miniatur|Alfred Hrdlicka (2005)
Alfred Hrdlicka [] (* 27. Februar 1928 in Wien; † 5. Dezember 2009 ebenda) war ein österreichischer Bildhauer, Zeichner, Maler, Grafiker, Schachspieler und Schriftsteller.
Leben Kindheit und Jugend Alfred Hrdlicka wuchs in der politisch unruhigen und von auch gewalttätigen Kämpfen zwischen sozialistischen und konservativen, zunehmend auch nationalsozialistischen Gruppierungen und Parteien geprägten Ersten Republik Österreich auf. Schon früh wurde er durch seinen Vater, einen Kommunisten und Gewerkschaftsfunktionär, für politische Fragen sensibilisiert. Bereits 1933, als Fünfjähriger, begleitete er ihn, der mehrmals verhaftet wurde, beim Verteilen von Flugblättern im Arbeiterbezirk Floridsdorf.Tagesspiegel: Der Polterer – Zum 80. Geburtstag des Bildhauers Alfred Hrdlicka, 27. Februar 2008 Mit sechs Jahren erlebte er eine erste Hausdurchsuchung, bei der er von der Polizei verprügelt wurde. Als Zehnjähriger war er Zeuge des Anschlusses Österreichs an das Deutsche Reich.
Die Jahre der NS-Herrschaft und den Zweiten Weltkrieg überlebten sein Vater, der zeitweilig Zwangsarbeit in einer Strafkompanie der Organisation Todt leisten musste, und er durch Abtauchen in die Illegalität. Alfred Hrdlicka entzog sich so 1944 dem Kriegsdienst. Bei einem befreundeten Zahntechniker, der ihn auch vorübergehend versteckte, konnte er eine zweieinhalbjährige Lehre machen. Die dort erworbenen feinmotorischen Fähigkeiten waren ihm später bei der Schaffung seiner Kunstwerke sehr von Nutzen. Sein älterer Bruder war als Soldat der Wehrmacht vor Leningrad gefallen, ein weiterer Verwandter, Franz Hrdlička – hochdekorierter und erfolgreicher Jagdflieger im Zweiten Weltkrieg – starb 1945 im Luftkampf. Aus dieser männlichen Linie stammt der, in München lebende, Jazzmusiker Franz „Litschie“ Hrdlička.
Hrdlicka war ein talentierter Schachspieler. Das Spiel erlernte er während der illegalen Zusammenkünfte seines Vaters mit seinen Mitkämpfern in Kaffeehäusern und Beisln, wo er als Alibi bei Kontrollen diente. Im Jahre 1953 wurde er für die zweite internationale Studentenmannschaftsmeisterschaft in Brüssel nominiert, an der acht europäische Mannschaften mit je vier Spielern teilnahmen. Die österreichische Mannschaft, in der Hrdlicka (zwei Punkte aus sieben Partien) und ein weiterer Österreicher abwechselnd jeweils am ersten und zweiten Brett spielten, wurde durch einen belgischen und einen französischen Spieler ergänzt und erreichte Rang 7. Dem Team gelang ein Achtungserfolg mit einem 2 : 2 gegen die favorisierten Briten, wobei Hrdlicka gegen den englischen Meisterspieler Peter H. Clarke gewinnen konnte.Peter Anderberg: Alfred Hrdlicka als Schachspieler, Kaissiber 36, Januar-März 2010, S. 44–47.
Studium und erste Erfolge mini |hochkant|Karl-Renner-Büste (Wien, 1967) mini|Fresko im Foyer des Wohnparks Alterlaa (Wien, 1973)
Von 1946 bis 1952 studierte Hrdlicka Malerei an der Akademie der Bildenden Künste Wien bei Albert Paris Gütersloh und Josef Dobrowsky. Darauf folgte von 1953 bis 1957, ebenfalls an der Akademie, ein Studium der Bildhauerei bei Fritz Wotruba. Ab 1955 betrieb er gemeinsam mit Georg Eisler, Fritz Martinz und Rudolf Schönwald eine Lithowerkstatt in Wien. 1960 hatte er zusammen mit Fritz Martinz seine erste Ausstellung Skulptur, Malerei und Grafik in der Wiener Zedlitzhalle.
International bekannt wurde er 1964, als er gemeinsam mit Herbert Boeckl Österreich auf der 32. Biennale in Venedig vertrat. 1966 erlebte Hrdlicka erstmals die Welt psychisch kranker Menschen. Er wurde von diesen Begegnungen dermaßen nachhaltig beeindruckt, dass er sich fortan immer wieder mit dem Leid dieser Menschen, später mit Leid, Angst, Schmerz und der Bedrohung des Menschen schlechthin, künstlerisch auseinandersetzte. Im Jahr darauf fertigte er für die Stadt Wien eine Büste des 1950 verstorbenen sozialdemokratischen Staatspräsidenten Karl Renner an. Begleitet wurde deren Aufstellung von wütenden Protesten einer Gruppe, die sich als „Liga gegen entartete Kunst“ bezeichnete.Der Standard: Alfred Hrdlicka gestorben, 6. Dezember 2009.
