mini|Die sogenannte Schwarze Sonne ist ein beliebtes Symbol esoterischer Rechtsextremisten. Unter Schlagworten wie Rechtsextremismus und Esoterik, rechte Esoterik, braune Esoterik oder völkische Esoterik werden Bezüge und Überlappungen zwischen esoterischen und rechtsextremen Strömungen diskutiert.
Im Rahmen der Ariosophie fanden im frühen 20. Jahrhundert esoterisch-okkultistische Vorstellungen Eingang in die Völkische Bewegung in Österreich und in Deutschland. Guido von List griff Teile der Theosophie Helena Petrovna Blavatskys auf und integrierte sie in sein rassistisch-mythologisches Weltbild. Auch in die rassistischen Spekulationen des Jörg Lanz von Liebenfels, der den Begriff Ariosophie prägte, flossen esoterische Motive ein.
In der Zeit des Nationalsozialismus wurde die Ariosophie zunächst als „staatsfeindliche Sekte“ beobachtet und ab 1937 verboten. Esoterische Neigungen einzelner bedeutender Politiker wie Heinrich Himmler und Rudolf Heß wurden geduldet, erlangten aber nur einen marginalen Einfluss auf die Symbolpolitik und das äußere Erscheinungsbild politischer Doktrinen und Institutionen des Dritten Reichs.Nicholas Goodrick-Clarke: Die okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus. 2004, S. 175. Populäres Interesse erfuhr das Thema in den 1950er Jahren durch kommerziell erfolgreiche Buchveröffentlichungen, wonach esoterische oder okkulte Einflüsse über Lanz von Liebenfels dem Aufstieg und Erfolg Adolf Hitlers und des Nationalsozialismus zugrunde gelegen haben sollen. In den 1990er Jahren kam es zu einer abermaligen Renaissance des Themas, da in der rechtsextremen Szene esoterische Inhalte und Symbole weitere Verbreitung gefunden hatten.
Ursprünge Die Suche nach einer nationalen Identität führte in Deutschland und Österreich auf dem Weg zum Nationalstaat zum Konstrukt einer idealisierten Vergangenheit, dem Geschichtsmythos des Germanentums. Aus der späten politischen Einigung Deutschlands – beziehungsweise in Österreich-Ungarn parallel zur Alldeutschen Bewegung – und aus einer „romantischen Gegenreaktion auf die Moderne“, besonders auf die forcierte Industrialisierung, entstand die Völkische Bewegung. Neben nationalistischem, antiliberalem und antisemitischem Gedankengut integrierten manche völkische Gruppierungen auch damals verbreitete okkulte und spiritistische Vorstellungen.Goodrick-Clarke: Die okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus. 2004, S. 11–13.
Heute missverständliche esoterische Begriffe wie Wurzelrasse sind laut Wolfram Pyta einem um 1900 praktizierten erheblich erweiterten Rassendiskurs entsprungen. Dieser habe die Vorstellung enthalten, dass die Fusion bestimmter Ethnien die kulturelle Höherentwicklung des gesamten Menschengeschlechts befördere und sich zudem kulturanthropologisch von der heute präsenteren biologistischen Variante abgesetzt. Nach der erweiterten Lesart fungiere Rasse in solchen Zusammenhängen als eine flexible Ordnungskategorie von sozialen und kulturellen Entitäten.Wolfram Pyta: Empor ins Reich der Edelmenschen. Karl Mays Vorstellungen von Rassenverbrüderung. Tagungsvortrag Karl-May-Gesellschaft, Leipzig 2012 (literaturkritik.de).Christian Geulen: Geschichte des Rassismus. München 2007 zum erweiterten Rassismusbegriff u. a. S. 69 ff. Die Übernahme von esoterischen Begriffswelten bei völkisch-nationalistischen Kreisen habe meist die angeführte biologistische Interpretation vorausgesetzt, die den betont spirituellen Vorstellungen führender Esoteriker wie Helena Petrovna Blavatsky oder Rudolf Steiner selbst fremd gewesen sei.Thomas Körbel: Hermeneutik der Esoterik: eine Phänomenologie des Kartenspiels Tarot als Beitrag zum Verständnis von Parareligiosität. LIT Verlag Münster, 2001, S. 105.
