Wingershausen ist ein Ortsteil der Stadt Schotten im mittelhessischen Vogelsbergkreis.
Geographie Wingershausen liegt am Westhang des Vogelsberges. Der Eichelbach fließt durch das Dorf, der Eckardsbach die Gemarkung im Osten. Die Landesstraße 3348 endet innerhalb des Ortes und mündet hier auf die Landesstraße L 3183.
Geschichte Frühmittelalter Der Ort trat durch die Nennung der Kirche Wingershausen erstmals im Jahre 1016 angeblich urkundlich in Erscheinung. Der Mainzer Erzbischof Erkanbald ließ in Wingershausen eine Kirche weihen und versah sie mit einem großen Sendegebiet. Die Markbeschreibung der Kirche zu Wingershausen ist in zwei Fassungen erhalten. Die eine überlieferte Pistorius, Trad.Fuld.p. 497,belegt bei Johann Friedrich Böhmer; Cornelius Will: Regesten der Mainzer Erzbischöfe von Bonifatius bis Heinrich II. 706–1288 die andere findet sich im Codex EberhardiErnst Friedrich Johann Dronke, Trad. et antiqu., Cap.16 wieder. Allerdings ist die urkundliche Ersterwähnung eine Fälschung des Mönchs Eberhard von Fulda.Franz Staab: Echte Termineiurkunden aus dem frühen Mittelalter und Fälschungen Eberhards von Fulda. In: Fäschungen des Mittelalters. MGH Schriften 33 III. Hannover 198. S. 283–314.
Als in der Zeit nach Bonifatius der Vogelsberg erschlossen wurde, wurde in den neuen Orte auch die untere Kirchenorganisation durch die Einrichtung von Pfarreien ausgedehnt. Dies war zunächst Sache des zuständigen Bischofs, der schon zu Bonifatius` Zeiten für den gesamten Vogelsberg bis zum Fluss Fulda der Erzbischof von Mainz war. Eine Sonderstellung hielt aber seit seiner Gründung im Jahr 744 das Kloster Fulda, das seinen Herrschaftsbereich um Fulda in einem breiten Streifen über den Vogelsberg hinaus bis in die Wetterau ausdehnen konnte und in diesem Gebiet, in einem Gegensatz zum Mainzer Erzbischof kraft Eigenkirchenrecht ihm zugeordnete Pfarrkirchen einrichtete. Hierzu gehörte auch die Pfarrkirche zu Wingershausen.Heinrich Meyer zu Ermgassen: Der Codex Eberhardi des Klosters Fulda. Bd. I, S. 323
Nach der Markbeschreibung umfasste das Kirchspiel die Gemarkungen Wingershausen, Eichelsachsen, Eschenrod, Busenborn, Breungeshain, Herchenhain, Hartmannshain, Sichenhausen, Kaulstoß, Burkhards und die am linken Niddaufer liegenden Teile der Gemarkungen Eichelsdorf (Nidda), Rainrod und Rudingshain. Zum Kirchspiel gehörte bis ins 16. Jahrhundert auch die Stumpe Kirch bei Burkhards.Chronik Wingershausen, Herausgeber: Stadt Schotten in Verbindung mit dem Arbeitskreis Historie Wingershausen, Seite 20.
