mini|Hans Berger, um 1920
Hans Berger (* 21. Mai 1873 in Neuses/Coburg; † 1. Juni 1941 in Jena) war ein deutscher Neurologe und Psychiater; er war 1924 der Entwickler der Elektroenzephalographie (EEG).
Leben mini|hochkant|Bergers Wohnhaus Steinweg 32 in Coburg Hans Berger verbrachte seine Kindheit in Neuses bei Coburg mit seinen Eltern und vier Schwestern. Er war der Sohn des Arztes Paul Friedrich Berger, Direktor des Coburger Landkrankenhauses. Sein Großvater war der Dichter und Orientalist Friedrich Rückert.
Berger besuchte das Gymnasium Casimirianum in Coburg, wo er 1892 das Abitur in allen Teilen mit „sehr gut“ bestand. Danach studierte er in Berlin zunächst Mathematik und Astronomie. Er wechselte später zur Medizin, das ihn von Berlin über Jena, wo er Mitglied der Burschenschaft Arminia auf dem Burgkeller wurde, Würzburg und Kiel schließlich wieder nach Jena führte (1893–1897), wo er auch promovierte.
1897 begann Hans Berger in Jena seine ärztliche Tätigkeit als Assistent an der Psychiatrischen Klinik unter der Leitung von Otto Binswanger. Sein Oberarzt zu jener Zeit war Theodor Ziehen. 1901 habilitierte er sich mit einer Arbeit Zur Lehre von der Blutzirkulation in der Schädelhöhle des Menschen, namentlich unter dem Einfluß von Medikamenten.
1912 wurde er Oberarzt und 1919 Nachfolger von Binswanger als Direktor der Psychiatrischen Klinik sowie ordentlicher Professor.
1927/1928 bekleidete er das Amt des Rektors der Jenaer Universität. Seine Rektoratsrede Über die Lokalisation im Großhirn stellt eine Art wissenschaftliches Glaubensbekenntnis dar.
In der Zeit des Nationalsozialismus war Hans Berger förderndes Mitglied der SSErnst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. Fischer Taschenbuch Verlag, Zweite aktualisierte Auflage, Frankfurt am Main 2005, S. 41. und wurde im Jahre 1938 emeritiert. Damit endete auch seine Tätigkeit als ärztlicher Beisitzer am Erbgesundheitsobergericht (EGOG) Jena, durch die er an den Zwangssterilisationen im nationalsozialistischen Deutschland mitgewirkt hatte.Dirk Preuss, Uwe Hossfeld, Olaf Breidbach: Anthropologie nach Haeckel. Franz Steiner Verlag, 2006, ISBN 3-515-08902-0, S. 136 Nach Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde ihm 1939 nochmals kommissarisch die Klinikleitung übertragen. Als ihn 1941 der NS-Rassenhygieniker Karl Astel bat, erneut am EGOG tätig zu werden, stimmte Berger am 4. März 1941 zu (), doch dazu kam es nicht mehr. mini|hochkant|Grabstein für Hans Berger und Angehörige auf dem Johannisfriedhof in Jena Am 1. Juni 1941 zwischen 4:20 und 7 Uhr morgens erhängte sich Hans Berger infolge einer DepressionAuf der Spur der Gedanken in: Nordbayerischer Kurier von Ostern 2024, S. 2. im Südflügel II der Medizinischen Klinik in Jena. Er wohnte zuletzt im Sanatorium für Nervenkranke in Bad Blankenburg, dessen Leiter er war. Er wurde in Jena begraben.Harald Sandner: Coburg im 20. Jahrhundert. Die Chronik über die Stadt Coburg und das Haus Sachsen-Coburg und Gotha vom 1. Januar 1900 bis zum 31. Dezember 1999 – von der „guten alten Zeit“ bis zur Schwelle des 21. Jahrhunderts. Gegen das Vergessen. Verlagsanstalt Neue Presse, Coburg 2000, ISBN 3-00-006732-9, S. 168 1940 wurde Berger dreimal, bei insgesamt 65 Nennungen, für den Nobelpreis nominiert und die beiden anderen Vorschläge 1942 und 1947 wurden aufgrund seines Todes nicht mehr evaluiert.U.-J. Gerhard, A. Schönberg, B. Blanz: „Hätte Berger das Ende des Zweiten Weltkrieges noch erlebt – gewiss wäre er ein Anwärter auf den Nobelpreis geworden“ – Hans Berger und die Legende vom Nobelpreis; Ein Beitrag zum 200. Jahrestag der Gründung der Jenaer Psychiatrischen Klinik. In: Fortschritte der Neurologie – Psychiatrie, 2005, 73, S. 156, doi:10.1055/s-2004-830086
Bergers Weg zum Elektroenzephalogramm mini|Elektroenzephalogramm, abgeleitet von Berger
Ein prägendes Erlebnis in seiner Jugend hat Berger motiviert, sein Leben dem Blick ins Fremdseelische zu widmen. Er schreibt:
Es handelt sich also um eine Erfahrung aus dem Gegenstandsbereich der Parapsychologie, die gleichsam an der Wiege der Elektroenzephalografie gestanden hat.
