mini|300px|Eine historische propagandistische Karikatur von der Gefangennahme William Blighs, die ihn als Feigling zeigt.

Die Rum Rebellion (deutsch: Rum-Rebellion) von 1808, auch Rum Puncheon Rebellion (deutsch: Rumfass-Rebellion) genannt, war ein unblutiger Putsch und in der Geschichte Australiens der erste Aufstand gegen eine dortige Regierung. Er ereignete sich am 26. Januar 1808, dem 20. Jahrestag der europäischen Besiedlung Australiens, in New South Wales, der zu diesem Zeitpunkt einzigen britischen Kolonie auf diesem Kontinent. Dabei wurde der Gouverneur William Bligh auf Betreiben des New South Wales Corps, dem in Australien stationierten Vertreter der königlich britischen Marineinfanterie, abgesetzt. Das Corps übernahm kommissarisch für zwei Jahre die Angelegenheiten der Kolonie. 1810 endete die Militärverwaltung durch die Einsetzung des britischen Generalmajors Lachlan Macquarie zum neuen Gouverneur von New South Wales.

Die Ereignisse wurden im 19. Jahrhundert auch als The Great Rebellion (deutsch: Die Große Rebellion) bezeichnet. Der Begriff Rum Rebellion wurde tatsächlich erst 47 Jahre nach den Ereignissen vom englischen Quäker William Howitt geprägt und wird heute durch Historiker infrage gestellt, da der Handel mit Rum nicht als hauptsächlicher Auslöser der Rebellion gilt. __TOC__

Vorgeschichte Aufstieg des New South Wales Corps Der erste Gouverneur von New South Wales, Arthur Phillip, hatte Ende 1792 aus gesundheitlichen Gründen die Amtsgeschäfte dem Vizegouverneur und Kommandanten des New South Wales Corps, Francis Grose, abtreten müssen. Dieser führte Militärgesetze und ‑gerichtsbarkeit ein, stärkte die Befugnisse des Corps und schaffte gleichzeitig die zivile Selbstverwaltung der Kolonie ab. Während der darauffolgenden dreijährigen Militärherrschaft etablierte sich ein reger Handel mit Spirituosen, aus dem sich für die beteiligten Offiziere ein enormer Gewinn ergab. Die Übernahme der zivilen Gerichtsbarkeit und der Verwaltung des Landes inklusive der öffentlichen Geschäfte und des Sträflingsbetriebes ermöglichten zudem großzügige Landzuteilungen an die Offiziere, die dadurch nicht zuletzt auch dank einer auf verschärfter Ausbeutung von Sträflingen basierenden Landwirtschaft zu den wohlhabendsten und einflussreichsten Geschäftsleuten der Kolonie aufstiegen. Alle anschließenden Versuche der nachfolgenden Gouverneure, die Befugnisse der Zivilverwaltung wiederherzustellen, scheiterten am Widerstand der Geschäftsleute und nicht zuletzt der Corps-Offiziere, die ihre kommerziellen Interessen rücksichtslos verteidigten.

William Bligh als neuer Gouverneur von New South Wales mini|William Bligh William Bligh, allgemein bekannt für seine Absetzung als Kapitän bei der Meuterei auf der Bounty, war Marineoffizier und nunmehr der vierte Gouverneur von New South Wales. Er übernahm das Amt von Philip Gidley King im Jahre 1805, nachdem die britische Regierung einer Empfehlung von Sir Joseph Banks gefolgt war. Banks war der allgemeine Berater der Regierung in allen australischen Angelegenheiten und stand mit allen bisherigen Gouverneuren der Kolonie in ständigem Briefwechsel. Er wurde stets um Hilfe bei der Entwicklung der Landwirtschaft und des Handels der Kolonie gebeten und galt als entschiedener Gegner des dortigen Großgrundbesitzers und Schafwoll-Produzenten John Macarthur, einem ehemaligen Offizier des Corps, der zu den einflussreichsten Geschäftsleuten der Kolonie zählte. Bligh, dem ein Ruf als harter Mann vorauseilte, wurden gute Chancen attestiert, die Geschäftsleute der Kolonie auf Linie zu bringen und das rebellische New South Wales Corps zu befrieden, wozu seine Vorgänger nicht in der Lage gewesen waren.Duffy, S. 248–249.