Als erster Ort schied im Jahr 1067 Breungeshain aus dem großen Kirchspiel Wingershausen aus. Erzbischof Siegfried I. von Mainz hatte in Breungeshain eine Kirche geweiht und diese mit Zehntrechten "unter anderen zu Wingereshouson" ausgestattet.Eine Abschrift dieser Urkunde vom 25. März 1067 befindet sich im Staatsarchiv Würzburg: Mainzer Bücher verschiedenen Inhalts 18, fol. 30 ´ f. 1681 schied Eschenrod als letztes Glied aus dem Pfarrbezirk aus. Nur Eichelsachsen blieb bis heute bei Wingershausen.Chronik Wingershausen, Herausgeber: Stadt Schotten in Verbindung mit dem Arbeitskreis Historie Wingershausen, Seite 15
Zwei bedeutende historische Straßen durchzogen das große Kirchengebiet. Die Linke Niddastraße, zunächst als Talrandstraße von Staden (Florstadt) bis Eichelsdorf, nimmt ab dann als Höhenstraße ihren weiteren Verlauf an Wingershausen und Wildhauskopf bei Eschenrod vorbei zum Sattel des Hoherodskopf. Dort erreicht sie die Ulrichsteiner Straße, eine Straße, die vom Marburger Land bis in die Gegend von Gelnhausen führte. Eine größere Bedeutung hatte die Rechte Nidderstraße. Auf dieser, bei Burkhards vorbeiführenden "Fuldere Strazun" (so die Grenzbeschreibung des Kirchspiels Wingershausen), wurde im Jahr 754 der Leichnam des Heiligen Bonifatius von Mainz nach Fulda überführt.K. Th. Chr. Müller: Der Weg der Leiche des heiligen Bonifatius von Altenstadt über den Vogelsberg. (Fuldaer Gesch. Bl. 19, 1926, S. 81 ff. und S. 97 ff.)Gudrun Loewe: Fernstraßen der Vorzeit im südwestlichen Vogelsberg. In „Kreis Büdingen Wesen und Werden“, Herausgeber: 1956 Geschichtsverein Büdingen, Seite 129 ff.
Hoch- und Spätmittelalter
1187 vermachte Berthold II. von Nidda der dortigen Johanniterorden-Kommende mehrere Pfarreien, Ländereien und Einkünfte in insgesamt 26 Orten, darunter in Wingershausen. Aus diesen Schenkungen kann man auf den ungefähren Umfang der Grafschaft Nidda schließen. In der Schenkungsurkunde des Grafen an den Johanniterorden in NiddaS. grundlegend Dieter Wolf: Zur Entwicklungsgeschichte der ehemaligen Stadtpfarrkirche und Johanniterkomturei Nidda. In: Niddaer Geschichtsblätter, Band 11 (2020). S. 63–217, besonders S. 79–87. werden u. a. als Einkünfte genannt: In Wingershausen (Winderingeshusen) geben zwei Gehöfte (due curie) und zwei Güter (due predia) vier Schilling (solidi) ab, vier Masthühner (ornices), sechs Brote (panes) und eine Amphore Wein (amphora uini).Dieter Wolf: Johanniterkomturei Nidda, ebenda.
Im Frühjahr 2012 gründete sich im Ort ein Verein, der dem aus der Urkunde zu erschließenden Wingershäuser Weinanbau wieder zu neuem Leben verhalf.
Nach dem Tode des Grafen Berthold II., der ohne männliche Erben verstarb, erbte sein Schwager, Graf Rudolf II. von Ziegenhain, die Grafschaft Nidda.K. E. Demandt: Die Herren von Büdingen und das Reich in staufischer Zeit, Bd. 5 (1955), S. 52.
