Das Kastell Unterböbingen ist ein ehemaliger römischer Garnisonsort, dessen Reste heute im Osten des Gemeindegebiets von Böbingen an der Rems im Ostalbkreis in Baden-Württemberg liegen. Das für eine Kohorte bemessene Lager wurde nahe dem Südufer der Rems zur Sicherung des nicht weit entfernten Rätischen Limes errichtet, der 2005 zum UNESCO-Weltkulturerbe erhobenen worden ist.

Lage miniatur|links|Lageplan (1892–1894) miniatur|300px|Grundriss und Geländeprofile (1892–1894) Die Anlage wurde unter geschickter Ausnutzung des Geländes auf einem erhöhten Geländesporn über dem Südufer der Rems errichtet. Während südöstlich das Gelände auf rund 446 Höhenmeter ansteigt, fällt es westlich ins Tal des Klotzbachs ab, der unterhalb des Kastells in den hier von Osten nach Westen fließenden Fluss Rems mündet. Vom Kastell aus konnte der nördlich auf den Höhen über dem Remstal laufende Limes teilweise direkt eingesehen werden, denn westlich der Befestigung fällt die Rätische Mauer von Westen kommend, ohne Rücksicht auf das Gelände zu nehmen, steil ins Remstal ab, knickt dort sanft in nordöstliche Richtung und steigt wieder die Höhen hinauf. Insgesamt konnte die Garnison von Unterböbingen rund 20 Limestürme an einer Strecke von 15 Kilometern zwischen dem westlichen Herlikofen bis zum Kolbenberg im Osten überwachen.Dieter Planck: Neue Ausgrabungen am Limes (= Kleine Schriften zur Kenntnis der römischen Besetzungsgeschichte Südwestdeutschlands. Nummer 12). Gentner, Stuttgart 1975, S. 22.

Forschungsgeschichte Durch den Flurnamen „Bürgle“ bezeugt, scheint das Wissen um eine alte Befestigung an diesem Ort nie ganz vergangen zu sein. Bei ersten Grabungen 1885 und im Herbst 1886 durch den pensionierten Generalstabschefs des württembergischen Heeres, Eduard von Kallée, wurde Unterböbingen als Kastellplatz erkannt und 1892 durch Major Heinrich Steimle im Auftrag der Reichs-Limeskommission (RLK) untersucht. Dadurch konnten wertvolle Ergebnisse für die Zukunft gesichert werden, denn zwischen 1930 und 1935 wurde die Praetentura (Vorderlager) einschließlich der zum Stabsgebäude gehörenden großen Mehrzweckhalle durch Steinbrucharbeiten zerstört, um Schotter für den Straßenbau zu gewinnen. Da in diesem Bereich vor der Zerstörung keine Nachuntersuchungen mehr stattfinden konnten, sind viele Fragen offengeblieben.

Die noch übriggebliebenen Reste des Kastells wurden im Frühjahr und Sommer 1973Dieter Planck: Neue Ausgrabungen am Limes (= Kleine Schriften zur Kenntnis der römischen Besetzungsgeschichte Südwestdeutschlands. Nummer 12). Gentner, Stuttgart 1975, S. 21. durch das Landesdenkmalamt Baden-Württemberg, Abteilung Bodendenkmalpflege, unter der Leitung von Dieter Planck großflächig untersucht, bevor hier die weitgehende Überbauung und der damit verbundene Verlust dieser antiken Stätte einsetzte. 1975 konnten während einer Grabung größere Teile der Zivilsiedlung mit einer wahrscheinlichen Straßenstation untersucht werden, bevor auch hier historische Befunde endgültig vernichtet wurden. 1978 kamen die Ausgräber erneut. Ein bereits 1885/86 und 1892 untersuchtes Gelände, auf dem ein Tempel stand, musste 1981 nachuntersucht werden, da es von der Gemeinde Böbingen für den Bau einer Halle verplant worden war.

