Neda Agha-Soltan (, ; * 14. September 1982 in Rey;wie auf dem im YouTube-Video gezeigten Ausweis angegeben † 20. Juni 2009 in Teheran) war eine iranische Studentin. Sie wurde während der Proteste nach der iranischen Präsidentschaftswahl 2009 in Teheran von einem Basij-Milizionär auf offener Straße erschossen. Ein im Internet verbreitetes Video, das ihr Sterben zeigt, machte sie weltweit bekannt.

Der Vorname Neda bedeutet auf Persisch „Stimme“ oder „Ruf“. Er wurde im Iran bei weiteren Protesten gegen die mutmaßliche Wahlfälschung des Regimes skandiert, auch im Ausland. Damit wurde Neda Agha-Soltan zur Symbolfigur des Widerstands der iranischen Opposition gegen das Regime.

Historischer Kontext Irans Staatspräsident Mahmud Ahmadinedschad hatte in seiner ersten Amtszeit (2005–2009) die Gesetze gegen Frauen verschärft und Kleidungsvorschriften streng durchsetzen lassen. Tausende Frauen wurden unter ihm verhaftet oder eingeschüchtert, wenn sie sich auf den Straßen nicht präzise an die Kleiderordnung des Regimes hielten. Sein Gegenkandidat Mir Hussein Mussawi trat zur Präsidentschaftswahl im Iran 2009 dagegen mit prominenten iranischen Frauen auf und versprach den Iranerinnen mehr Rechte.Nazila Fathi: In a Death Seen Around the World, a Symbol of Iranian Protests. New York Times, 22. Juni 2009

Am 12. Juni 2009 verkündete Ajatollah Ali Chamenei vorzeitig den Wahlsieg des Amtsinhabers und löste damit monatelange Proteste von Millionen Iranern (genannt „Grüne Bewegung“) gegen die hoch wahrscheinliche Wahlfälschung aus. In einer Fernsehrede beim Freitagsgebet am 19. Juni 2009 forderte Chamenei die Demonstranten auf, die Proteste einzustellen, und drohte ihnen andernfalls mit „Konsequenzen“.Iran elections: Khamenei warns protesters to stay off streets. Guardian, 19. Juni 2009; Iran: Ayatollah Khamenei speaks. BBC, 19. Juni 2009

Am 20. Juni 2009 fand in Teheran trotzdem eine weitere große Protestdemonstration statt. Obwohl die Teilnehmer sich friedlich verhielten und keinen Regimesturz forderten, gingen Sicherheitskräfte befehlsgemäß mit Gewalt gegen sie vor, inhaftierten Hunderte und erschossen viele, darunter Neda Agha-Soltan. So schlugen sie die Reformbewegung nieder. Dies radikalisierte die Opposition im Iran und führte langfristig mit dazu, dass die Proteste im Iran 2022/2023 unter der Parole Frau, Leben, Freiheit einen Sturz des Regimes forderten, nicht mehr nur Reformen. Neda Agha-Soltans Ermordung gilt als Schlüsselereignis für diese Entwicklung.Falko Braast: Geschichte Persiens: Von den Anfängen der Zivilisation bis zur Bewegung „Frau, Leben, Freiheit“. Neobooks, Berlin 2026, ISBN 978-3-8190-0255-7, S. 173ff.

Biografische Angaben Borzou Daragahi, ein preisgekrönter Journalist der Los Angeles Times, hielt sich 2009 in Teheran auf, traf dort am 21. Juni 2009 Neda Agha-Soltans Angehörige und erfuhr dabei Details aus ihrem Leben.Martin Gehlen: Getötete Demonstrantin in Iran: Keine Trauerfeiern für Neda Agha Soltan. Zeit, 10. August 2012 Laut ihrem Musiklehrer Hamid Panahi und einer Freundin wurde sie als zweites von drei Kindern geboren. Ihr Vater arbeitete für die Regierung. Die Familie gehörte zur Mittelklasse. Neda hatte islamische Philosophie an der Azad-Universität Teheran studiert, wollte dann jedoch Reisebegleiterin in der Tourismusbranche werden. Dazu belegte sie Türkischkurse. Reisen war ihre Leidenschaft, In ihren letzten Lebensjahren hatte sie Pauschalreisen nach Dubai, Thailand und in die Türkei unternommen. Zwei Monate vor ihrem Tod war sie bei Antalya am Mittelmeer gewesen. Sie liebte Musik, besonders persischen Pop, und nahm Klavier- und Gesangsunterricht bei Hamid Panahi.Borzou Daragahi: From the Archives: Family, friends mourn ‚Neda‘, Iranian woman who died on video. Los Angeles Times, 16. September 2014 Öffentliches Singen ist Frauen im Iran verboten, daher musste der Unterricht verdeckt stattfinden. Nur Tage vor ihrem Tod hatte sie ein Klavier gekauft, dessen Auslieferung sie erwartete.Who was Neda? Slain woman an unlikely martyr. CNN, 24. Juni 2009

Nach Panahis Angaben war sie keine Aktivistin, ertrug jedoch die Ungerechtigkeit des angeblichen Wahlausgangs von 2009 nicht und nahm deshalb gegen den Rat ihrer Eltern an den Protesten teil. Auch eine Freundin habe sie am 19. Juni 2009 nach dem Freitagsgebet vergeblich gebeten, nicht zur Demonstration am Folgetag zu gehen. Er, Panahi, und zwei weitere Freunde hätten sie dorthin begleitet.

