Wolfgang Urban (* 1948 in Stetten am kalten Markt) ist ein deutscher Professor, Diakon und Diözesankonservator im Ruhestand.
Leben und Tätigkeit Nach dem Abitur, das er am Hohenzollern-Gymnasium in Sigmaringen ablegte, studierte Urban an der Universität Tübingen Mathematik und Philosophie.
Wolfgang Urban war von 1976 bis 1986 Mitarbeiter des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Sonderforschungsbereichs 8 „Spätmittelalter und Reformation“ beteiligt an der kritischen Edition des an der Universität von Paris entstandenen Sentenzenkommentars des Nominalisten und Augustinereremiten Gregor von RiminiGregorii Ariminensis Lectura super primum et secundum Sententiarum.. Er besorgte die kritische Edition von Werken des Erfurter Augustinereremiten Johannes von PaltzAndere Namensformen: Johannes Jeuser/Geisser/Geuser/Genser/Zenser, Johannes Palatinus u. a.; geb. in Pfalzel bei Trier um 1445, gest. im Augustinereremiten-Kloster Mühlheim bei Koblenz (heute im Stadtteil Koblenz-Ehrenbreitstein) 1511. Das durch Johannes von Paltz 1493 gegründete Kloster wurde 1573 aufgehoben., so dessen frühneuhochdeutsches Hauptwerk „Die Himmlische Fundgrube“ (erstmals 1490) samt mittelniederdeutschen Fassungen des Textes und ausführlicher Einleitung zur Entstehungs- und Überlieferungsgeschichte, außerdem drei lateinische Predigten dieses älteren Ordensbruders von Martin Luther. In der Rezension zu Adolar Zumkellers Hauptwerk zur Theologie der Erfurter Augustinereremiten konnte er durch den Nachweis wörtlicher Übernahme ganzer Textpassagen Gregors von Rimini in der Gnadenlehre dessen starken Einfluss auf die Erfurter Augustinertheologen nachweisen.Vgl. Wolfgang Urban [Rezensent]: Zumkeller, Adolar OSA: Erbsünde, Gnade, Rechtfertigung und Verdienst nach der Lehre der Erfurter Augustinertheologen des Spätmittelalters, Würzburg 1984. In: Theologische Revue 83 (1987), S. 37–40.
Für das „Historische Wörterbuch der Philosophie“ hat er die Artikel „Qualität II. (Mittelalter)“ und „Quantität II. (Mittelalter)“ verfasst.Vgl. Historisches Wörterbuch der Philosophie, Band 7, Sp. 1752–1758, Sp. 1796–1808. Der Beitrag über die Seinskategorie Quantität ist nach Inhalt und Umfang ohne vorausgehendes Beispiel.
Bei der Erforschung von Handschriften aus der Bibliothek der ehemaligen Benediktinerabtei Wiblingen in der Bibliothek des Wilhelmsstiftes Tübingen identifizierte er 1987Vgl. Wolfgang Urban: Ex bibliotheca monasterii Wiblingensis. In: „Rottenburger Jahrbuch für Kirchengeschichte“ 6 (1987), S. 221–238. unter anderem einen von Albert von Sachsen (geboren 1316 in RickmersdorfHeute Rickensdorf, Gemeinde Bahrdorf, Samtgemeinde Velpke, Landkreis Helmstedt. als Albrecht Rike; gestorben 1390 in Halberstadt), als Albrecht III. Bischof von Halberstadt, verfassten Kommentar zu den kosmologischen Schriften (De coelo et mundo) des AristotelesQuaestiones super quatuor libros Aristotelis de caelo et mundo, eine Abschrift des Compendium theologiae veritatis des Hugo Ripelin von Straßburg, eine Anzahl von Werken des im ersten Drittel des 15. Jahrhunderts führenden Theologen Johannes Gerson und den lateinischen Text Liber vitae (Buch des Lebens), in dem sich eine Version der von dem Germanisten Wolfgang Stammler postulierten lateinischen Vorlage für das bislang nur in frühneuhochdeutscher Überlieferung bekannte Buch des Lebens verbergen mag.
In einer im Kunsthandel angebotenen, dann in Privatbesitz gelangten reich illuminierten, 1508 in Köln entstandenen, mehrfach Kölner Wappen in den Illuminationen aufzeigenden Handschrift der „Himmlischen Fundgrube“ des Johannes von Paltz in ripuarischem (Kölner) Dialekt identifizierte er die 21 ganzseitigen Miniaturen als Schöpfungen des Meisters des Bartholomäusaltars.Vgl. Wolfgang Urban: Einleitung „Himmlische Fundgrube“. In: Johannes von Paltz: Opuscula. Herausgegeben und bearbeitet von Christoph Burger [u. a.], Walter de Gruyter, Berlin/New York 1989, S. 187–192 mit 21 Abbildungen zwischen S. 200 und 201. – Zu der Handschrift vgl. Hartung & Karl, München, Auktion 37 (1982), S. 10, Nr. 13.