Baugeschichte Das Kastell entstand aufgrund der Vorverlegung des Alblimes in das Remstalgebiet. Wie dendrochronologische Untersuchungen an bzw. bei der Limespalisade im Rotenbachtal nahe dem Kleinkastell KleindeinbachBernd Becker: Fällungsdaten römischer Bauhölzer anhand einer 2350jährigen süddeutschen Eichen-Jahrringchronologie. In: Fundberichte aus Baden-Württemberg. Band 6, Theiss, Stuttgart 1981, ISBN 3-8062-1252-X, S. 369–386; bei . sowie im westlichen SchwabsbergWolfgang Czysz, Lothar Bakker: Die Römer in Bayern. Theiss, Stuttgart 1995, ISBN 3-8062-1058-6, S. 123; bei . zeigen, ist der rätische Grenzausbau in diesem Bereich um die Mitte der 160er Jahre n. Chr. vonstattengegangen.Dieter Planck: Archäologie in Württemberg. Theiss, Stuttgart 1988, ISBN 3-8062-0542-6, S. 269. Die für den Palisadenbau benötigten Truppen müssen somit bereits einige Jahre früher ihre Lager errichtet haben. Unterböbingen wurde vom Kastell AalenBei . aus mitverwaltet.Marcus Junkelmann: Die Reiter Roms, Teil II, von Zabern, Mainz 1991, ISBN 3-8053-1139-7, S. 84 f. Durch die besonders im 20. Jahrhundert erfolgten Zerstörungen sind wesentliche Teile der Böbinger Antike verloren.

Umwehrung mini|Die einspurige Porta decumana mini|Die südöstliche Kastellecke mini|Restaurierter Zwischenturm der Ostmauer Das Bauwerk wurde direkt auf einer Naturfelsplatte errichtet, was einige besondere Befunde ermöglichte. Klar unterscheidbare Bauphasen konnten nicht festgestellt werden. Das Kastell wurde in annähernder Süd-Nord-Ausrichtung errichtet. Die Prätorialfront, das heißt die dem Feind zugewandte Wehrmauer, stand somit im Norden und orientierte sich am Limesverlauf auf der gegenüberliegenden Remstalseite. Die Anlage umschloss mit ihren an den Ecken abgerundeten, 1,2 Meter breiten Wehrmauern (Spielkartenform) ein rechteckiges Areal von 148 × 135 Metern (= rund 2 Hektar).Hans Ulrich Nuber: Schwäbisch Gmünd in frühgeschichtlicher Zeit. In: Geschichte der Stadt Schwäbisch Gmünd. Theiss, Stuttgart 1984, ISBN 3-8062-0399-7, S. 37. Dem üblichen Aufbau ihrer Zeit folgend, besaß sie vier Tore, die von je zwei Tortürmen flankiert wurden. Während die Porta principalis sinistra (hier: Westtor) und die Porta principalis dextra (hier: Osttor) je zwei Durchfahrten besaß, konnte an der rückwärtigen Porta decumana (hier: Südtor) nur eine einspurige Zufahrt festgestellt werden. Von der mittig in die Prätorialfront gesetzten Porta praetoria blieb nur der 4,475 Meter breite Ostturm erhalten. Die noch auszumachenden ebenerdigen Turmzugänge hatten eine Breite von zwei Metern. Am Westtor wurde zu irgendeinem Zeitpunkt die südliche Tordurchfahrt offensichtlich zugemauert. Ein ähnlicher Befund konnte auch am Westtor des Kastells Pfünz gemacht werden. Sowohl in den vier Ecken, in denen je ein trapezförmiger Turm stand, als auch in der Retentura, dem rückwärtigen Lagerteil, konnte an der westlichen und östlichen Längsseite je ein rechteckiger Turm ausgemacht werden. Alle Türme waren an die Mauer gelehnt errichtet worden. Am südöstlichen Eckturm und am östlichen Zwischenturm konnte Fischgrätmauerwerk (Opus spicatum) nachgewiesen werden. Es wird diskutiert, ob rechteckige Fundamente an der Kastellmauer Geschütztürme gewesen sein könnten. Dazu zählt in Unterböbingen ein Mauerkarree, das direkt neben dem Nordwestturm an der Prätorialfront errichtet worden ist. Als Besonderheit waren mindestens drei acht Meter breite Spitzgräben, die das Lager als Annäherungshindernis umgaben, in den anstehenden Fels geschlagen.

