Als oberes Meer wurde ein Gewässer im Norden Assyriens bezeichnet. Diese ist in Kontrast zum „Unteren Meer“, dem Persischen Golf, zu sehen. Oben und Unten bezieht sich dabei auf die Himmelsrichtungen bzw. die Fließrichtung von Euphrat und Tigris, die diese Himmelsrichtungen vorgab. Grundsätzlich kommen drei Gewässer als „Oberes Meer“ in Frage:
Mittelmeer Vansee in der Nordosttürkei Schwarzes Meer
Der Name Oberes Meer taucht zuerst in den Inschriften von Tukulti-Ninurta I. in Verbindung mit den Nairi-Ländern auf. Da dieser Herrscher nie den Euphrat überschritt, kann hier nur der Vansee gemeint sein. Auch Aššur-bel-kala erwähnt das „Obere Meer“ in einem FragmentAnnalen 12 (Weidner, Archiv für Orientforschung 6, 1930/31, 80–81), das keine genauere Lokalisierung zulässt. Die meisten Forscher sind der Ansicht, dass hier der Vansee, sonst auch als Meer von Nairi oder Oberes Meer von Nairi bezeichnet, gemeint ist. Tiglat-Pileser I. scheint den Namen sowohl für das Mittelmeer (Erwähnung von Hatti) als auch den Vansee gebraucht zu habenH. F. Russell, Shalmaneser’s campaign to Urarṭu in 856 B.C. and the historical geography of Eastern Anatolia according to the Assyrian sources. Anatolian Studies 34, 1984, S. 193.
Einige russische Forscher möchten in dem Oberen Meer jedoch das Schwarze Meer sehenz. B. Н. В. Арутюнян, Корпус уратсқих қлинообразных надписеӣ. Ереван, Гитутюн 2001, 503Kinnier Wilson, Iraq 24, 104. Diese Interpretation hängt vor allem mit der Lokalisierung von Daiaeni, einem der Nairi-Stämme zusammen. Diese werden meist im Gebiet südlich des Vansees oder des oberen Euphrats angesiedeltH. F. Russell, Shalmaneser’s campaign to Urarṭu in 856 B.C. and the historical geography of Eastern Anatolia according to the Assyrian sources. Anatolian Studies 34, 1984, S. 171–201. Melikišvili und Diakonov wollen Daeieni jedoch mit Diaueḫe gleichsetzen, einem Staat oder Stammesbund, der nur aus urartäischen Inschriften bekannt istGrigorij A. Melikišvili, Diauechi. Vestnik drevnej istorii 4. Moskva 1950, 26–42. Die genaue Lokalisierung von Diaueḫe ist ebenfalls umstritten, es lag jedoch in der Nähe von Ḫuša und Qulḫa, die durch Inschriften aus der Zeit von Sarduri II. bekannt sind. Qulḫa wird auf Grund der Namensähnlichkeit manchmal mit dem antiken Kolchis in der Südostecke des Schwarzen Meeres gleichgesetzt. Damit hätte Tiglat-Pileser I. auf dem Feldzug gegen die Nairi-Stämme das Schwarze Meer erreicht, ein Vorschlag, der allein wegen der zu bewältigenden Entfernung unwahrscheinlich erscheint.
In der Yoncalı-Inschrift bezeichnet sich Tiglat-pileser I. als der Eroberer von Nairi von Tumme nach Daiaeni, Eroberer von Habhi bis zum großen Meer. Gregor Melik'išvili las die gewöhnlich mit hab-hi transkribierte Stelle als quil-hi und setzte es mit Qulḫa der urartäischen Quellen und der Kolchis der Griechen gleich. Dies wurde als Beleg gewertet, dass das Schwarze Meer auch als „Großes Meer“ bekannt war. Dieser Lesung sind aber kaum andere Forscher gefolgt.
In neu-assyrischen Inschriften (Salmanasser III., Sanherib, Assurhaddon und Aššurbanipal) taucht die Formel „Eroberer von dem Oberen Meer bis zum Unteren Meer“ aufH. F. Russell, Shalmaneser’s campaign to Urarṭu in 856 B.C. and the historical geography of Eastern Anatolia according to the Assyrian sources. Anatolian Studies 34, 1984, 192.
Tiglat-Pileser III. erreichte als erster assyrischer Herrscher das Mittelmeer. In mehreren Inschriften von Tiglat-Pileser III. wird das „Obere Meer des Sonnenuntergangs“ erwähnt. Auch dieser Begriff wird anscheinend sowohl für den Vansee als auch für das Mittelmeer verwendet.
Einzelnachweise
Literatur Grigorij A. Melikišvili: Diauechi. In: Vestnik drevnej istorii. 4, 1950, , S. 26–42. Grigorij A. Melikišvili: Nairi-Urartu. Tiflis 1964, S. 27–28. Hugh F. Russell: Shalmaneser’s Campaign to Urartu in 856 B.C. and the Historical Geography of Eastern Anatolia according to the Assyrian Sources. In: Anatolian Studies. 34, 1984, , S. 171–201. Schrader: Die Namen der Meere in den assyrischen Inschriften. In: Abhandlungen der Königlichen Preußischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin. 1877, Philosophisch-Historische Klasse. , S. 169–195, online. Maximilian Streck: Das Gebiet der heutigen Landschaften Armenien, Kurdistan und Westpersien nach den babylonisch-assyrischen Keilinschriften. In: Zeitschrift für Assyriologie. 13, 1898, , S. 57–110 online, 14, 1899, S. 103–172 online, 15, 1900, S. 257–382 online.
Kategorie:Antike Geographie (Alter Orient) Kategorie:Antiker Gewässername