi in Videos, Interviews und zwei zusammen mit seiner Frau, der Biochemikerin Karina Reiß, verfassten Büchern ablehnend zu staatlichen Maßnahmen gegen die COVID-19-Pandemie und verbreitet Falschinformationen dazu. Infektiologen, Epidemiologen und weitere Experten widerlegten die meisten seiner Thesen. Zudem werden einige seiner Aussagen als antisemitisch kritisiert.

Berufliche Laufbahn Die Eltern von Sucharit Bhakdi ( []) sind Thailänder. Sein Vater war Botschafter seines Landes in der Schweiz. Seine Mutter studierte Humanmedizin an der Johns Hopkins University in Baltimore und begeisterte ihn nach eigener Aussage für das Fach. Bhakdi studierte Humanmedizin in Thailand, Ägypten und Deutschland, zuerst an der Universität Bonn. Dort war er zeitweise Privatassistent bei dem Internisten Walter Siegenthaler.Erik Ebneter: «Gefährliche Verführungen». Weltwoche.ch, 6. Mai 2020 (Archiv).

Im Februar 1971 wurde er an der Medizinischen Fakultät der Universität Bonn zum Doktor der Medizin promoviert. Von 1972 bis 1976 studierte er als Stipendiat der Max-Planck-Gesellschaft, später der Alexander-von-Humboldt-Stiftung am Max-Planck-Institut für Immunbiologie und Epigenetik in Freiburg im Breisgau. Nach einem einjährigen Studium an der Universität Kopenhagen arbeitete er von 1977 bis 1990 am Institut für Medizinische Mikrobiologie Gießen. Im Juli 1979 habilitierte er sich. 1982 wurde er zum C2-Professor und 1987 zum C3-Professor für Medizinische Mikrobiologie ernannt und 1990 an die Universität Mainz berufen. Dort leitete er ab Mai 1990 als C4-Professor das Institut für Medizinische Mikrobiologie und Hygiene. Von 1999 bis 2003 gehörte er zum Senat der Universität Mainz. Seit Anfang 2000 war er Sprecher des Sonderforschungsbereichs „Invasion und Persistenz bei Infektionen“ für die Deutsche Forschungsgemeinschaft. Für diese war er von 1995 bis 2003 auch als Fachgutachter für medizinische Mikrobiologie und Immunologie tätig, ebenso für die National Science Foundation (NSF) der USA sowie die entsprechenden Gesellschaften in Kanada und Israel.Lebenslauf: Sucharit Bhakdi (Punyarataband). studylibde.com (undatiert) 1997 gründete er das Thai Network for Biomedical Research in Thailand.Petra Giegerich: Mainzer Universitätsprofessor Sucharit Bhakdi wird mit dem Aronson-Preis 2001 ausgezeichnet. Informationsdienst Wissenschaft, 29. November 2002. Damals besaß er die thailändische Staatsbürgerschaft.Mainzer Wissenschaftler präsentiert neue Hypothese zur Entstehung der Gefäßverkalkung. Aronson-Preisträger Sucharit Bhakdi bricht mit vorherrschender Lehrmeinung zur Entstehung der Atherosklerose, Pressemitteilung der Universität Mainz, 2. Dezember 2002

Seit 1. April 2012 ist Bhakdi Professor im Ruhestand ohne Mitgliedschaftsrechte an der Universität Mainz und ihrer Medizinischen Fakultät.Unimedizin Mainz: Meldungsarchiv, 28. Oktober 2020. Ab 2016 beteiligte er sich an Forschungsprojekten der Medizinischen Fakultät der Universität Kiel; dieser Gestattungsvertrag wurde seitens der Universität wegen Bhakdis „unbelegter und nicht seriöser Behauptungen“ und Aussagen vorzeitig zum 31. Dezember 2020 beendet.Stellungnahmen zur Publikation „Corona Fehlalarm?“ der Universität Kiel, 21. August 2020 / Update 2021 (31. Dezember); Dekan der Medizinischen Fakultät Kiel: Stellungnahme zur SARS-CoV-2-Infektion. 18. August 2020. Bhakdi ist mit der Kieler Biochemikerin Karina Reiß verheiratet und hat mit ihr einen gemeinsamen Sohn.René Schlott: Pandemie-Skepsis – Corona, anders gesehen. Der Freitag, Ausgabe 32/2020.

Forschung Zum Immunsystem Ab 1972 am Freiburger Max-Planck-Institut für Immunbiologie erforschte Bhakdi das Funktionieren der unspezifischen körpereigenen Abwehr. Er trug dazu bei, die Mechanismen besser zu verstehen, mit denen die großen Moleküle des Komplementsystems im Blut körperfremde Stoffe unschädlich machen.Gestern Stipendiatin – und heute? Sucharit Bhakdi – Leiter des Instituts für Medizinische Mikrobiologie und Hygiene der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. In: DAAD, März 2006 (Archiv).

