Movierung oder MotionEtwa bei Hans Ulrich Schmid: Einführung in die deutsche Sprachgeschichte. Metzler, Stuttgart 2009, ISBN 978-3-476-04325-2, S. 243. (von , von movere „bewegen“) bezeichnet in der Sprachwissenschaft (Linguistik) die Ableitung (Derivation) neuer Wörter aus bestehenden zur konkreten Angabe des biologischen Geschlechtsgrammis.ids-mannheim.de (fachsprachlich Sexusdifferenzierung). Durch Movierung werden vor allem aus grammatisch maskulinen Personenbezeichnungen neue feminine Wortformen gebildet für weibliche Amts- und Berufsbezeichnungen, Titel, (Vor-)Namen und Tätigkeitsbezeichnungen (Nomina Agentis). Die Movierung von einer neutralen zur femininen oder maskulinen Form oder einer femininen zu einer maskulinen bzw. neutralen Form ist für Menschen selten – in der kleinen Gruppe der geschlechtsspezifischen Tierbezeichnungen ist sie häufiger zu finden (z. B. generisch die Katze = maskulin differenziert der Kater). Movierung als Mittel zur Wortbildung ist besonders im Deutschen und Niederländischen sowie in semitischen Sprachen möglich, im Französischen weniger und im Englischen kaum.
Im Deutschen spielen movierte Wortformen zur Bezeichnung weiblicher Personen eine prägende Rolle in der Anwendung von „geschlechtergerechter Sprache“ zum sprachlichen Ausdruck der Gleichstellung der Geschlechter, sowohl bei zweigeschlechtlichen Paarformen (Leser und Leserinnen) als auch in mehrgeschlechtlichen Kurzformen (Leser*innen).
Deutsche Sprache Das Deutsche ist eine Sprache mit auffällig weit verbreiteter Movierung; zu fast jeder maskulinen Personenbezeichnung kann eine spezifisch feminine Form gebildet werden – sofern es nicht bereits eine weibliche Bezeichnung gibt. So haben die meisten Verwandtschaftsbezeichnungen zwei eigenständige Formen für Männer und Frauen (Onkel und Tante, Neffe und Nichte).
In einigen Fällen wird auch von feminin zu maskulin abgeleitet (Witwe → Witwer). Die Movierung von Eigennamen folgt keinen einheitlichen Regeln. Für einige Bezeichnungen gibt es Beschränkungen der Movierung. Neben der Gruppe der Personenbezeichnungen gibt es bei den belebten Substantiven noch die Gruppe der Tierbezeichnungen, von denen einige auch moviert werden.
Movierung von maskulin zu feminin Angehängtes Suffix Hauptsächlich werden feminine Formen abgeleitet von maskulinen Amts-, Berufs- und Tätigkeitsbezeichnungen (Nomina Agentis). Das für die Movierung zu einer femininen Bezeichnung meistverwendete Verfahren im Deutschen ist die Ableitung (Derivation) von einer Maskulinform mittels der Wortendung -in, die als spezielles Derivationsmorphem auch Movem genannt wird: Meister → Meisterin, vgl. meistern Bäcker → Bäckerin, vgl. backen Richter → Richterin, vgl. richten Wissenschaftler → Wissenschaftlerin König → Königin Agent → Agentin Informant → Informantin Astronom → Astronomin Direktor → Direktorin
Bis zum Ersten Weltkrieg 1914 wurde die Movierung als produktive Möglichkeit zur Bildung weiblicher Personenbezeichnungen kaum in Frage gestellt – bereits ab dem 16. Jahrhundert wurden sogar Titel wie Doktor und Magister moviert (→ Doktorin, Magisterin).Ursula Doleschal (Universität Klagenfurt): Das generische Maskulinum im Deutschen: Ein historischer Spaziergang durch die deutsche Grammatikschreibung von der Renaissance bis zur Postmoderne. In: Linguistik online. Band 11, Nr. 2, Januar 2002, S. 39–70 (doi:10.13092/lo.11.915; online auf unibe.ch; PDF: 115 kB, 32 Seiten auf linguistik-online.net). Historisch waren viele mit der Endung -in ergänzte Funktions- und Berufsbezeichnungen zuerst aber nur auf die (gegebenenfalls mitarbeitende) Ehefrau des so tätigen Mannes bezogen: die Müllerin als Ehefrau des Dorfmüllers.Mareike Knoke: Linguistik: Wie »gender« darf die Sprache werden? In: Spektrum.de. 22. September 2017, abgerufen am 22. Juli 2020 (Wissenschaftsjournalistin). Auch Titel und Familiennamen wurden so angepasst, mit Bürgermeisterin wurde die Ehefrau des Bürgermeisters angesprochen. Besonders produktiv waren Movierungen in der Zeit der Renaissance und des Barock, als zahlreiche substantivierte Adjektive und Partizipien mit -in oder -inn abgeleitet wurden. Einige Formen wie die Teutschin oder die Beklagtin (heute der/die Deutsche, Beklagte) überlebten nicht lange, ab 1774 sind im Grammatisch-kritischen Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart von Adelung fast keine dieser movierten Formen mehr enthalten.Gesellschaft für deutsche Sprache: Fragen und Antworten: Gesandte vs. Gesandtin. In: Gfds.de. Ohne Datum, abgerufen am 11. Juni 2019.
Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts setzte sich der alleinige Bezug auf die Tätigkeit der Frau umfassend durch, vor allem als sich die vollwertige und unabhängige Berufstätigkeit von Ehefrauen allgemein verbreitete. In der DDR, in der berufstätige Frauen bereits 1949 üblich waren, trugen sie mit einem gewissen Stolz maskuline Berufsbezeichnungen, ohne verstärkten Wunsch nach femininen Bezeichnungsformen. Die Emanzipationsbewegung „des Westens“ fand dort keinen Widerhall, teils wurden westliche Einflüsse grundsätzlich abgelehnt und unterdrückt. 1989, kurz vor der Wiedervereinigung, lag der Anteil an beschäftigten Frauen in der DDR bei 92 %, in Westdeutschland bei nur 50 %.Gabriele Diewald, Anja Steinhauer: Duden Handbuch geschlechtergerechte Sprache: Wie Sie angemessen und verständlich gendern. Herausgegeben von der Duden-Redaktion. Dudenverlag, Berlin April 2020, ISBN 978-3-411-74517-3, S. 26–27 (zum Unterschied DDR–BRD). Bis heute ist die Aufnahme weiblicher Bezeichnungen in offizielle Kataloge und Förderprogramme umfassend angewachsen (vergleiche Soldatinnen in der Bundeswehr seit 2001, und Einfluss von Frauen auf Soldatensprache).
Angehängtes Suffix und Stammumlaut In movierten Substantiven, insbesondere aus dem urdeutschen Erbwortschatz, steht häufig ein Umlaut im Wortstamm, der nicht immer auch im maskulinen Plural (Flexion) oder anderen Ableitungen (Derivation) vorkommt:
E-Plural mit Umlaut Arzt (Ärzte) → Ärztin (seltener Fall mit Umlaut im Anfangsbuchstaben, auch in anderen Ableitungen: ärztlich) Koch (Köche) → Köchin (Verbwurzel ohne Umlaut: koch+en) Anwalt (Anwälte) → Anwältin (kein Umlaut in anderen Ableitungen: anwaltlich) König (Könige) → Königin (gemeinsamer „Umlaut“ ohne Verbwurzel) N-Plural ohne Umlaut Graf (Grafen) → Gräfin (keine Verbwurzel) Bauer (Bauern) → Bäuerin (keine Verbwurzel) – aber:Wagenbauer (—) → Wagenbauerin (Wurzel: bau+en) Null-Plural mit Stammumlaut Bäcker (—) → Bäckerin (Umlaut in beiden Flexionsstämmen, aber nicht in der Wurzel: back+en) Hörer (—) → Hörerin („Umlaut“ bereits in der Wurzel: hör+en) Müller (—) → Müllerin (gemeinsamer „Umlaut“ ohne Verbwurzel)
Ersetzendes Suffix In einigen regelmäßigen Fällen, darunter auch Lehn- und Fremdwörter sowie Herkunftsbezeichnungen, hat die maskuline Form ein Suffix, das bei der Movierung entfällt, was allerdings nicht so weitgehend ist wie beim Differenzialgenus in anderen Sprachen: Zeuge → Zeugin (regelmäßig bei Substantiven auf -e) Geselle → Gesellin Gatte → Gattin Geologe → Geologin Pole → Polin Franzose → Französin (Ausnahme mit Umlaut bei Herkunftsbezeichnung) Hase → Häsin (mit Umlaut)
Nomina Agentis zu Verben auf -ern wie zaubern bilden die männliche Personenbezeichnung auf -erer, Zauberer, und die weibliche auf -erin, Zauberin, und nicht etwa auf -ererin, *Zaubererin. Dieses Phänomen, bei dem der Teil nach dem auf -er endenden Wortstamm also entweder -er oder -in ist, wird häufig phonologisch als Haplologie erklärt, d. h. die Doppelsilbe -erer wird nur am Ende geduldet, ansonsten vor -in zu einem -er verkürzt:Duden-Sprachwissen: Weibliche Form von Personenbezeichnungen auf „-erer“. In: Duden online. 2006, abgerufen am 22. Januar 2021. Es gibt dennoch Fälle, in denen die movierte Form auf die Buchstabenfolge ererin endet, darunter Herkunftsbezeichnungen wie Ibererin (dem ersten e entspricht hier ein langer und betonter Vokal, kein Schwa) und Fälle bei Stämmen auf -ier wie Lackiererin, bei denen das erste e die Länge des i signalisiert. Eroberer → Eroberin Herausforderer → Herausforderin Wanderer → Wanderin Abenteurer → Abenteuerin, neben Abenteurerin, aber nicht Abenteurin