Er ist der Entdecker der für die Geschichte der Naturwissenschaften bedeutenden Positionen des Tübinger Spätscholastikers Konrad Summenhart (um 1458–1502) und dessen der aristotelischen Naturphilosophie und ihrem Prinzip des „horror vacui“ konträren Überlegungen zu einer Möglichkeit der Existenz eines Vakuums und des schon 1501 von ihm gefassten Gedankens der Möglichkeit einer Vielzahl von Welten.Vgl. dazu Helmut Feld. In: Conradi Summenhart Opera omnia, 1. Mainz 2004, S. IX.
Er arbeitete über den Meister von MeßkirchVgl. Wolfgang Urban: Die Signatur des „Meisters von Messkirch“. In: Heilige Kunst 23 (1986–1987), S. 56–73. und den Meister der Darmstädter PassionVgl. Wolfgang Urban: Der Baindter Altar des Meisters der Darmstädter Passion. In: Otto Beck (Hrsg.): Baindt. Hortus Floridus. Geschichte und Kunstwerke der früheren Zisterzienserinnen-Reichsabtei. Festschrift zur 750-Jahrfeier der Klostergründung 1240–1990, München/Zürich 1990, S. 99–106..
Von Wolfgang Urban stammt die bislang umfassendste Darstellung der Ikonographie des Martin von Tours in Kunstwerken vom 6. bis 20. Jahrhundert. Zu seinen ikonografischen Studien zählen u. a. „Theologische Ästhetik und Bildbedeutung in den Fresken des Andreas Meinrad von Au in Wald [Hohenzollern] und in Sigmaringen“In: Eugen Buri, Ingeborg-Maria Buck: Andreas Meinrad von Au 1712–1792. Katalog zur Ausstellung „Alte Schule“. 16. Mai bis 19. Juli 1992. Sigmaringen 1992, S. 86–100., „Die Predigt der Bilder als Kulturgut“In: Andreas Weiß, Stefan Ihli (Hrsg.): Kulturgutschutz und Kirche, Bibel und Kirchenrecht. Frankfurt a. M. [u. a.] 2004, S. 63–96. (hier zusammen mit Werken des Mittelalters über den Herrenberger Altar von Jerg Ratgeb und die in der Staatsgalerie Stuttgart aufbewahrte Skulptur Kreuzigung [1962/1963] von Joseph Beuys) und zur Stuppacher Madonna des Matthias Grünewald. Mit den theologischen und frömmigkeitsgeschichtlichen Hintergründen des Crucifixus dolorosus befasst sich sein Aufsatz zum Baindter PestkreuzVgl. Wolfgang Urban: Das Baindter Pestkreuz. In: Otto Beck (Herausgeber), wie Anm. 7, S. 117–122. und zur Stuppacher Madonna des Matthias GrünewaldWunderschön prächtige. Die „Stuppacher Madonna“ zu Gast im Diözesanmuseum Rottenburg. Ulm 1999; vgl. Wolfgang Urban: Das Marienbild als Weltbild. Die Stuppacher Madonna von Matthias Grünewald. In: Himmlischer Glanz. Raffael, Dürer und Grünewald malen die Madonna. Hrsg. von Andreas Henning, Arnold Nesselrath. München [u. a.] 2011, S. 60–65; vgl. ders.: Pfarrkirche „Maria Krönung“ in Stuppach. Die Stuppacher Madonna. Das Meisterwerk kehrt nach Stuppach zurück. (= Vernissage, Jg. 20, Nr. 6 = Nr. 196). Vernissage-Verlag, Heidelberg (= Vernissage Meisterwerke)..
In Verbindung mit Heinz Georg Tiefenbacher und Egon Reiner besorgte er die von Interpretation begleitete Dokumentation „Raum schaffen für Gott“, die Kirchenbau und kirchliche Kunst in der Diözese Rottenburg-Stuttgart von 1971 bis 1991 beschreibt.Vgl. Heinz Georg Tiefenbacher, Wolfgang Urban, Egon Reiner: Raum schaffen für Gott. Kirchenbau und religiöse Kunst in der Diözese Rottenburg-Stuttgart. [Hrsg. im Auftrag des Bischöflichen Ordinariats der Diözese Rottenburg-Stuttgart.] Ulm 1992, ebenso mit Paul Kopf „Zeit – Räume“ die spezielle Dokumentation des Kirchenbaus im Katholischen Dekanat Ludwigsburg von 1945–1990.Paul Kopf, Wolfgang Urban: Zeit – Räume. Katholischer Kirchenbau und religiöse Kunst im Landkreis Ludwigsburg 1945–1990. Ulm 1990.