Innenbebauung Am Schnittpunkt der beiden Kastellhauptachsen, im Inneren der Anlage, dort wo sich die beiden Lagerhauptstraßen Via principalis und Via praetoria kreuzten, befand sich die große, quer über der Via Principalis liegende 57,40 × 16 Meter große Mehrzweckhalle der Kaserne mit den sich dahinter im Karree anschließenden Räumen der Principia, dem Stabsgebäude. Die Dienst- und Verwaltungsräume dieses Hauses waren um einen rechteckigen, säulenumgebenen Innenhof gegliedert. Die rückwärtigen Zimmer, mindestens drei davon heizbar, lagen rechts und links des mittig in den Principia angeordneten Fahnenheiligtums (Aedes principiorum). Mit seiner halbrunden Apsis ragte das Heiligtum aus der Rückwand des Stabsgebäudes heraus. Die Ausgestaltung des Heiligtums mit halbrunden Apsiden ist in den Kastellen der germanischen Provinzen erst seit Mitte des 2. Jahrhunderts üblich geworden.Anne Johnson (dt. Bearbeitung von Dietwulf Baatz): Römische Kastelle. von Zabern, Mainz 1987, ISBN 3-8053-0868-X, S. 152. Westlich an das Stabsgebäudes angebaut und dessen Längsseite folgend, wurde das Horreum, der Speicherbau, ergraben, dessen Fußböden auf Steinpfeilern lagen.Anne Johnson (dt. Bearbeitung von Dietwulf Baatz): Römische Kastelle. von Zabern, Mainz 1987, ISBN 3-8053-0868-X, S. 168. Östlich befand sich das Prätorium, das Wohnhaus des Lagerkommandanten, das nur teilweise in Holzbauweise errichtet worden war. Jene Räume, die heizbar waren, waren in Steinbauweise ausgeführt. Die auf einem massiven Fundament stehenden Zimmer sind offenbar als Bad des Hauses anzusprechen. Zwei der Räume waren heizbar, der östliche Bereich mit einer Apsis konnte als Kaltbad (Frigidarium) angesprochen werden. Da der Steinraub sehr intensiv gewesen ist, waren einige Befunde nicht zweifelsfrei zu erkennen. Die Forschung konnte noch ein weiteres Steingebäude orten, das im östlichen Teil der Praetentura, des rückwärtigen Lagerbereiches, lag. Die eigentliche Zuordnung dieses als „Baracke“ bekannt gewordene Bauwerks bleibt jedoch unbekannt, da es in den 1930er Jahren während der Steinbrucharbeiten zerstört wurde. Die RLK konnte unter der „Baracke“ Überreste verbrannter Holzbauten erkennen. In der Retentura konnte entlang der Via sagularis (Lagerringstraße) ein ebenfalls in die Felsbank gehauener Abwasserkanal (Cloaca) freigelegt werden, der südlich des südöstlichen Eckturms in den innersten Spitzgraben abfloss. Dieser Kanal barg wichtige Kleinfunde. Die Forscher schlossen aufgrund einer Brandschicht im Bereich von Horreum und Principia auf ein gewaltsames Ende Unterböbingens.

Fundgut Neben weiteren Funden sind 1973 Fibeln, Münzen, ein silberner Löffel, der vergoldete Buchstabe einer Inschrift, militärische, in Durchbruchstechnik verzierte Gürtelbeschläge, Teile von Pferdegeschirren sowie der bronzene Daumen einer überlebensgroßen Panzerstatue, die wohl einen Kaiser darstellte, aus dem Kastellbereich zu erwähnen.Dieter Planck: Neue Ausgrabungen am Limes (= Kleine Schriften zur Kenntnis der römischen Besetzungsgeschichte Südwestdeutschlands. Nummer 12). Gentner, Stuttgart 1975, S. 22; Aura Piccioni: Römische Großbronzen am Limes. Fragmente im raetischen Raum (= BAR International Series. Band 3133). BAR Publishing, Oxford 2023, ISBN 978-1-4073-1499-0, S. 7–11. Aus der Praetentura stammt das Bruchstück eines bronzenen Militärdiploms, das sich jedoch nicht mehr eindeutig datieren lässt. Die Forschung ordnet es dennoch in die erste Hälfte des 2. nachchristlichen Jahrhunderts ein.

Eine vier Zoll hohe römische Bronzefigur wurde bereits in der Vergangenheit im Kastell gefunden, gilt aber schon sehr lange als verschollen. Heute gehört eine 1926 aufgefundene, hervorragend erhaltene bronzene Jupiter-Statuette zu den bedeutenden Funden. Die 11,8 Zentimeter hohe Figur wurde elf Kilometer unterhalb von Unterböbingen aus dem Schotter der Rems geborgen. Ob auch Jupiter aus dem Kastell stammt, oder wie der 1962 geborgene Mars (siehe weiter unten) dem Lagerdorf zuzuordnen ist, bleibt unbekannt.Hans Ulrich Nuber: Ein Mars von Böbingen an der Rems. In: Germania. Band 41, 1963. S. 351.

Kastellbad Das Militärbad (Balineum), das auch den Bewohnern des Dorfes zur Verfügung stand, konnte 1978 nördlich des Kastells auf einer Hochterrasse am Remstalrand ausgemacht werden. In seinem Schutt fand sich ein gut erhaltener bronzener Jochaufsatz.

Vicus, Mansio und Tempel