Entlehnte alternative Suffixe Es gibt einige fremde Movierungssuffixe, die beibehalten wurden: Steward → Stewardess Friseur → Friseuse → modern: Friseurin (auch: Dekorateurin, Ingenieurin, Konstrukteurin, Redakteurin, Regisseurin, Spediteurin; aber siehe unten zu Diseuse, Souffleuse) Bachelor → Bachelorette (nicht beim akademischen Grad) Magister ↔ Magistra Latino ↔ Latina Prinz → Prinzessin (von französisch princesse, deutsch Prinzeß + -in) Abt → Äbtissin (von kirchenlateinisch abbatissa + -in)
Teilweise dient aber die Verfügbarkeit zweier Formen zur Bedeutungsunterscheidung: Baron → Baroness (Baronstochter), Baronin (Baronsgattin) Masseur → Masseuse (Sexarbeiterin)Worteintrag: Masseuse. In: Duden online. Abgerufen am 5. September 2021; Zitat: „Die korrekte weibliche Berufsbezeichnung lautet Masseurin. Die Form Masseuse wird dagegen überwiegend in der Bedeutung Prostituierte gebraucht.“ vs. Masseurin (Gesundheitsarbeiterin) Diakon → Diakonisse (Diakonie-Tätige) vs. Diakonin (Amtsträgerin)
Komposita Wird in Wortzusammensetzungen das rechte Teillexem geschlechtsspezifisch gewählt, wird dies nicht als Movierung bezeichnet. In einigen Fällen gab es auch historische Entwicklungen über movierte Formen hinweg: Kaufmann → Kauffrau (neben veraltet Kaufmännin) ↔ Kaufleute Edelmann → Edelfrau, Edeldame ↔ Edelleute Ratsherr → Ratsfrau (neben Ratsherrin) ↔ Ratsleute Hofherr → Hofdame (neben Hofherrin)
Einige veraltete Fälle bezeugen die Movierung des Wortes „Mann“: Landsmann ↔ Landsmännin (selten: Landsfrau) ↔ Landsleute Nebenmann ↔ Nebenmännin (andere Bedeutung: Nebenfrau) Amtsmann ↔ Amtsmännin → modern: Amtsfrau ↔ AmtsleuteGabriele Diewald, interviewt von Petra Rückerl: Professorin für deutsche Sprachwissenschaft zum Gendersternchen in Hannover. In: NeuePresse.de. 5. Februar 2019, abgerufen am 11. Mai 2020; Zitat:
1989 ergab eine Datenbankauswertung im Bereich „deutsches Strafrecht“ 524 Fundstellen zu den Stichworten Wahlmänner, Obmänner, Ersatzmänner, Vertrauensmänner, Seemänner, Schiedsmänner, Kaufmänner. Teaser: Im modernen Sprachgebrauch werden die meisten dieser Bezeichnungen gegendert:Gabriele Diewald, Anja Steinhauer: Duden Handbuch geschlechtergerechte Sprache: Wie Sie angemessen und verständlich gendern. Herausgegeben von der Duden-Redaktion. Dudenverlag, Berlin April 2020, ISBN 978-3-411-74517-3, S. 118–121: Bildung der femininen Formen. Feuerwehrmann → Feuerwehrfrau ↔ Feuerwehrleute (Feuerwehrkraft ↔ Feuerwehrkräfte) Vertrauensmann → Vertrauensfrau ↔ Vertrauensleute (Vertrauensperson ↔ Vertrauenspersonen)
Kurzwörter Für einige Kurzwörter gibt es keine regelmäßig morphologisch gebildete geschlechtsspezifische Form, dennoch kommen im Sprachgebrauch spezielle Formen vor, manchmal scherzhaft, gelegentlich auch abwertend gemeint: Azubi (Auszubildender/Auszubildende) → Azubine (umgangssprachlich, scherzhaft, vergleiche Blondine) Hiwi (Hilfswissenschaftler) → Hiwine (etwa in Stellenangeboten: HiWine / HiWi (m/w/d)) DJ (Discjockey) → DJane (vom weiblichen Vornamen Jane, wird als sexistisch kritisiertfrohfroh.deszene-hamburg.com)
Feministische Kritik Die feministische Sprachwissenschaftlerin Luise F. Pusch entwickelte seit den späten 1970er-Jahren Grundlagen für gendergerechte Sprache und tritt perspektivisch für die Abschaffung von femininen Bezeichnungen ein, die aus maskulinen abgeleitet werden; 2013 erklärte sie: (siehe auch Puschs Kritik am Genderstern).Luise F. Pusch, interviewt von Marie Todeskino: Kultur: „Der, die, das Professor“. In: Deutsche Welle. 7. Juni 2013, abgerufen am 17. Juli 2020.