The Lottery (dt. Die Lotterie, Erstübersetzung von Peter Naujack, 1961) ist eine Kurzgeschichte der amerikanischen Schriftstellerin Shirley Jackson, die zuerst 1948 im New Yorker veröffentlicht und 1949 in den Sammelband The Lottery. Adventures of the Demon Lover (dt. Die Teufelsbraut · 25 dämonische Geschichten, übersetzt von Anna Leube und Anette Grube, 1989) aufgenommen wurde. Seitdem sind sowohl der Originaltext als auch deutsche Übersetzungen in unterschiedlichen Anthologien neu publiziert worden.The Lottery. Adventures of the Demon Lover wurde 1949 im Avon Books Verlag in New York veröffentlicht, die dt. Übersetzung von Leube und Grube erschien 1989 im Diogenes Verlag, Zürich, ISBN 3-257-22446-X; die Übersetzung von Naujack wurde u. a. in der von Mary Hottinger hrsg. Sammlung: Die besten klassischen und modernen Gruselgeschichten, Diogenes Verlag, Zürich 1968, ISBN 3-257-00902-X, S. 355–370, veröffentlicht.

Die Erzählung handelt von einem Ritual in einem Dorf im ländlichen Raum der USA, in dem jedes Jahr eine Lotterie veranstaltet wird, deren „Gewinner“ gesteinigt wird.

Die von der Kritik gelobte Geschichte, die bis heute zu den bekanntesten Werken Shirley Jacksons zählt, wurde vom Publikum zunächst äußerst kontrovers aufgenommen. The Lottery wurde ebenfalls in verschiedenen Formaten adaptiert, darunter ein Radiohörspiel (1951), ein Ballett (1953), ein Fernsehfilm (1996) und eine Oper.

Handlung In einem namenlosen amerikanischen Dorf, das zunächst gleichsam allegorisch als archetypisches Bild einer beschaulichen ländlichen Gemeinschaft skizziert wird,Vgl. Karin Plewka: Shirley Jackson: The Lottery. In: Michael Hanke (Hrsg.): Interpretationen · Amerikanische Short Stories des 20. Jahrhunderts. Reclam jun. Verlag, Stuttgart 1998, ISBN 3-15-017506-2, S. 147 f. und Noreen O‘Donovan: Shirley Jackson, The Lottery. In: Noreen O’Donovan: Famous Stories of Surprise · Model Interpretations. Klett Verlag, Stuttgart 1988, ISBN 3-12-577610-4, S. 61 sowie 67. findet jedes Jahr am 27. Juni eine nicht näher erläuterte traditionelle Lotterie statt. Die Bewohner, die sich zur Durchführung der Lotterie versammelt haben, werden vorgestellt; einige individuelle Namen werden erwähnt. Die weiteren Vorbereitungen werden geschildert; dabei erfährt der Leser einige Details über die Lotterie und ihre Geschichte. Zu Beginn der Lotterie werden Mitglieder der einzelnen Dorffamilien nach genau festgelegten Regeln aufgerufen, um Lose zu ziehen. Nach dem Ziehen der Lose werden diese genauer überprüft. Als sich herausstellt, dass Bill Hutchinson ein besonderes Los gezogen hat, reagiert seine Frau Tessie mit panikhaftem Verhalten. Es kommt zu einer erneuten Auslosung, in der nun alle Mitglieder der Familien Hutchinson nochmals ein Los ziehen. Diesmal befindet sich auf dem Los von Tessie Hutchinson ein schwarzer Punkt. Daraufhin wird sie am Ende der Geschichte von sämtlichen Einwohnern der dörflichen Siedlung zu Tode gesteinigt. Diese glauben nämlich, dass das Wohlergehen ihrer Gemeinschaft von dem beschriebenen Ritual abhängig sei, das als Tradition seit der Gründung des Dorfes besteht, obwohl deren Entstehung und die genaueren Hintergründe sich im Laufe der Geschichte verdunkelt haben.

Aufgrund des streng chronologischen Aufbaus der Handlung mit zahlreichen retardierenden Elementen wird dem Leser trotz einzelner Hinweise auf einen unerwarteten Ausgang der Lotterie erst am Ende der Geschichte schockartig bewusst, welches Schicksal die ausgeloste Person erwartet.Vgl. Karin Plewka: Shirley Jackson: The Lottery. In: Michael Hanke (Hrsg.): Interpretationen · Amerikanische Short Stories des 20. Jahrhunderts. Reclam jun. Verlag, Stuttgart 1998, ISBN 3-15-017506-2, S. 147–150.