1327 fielen Anhänger König Ludwigs des Bayern in das fuldische Stiftsgebiet ein und verwüsteten unter anderem auch das Kloster Blankenau südwestlich von Fulda. Um die daraus entstandene Not der Zisterzienserinnen zu lindern, gestattete Papst Johannes XXII., der damals in Avignon residierte, dem Kloster die Einverleibung der Pfarrei Wingershausen bei Nidda. Die Inkorporation der Pfarrei Wingershausen in das Kloster Blankenau wurde vom Fuldaer Abt Heinrich VI. von Hohenberg (1315–53) betrieben. Begründet wurde sie mit der außerordentlichen Armut und der strikten Beachtung der Ordensregel der Blankenauer Nonnen. Die Inkorporation zog sich über mehr als anderthalb Jahrzehnte hin. Der erste Rechtsakt zur Inkorporation wurde am 30. Juni 1328 mit der Bulle von Papst Johannes XXII. in Avignon erlassen.Registriert im Registrum Vaticanum 92 des Vatikanarchivs, Regest der Bulle in E.Vogt u. a.: Regesten der Erzbischöfe von Mainz 1289–1396, Band I, Leipzig 1913, Nr. 2929. Die Einkünfte der Pfarrei sind dabei auf weniger als 16 Mark Silber beziffert. Als zweiter Rechtsakt folgte drei Jahre später am 29. Juni 1331 die Schenkung des Patronats an Kloster Blankenau durch den vorgesetzten Abt von Fulda.StA Marburg Urkunde 77, Nr. 21 vom 29. Juni 1331. Der letzte Schritt war die Vornahme der Inkorporation durch den Mainzer Erzbischof Heinrich III. von Virneburg vom 8. September 1345. Abschr. der Urkunde im Blankenauer Kopiar Nr. 178, Regest in: H.Otto u. a.: Regesten der Erzbischöfe von Mainz 1289–1396, Band II, Darmstadt 1932-35, Nr. 5348. Das Patronatsrecht, das für die Pfarrei Wingershausen seit dem Jahr 1016 beim Kloster Fulda lag, ging somit ab 1331 an das Nonnenkloster Blankenau und verblieb dort bis zur Reformation.
Am 13. November 1362 verkauften die Brüder "Crafft, Petir, Herman und Heinrich" von Olffe das väterliche Gut zu "Habirtshusen bie Nidda"Heute Wüstung Habertshausen. an den Grafen Johann zu Ziegenhain und dessen Sohn "Gotfride zu Cyginhain" und Frau "Agnesen".Ludwig Baur: Hessische Urkunden. Band 1, Nr. 961, S. 639 Als Edelknechte waren sie zwar "ritterbürtig", aber noch nicht zu Ritter geschlagen. In der gleichen Urkunde erwähnen die vier Brüder "unser mulen zu Wynuyshusen (unser Mühle zu Wingershausen)." Einen weiteren Hinweis auf eine Mühle in Wingershausen aus dem Jahre 1583 findet sich im Hessischen Staatsarchiv Marburg, Best. 19a, Nr. 733, wegen einer Erbauseinandersetzung zwischen Christoph von Schlüchtern, genannt Katzenbiss, und seinem Schwager Hans Schutzbar genannt Milchling, unter anderem um den Zehnten zu Rodheim, eine Mühle in Wingershausen und einen Hof in Rabertshausen. Von vier Mühlen berichtet die Ortschronik. Erhalten geblieben bis heute ist nur die Obermühle "Ominn", die aber in den 1970er Jahren ihren Betrieb einstellen musste, da sich das Mahlen nicht mehr lohnte. "Schlominn" und "Lanzeminn" wurden niedergelegt. Die Veltesmühle "Veltesminn" wurde unter Beachtung des Denkmalschutzes zu Wohnzwecken umgebaut.
1476 wurden für einen Feldzug des hessischen Landgrafen Wilhelm I. gegen die Stadt Volkmarsen Ausrüstung und Soldaten in Registern aufgestellt, darunter aus dem Gericht auf dem "Fogelsberg" 13 "kuwe" (Kühe) und 14 "Hemel" (Hammel) aus den Orten Eichelsdorf (Nidda), Eichelsachsen, Eschenrod und Wingershausen.Georg Landau: Zwei Rüstungsregister aus den Jahren 1474 und 1476. In: Zeitschrift des Vereins für Hessische Geschichte und Landeskunde, Band 1 (1837), S. 326–352, hier S. 334–352.