Professuren in Deutschland und Österreich 1971–1973: Professor für „figuratives Gestalten“, Staatliche Akademie der Bildenden Künste StuttgartDie Berufung erfolgte ab 1. Oktober 1971 zunächst als „Künstlerischer Lehrer für das Lehrgebiet figuratives Gestalten“, vgl. Akademie-Mitteilungen 1: Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart: für die Zeit vom 1. Oktober 1971 bis 31. März 1972. Hrsg. von Wolfgang Kermer. Stuttgart: Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, April 1972, S. 4 1973–1975: Professur, Hochschule für bildende Künste Hamburg 1975–1986: Professor für Bildhauerei, Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart 1986–1989: Professor für Bildhauerei, Universität der Künste Berlin 1989: Berufung an die Universität für angewandte Kunst Wien
In den anderthalb Jahrzehnten seines Stuttgarter Lehramts – er war auch für die Dauer seiner Hamburger Lehrtätigkeit, an der Stuttgarter Akademie „beurlaubt“, Mitglied des dortigen Lehrkörpers – entwickelte er unter schwierigen räumlichen und ausstattungsmäßigen Verhältnissen und gegen den Widerstand eifersüchtelnder Kollegen seine Klasse für Figuratives Gestalten zu einem Anziehungspunkt für zahlreiche Studierende. Seine pädagogische Maxime: Wolfgang Kermer: Wiener Blut am Weissenhof: die Stuttgarter Jahre Alfred Hrdlickas. Mit zwei Texten von Alfred Hrdlicka. Privatdruck, Stuttgart 2008. Keineswegs im akademischen „Elfenbeinturm“ verharrend, partizipierte er und ließ seine Studierenden am Kunstleben des Landes teilnehmen, so dass die Stuttgarter Jahre Alfred Hrdlickas einen ganz eigenen Beitrag zur jüngeren Kunstgeschichte Baden-Württembergs darstellen.
Erstmals traten zwölf „Studierende Hrdlicka(s)“ mit einer Ausstellung an der Stuttgarter Akademie vom 7. bis 31. Mai 1976 in Erscheinung.Ausstellung von Studierenden. In: Akademie-Mitteilungen 7: Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart: für die Zeit vom 1. April 1975 bis 31. Mai 1976. Hrsg. von Wolfgang Kermer. Stuttgart: Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, August 1976, S. 86–90 (mit der Wiedergabe von Ausstellungsrezensionen). Die Teilnehmer – künftige Bildhauer, Maler, Grafiker, Kunsterzieher – waren Manfred Bercher, Herbert A. Böhm,Von Herbert A. Böhm stammt unter anderem ein plastisches Bildnis Alfred Hrdlickas, siehe die Website des Künstlers. Heinz Dress, Gabriele Gebele, Elisabeth Habenicht, Joachim von Heimburg, Fritz Gerd Hoffmann, Susanne Knorr, Bert Mahringer, Cornelia Rühlicke, Hans Daniel Sailer und Felix Sommer.Studierende Hrdlicka(s) stellen aus. Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, Am Weißenhof, Ausstellungshalle Neubau, 7. bis 31. Mai 1976 (Leporello mit kurzen biographischen Daten sowie Abb. von Werkproben sämtlicher Aussteller). Nach fünf Jahren pädagogischen Wirkens war diese erste Bilanz für Alfred Hrdlicka ein voller Erfolg, hatte er doch die Klasse für Figuratives Gestalten, nunmehr – so Rektor Wolfgang Kermer in seiner Eröffnungsansprache – ein „Kristallisationspunkt“ an der Akademie, geradezu aus dem Nichts aufgebaut.
Seitens der Studierenden der von Alfred Hrdlicka geleiteten Akademieklasse beteiligten sich Manfred Bercher, Herbert A. Böhm, Susanne Knorr und Hans Daniel Sailer an dem von der Hochschule anlässlich der Bundesgartenschau 1977 in Stuttgart unter Mitwirkung von jeweils vier Studierenden der Klassen Herbert Baumann und Rudolf Hoflehner veranstalteten Bildhauersymposion im Rosensteinpark. Neben der „Offenen Werkstatt“ mit der Möglichkeit, mit den dort arbeitenden Künstlern ins Gespräch zu kommen, lief eine Ausstellung unter dem Titel „Skulpturen auf der Karlswiese“ mit fertigen Arbeitsproben.Akademie-Mitteilungen 8: Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart: für die Zeit vom 1. Juni 1976 bis 31. Oktober 1977. Hrsg. von Wolfgang Kermer, Stuttgart: Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, März 1978, S. 129–130 (mit Pressestimmen).