Interpretationsansatz Weder der unverfängliche Titel noch der Anfang der Geschichte deuten zunächst auf das, was geschehen wird. Die Handlung wird zu Beginn von einem auktorialen Erzähler dargeboten, der zwar aus der Distanz zu berichten scheint, jedoch offenbar mit den Gegebenheiten durchaus vertraut ist. Bereits in der Anfangspassage der Erzählung wird der Blick auf das im Zentrum stehende Geschehen gelenkt: die auch andernorts stattfindende Lotterie, die dort bis zu zwei Tage andauern kann, wird in dem kleinen ungenannten Dorf hier in nur zwei Stunden vor der Mittagszeit abgewickelt. Die Exposition der Geschichte liefert dem Leser die wichtigsten Hintergrundinformationen über den Zweck der Zusammenkunft sämtlicher Bewohner der Ansiedlung und die Durchführung einer Lotterie, die ein sich wiederholendes, offenbar freudig erwartetes traditionelles Gemeinschaftsereignis darstellt. Die skizzierte Ausgangssituation an diesem warmen, sonnigen Morgen ist zunächst idyllisch und scheinbar völlig friedlich.Vgl. Horst Brinkmann: Shirley Jackson, ”The Lottery“. In: Peter Freese (Hrsg.): Die amerikanische Short Story der Gegenwart: Interpretationen. Schmidt Verlag, Berlin 1976, ISBN 3-503-01225-7, S. 103 f. Siehe auch Noreen O’Donovan: Shirley Jackson, The Lottery. In: Noreen O’Donovan: Famous Stories of Surprise · Model Interpretations. Klett Verlag, Stuttgart 1988, ISBN 3-12-577610-4, S. 61. Ebenso John V. Hagopian: Jackson, Shirley · The Lottery. In: John V. Hagopian, Martin Dolch (Hrsg.): Insight I · Analyses of American Literature, Hirschgraben Verlag Frankfurt a. M. 1971, S. 129 f.

Der folgende Abschnitt der Kurzgeschichte dient der weiteren Einführung in den Kreis der Erzählfiguren, die anfangs nur anonym als Menschenmenge vorgestellt werden und im Wesentlichen dem Standardrepertoire entnommen sind.Vgl. Karin Plewka: Shirley Jackson: The Lottery. In: Michael Hanke (Hrsg.): Interpretationen · Amerikanische Short Stories des 20. Jahrhunderts. Reclam jun. Verlag, Stuttgart 1998, ISBN 3-15-017506-2, S. 148. Der Blick richtet sich zunächst auf die Schulkinder, deren Ferien soeben begonnen haben. Gedanklich befinden sie sich jedoch offensichtlich nicht in Ferienstimmung. Der Erzähler berichtet übergangslos, dass Bobby Martin, die erste überhaupt namentlich erwähnte Person, sich die Tasche mit Steinen füllt und die übrigen Dorfjungen seinem Beispiel folgen, wobei sie die „glattesten und rundesten“ Steine („the smoothest and roundest stones“) sammeln. Zudem schichten einige der Jungen seltsamerweise einen Steinhaufen auf, den sie gegen die „Überfälle“ („raids“) der anderen Jungen verteidigen. Die Mädchen stehen demgegenüber unbeteiligt abseits, ins Gespräch untereinander vertieft.

Neben den Jungen rücken anschließend die Männer des Dorfes ins Blickfeld; auch sie versammeln sich und sprechen, während sie die Kinder beaufsichtigen, über Themen wie Saat und Regen bzw. Traktoren und Steuern. Offensichtlich spielt die Geschichte im 20. Jahrhundert, wie die angesprochenen Traktoren verdeutlichen; dies stimmt jedoch wenig mit der Bedächtigkeit der Männer und ihren verhaltenen Scherzen („their jokes were quiet“) überein; auch die Beschreibung der Frauen in ihren verblichenen Kittelschürzen („faded house dresses and sweaters“) scheint nicht so recht in das Bild einer modernen Dorfgemeinschaft zu passen. Der anfänglich stimmige Eindruck einer idyllischen Dorfatmosphäre wird getrübt; der Leser wird darauf vorbereitet, dass sich hinter der Oberfläche der dörflichen Alltagsnormalität mehr verbirgt.Vgl. Horst Brinkmann: Shirley Jackson, ”The Lottery“. In: Peter Freese (Hrsg.): Die amerikanische Short Story der Gegenwart: Interpretationen. Schmidt Verlag, Berlin 1976, ISBN 3-503-01225-7, S. 104. Siehe auch Noreen O’Donovan: Shirley Jackson, The Lottery. In: Noreen O’Donovan: Famous Stories of Surprise · Model Interpretations. Klett Verlag, Stuttgart 1988, ISBN 3-12-577610-4, S. 61 f. und John V. Hagopian: Jackson, Shirley · The Lottery. In: John V. Hagopian, Martin Dolch (Hrsg.): Insight I · Analyses of American Literature, Hirschgraben Verlag Frankfurt a. M. 1971, S. 130.

