Wommelshausen (mundartlich Wommelshause) ist ein Dorf im Südwesten des Hessischen Hinterlandes und als solches ein Ortsteil der Gemeinde Bad Endbach im mittelhessischen Landkreis Marburg-Biedenkopf. Zu Wommelshausen gehört der Ortsteil Hütte (mundartlich Wommelshäuser Hedde).
Seit dem 20. Dezember 1962 ist Wommelshausen mit dem Prädikat staatlich anerkannter Erholungsort ausgezeichnet.Prädikate auf dem Prüfstand – Erwachen aus dem Dornröschenschlaf In: Oberhessische Presse. aufgerufen am 25. März 2016. Wommelshausen nahm 5-mal am Landeswettbewerb „Unser Dorf soll schöner werden“ teil und erzielte 1990 den 2. Platz im Landesentscheid.Horst W. Müller: 50 Jahre Heimat- und Verschönerungsverein Wommelshausen, Wommelshausen als Fremdenverkehrsort, Hrsg. Heimat- und Verschönerungsverein Wommelshausen e. V., Wommelshausen 2003, S. 7.
Geografische Lage mini|Blick von Nordwesten über Wommelshausen ins mittlere Salzbödetal Wommelshausen liegt (Ortskern 350 m ü. NN) in einem linken Seitental am Oberlauf der Salzböde, ca. 1 km nördlich von Endbach, in Nestlage in einem nur nach Süd-Ost offenen Talkessel der Südabdachung der Bottenhorner Hochflächen zum oberen Salzbödetal. Seine Ortslage im Gladenbacher Bergland, einem östlichen Ausläufer des Westerwaldes überschneidet sich hier mit dem Südausläufer des Rothaargebirges. Südöstlich vom Hauptort in ca. 1,5 km Entfernung liegt an der Salzböde der Ortsteil „Hütte“.
Der Ort liegt in einer wechselhaften Mittelgebirgslandschaft zwischen den Städten Marburg (östlich), Dillenburg (westlich) und nördlich von Wetzlar im südwestlichen Hessischen Hinterland.
Durch Wommelshausen verläuft die Landesstraße 3049, die im Ortsteil Hütte von der L 3050 abzweigt.
Von 1902 bis 2001 war der Ort über die Aar-Salzböde-Bahn erschlossen.
Geschichte Vorgeschichte, Trapezbeil und Doppelaxt mini|Blick vom Kreuz „Am Stein“ (eingeweiht am 31. Dezember 2010) über Wommelshausen ins Salzbödetal
In der Gemarkung Wommelshausen wurden auf einem Acker auf der Äwwelt (Flurname) ein etwa neun Zentimeter langes Trapezbeil aus dem Neolithikum gefunden.
Steinerne Doppelaxt aus dem Jungneolithikum, „Amazonenaxt“, der südlichste Fund
Als Besonderheit gilt der Fund einer im Schaftloch alt zerbrochenen steinernen halben Doppelaxt aus Diorit, einer Amazonenaxt, einem Statussymbol mit kultischer Bedeutung, die bei Ausschachtungsarbeiten 1973 im Gewenn (Flurname) entdeckt wurde.Horst W. Müller: Wommelshausen 1336–1986 – Ein Dorfbuch. Hrsg. Heimat- und Verschönerungsverein Wommelshausen e. V. Bad Endbach. 2. Auflage. Marburg 1995, . Seiten 9, 10 u. Bildseite, Beitrag von Albrecht Jockenhövel.Norbert Gebauer: Das Fragment einer Doppelaxt der norddeutschen Trichterbecherkultur bei Bad Endbach-Wommelshausen, Hinterländer Geschichtsblätter, Biedenkopf, Nr. 1, März 1991, S. 58 u. 59. Diese Doppelaxt aus dem frühen dritten Jahrtausend v. Chr. (Jungneolithikum, Trichterbecherkultur, Megalithgräber, Hünengräber) ist der südlichste Fund einer mit Rillen verzierten Steinaxt und das einzige Exemplar in Hessen.
Nahezu ähnliche, aber unzerbrochene doppelschneidige Äxte – wohl auch Statussymbole – fand man als Beigabe in einem Einzelgrab in Wertle/Emmeln im Landkreis EmslandSpuren der Jahrtausende, Archöologie und Geschichte in Deutschland, Hrsg. Uta von Freeden, Siegmar von Schnurbein, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 2002, Abb. 256, Seite 149; ISBN 3-8062-1337-2. und zwei weitere bei Buxtehude im Landkreis Stade und bei Lembruch im Landkreis Diepholz.
Mittelalter Zwischen 500 und 600 n. Chr. wurde Mittelhessen in den fränkischen Staatsverband eingegliedert. Die „‑hausen‑Orte“ in diesem Raum entstanden danach im Zuge der fränkischen Staatskolonisation, in der Zeit vom 6. bis ins 8. Jahrhundert n. Chr. Die frühmittelalterliche Siedlungsform bestand aus verstreut liegenden Einzelgehöften und Siedlungen in Weilerform am Oberlauf kleiner Bäche bzw. in der Nähe von Quellen. Höfe fränkischer Grundherren und Einzelhöfe freier Bauern legte man nach und nach aus strategischen Gründen zusammen zu Hofgruppen, bachabwärts an windgeschützte Stellen, auch der besseren Wasserversorgung wegen.