Todesumstände Videos Ab 20. Juni 2009 erschien im Internet ein knapp 40 Sekunden langes Handyvideo. Es zeigt eine junge Frau, die inmitten einer Menschenmenge rückwärts auf eine Straße fällt, worauf sich eine Blutlache unter ihr ausbreitet. Zwei Männer versuchen ihr zu helfen, pressen ihre Hände auf ihren Brustkorb, rufen sie beim Namen („Hab keine Angst, Neda! Bleib bei mir, Neda, mein Kind, bleib bei mir!“) und um Hilfe („Such jemanden, der sie im Auto mitnimmt!“). Nach wenigen Sekunden verliert sie das Bewusstsein, Blut quillt aus ihrem Mund und ihrer Nase; die Augen brechen. – Einer der beiden Helfer, der Arzt Arash Hejazi, sandte das Video als E-Mail-Anhang an eine Familie in den Niederlanden. Nach seinen Angaben starb Neda Agha-Soltan um 19:05 Uhr am 20. Juni 2009 auf dem Teheraner Karekar-Boulevard an der Ecke zwischen Khosravi-Straße und Salehi-Straße durch einen Schuss in ihr Herz, wahrscheinlich von einem Basijmilizen. Sie sei in weniger als zwei Minuten verblutet. Ein Freund habe das Video aufgenommen. Er bat, es weltweit bekannt zu machen. Die Empfänger luden es auf Facebook hoch, von wo es auch über Twitter und YouTube weltweit verbreitet wurde.Martin Gehlen: Getötete Demonstrantin in Iran: Neda, das Symbol des Widerstands. Zeit, 22. Juni 2009

In späteren Versionen wurden die Rufe ins Englische übersetzt.Daniel-Dylan Böhmer: Bleib bei mir, Neda, bleib bei mir! Welt, 27. Dezember 2009 Als einer der Rufer wurde anfangs Nedas Vater vermutet.Ulrike Putz: Tote Iran-Demonstrantin: Neda, die Ikone des Protests. Spiegel, 21. Juni 2009 Ein anderes, kürzeres Handyvideo zeigt dieselbe Szene aus einem anderen Blickwinkel.Video turns woman into icon of Iran unrest. NBC, 22. Juni 2009; YouTube-Video, 20. Juni 2009: Second angle: Young girl shot by Iranian police dies on Camera Ein drittes Video zeigt die junge Frau zuvor inmitten einer Demonstration mit einem Begleiter, einem der Ersthelfer im Sterbevideo.‚Neda‘ becomes rallying cry for Iranian protests. CNN, 21. Juni 2009; Iranian girl and her dad moments before being shot dead. CNN, 20. Juni 2009 Die Demonstranten, augenscheinlich auch Neda Agha-Soltan, riefen dabei laut „Tod dem Diktator“, eine Parole der Opposition gegen den damaligen Herrscher Ali Chamenei.Golineh Atai: Woman, Life, Freedom. Eurozine, 29. November 2022

Die Videos wurden im Internet hunderttausendfach geteilt und nach Löschversuchen immer wieder hochgeladen. So wurden Zensurversuche des iranischen Regimes umgangen. Dieses unterdrückte unabhängige Medienberichte über die Proteste, wies ausländische Journalisten aus und blockierte Internetmedien für Iraner. Doch westliche Medien schätzten die Videos wegen identischer Personen und Zeugenaussagen Angehöriger dazu als authentisch ein.„Neda“ wird zum Protestruf der Iraner. taz, 23. Juni 2009

Zeugenaussagen Der Iraner Caspian Makan, nach Eigenangaben Neda Agha Soltans Verlobter, sagte der persischen BBC am 21. Juni 2009: Sie habe den Amir-Abad-Bereich, das Zentrum des Protests, mit ihrem Musiklehrer in einem Pkw verlassen, sei einige Straßen weiter in einem Verkehrsstau gelandet und wegen der Hitze ausgestiegen. Kurz darauf sei sie in die Brust geschossen worden, sehr wahrscheinlich durch den gezielten Schuss eines Basij. In wenigen Minuten sei sie tot gewesen. Man habe versucht, sie in das nächste Krankenhaus zu bringen, doch es sei zu spät gewesen. Die Behörden hätten Teile ihres Leichnams von den Angehörigen verlangt, angeblich zur Transplantation. Die Familie habe dem schließlich zugestimmt, um sie rasch bestatten zu können. Die nächsten Angehörigen hätten sie am Nachmittag auf dem Behescht-e Zahra-Friedhof in Teheran beerdigt. Einige dort frisch ausgehobene Gräber könnten für mögliche weitere Todesopfer der Proteste bestimmt gewesen sein. Die Behörden hätten einen Gedenkgottesdienst in einer Moschee am 22. Juni 2009 und alle weiteren Versammlungen verboten, um Demonstrationen zu verhindern.Death video woman ‚targeted by militia‘. BBC, 22. Juni 2009