1978 entdeckte Bhakdi ein Protein, das Zellen durch Einsenkung in die Zellmembran mit daraus resultierender Bildung einer Pore angreift und schädigt (siehe Membranangriffskomplex).S. Bhakdi, J. Tranum-Jensen: Molecular nature of the complement lesion. In: Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America. Band 75, Nr. 11, November 1978, S. 5655–5659, DOI:10.1073/pnas.75.11.5655, PMID 281714. Es handelte sich um das Vollstreckermolekül des Komplementsystems, das als Ergebnis einer Kettenreaktion des Immunsystems auf der Oberfläche von fremden Zellen gebildet wird. Daraufhin folgte die Entdeckung, dass Bakterien ihrerseits auch porenbildende Proteine produzieren können.R. Füssle, S. Bhakdi, A. Sziegoleit, J. Tranum-Jensen, T. Kranz: On the mechanism of membrane damage by Staphylococcus aureus alpha-toxin. In: Journal of Cell Biology. Band 91, Nr. 1, Oktober 1981, S. 83–94, DOI:10.1083/jcb.91.1.83, PMID 6271794, . Heute ist bekannt, dass die große Mehrzahl von krank machenden Bakterien Porenbildner produzieren, die zur Schädigung von Wirtszellen führen. 1984 lud die Royal Society in London Bhakdi ein, ihr das Konzept der Membranschädigung von Zellen durch Porenbildner vorzustellen.Sucharit Bhakdi, J. Tranum-Jensen, C. A. Pasternak, K. J. Micklem, Rodney Robert Porter: Mechanism of complement cytolysis and the concept of channel-forming proteins. In: Philosophical Transactions of the Royal Society of London. B, Biological Sciences. Band 306, Nr. 1129, 6. September 1984, S. 311–324, doi:10.1098/rstb.1984.0092. Fortan befasste sich Bhakdi schwerpunktmäßig mit der Forschung zu diesem Thema.S. Bhakdi, J. Tranum-Jensen: Damage to mammalian cells by proteins that form transmembrane pores. In: Reviews of Physiology, Biochemistry and Pharmacology, Band 107, 1987, S. 147–223, DOI:10.1007/bfb0027646, PMID 3303271.

Zur Atherosklerose Die Untersuchungen des Komplementsystems führten Bhakdi auf das Gebiet der Atherosklerose. 1989 entdeckte er mit Tierversuchen, dass die Komplementkomponente C5 in Gefäßwänden dort aktiviert wird, wo sich das Low Density Lipoprotein (LDL) ablagert.P. S. Seifert, F. Hugo, G. K. Hansson, S. Bhakdi: Perilesional complement activation in experimental atherosclerosis. Terminal C5b-9 complement deposition coincides with cholesterol accumulation in the aortic intima of hypercholesterolemic rabbits. In: Laboratory Investigation; a Journal of Technical Methods and Pathology, Band 60, Nr. 6, Juni 1989, ISSN 0023-6837, S. 747–754, PMID 2659887 Gemäß der aktuellen Lehrmeinung („Oxidationshypothese“) ist Atherosklerose eine polygene Krankheit, die durch ein komplexes Zusammenspiel mehrerer Umwelt- und genetischer Faktoren verursacht wird, besonders Cholesterin. Dieses wird via LDL im Blut transportiert und von den Zellen, die es benötigen, über zellständige Rezeptoren aufgenommen. Es kann sich aber beim Transport in den Blutgefäßwänden ansammeln und dort oder schon vorher oxidieren. Dadurch werden Monozyten angelockt, die das oxidierte LDL aufnehmen und sich in „Schaumzellen“ verwandeln. Diese stoßen dann chronische, gefäßwandschädigende Entzündungsreaktionen an. Bhakdi und seine Teamkollegen stellten dagegen 1998 die „Mainzer Hypothese“ auf, dass Atherosklerose nur monokausal durch den fehlenden Abtransport von LDL verursacht werde.Atherosklerose: Verschiedene Hypothesen, ähnliche Empfehlungen. In: Pharmazeutische Zeitung, 16. Februar 2010.Atherosklerose – Eine Überlastung des Lipid-Transportsystems (PDF; 2,3 MB), Natur & Geist, 2004, Johannes Gutenberg-Universität Mainz.

