mini|Zwei Keramikgefäße der Kura-Araxes-Kultur und eine bronzene Axt der Frühbronzezeit, Sighnaghi-Museum Die Kura-Araxes-Kultur, auch Frühtranskaukausische Kultur (englisch Early Transcaucasian Culture (ETC)), ist eine spätkupfersteinzeit- und frühbronzezeitliche Kultur im Südkaukasus, die nach den beiden ins Kaspische Meer mündenden Flüssen Kura und Araxes benannt ist. Die Kultur ist über Siedlungsreste und materielle Objekte überliefert. Sie hat keine schriftlichen Quellen hinterlassen. mini|Frühe Ausbreitung der Kura-Araxes-Kultur (helle Schattierung) im Verhältnis zu nachfolgenden Kulturen in der Region, wie etwa Urartu (dunkle Schattierung).
Chronologie Die Chronologie der Kura-Araxes-Kultur wird in drei verschiedene Phasen unterteilt. Kura-Araxes I (ETC I) wird auf das mittelspäte 4. Jahrtausend v. Chr. datiert und ist aus den Tälern des Kura und Araxes, Nachtschiwan und von armenischen Regionen überliefert. Sie beschränkt sich auf den südlichen Kaukasus und die nördlichsten Teile Irans. Die Phase ist teilweise zeitgenössisch mit der späten Kupfersteinzeit aus anderen Regionen in Iran und überschneidet sich mit der frühesten Phase des proto-elamischen Zeitraums. Kura-Araxes II (ETC II) hat viele Standorte in Iran, wovon der wichtigste Yanik Tepe ist. Die Phase wird auf die erste Hälfte des 3. Jahrtausend v. Chr. datiert. Kura-Araxes III (ETC III) scheint sich im östlichen Anatolien von 2500 v. Chr. bis ins 2. Jahrtausend v. Chr. zu erstrecken. In Iran scheint die Phase vor 2000 v. Chr. zu Ende zu sein. Je nach Standort dauerte dort der gesamte Zeitraum der Kura-Araxes-Kultur zwischen 500 und 800 Jahre. Über Iran hinaus ist die Kura-Araxes-Kultur bis zu 1500 Jahren nachweisbar und endete in Ostanatolien um 1500 v. Chr.Roger Matthews, Hassan Fazeli Nashli: The Archaeology of Iran from the Palaeolithic to the Achaemenid Empire. Routledge London/New York 2022, S. 238.
Chronologie einiger Standorte mit archäologischen Schichten der Kura-Araxes-KulturRoger Matthews, Hassan Fazeli Nashli: The Archaeology of Iran from the Palaeolithic to the Achaemenid Empire. Routledge London/New York 2022, S. 239. Kulturperiode Datierung v. Chr. Hasanlu Kul Tepe Jolfa Haftevan Ovçular Tepesi Kohneh Pasgah Mittlere Bronzezeit I 2100–1900 VIc III VIc – – Frühe Bronzezeit III 2200–2100 VIIa IV VII – IV–V Kura-Araxes III (Frühe Bronzezeit II) 2500–2200 VIIb IV VIII – III Kura-Araxes II (Frühe Bronzezeit I) 3000–2500 VIIc IV – EBKA II Kura-Araxes I 3350–3000 – V – EBKA I Späte Kupfersteinzeit 4500–3750 VIII VII–VI – LCI–LCII LCKA I (KAI) Forschungsgeschichte Der Begriff Kura-Araxes wurde 1940 durch den russischen Archäologen Boris Alexejewitsch Kuftin definiert.Adam T. Smith: The Caucasus and the Near East. In: Daniel T. Potts (Hrsg.): A Companion to the Archaeology of the Ancient Near East. Band. 2, Wiley-Blackwell, 2012, S. 668–686, hier S. 676. Im gleichen Jahr veröffentlichte Erich Friedrich Schmidt seine Flugaufnahmen von Erdhügeln im Gebiet des Urmiasee,Erich Friedrich Schmidt: Flights Over Ancient Cities of Iran. Chicago 1940. (isac.uchicago.edu) die maßgeblich dazu beitrugen, wichtige Stätten der Kultur zu entdecken und archäologisch zu erforschen. Theodore Burton-Brown grub 1948 die Stätte Geoy Tepe aus, die Sequenzen von der Kupfersteinzeit bis in die mittlere Bronzezeit zeigt. 1958 veröffentlichte Charles Burney eine archäologische Studie über die Region und grub 1960 bis 1962 in Yanik Tepe, dessen Schichten die Perioden Kura-Araxes II und Kura-Araxes III abdecken. Iranische Forschungsausgrabungen in Kohneh Pasgah und anderen Stätten an den Ufern des Araxes haben damit begonnen, die lokale Entwicklung der Kura-Araxes-Kultur im Zusammenhang mit vorangegangenen kulturellen Traditionen der Region zu skizzieren.Roger Matthews, Hassan Fazeli Nashli: The Archaeology of Iran from the Palaeolithic to the Achaemenid Empire. Routledge London/New York 2022, S. 238.