William Blighs Amtsantritt Bligh verließ England Richtung Sydney mit seiner Tochter, Mary Putland, und ihrem Ehemann, der Ende Januar 1808 plötzlich im Vorfeld der Rum Rebellion verstarb. Blighs Ehefrau war in England geblieben.Ritchie, S. 102. Noch vor seiner Ankunft führte sein Führungsstil zu Problemen im Flottenverband, mit dem Bligh nach New South Wales reisen sollte. Die Admiralität ernannte Bligh zum ersten Kapitän des Führungsschiffes HMS Porpoise, wobei in dessen Abwesenheit der niederrangige Kapitän Joseph Short das Kommando über den gesamten Konvoi übernehmen sollte. Blighs Entscheidung, an Bord des Transportschiffes Lady Madeleine Sinclair zu reisen, wurde von Short als Blighs Abwesenheit interpretiert. Short handelte entsprechend, was in einem Kompetenzgerangel resultierte in dessen Höhepunkt Short über den Schiffsbug von Bligh feuern ließ, um diesen zum Beachten seiner Signale zu zwingen.

Als sie Sydney erreichten, enthob Bligh Joseph Short von seinem Kapitänsamt, unterstützt durch die Aussagen von zwei Offizieren an Bord der Porpoise. Bligh übertrug das Kommando an seinen Schwiegersohn Putland und entzog Short auch die Rechte auf 2,4 Quadratkilometer Land als Bezahlung für die Reise. Short wurde nach der Ankunft in Sydney nach England zurückgeschickt und vor das Kriegsgericht gestellt, das ihn allerdings von dieser Anklage freisprach. Der Präsident des Gerichts, Sir Isaac Coffin, schrieb an die Admiralität und machte belegbare Aussagen gegen Bligh, die beinhalteten, dass er Offiziere beeinflusst habe, falsche Testate gegen Short auszustellen. Blighs Ehefrau erwirkte eine Erklärung von einem der Offiziere, der diese Aussagen zurückwies. Sir Joseph Banks und andere Unterstützer von Bligh arbeiteten erfolgreich gegen die drohende Absetzung von Bligh als Gouverneur.

Schon kurz nach seiner Ankunft in Sydney im August 1806 gab Bligh Grußadressen weiter an Major George Johnston als Vertreter des Militärs, an Richard Atkins als Vertreter der Zivilverwaltung und an John Macarthur als Vertreter der freien Siedler. Kurz danach erhielt er Grußadressen von den freien Siedlern aus Sydney und der Hawkesbury-River-Region mit insgesamt 369 Unterschriften – manche nur als Kreuz – mit der Erklärung, dass Macarthur sie nicht vertrete, dass sie ihn für seine Schafhaltung tadelten, wie auch für die Preisentwicklung von Hammelfleisch.

Versuche der Handelsregulierung Eine von Blighs ersten Maßnahmen bestand darin, die Vorräte und Herden der Kolonie zu nutzen, um Farmern zu helfen, die schwer von Überschwemmungen am Hawkesbury River betroffen waren, eine Situation, die die Tauschwirtschaft in der Kolonie gestört hatte. Außerdem wurden Regelungen für Kreditvergaben entwickelt, die die Zahlungskraft ihrer Geschäfte berücksichtigte. Dies trug Bligh die Dankbarkeit der Farmer ein, aber auch die Feindschaft der Händler des Corps, die sich an der Notlage der Farmer gerne bereichert hätten.

Bligh, der den Weisungen des Kolonialamtes unterlag, versuchte die Handelskonditionen in der Kolonie zu normalisieren, indem er den Tauschhandel durch den Gebrauch der Spirituosen als Zahlungsmittel untersagen wollte. Im Jahre 1807 schlug Bligh dem Kolonialamt vor, diese Praxis trotz des zu erwartenden Widerstandes zu unterbinden. Robert Stewart, Viscount Castlereagh, vom Kolonialamt antwortete Bligh am 31. Dezember 1807 mit Instruktionen, wie dieses Vorhaben umgesetzt werden soll.