Ariosophie mini|Guido von List 1913; Aufnahme: Conrad H. Schiffer
Nicholas Goodrick-Clarke bescheinigt dem Okkultismus in der Ariosophie Guido von Lists und Jörg Lanz’ von Liebenfels die Rolle einer „geheiligten Legitimation“ ihrer grundlegenden Ablehnung gegenüber der Moderne und dem Materialismus. Die anglo-indische Theosophie Blavatskys habe dabei eine „religiöse Mystik und ein universales Grundprinzip für die politische Haltung“ des kleinen Sektiererkreises der Ariosophen geboten.Goodrick-Clarke: Die okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus. 2004, S. 34. Die Ariosophen „beschrieben ein vorgeschichtliches Goldenes Zeitalter, in dem weise, gnostische Priesterschaften okkult-rassistische Lehren verkündeten und über eine überlegene, rassisch reine Gesellschaft herrschten.“Goodrick-Clarke: Die okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus. 2004, S. 10. Dies lokalisierten sie in Atlantis, Thule oder Hyperborea. Die Theosophie Helena Petrovna Blavatskys, die bei ihrer Wurzelrassenlehre für die Neuzeit eine arische Epoche und die damalige Gegenwart einer germanisch-nordischen Unterepoche angenommen hatte, interpretierten sie als Vorhersage einer deutschen Weltherrschaft.
List verband diese Ideen mit germanischer Mythologie, einem neuheidnischen Odinskult, Runenweisheit und Runenmagie.Goodrick-Clarke: Im Schatten der Schwarzen Sonne. 2009, S. 503f. Lanz von Liebenfels dagegen verwertete Elemente der jüdisch-christlichen Tradition, der Archäologie, Anthropologie und Physik für seine eigene neo-gnostische Religion. Die Ideen und Symbole Lanz’, Lists und ihrer Nachredner wurden im spätwilhelminischen Deutschland von diversen antisemitischen und nationalistischen Gruppen rezipiert, aus denen nach dem Ersten Weltkrieg verschiedene rechtsradikale Bünde entstanden, darunter die NSDAP.Goodrick-Clarke: Im Schatten der Schwarzen Sonne. 2009, S. 179.
In Lanz’ Schrift Theozoologie oder die Kunde von den Sodoms-Äfflingen und dem Götter-Elektron (1904) behauptete er, die Götter seien nur frühere Lebensformen gewesen. Diese Theozoa hätten im Gegensatz zu Adams Nachkommen, den Anthropozoa (Tier-Menschen), außergewöhnliche elektrische Sinnesorgane und damit telepathische und allwissende Fähigkeiten besessen. Diese seien durch Rassenmischung mit den Tiermenschen verloren gegangen, die Arier als engste Nachfahren der Gottmenschen könnten sie jedoch durch ein allgemeines Segregationsprogramm wiedererlangen.Goodrick-Clarke: Die okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus. 2004, S. 86–88.
Von Lists Ideen beeinflusst waren der antisemitische Reichshammerbund und dessen geheime Schwesterorganisation, der Germanenorden.Goodrick-Clarke: Die okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus. 2004, S. 114 ff. Sie wurden 1912 auf Initiative Theodor Fritschs gegründet, der als Wegbereiter des germanisierenden Antisemitismus in Deutschland gilt und auf den sich später etwa der NS-Chefideologe Alfred Rosenberg berief.René Freund: Braune Magie. Wien 1995, S. 39. Hermann Pohl, der den Germanenorden über einige Jahre hin leitete, war ein Anhänger des Listschen Runenokkultismus. Er glaubte, dass „die Arier“ durch Rassenmischung, besonders mit Juden, das Wissen um die magische Macht der Runen verloren hätten und dass dieses Wissen wieder erlangt werden könne, wenn man die arische Rasse von rassenfremden „Verunreinigungen“ befreie.Goodrick-Clarke: Die okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus. 2004, S. 126 f.
Der Germanenorden war in erster Linie eine antisemitische politische Organisation.Goodrick-Clarke: Die okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus. 2004, S. 115. Ariosophische Motive flossen in den Initiationsritus ein, wo sie mit freimaurerischen Traditionen und der Musik Richard Wagners verbunden wurden.Goodrick-Clarke: Die okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus. 2004, S. 117 f. Sein Hauptanliegen sah der Orden darin, als Reaktion auf eine vermeintliche geheime jüdische Verschwörung Informationen über diesbezügliche Aktivitäten von Juden zu sammeln und publik zu machen.