Hamid Panahi bestätigte diese Angaben: Ihr Pkw sei auf dem Weg zum Freiheitsplatz wegen eines Verkehrsstaus in der Karegar-Straße nach 18:30 Uhr stecken geblieben. Sie seien ausgestiegen, hätten keine Steine geworfen und keinerlei aggressive Gesten gemacht. Dann habe er ein Schussgeräusch gehört und Neda gleich darauf niederfallen sehen. Weitere Schüsse habe er nicht gehört. Er und der Arzt hätten das Blut aus ihrem Hals mit ihren Händen aufzuhalten versucht. „Ich brenne, ich brenne“, seien Nedas letzte Worte gewesen. Sie hätten sie mit einem anderen PKW zum Shariati-Krankenhaus gebracht, aber sie sei schon tot gewesen. Die Familie habe sie am Sonntag auf dem Behescht-e Zahra-Friedhof in Teheran bestattet. Die Behörden hätten eine öffentliche Ansprache und laute Trauergesänge, Gedenkgottesdienste in einer Moschee und öffentliche Interviews verboten und befohlen, die üblichen schwarzen Trauerbanner von ihrem Wohnhaus abzureißen. Die Angehörigen und Freunde glaubten, dass regierungstreue Paramilitärs, Basij oder Iranische Hezbollah, Neda ermordet hätten. Laut weiteren Augenzeugen hätten sich Sicherheitsleute in Zivilkleidung nahebei aufgehalten.

Nach einem auf Zeugenaussagen gestützten britischen Bericht nötigten iranische Sicherheitskräfte die Eltern Soltan am Abend des 20. Juni 2009 zum Auszug aus ihrer Wohnung in der Meshkini-Straße und verweigerten die Herausgabe des Leichnams ihrer Tochter. Sie sei ohne Benachrichtigung der Familie bestattet, die übliche Trauerzeremonie in einer Moschee und Traueranzeige am Haus seien verboten worden. Die Nachbarn seien durch anonyme Anrufe gewarnt worden, anderen von ihrer Erschießung zu erzählen.Neda Soltan's family 'forced out of home' by Iranian authorities. Guardian, 24. Juni 2009

Der iranische Arzt und Hauptzeuge Arash Hejazi gab der BBC am 25. Juni 2009 ein ausführliches Interview: Er habe sich zur Tatzeit beruflich in Teheran aufgehalten, sich am Abend des 20. Juni unter die Demonstranten gemischt und nur wenige Meter von Neda Agha-Soltan entfernt gestanden, als sie der tödliche Schuss traf. Er habe das Schussgeräusch gehört, aber ein Freund habe ihn beruhigt: Die Teheraner Polizei verwende nur Plastikgeschosse. Dann habe er das Blut aus dem Oberkörper der Frau strömen sehen. Er habe Erste Hilfe zu leisten versucht und vermutet, dass die Kugel von vorn die Aorta und Lunge getroffen habe. Sie sei im Pkw auf dem Weg zum nächsten Krankenhaus in seinen Armen gestorben. Der andere Mann auf dem Video sei nicht Nedas Vater, sondern ihr Musiklehrer gewesen. Die Demonstranten hätten den mutmaßlichen Schützen kurz nach dem Vorfall entdeckt, entwaffnet, ihm seinen Ausweis abgenommen und ihn fotografiert. Es sei ein der Miliz angehörender Motorradfahrer gewesen, kein Scharfschütze auf einem Dach, wie man zuerst angenommen habe. Er habe beteuert: „Ich wollte sie nicht töten.“ Einige hätten ihn lynchen wollen, andere hätten dies verhindert und gesagt: „Wir sind keine Mörder.“ Sie hätten überlegt, ihn der Polizei auszuliefern, dann jedoch laufen lassen, da die Polizei selbst gegen die Demonstranten vorging. Wegen der Fälschungsvorwürfe der iranischen Medien habe er sich entschlossen, diese Details bekannt zu machen, damit Neda nicht umsonst gestorben sei.The man who tried to save Neda. BBC, 25. Juni 2009; Iran doctor tells of Neda's death, Teil 1, Teil 2, BBC, 25. Juni 2009; Doctor tells how Neda Soltan was shot dead by Ahmadinejad's basij. The Times, 26. Juni 2009; Unruhen im Iran: „Neda starb in meinen Armen“. Spiegel, 26. Juni 2009