1902 begann Hans Berger mit Experimenten an der Hirnrinde von Hunden und Katzen. Dabei suchte er immer nach Wegen, die Beziehung zwischen Körper und Seele durch physikalische Methoden zu objektivieren. Er kann geistesgeschichtlich als ein Vertreter der Psychodynamik angesehen werden, die darauf abzielt, die Kluft zwischen Natur und Geist zu überbrücken, siehe den folgenden Abs. Würdigung von Bergers Verdienst.
1924 begann er, eine Methode zur Ableitung von „Hirnströmen“ am Menschen zu entwickeln. So bot sich die Möglichkeit, bei einem Patienten durch eine Trepanationsstelle von der unversehrten Großhirnrinde elektrische Aktivität abzuleiten. Am 6. Juli 1924 gelang es Berger, die ersten sicheren Ergebnisse zu registrieren – das erste Elektroenzephalogramm war entstanden.
Nach seinem Erfolg experimentierte Berger weiter, hatte Zweifel, begann wieder von neuem. Erst im Jahre 1929 publizierte er seine Entdeckung der durch das EEG beim Menschen nachweisbaren Aktionsströme des Gehirns. Seine Arbeit trug den Titel Über das Elektrenkephalogramm des Menschen.
Seine bahnbrechende Entdeckung fand viele Jahre keine Anwendung. Erst im Jahre 1934 stieß der englische Neurophysiologe Edgar Douglas Adrian auf die Arbeiten Bergers und erkannte die Tragweite der Entdeckung. Er gab dem Alpha-Grundrhythmus der hirnelektrischen Tätigkeit den Namen Berger-Rhythmus.
Würdigung mini|Gedenktafel, Universität Jena Johann Kugler ehrte Berger, der ab 1937 der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina angehörte, im Geleitwort seiner Einführung in die Untersuchungsmethode des EEG, in dem er 1981 schrieb:
Nach Hans Berger ist der Berger-Effekt benannt, der in einer Bereitschaftsreaktion besteht, die aus der Ableitung der Hirnströme zu erkennen ist. Am 23. Mai 2000 wurde der am 13. September 1991 entdeckte Asteroid (12729) Berger nach Hans Berger benannt.Minor Planet Circ. 40709. (PDF; 2,7 MB) minorplanetcenter.net
Aufgrund seines Wirkens im „Dritten Reich“ ist Berger mittlerweile als Namensgeber umstritten. Im Jahr 2021 wurde der Hans-Berger-Preis, den die Deutsche Gesellschaft für Klinische Neurophysiologie seit 1960 vergibt, in DGKN-Verdienstmedaille für das Lebenswerk im Bereich Neurophysiologie und Funktionelle Bildgebung umbenannt. Die Klinik für Neurologie der Universitätsklinik Jena will künftig nicht mehr als „Hans-Berger-Klinik“ auftreten.
Siehe auch Psychophysisches Niveau Psychophysiologie
Schriften mini|hochkant| mini|hochkant| Über das Elektroenzephalogramm des Menschen. In: Arch. Psychiat., 1929, Band 87, S. 527 ff. Das Elektrenkephalogramm des Menschen. In: Nova Acta Leopoldina, 1938/1939, Band 6, Nr. 38, S. 173–309. Psyche. Gustav Fischer, Jena 1940. Psychophysiologie in 12 Vorlesungen. Fischer Verlag, Jena 1921. Experimentelle Physiologie. Springer, Berlin 1937 (= Handbuch der Neurologie. Band A; 2).
Literatur Peter Kaupp: Berger, Hans. In ders.: Von Aldenhoven bis Zittler. Mitglieder der Burschenschaft Arminia auf dem Burgkeller-Jena, die in den letzten 100 Jahren im öffentlichen Leben hervorgetreten sind. Selbstverlag, Dieburg 2000. Valentin Wieczorek: Hans Berger (1873–1941). Entdecker des „Elektrenkephalogramm des Menschen“. In: Christian Fleck, Volker Hesse, Günther Wagner (Hrsg.): Wegbereiter der modernen Medizin. Jenaer Mediziner aus drei Jahrhunderten. Von Loder und Hufeland zu Rössle und Brednow. Verlag Dr. Bussert & Stadeler, Jena / Quedlinburg 2004, S. 235–246. J.R. Lemke, G. Kluger, G. Krämer: Hans Berger und 100 Jahre Elektroenzephalogramm. In: Clin Epileptol, 2024, 37, S. 103–111; doi:10.1007/s10309-024-00664-x.
Weblinks
Historische EEG-Aufzeichnungen. Jenaer Klinik für Neurologie.
Wolfgang Burgmer: 01.06.1941 - Todestag von Hans Berger. WDR ZeitZeichen vom 1. Juni 2016 (Podcast, 15:23 min).
Einzelnachweise
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