Doppelort: Ober- und Nieder-Wommelshausen, älter als von Urkunden belegt
Erstmals wird Wommelshausen am 10. August 1336 als „villa Womoldisdhusin superior et inferio“, als Doppelort Ober- und Nieder-Wommelshausen in einer zufällig erhaltenen Urkunde des Deutschen Ritterordens der Kommende Marburg erwähnt, was aber nichts über das wirkliche Alter der Siedlung aussagt.
An der Alten Kirche Wommelshausen (Marien-Kapelle, 1100 bis 1200 Jahre alt) wurden jedoch bereits 1268 (dendrochronologisch belegt) Renovierungen am Giebel und an der Südwand vorgenommen. Daraus lässt sich schließen, dass der Ort zu dieser Zeit schon längere Zeit bestand.
In erhaltenen Urkunden späterer Zeit wurde der Ort dann unter den folgenden Ortsnamen erwähnt (in Klammern jeweils das Jahr der Erwähnung): Womulshusen (1340), Wommeldishoffen (ungenaue Datierung), Waneboltshusen (1400), Wamelzshusen (1435), Wommelzhusen (1460), Womelshusen (1500), Wumolzhusen (1536), Womeltzhausen (1570), Wolmershausen (1577), Wommeltzhausen (1586) und Womelshausen (1707).
Der Ortsname ist abgeleitet vom fränkischen Vornamen Womhold oder Wombold, dem Besitzer des ersten, ehemals dominanten Hofes.
Nieder-Wommelshausen wüst infolge klimatischer und kriegerischer Einwirkungen mini|Wall der Innenheege im Verlauf der östlichen Gemeindegrenze zwischen Wommelshausen (Bad Endbach) links u. Römershausen (Gladenbach) rechts mini|Querschnitt durch eine klassische Heege
Das Dorf Nieder-Wommelshausen fiel bereits Mitte des 14. Jahrhunderts wüst,Horst W. Müller: Wüstungen im Raum Bad Endbach, Wo lagen Elwertshausen und Niederwommelshausen?, Hinterländer Geschichtsblätter, Biedenkopf, Nr. 1, April 2009, S. 66–68. vermutlich zerstört und aufgegeben infolge klimatischer Veränderungen / Einwirkungen, u. a. durch ein extremes Starkregenereignis (Magdalenenhochwasser 1342) und kriegerischer Auseinandersetzungen wie der 100-jährigen Dernbacher Fehde, Ende 1336. Das Dorf wird nach 1350 nicht mehr schriftlich erwähnt. Ober-Wommelshausen mit der Marien-Kapelle, nördlich im Talkessel liegend, blieb bestehen.
Der ehemalige Standort von Nieder-Wommelshausen, südlich an der Einmündung des Dorfbachs (Wommelshäuser Bach) in die Dernbach, ca. 250 m westlich der Neuen Siedlung, ist bekannt und belegt durch Flurnamen (z. B. „im Höfchen“) und Bodenfunde (Keramik).
Ein einzelner, nordöstlich am Rand/Ende des ehemaligen Standortes gelegener Hof, „Menn Hoob“ (Flurname) genannt, (Name entstanden aus „am End“ > Amend, verkürzt zu > Menn) hat vermutlich dort noch über längere Zeit existiert, wie die Legende berichtet.
Burg Neu Dernbach auf ehemaliger Wommelshäuser Gemarkung
Mit dem Bau der Burg Neu-Dernbach wurde ab 1350 auch neue die Gemarkung Dernbach gebildet, die man aus der Gemarkung von Wommelshausen herausschnitt. Als Entschädigung erhielt Wommelshausen vom hessischen Landgrafen im Süden ein Teilgebiet der um 1340 aufgegebenen Ortschaft Seibertshausen, und zwar meist Wald am Hang (daher Flurname „Hessen“ oder genannt „die Hessen“) mit zugehörigen Wiesen im Salzbödetal.Horst W. Müller: Wommelshausen 1336–1986 – Ein Dorfbuch. Hrsg. Heimat- und Verschönerungsverein Wommelshausen e. V. Bad Endbach. 2. Auflage. Marburg 1995, S. 30 bis 33.
22 landgräfliche Lehnhöfe
Wommelshausen war ab 1336, nach dem Ende der Dernbacher Fehde, ein landgräflich-hessisches Dorf und unterstand keinem weiteren Ortsherren. Den größten Grundbesitz als hessische Lehensinhaber hatten hier die „Herren von und zu Dernbach“ (Dernbach (Adelsgeschlecht)) auf „Burg Neu-Dernbach“, deren Lehen bis 1707 von den Landgrafen erneuert wurde. Ihr Lehensbesitz wurde z. B. 1577 von elf Beständern (Bauern) bewirtschaftet, der Besitz der „Rode von Dernbach“ (Sitz in Marburg, wurden nur „Rode“ genannt) von drei. Der Deutsche Ritterorden in Marburg besaß hier vier Güter als Lehen, die „Herren von Schwalbach“ und der Gladenbacher Amtmann „Daniel Lynker“ (auf Hülshof) hatten je zwei Lehnhöfe im Ort.