Der australische Politiker und Autor Herbert Vere Evatt schloss 1943 in seiner Abhandlung über die Rebellion daraus, dass Bligh ermächtigt war, den Alkoholimport zu beschränken, den Handel zu schützen und vollständig unter seine Kontrolle zu bringen, und alle Strafen gegen illegalen Import auszuschöpfen und den Handel mit Alkoholika nach eigenem Ermessen zu regeln. ("… Bligh was authorised to prevent free importation, to preserve the trade under his entire control, to enforce all penalties against illegal import, and to establish regulations at his discretion for the sale of spirits")Evatt, S. 88–89. Evatt zufolge begrenzten diese Maßnahmen in der Kolonie den Handel der Monopolisten, wodurch sie den ärmeren Siedlern zugutekamen. Auch beendete Bligh die bisherige Praxis, den vermögenden und einflussreichen Kolonisten große Ländereien zuzusagen. Während seines Aufenthaltes vergab er lediglich etwa 1600 Hektar Land, die Hälfte davon für sich selbst und seine Tochter.

Zunehmende Konflikte mit einflussreichen Kolonialisten In seinen ersten zwei Jahren als Gouverneur sorgte Bligh mehrfach für Kontroversen. So ließ er zu, dass der Prozess um eine Gruppe irischer Sträflinge wegen Revolte von einem Gericht geführt wurde, dem auch ihre Ankläger angehörten. Als sechs der acht Angeklagten freigesprochen wurden, ordnete Bligh an, sie trotzdem in Haft zu behalten. Ohne nähere Begründung enthob Bligh den Assistenzarzt der Kolonie D’Arcy Wentworth seines Amtes. Dazu verurteilte er drei Händler zu einem Monat Gefängnis und einer Geldstrafe, weil sie einen Brief verfasst hatten, den er als beleidigend empfand.Ritchie, S. 106–110. Bligh entließ auch Thomas Jamison, den Sanitätsinspekteur von New South Wales, den er als ungeeignet für leitende Verwaltungsaufgaben bezeichnete. Jamison hatte sich neben seinen Amtspflichten ein beträchtliches Vermögen durch den Überseehandel angehäuft und war zudem ein Freund und Geschäftspartner des einflussreichen Macarthur, dem Bligh ablehnend gegenüber stand.

Im Oktober 1807 schrieb Major Johnston einen formellen Beschwerdebrief an den Oberbefehlshaber der britischen Armee, in dem er erklärte, Bligh sei beleidigend und würde die Arbeit des New South Wales Corps behindern.The Australian Encyclopaedia. Band 1, S. 686. Bligh hatte sich mittlerweile die meisten der einflussreichen Persönlichkeiten der Kolonie zum Feind gemacht. Darüber hinaus schuf er sich unter weniger wohlhabenden Leuten, die in Sydney Land von der Regierung gepachtet hatten, weitere Gegner, als er im Rahmen seines Stadtplanungsprojektes den Abriss ihrer Häuser anordnete.

Die Rebellion Machtkampf zwischen Bligh und John Macarthur John Macarthur hatte Australien im Jahre 1790 als Leutnant mit dem New South Wales Corps erreicht und bis 1805 landwirtschaftliche und kommerzielle Interessen in der Kolonie verfolgt. Er war als ein erfolgreicher Pionier der australischen Schafszucht anerkannt und hatte bereits mit den Vorgängern Blighs Auseinandersetzungen und drei Duelle ausgefochten. Duffy sieht darin in seiner Biografie über Macarthur einen deutlichen Hinweis auf dessen Charakter und dem überzogenen Streben nach Anerkennung.Duffy, S. 4–7.

Bligh und Macarthur gerieten mehrfach in Konflikt miteinander. Bereits bei seinem Amtsantritt hatte Bligh Macarthur brüskiert, indem er dessen Einladung zur Inspektion seiner Schafwoll-Industrie mit Geringschätzigkeit begegnete und zudem ankündigte, ihm die „10.000 Acres des besten Landes in der Kolonie“ wieder abnehmen zu wollen. In diesem Zuge widerrief Bligh die von seinem Amtsvorgänger gemachte Zusage, weiteres Land an Macarthur abzutreten, da dies den Interessen seiner Stadtplanung zuwiderlief. Weiterhin wurde die unter Macarthur organisierte Verteilung billiger und großer Mengen von Rum an das Corps gestoppt und der ungesetzliche Import von Destillerien für illegal erklärt.