Für öffentliche politische Aktivitäten neben der verborgenen Tätigkeit des Germanenordens wurde 1918 die Thule-Gesellschaft gegründet.Goodrick-Clarke: Die okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus. 2004, S. 128. Ihre weltanschaulichen Richtlinien wurden 1918 von dem Antisemiten Rudolf von Sebottendorf entworfen,Helmut Reinalter: Verschwörungstheorien: Theorie, Geschichte, Wirkung. Studienverlag, Innsbruck 2002, ISBN 978-3-7065-5781-8, S. 116. einem Bewunderer von List und Lanz.Goodrick-Clarke: Die okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus. 2004, S. 112. Er verließ die Gesellschaft allerdings 1919 wieder, und in ihrem Rahmen wurden keine okkulten Praktiken geübt.H. T. Hakl: Nationalsozialismus und Okkultismus. In: Goodrick-Clarke: Die okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus. 2004, S. 194–217, hier S. 201.
Eine völkische, agrarromantische Blut-und-Boden-Ideologie im Gefolge der Ariosophie vertraten die Artamanen. Ihr Weltbild war von rassenideologischen und esoterischen Vorstellungen geprägt.„Außerdem war das Weltbild der Artamanen von ariosophischen und theosophischen Ideen geprägt, die später in das rassenideologische Konzept Heinrich Himmlers einflossen“ Paula Diehl: Macht, Mythos, Utopie. Die Körperbilder der SS-Männer, Band 17. Akademie-Verlag, Berlin 2005, ISBN 3-05-004076-9, S. 59 (zugleich: Berlin, Humboldt-Universität, Dissertation, 2002).
Zeit des Nationalsozialismus mini|Deutsche Ausgabe (1933) von Evolas Imperialismo pagano (1928) Nach der Machtergreifung 1933 erhofften sich die völkisch-religiösen Gruppen mit ihren beiden Hauptrichtungen, dem deutschchristlichen und dem neuheidnischen Flügel, einen „neuen Deutschen Glaubensfrühling“. In der Anfangszeit des NS-Regimes kam es zu intensiven Auseinandersetzungen zwischen neopaganistisch-völkischen Gruppierungen und den Großkirchen beider Konfessionen.Gunther Schendel: Die Missionsanstalt Hermannsburg und der Nationalsozialismus: der Weg einer lutherischen Milieuinstitution zwischen Weimarer Republik und Nachkriegszeit, LIT Verlag, Münster 2008, S. 300 ff. Trotz zeitweiliger Unterstützung einzelner Gruppierungen durch das NS-System erfüllten sich diese Hoffnungen jedoch insgesamt nicht. Die Ariosophen hatte Adolf Hitler bereits in Mein Kampf (1925/26) als einen Haufen von Wirrköpfen bezeichnet. Hitler war zwar von ihren manichäischen und millenaristischen Motiven beeinflusst, die ariosophischen Vorstellungen von einem prähistorischen Goldenen Zeitalter, einer gnostischen Priesterschaft und Orden, die ein geheimes Erbe hüten, teilte er jedoch nicht.Nicholas Goodrick-Clarke: Die okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus., marixverlag GmbH, 2009, S. 175. Nach der Machtergreifung wurden ariosophische Gruppierungen neben allen anderen okkultistischen sowie freimaurerischen und etlichen religiösen Gruppen als „staatsfeindliche Sekten“ eingestuft und zunächst vom Sicherheitsdienst des Reichsführers SS beobachtet.Treitel: A Science for the Soul. 2004, S. 220 f. Mit einem Erlass vom Juli 1937 wurden dann alle derartigen „Sekten“ verboten.Corinna Treitel: A Science for the Soul – Occultism and the Genesis of the German Modern, Johns Hopkins University Press, Baltimore/London 2004, S. 224. 1938 betonte Hitler: „Das Einschleichen mythisch veranlagter okkulter Jenseitsforscher darf daher in der Partei nicht geduldet werden.“Adolf Hitler: Rede auf dem 10. Parteitag der NSDAP am 7. Juli 1938. Zit. nach