Neolithikum hieß die von Alfred Hrdlicka als Beitrag zum IX. Kongress der IAA/AIAP (International Association of Art/Association Internationale des Arts Plastiques) Kunst und Öffentlichkeit vom 28. September bis 28. Oktober 1979 in Stuttgart organisierte Ausstellung seiner Akademiestudenten: , ließ er damals verlauten. An der Ausstellung, die auf dem Freigelände der Akademie am Weißenhof und in den Hrdlicka-Klassenräumen stattfand und zu der eine von Akademierektor Wolfgang Kermer herausgegebene und von Peter Steiner konzipierte, Neolithikum betitelte „Zeitung der Bildhauerklasse Alfred Hrdlicka“ mit zwei kunstpolitischen Texten von Alfred Hrdlicka erschien, waren Reinhard Bombsch, Arno Hildebrandt, Dieter E. Klumpp, Susanne Knorr, Erhard Mika, Michael Plaetschke, Franz Raßl, Diane Roemer, Hans Daniel Sailer, Wolfgang Scherible, Bernd Stöcker, Andreas Theurer, Charlotte Traum sowie Konrad Winzer beteiligt.„Neolithikum“: Zeitung der Bildhauerklasse Alfred Hrdlicka: Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart Am Weißenhof 1. Hrsg.: Rektor der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, Dr. Cantz’sche Druckerei, 1979. Die 16 unpaginierte Seiten umfassende „Zeitung“ mit zahlreichen Abbildungen von Werkbeispielen, mit den Kurzviten und diversen Statements der Teilnehmer erschien in einer Auflage von 1000 Exemplaren als Beitrag zum IX. Kongress der IAA/AIAP Kunst und Öffentlichkeit in Stuttgart. Im Austausch mit Bildhauerstudenten aus dem Fachbereich 1 der HdK Berlin stellten aus Hrdlickas Klasse Reinhard Bombsch, Wolfgang Billep, Arno Hildebrandt, Peter Hornung, Dieter E. Klumpp, Michael Plaetschke, Gert Rappenecker, Franz Raßl, Andreas Theurer, Charlotte Traum, Konrad Winzer 1981 zur gleichen Zeit in Berlin aus.Andreas Kaps: Hoffnungen in Stein: Stuttgarter Bildhauerstudenten in der Hochschule der Künste. In: Der Tagesspiegel, 22. Oktober 1981 Sowohl in Berlin als auch in Stuttgart sprach Robert Kudielka zur Eröffnung.
Die beiden letzten repräsentativen, von Alfred Hrdlicka vor seinem Weggang von Stuttgart 1986Gründe für die Niederlegung des Lehramts und für den Weggang von Stuttgart – nicht zuletzt fühlte sich Alfred Hrdlicka der Region durch die Herkunft seiner (1994 verstorbenen) ersten Frau, Barbara Hrdlicka, geborene Wacker, einer Tübingerin und Alumna der Stuttgarter Akademie, verbunden – sind benannt in: Wolfgang Kermer: Wiener Blut am Weissenhof: die Stuttgarter Jahre Alfred Hrdlickas. Mit zwei Texten von Alfred Hrdlicka. Privatdruck, Stuttgart 2008, o. P. [13–14]. initiierten gemeinsamen Auftritte von „Studenten der Klasse Alfred Hrdlicka“ fanden vom 9. September bis 7. Oktober 1984 im Park der Villa Berg und im Funkstudio des Süddeutschen Rundfunks (SDR) in StuttgartRainer Vogt: Schwere Steine, die in Fluß geraten: Studenten der Bildhauer-Klasse Hrdlicka im Park der Villa Berg. In: Stuttgarter Nachrichten, 11. September 1984. sowie vom 13. Oktober bis 18. November 1984 beim Mannheimer KunstvereinEine ART Premiere: Einblicke in deutsche Akademien. Studenten der Klasse Alfred Hrdlicka, Kunstakademie Stuttgart: Plastik auf dem Karl-Reiß-Platz und Zeichnungen im Haus des Kunstvereins (Karl-Reiß-Platz). Mannheimer Kunstverein e. V., 13. 10. – 18. 11. 1984 (Einladungskarte, hrsg. vom Kulturamt der Stadt Mannheim). statt. Teilnehmer waren in beiden Fällen: Reinhard Bombsch, Herbert Göser, Ursula Kärcher, Alfons Koller, Angela Laich, Chu Hwan Lim, Birgit Müller, Markus Rapp, Joachim Sauter, Johann Schickinger, Michael Schützenberger, Eva-Maria Schwarz, Helmut Stowasser, Kurt Tassotti, Mehmet Yagur und Gerhard Zirkelbach.
Von den Studenten der Stuttgarter Jahre sind weiterhin zu nennen: Dietrich Klinge und Markus Matthias Rapp.
Bedeutende Arbeiten der 1960er bis 1980er Jahre miniatur|Gegendenkmal (Hamburg, 1983–1986)
In den 1960er bis 1980er Jahren entstanden in der Bundesrepublik wie auch in Österreich, hier meist in Wien, einige von Hrdlickas bedeutendsten Werken.