Verbreitung mini|Karte der namensgebenden Flüsse Kura und Aras/Araxes im Kaukasus Die Kura-Araxes-Kultur findet sich im zentralen und nordöstlichen Kaukasus, in Transkaukasien mit Ausnahme der Küste der Kolchis,Heinz Fähnrich: Geschichte Georgiens von den Anfängen bis zur Mongolenherrschaft. Shaker, Aachen 1993, ISBN 3-86111-683-9, S. 21 ff. dem östlichen Anatolien und dem nordwestlichen Iran.Karim Alizadeh, Jason A. Ur: Formation and destruction of pastoral and irrigation landscapes on the Mughan Steppe, north-western Iran. In: Antiquity. Bd. 81, Nr. 311, 2007, , S. 148–160, online. Die frühesten Funde liegen in der Ararat-Ebene, von da breitete sie sich ins östliche Georgien (um 3000), in das Gebiet um Erzurum und nach Kilikien aus.John A. C. Greppin, I. M. Diakonoff: Some Effects of the Hurro-Urartian People and their Languages upon the Earliest Armenians. In: Journal of the American Oriental Society. Bd. 111, Nr. 4, 1991, , S. 720–730. Otar Lortkipanidse sieht ihren Ursprung dagegen im südgeorgischen Kuratal.Otar Lordkipanidse: Archäologie in Georgien. 1991, S. 43.
Die nördlichsten Fundorte liegen in Dagestan (Kayakent, Velikent) und Aserbaidschan, wobei Velikent auch deutliche Steppeneinflüsse zeigt.Philip L. Kohl: Migrations and Cultural diffusions in the later Prehistory of the Caucasus. In: Ricardo Eichmann, Hermann Parzinger (Hrsg.): Migration und Kulturtransfer. Der Wandel vorder- und zentralasiatischer Kulturen im Umbruch vom 2. zum 1. vorchristlichen Jahrtausend (= Kolloquien zur Vor- und Frühgeschichte. Bd. 6). Akten des internationalen Kolloquiums, Berlin, 23. bis 26. November 1999. Habelt, Bonn 2001, ISBN 3-7749-3068-6, S. 313–327, hier S. 314. Während frühe Forscher die kulturelle Einheitlichkeit betonen, werden heute mehrere Lokalgruppen unterschieden. Manche Forscher sehen in der Kura-Araxes-Kultur einen Kulturkomplex aus mehreren eng verwandten lokalen Kulturen.Areschian 1982, 256 Dazu gehören unter anderem die Schengavit-Kultur und die Velikent-Kultur (auch als Dagestanische Variante oder Nordvariante der Kura-Araxes-Kultur bezeichnet) in der Chachmas-Kuban-Zone.
Die Khirbet-Kerak-Kultur (2800–2600) in Syrien, im Libanon und Palästina ist eng verwandt.
Wichtige Fundorte: Amiranis Gora (Achalziche), Südwestgruppe Arslantepe VI B (Malatya) Chizanaant Gora (wichtige Stratigraphie für den frühen Abschnitt), Nordwestgruppe Grmachewistawi (früh) Kvatzchelebi/Kwazchela (bei Kareli), Nordwestgruppe, durch einen Brand vernichtet Pulur (Sakyol), Schicht XI Samschwilde Tetrizkaro Treli (früh) Tsichia Gora (bei Kaspi) Yanik Tepe I (Iran)
Materielle Kultur mini|Keramikgefäß der Kura-Araxes-Kultur, Nationalmuseum der Geschichte Aserbaidschans Keramik Die Keramik der frühen Phase ist handgemacht, reduzierend gebrannt und hat eine helle Oberfläche. Sie ist organisch, mit Sand oder zerstoßenem Obsidian gemagert. Die Oberfläche ist meist glänzend poliert. Typisch sind Tassen mit einem oder zwei randständigen Henkelösen, Schalen und kleine Tassen mit leicht abgesetztem kurzen Hals und bikonische Töpfe mit zwei Henkelösen am Umbruch. Plastische Verzierung ist häufig.
Typisch für die Keramik der späten Phase sind die grau-schwarze Farbe bzw. schwarz-rote Farbe der polierten Feinkeramik und geritzte und plastische Spiralverzierungen und konzentrische Kreise. Sie ist manchmal mit Abbildungen von Tieren (Hirsche, Steinböcke), besonders Vögeln (Kraniche?) verziert. Keramische Gefäßständer haben oft Hufeisenform, aber auch runde Exemplare sind bekannt. In Daghestan wurde eine polierte Scheibenware hergestellt, die mit Kammeindrücken verziert ist. Hier sind auch plastische Verzierungen aus aufgelegten Bändern typisch. Die transkaukasische Ware ist überwiegend unverziert.
Figurinen mini|Tonfigurinen verschiedener Tiere, Nationalmuseum der Geschichte Aserbaidschans Frauenfiguren aus Ton sind meist stark stilisiert, im Gesicht wird nur die Nase plastisch hervorgehoben. Auch Figuren von Schafen sind häufig.Otar Lordkipanidse: Archäologie in Georgien. 1991, S. 51.