Tätigkeit als Diözesankonservator und Museumsleiter Seit 1991 war er Diözesankonservator der Diözese Rottenburg-Stuttgart, seit 1993 dazu Kustos des Diözesanmuseums der Diözese Rottenburg-Stuttgart in Rottenburg am Neckar. Er vollzog als Leiter des Diözesanmuseums 1992 bis 1996 die Neupräsentation der Bestände der Diözesansammlung für die Neueinrichtung des Museums in der ehemaligen Karmeliterklosterkirche in Rottenburg. Unter seiner Leitung erfuhr die Kunstsammlung der Diözese Rottenburg-Stuttgart eine Erweiterung von mehr als 500 Objekten der Malerei, der Plastik, der Volksfrömmigkeit, darunter solche von Jörg Zürn (einem Mitglied der Bildhauerfamilie Zürn), Christoph Daniel Schenck, Johann Zick, Johann Michael Fischer, Joseph Wannenmacher. Eine zusätzliche qualitative Erhöhung erfuhr der Bereich der Skulpturen der Spätgotik durch die Gewinnung der Sammlung Roland SchweizerVgl. Wolfgang Urban, Beiträge von Melanie Prange: Meisterwerke der Spätgotik. Bildwerk und Bedeutung. Die Sammlung Roland Schweizer im Diözesanmuseum Rottenberg. Ostfildern, Ulm 2010., darunter eine Madonna des Straßburger Frari-MeistersDer Notname beruht auf der Tätigkeit des Künstlers an der Basilica di Santa Maria Gloriosa dei Frari in Venedig, die auch „Frarikirche“ oder kurz „Frari“ genannt wird. von 1478, ein Schmerzensmann von Michel Erhart, Werke von Hans Thoman und des Meisters des Altars von Mauer bei Melk.Ein namentlich nicht bekannter Bildschnitzer, der von etwa 1500 bis 1525 tätig war und um 1510 den Schnitzaltar für die Pfarr- und Wallfahrtskirche Mariä Geburt in Mauer verfertigte. Mauer ist eine Ortschaft der Marktgemeinde Dunkelsteinerwald im Bezirk Melk innerhalb der Region Mostviertel des Bundeslandes Niederösterreich der Republik Österreich.
Er erweiterte den Bestand der diözesanen Kunstsammlung um das zuvor vernachlässigte 20. Jahrhundert durch Erwerb von Gemälden und Grafiken von Wilhelm Geyer, Otto Dix, HAP Grieshaber, Otto Herbert Hajek, Andy Warhol, Roland Peter Litzenburger, Klaus Herzer, Volker Stelzmann, David Bennett, Roland Schauls, Tobias Kammerer. Zahlreiche Ausstellungen widmete er mit begleitenden Katalogen Kunst und Künstlern der Gegenwart: Andreas Grunert, Dieter Groß, Otto Herbert Hajek, Jacques Gassmann, Klaus Herzer, Günther Uecker, Hanspeter Münch, Martin Schmid (* 1927, Maler, Sohn von Carlo Schmid), Klaus Gaida, David Bennett, Zbigniew Sałaj, Hermann Weber.
1997 wurde er zum ständigen Diakon der Diözese Rottenburg-Stuttgart geweiht.
Zum 1. April 2013 trat er in den Ruhestand. Der Autor zahlreicher Veröffentlichungen zur Kirchen-, Kultur- und Kunstgeschichte ist auch Lehrbeauftragter am Seminar für Neuere Geschichte der Eberhard-Karls-Universität Tübingen. Am 26. April 2016 wurde Wolfgang Urban vom Land Baden-Württemberg durch Ministerpräsident Winfried Kretschmann mit dem Titel Professor geehrt. Dank seiner Gelehrsamkeit und Redekunst hat sich Urban bei Vorträgen und Führungen eine große Zuhörerschaft erworben.Vgl. die Sendung des SWR2 vom 31. Mai 2014 Wolfgang Urban, Diözesan-Konservator Rottenburg. Im Gespräch mit Reinold Hermanns: „Wolfgang Urban […] ist ein herausragender Kenner der Kirchengeschichte.“
Comic-Autor Wolfgang Urban ist Autor zahlreicher auch ins Französische und Italienische übersetzter Comics, so über den heiligen Martin von Tours, den heiligen Mauritius und seine Gefährten (1993; deutsch und französisch), den heiligen Liborius, Niklaus Wolf von Rippertschwand (1756–1832) (2009; deutsch, französisch, italienisch) sowie zur Geschichte von Baden-Württemberg.
Würdigung seiner Arbeit durch Festreden bei der Verabschiedung Verabschiedung Wolfgang Urban 19. März 2013. Festreden. Süddeutsche Verlagsgesellschaft, Ulm . darin folgende Ansprachen zu Ehren von Wolfgang Urban: S. 5–10: Johannes Kreidler, Weihbischof S. 11–12: Uwe Scharfenecker. Domkapitular S. 13–18: Michael Kessler. Vorstand des Kunstvereins der Diözese Rottenburg-Stuttgart S. 19–30: Wolfgang Urban.
Veröffentlichungen (Auswahl) Wolfgang Urban: Einer Kathedrale würdig. Das Meisterwerk des Bingener Altars. Fotos von Reiner Löbe. Kunstverlag Josef Fink, Lindenberg im Allgäu, 2018, ISBN 978-3-95976-111-6. Wolfgang Urban: Barockkirche Steinhausen. Bedeutungsfülle von Architektur und Kunst. Kunstverlag Josef Fink, Lindenberg im Allgäu, 2015, ISBN 978-3-89870-906-4.