Gemeindegrenze im Osten Ab der östlichen Gemarkungsgrenze von Dernbach, die dem Verlauf der „Innenheege“ (Mittelhessische Landheegen) entspricht, verläuft auch die Ostgrenze von Wommelshausen entlang der „Innenheege“, die Landgraf Heinrich I. zwischen 1297 und 1307 anlegen ließ. An der Grenze zwischen den Gemarkungen Wommelshausen und Weidenhausen (Gladenbach) (am Hiemerk, Fln.) weicht der Grenzverlauf von der Innenheege ab und zieht von der Salzböde südwestlich ab durch den Wald über die Hessen (Flurname) bis zur „Endbacher Platte“. Dieser Verlauf der Ostgrenze war gleichzeitig auch die Grenze zwischen den Verwaltungsbezirken „Obergericht“ und „Untergericht“ des ehemaligen Amtes Blankenstein und zugleich Grenze zwischen den beiden früheren Kirchspielen Hartenrod (Obergericht) und Gladenbach (Untergericht). Heute ist dies die Grenze zwischen Bad Endbach und Gladenbach.
Die Ostgrenze ist auch eine Mundartscheide (z. B. Hink (westl.) / Huink (östl.) für „Honig“, Emer (westl.) / Äimer (östl.) für „Eimer“, Läder (westl.) / Lädder (östl.) für „Leiter“) und war auch eine Trachtengrenze z. B. bei der ehemaligen weiblichen Kopfbedeckung, und zwar zwischen der „Dellmutsche“ (westl.) und „Schneppekapp“ (östl.) (siehe Hinterländer Trachten).
Die „Hüttner-Hütte“ mini|hochkant|Mittelalterliches Rennwerk Waldschmiede (1556) mini|links|Roteisenstein, Fundort ehemalige Grube „Ruremark“ zwischen Wommelshausen und Dernbach mini|links|Blick in den Steinbruch „Hahnkopf“ in Richtung Wommelshausen – noch in Betrieb – mini|Das Backhaus im Ortsteil Hütte wird sporadisch genutzt mini|Mit Brotlaiben und Blechkuchen auf dem Weg zum Backhaus (Otto Ubbelohde) mini|Roggenbrot im Backhaus Wommelshausen-Hütte, nach dem Bestreichen mit Wasser, kurz vor dem Ende des Backvorganges mini|Ehemaliges Backhaus mit Rathaus (bis 1971), heute Heimatmuseum Im ca. 1,5 km südöstlich des Hauptorts liegenden Ortsteil Hütte wurde 1496 eine Waldschmiede und 1499 ein „Schyluckemoller uss der moelen uff der schmytten“ genannt.Hauptstaatsarchiv Wiesbaden, Urkunde W 171 C 825, 826 f. 475 u. 478. Dort gab es ein spätmittelalterliches Hüttenwerk, die „Hüttner-Hütte“.Horst W. Müller: Die „Hüttner Hütte“, Ein Beitrag zur Siedlungsgeschichte von Wommelshausen-Hütte. Hinterländer Geschichtsblätter, Biedenkopf, Nr. 1, März 1983, S. 23; Nachtrag Nr. 2, Juni 1983, S. 32. Der ehemalige Standort ist identisch mit dem Gelände der „Hüttner-Mühle“ an der Einmündung der „Dernbach“ in die Salzböde. Er ist durch Schlackenfunde belegt, die eindeutig als Eisenschlacke identifiziert wurden. Die verarbeiteten Erze kamen aus Wommelshausen, Endbach, Bottenhorn und Dernbach. Das Hüttenwerk bestand etwa ab Mitte des 15. bis Ende des 16. oder Anfang des 17. Jahrhunderts (siehe hierzu auch Lahn-Dill-Gebiet).
Man nimmt an, dass das Hüttenwerk aufgegeben wurde, weil der Preis für Stabeisen zu dieser Zeit rapide fiel und außerdem die Holzkohle vor Ort durch Übernutzung der Waldungen knapp wurde. Um eine Tonne Eisen zu erzeugen, benötigte man vier Tonnen Holzkohle, für die ca. die 8-fache Menge an Holz verkohlt werden musste, rund 30 Tonnen. Etwa 8000 m² gut bestückter Niederwald (Stock-Ausschlagswald) waren dafür abzuholzen. Die Landesherrschaft sah sich daher gezwungen, kleinere Eisenschmelzen zu schließen und die Produktion an wenigen Stellen zu konzentrieren, in der Nähe großer Wälder. Das Erz wurde zum Holz gebracht.
Aus der Ansiedlung der Hüttenarbeiter entstand der Ortsteil „Hütte“. Zwei ältere Ortsnamen sind bekannt, und zwar ab 1570 „uff der Hutten“ und ab 1703 „Die Hütte“.
Eisensteinfahrten