Neuzeit Wingershausen wurde in der Neuzeit wiederholt von schweren Unwettern heimgesucht. Wegen eines heftigen Unwetters am 22. Mai 1672 im Kirchspiel Wingershausen mit Eschenrod wurde zum Gedenken ein Kirchenlied mit dem Titel "Herr, strafe mich nicht" komponiert. Lange Zeit wurde ein lokaler Hageltag am 22. Mai gefeiert.Martin Gudd: Gewitter und Gewitterschäden im südlichen hessischen Berg- und Beckenland und im Rhein-Main-Tiefland. 1881–1980. Eine Auswertung mit Hilfe von Schadenstaten. Diss. Mainz 2003, S. 178. Am 3. Juni 1826, dem Pfingstsamstag, wurden die Dörfer am Eichelbach und an der Nidda von einem schweren Gewitter mit Starkregen von einer Flutwelle stark in Mitleidenschaft gezogen. 26 Gebäude wurden zerstört, 29 schwer beschädigt. Es waren 27 Tote zu beklagen. In Wingershausen verlor eine Frau ihr Leben. Zwei Brücken wurden fortgerissen. Selbst der 76-jährige Dichter Johann Wolfgang von Goethe war davon ergriffen.
Im Zuge der Gebietsreform in Hessen verlor die Gemeinde Wingershausen zum 31. Dezember 1971 ihre Selbständigkeit und wurde auf freiwilliger Basis ein Stadtteil von Schotten. Für den Stadtteil Wingershausen wurde ein Ortsbezirk errichtet.
Verwaltungsgeschichte im Überblick Die folgende Liste zeigt die Staaten und deren Verwaltungseinheiten,Bis zur Trennung der Rechtsprechung von der Verwaltung waren die Ämter und frühen Gerichte sowohl Gericht als auch Verwaltungsorgan. denen Wingershausen angehört(e):
bis ca. 1205: Grafschaft Nidda Vor 1450: Heiliges Römisches Reich, Grafschaft Ziegenhain, Amt Nidda, Gericht Burkhards 1450–1495: Erbstreit zwischen der Landgrafschaft Hessen und den Grafen von Hohenlohe ab 1450: Heiliges Römisches Reich, Landgrafschaft Hessen, Amt Nidda, Gericht Burkhards ab 1567: Heiliges Römisches Reich, Landgrafschaft Hessen-Marburg, Amt Nidda, Gericht Burkhards 1604–1648: Heiliges Römisches Reich, strittig zwischen Landgrafschaft Hessen-Darmstadt und Landgrafschaft Hessen-Kassel (Hessenkrieg) ab 1604: Heiliges Römisches Reich, Landgrafschaft Hessen-Darmstadt, Oberfürstentum Hessen, Amt Nidda, Gericht Burkhards 1787: Heiliges Römisches Reich, Landgrafschaft Hessen-Darmstadt, Regierungsbezirk Gießen, Amt Nidda und Lißberg, Gericht Burkhards ab 1806: Großherzogtum Hessen, Fürstentum Oberhessen, Amt und (seit 1803) Gericht Lißberg ab 1815: Großherzogtum Hessen, Provinz Oberhessen, Amt Lißberg ab 1821: Großherzogtum Hessen, Provinz Oberhessen, Landratsbezirk SchottenTrennung zwischen Justiz (Landgericht Schotten) und Verwaltung: ab 1832: Großherzogtum Hessen, Provinz Oberhessen, Kreis Nidda ab 1848: Großherzogtum Hessen, Regierungsbezirk Nidda ab 1852: Großherzogtum Hessen, Provinz Oberhessen, Kreis Schotten ab 1867: Norddeutscher Bund, Großherzogtum Hessen, Provinz Oberhessen, Kreis Schotten ab 1871: Deutsches Reich, Großherzogtum Hessen, Provinz Oberhessen, Kreis Schotten ab 1918: Deutsches Reich, Volksstaat Hessen, Provinz Oberhessen, Kreis Schotten ab 1938: Deutsches Reich, Volksstaat Hessen, Provinz Oberhessen, Landkreis Büdingen