Nach Bhakdis Hypothese wird LDL grundsätzlich nicht oxidiert, aber Cholesterin wird ebenfalls von Monozyten aufgenommen und es bilden sich Schaumzellen. Jedoch kann das High Density Lipoprotein (HDL) Cholesterin wieder abtransportieren. Falls sich aber ein gewisses Maß an LDL lokal an der Gefäßwand anhäuft und der Abtransport nicht hinterherkommt, werden über einen Teil des Immunsystems entzündliche Reaktionen verursacht, die zur Atherosklerose führen. Damit könnte bei einer Senkung des LDL-Blutspiegels (und Blutdrucks) und einer Erhöhung des HDL-Spiegels eine Atherosklerose im Frühstadium rückgängig gemacht werden.Doris Uhl: „Die Atherosklerose ist eine besiegte Krankheit!“, Deutsche Apothekerzeitung, 4. Februar 2010. Bhakdis Hypothese fand jedoch keinen Niederschlag in der gängigen Lehrmeinung.

Auszeichnungen Bhakdi erhielt für seine Forschungsarbeiten über die Wirkungsmechanismen bakterieller Toxine und von Complementfaktoren 1979 den Preis der Justus-Liebig-Universität Gießen, 1980 den Konstanzer Medizin-Preis, 1987 den Preis der Deutschen Gesellschaft für Hygiene und Mikrobiologie, 1988 den Dr.-Friedrich-Sasse-Preis, 1989 den Ludwig-Schunk-Preis für Medizin.Universitätsklinikum Gießen: Geschichte des Institutes für Medizinische Mikrobiologie in Gießen (bis zum Jahr 2000).

1989 erhielt er den Robert-Koch-Förderpreis der Stadt Clausthal-Zellerfeld,Robert-Koch-Stiftung: Preisträger A–Z. 1991 den deutsch-französischen Gay-Lussac-Humboldt-Preis.Deutsche Gay-Lussac Humboldt-Preisträger. Education.gouv.fr (PDF, S. 3)

1999 zeichnete die Deutsche Gesellschaft für Angiologie die Dozentin Mariam Klouche als Vertreterin von Bhakdis Mainzer Forschungsgruppe Atherosklerose mit dem vom Unternehmen Schwarz Pharma gestifteten Angiologischen Preis aus. Anlass war ihr Fachaufsatz Enzymatically modified, nonoxidized LDL induces selective adhesion and transmigration of monocytes and T-lymphocytes through human endothelial cell monolayers.VARIA: Preise. Deutsches Ärzteblatt 1999. 2001 erhielt Bhakdi den Aronson-Preis für „wegweisende Arbeiten auf dem Gebiet des Komplementsystems und bakterieller Toxine“.

1999 verlieh die Deutsche Gesellschaft für Arterioskleroseforschung Bhakdi den Gotthard-Schettler-Preis, 2005 den W.H. Hauss-Preis,Universität Mainz: Sucharit Bhakdi, M.D. (Archivlink vom 4. März 2016) 2009 die Rudolf-Schönheimer-Medaille für seine besonderen Verdienste in der Atheroskleroseforschung.Mainzer Mediziner Bhakdi für Hypothese zur Entstehung von Atherosklerose ausgezeichnet. Unimedizin Mainz, 20. April 2009 (Archiv). 2005 erhielt er den Verdienstorden des Landes Rheinland-Pfalz.

Haltung zur COVID-19-Pandemie Bhakdi hat zu Coronaviren und damit verbundenen epidemiologischen Themen weder geforscht noch publiziert. Die wissenschaftliche Datenbank MEDLINE enthielt 2019 und 2020 keinen Artikel von ihm.Matthias Soyka: Ärzte, die Verschwörungstheorien verbreiten, schaden den Patienten. Cicero, 4. Januar 2021. Gleichwohl stellte er sich in der COVID-19-Pandemie in Deutschland als Experte dar und wurde von seinen Anhängern so gesehen. Ab 18. März 2020 (kurz nach Beginn des ersten „Lockdowns“) verbreitete er seine Ansichten über einen eigenen YouTube-Kanal. In einem seiner ersten Videos nannte er die staatlichen Coronamaßnahmen „sinnlos und selbstzerstörerisch“.Kira Urschinger: Wir prüfen Fake-News und Lügen: Video von Prof. Sucharit Bhakdi: Sind die Corona-Maßnahmen gefährlich? SWR3, 9. Juni 2021 Bis Ende März 2020 veröffentlichte er vier Videos und gab Ken Jebsen auf dessen YouTube-Kanal KenFM ein Interview dazu.Kira Urschinger: Video im Faktencheck: Prof. Sucharit Bhakdi kritisiert Corona-Maßnahmen. SWR3, 22. Mai 2020 (Archiv).

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