Feuerstein Aus Chisanaant-Gora sind Feuerstein-Sicheln bekannt.Otar Lordkipanidse: Archäologie in Georgien. 1991, S. 47. Neben Feuerstein wurde auch Obsidian verarbeitet.
Felsgestein Polierte Steinäxte mit gebogenem Längsprofil sind in Gebrauch, in Transkaukasien finden sie sich aber nur selten. Rillenschlegel (Kültepe, Aruchlo) wurden im Bergbau eingesetzt.Otar Lordkipanidse, Nasledie Drevnei Griazii (Tbilisi 1989, Metsniereba), 104; Tariel N. Chubinishvili 1971, K Drevnei istorii juzhnogo Kavkaza (Tbilisi: Metsniereba), 30
Metall In der ersten Phase der Kura-Araxes-Kultur ist Metall noch selten.Giorgi L. Kavtaradze: The chronology of the Caucasus during the early metal age. In: Antonio Sagona (Hrsg.): A View from the Highlands. 2004, S. 539–556, hier S. 543. Unter den Bronzegegenständen sind Schaftlochäxte, Tüllenmeißel, Kugelkopfnadeln mit durchbohrtem Schaft, Schlingenkopfnadeln, Nadeln mit sichelförmigem und T-förmigem Kopf und durchbohrtem geschwollenen Schaft sowie Armreife mit verdickten Enden und ankerförmige Anhänger typisch. Auch Bronzesicheln und Speerspitzen sind belegt. Trianguläre Flachdolche mit und ohne Mittelrippe sind häufig. Später kommen auch Dolche mit angegossenem Metallgriff vor. Aus Kwazchela stammen Kupferplatten mit den stilisierten Bildern von Tieren (Hirsche und Vögeln). Auch Gold, Silber und Blei wurde verarbeitet.
Siedlungen Die Siedlungen liegen meist in geschützten Lagen entlang der Flüsse, oft in relativ dichtem Abstand.Otar Lordkipanidse: Archäologie in Georgien. 1991, S. 44. Die Mehrzahl der Fundorte findet sich im Flachland. Sie sind meist unbefestigt.Philip L. Kohl: Migrations and Cultural diffusions in the later Prehistory of the Caucasus. In: Ricardo Eichmann, Hermann Parzinger (Hrsg.): Migration und Kulturtransfer. Der Wandel vorder- und zentralasiatischer Kulturen im Umbruch vom 2. zum 1. vorchristlichen Jahrtausend (= Kolloquien zur Vor- und Frühgeschichte. Band 6). Akten des internationalen Kolloquiums, Berlin, 23. bis 26. November 1999. Habelt, Bonn 2001, ISBN 3-7749-3068-6, S. 313–327, hier S. 323.
Typisch sind Rundhäuser, entweder aus Stein (im Gebirge), aus lehmverschmierten Flechtwerk (auch durch Hüttenlehmfunde nachgewiesen) oder aus Stampflehm. Das flache Dach besteht aus Stampflehm und wurde von einem zentralen Pfosten gestützt. Im Zentrum der Häuser liegt eine runde oder hufeisenförmige Herdstelle. In Transkaukasien haben die Herdstellen oft Lehmeinbauten. Entlang der Wände liegen Tonbänke. Der Fußboden aus Stampflehm ist manchmal mit Ocker verziert. Auch die Herdstelle wurde manchmal durch einen Streifen mit eingeritzter Verzierung hervorgehoben.
Auch Grubenhäuser sind bekannt. Die Häuser sind oft in Reihen angeordnet. Im Flachland haben die Fundstellen oft eine mächtige Kulturschicht, die 4–6 m dick sein kann (zum Beispiel Velikent I-II, Kabaz-Kutan und Torpach Kale in Daghestan). Kültepe II in Nachitschewan hat 14 Kulturschichten, Yanik Tepe elf.John A. C. Greppin, I. M. Diakonoff: Some Effects of the Hurro-Urartian People and their Languages upon the Earliest Armenians. In: Journal of the American Oriental Society. Bd. 111, Nr. 4, 1991, S. 720–730. Ab Phase II wurden auch rechteckige Häuser gebaut, welche zuerst im Westen aufkamen. Sub-rechteckige Häuser, teilweise mit einem kurzen Vorbau, sind zum Beispiel aus Kwazchela bekannt. Sie sind 30–50 m² groß. Auch sie haben Bänke, entweder nur an der Rückwand oder auch an den seitlichen Wänden.Otar Lordkipanidse: Archäologie in Georgien. 1991, S. 45.
In den Siedlungen finden sich glockenförmige Vorratsgruben. Auch Vorratsgefäße aus Ton wurden zur Lagerung von Getreide verwendet.
Im späteren Georgien hatten die Häuser einen Mittelpfosten, der das flache Dach stützte. Dort bestanden die rechteckigen Häuser aus einem Wohnraum und einem Raum für Wirtschaftszwecke, einzelne Häuser hatten ovale Apsiden, denen eine kultische Bedeutung zugeschrieben wird.
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