Nach der ersten Vorstellung der Dorfbewohner stellt der Erzähler wiederum etwas Gegenständliches in das Zentrum seiner Betrachtung: die „schwarze Holzkiste“ (the black wooden box), deren Farbe im Gegensatz zu den warmen Tönen im Anfangsteil der Geschichte steht. Die schwarze Kiste ist offensichtlich der Grund für die Befangenheit der Männer; sie halten sich in gebührendem Abstand und zögern, die Kiste anzufassen, als Mr. Summers, der Leiter der Lotterie, die Loszettel mischt. Der Leser erfährt an dieser Stelle zugleich etwas über die Vorgeschichte der „black box“: Die schäbige Kiste ist uralt – ein Relikt aus grauer Vorzeit, das die Menschen in dem Dorf jedoch nach wie vor in gleicher Weise kritiklos akzeptieren wie das damit verbundene jährliche Brauchtum der Lotterie selber.

Die genauen Hintergründe der Lotterie bleiben ebenso im Dunkeln wie die Herkunft des schwarzen Kastens, dessen wiederholte Erwähnung anscheinend ähnlich wie in Poes The Masque of Red Death den Ablauf der Zeit andeutet. Die jährliche rituelle Wiederholung der Lotterie, deren unantastbarer Brauch ebenso wie die antiquierte Kiste bis auf den Zeitpunkt der Gründung des Dorfes zurückgeht, ist ein nicht wegzudenkender Teil des Lebens der Menschen in der Siedlung geworden, die als unhinterfragte Selbstverständlichkeit hingenommen wird.

Die detaillierte Schilderung der umständlichen Vorbereitung des Rituals dient zugleich als retardierendes Moment in der Erzählung; die Präliminarien wie beispielsweise das Prüfen der Liste oder die Vereidigung sind noch nicht abgeschlossen; dennoch wird zunehmend deutlicher, dass trotz aller Unklarheiten und der im Laufe der Zeit verblassten Einzelheiten die Rechtmäßigkeit dieser Tradition von allen Beteiligten in vorbehaltlosem Einverständnis akzeptiert und bekräftigt wird.Vgl. Horst Brinkmann: Shirley Jackson, ”The Lottery“. In: Peter Freese (Hrsg.): Die amerikanische Short Story der Gegenwart: Interpretationen. Schmidt Verlag, Berlin 1976, ISBN 3-503-01225-7, S. 104 f. Siehe auch Noreen O’Donovan: Shirley Jackson, The Lottery. In: Noreen O’Donovan: Famous Stories of Surprise · Model Interpretations. Klett Verlag, Stuttgart 1988, ISBN 3-12-577610-4, S. 61 f. Siehe auch Karin Plewka: Shirley Jackson: The Lottery. In: Michael Hanke (Hrsg.): Interpretationen · Amerikanische Short Stories des 20. Jahrhunderts. Reclam jun. Verlag, Stuttgart 1998, ISBN 3-15-017506-2, S. 148 ff. und John V. Hagopian: Jackson, Shirley · The Lottery. In: John V. Hagopian, Martin Dolch (Hrsg.): Insight I · Analyses of American Literature, Hirschgraben Verlag Frankfurt a. M. 1971, S. 130.

An späterer Stelle wird die Lotterie als solche nicht mehr weiter beschrieben; ihre Durchführung wird dem Leser vielmehr in den anschließenden dramatischen Dialogpartien wie einem Beobachter oder Zeugen vor Augen geführt; gleichzeitig wird die anfängliche auktoriale Erzählsituation durch eine personale abgelöst. Adverbien wie „humourlessly“ (dt. „humorlos“) oder „nervously“ (dt. „nervös“) verweisen auf die Anspannung und nur mühsam verborgene Nervosität unter den Beteiligten; zwischen den einzelnen Auslosungen scheint kaum mehr Zeit zu liegen.Vgl. Horst Brinkmann: Shirley Jackson, ”The Lottery“. In: Peter Freese (Hrsg.): Die amerikanische Short Story der Gegenwart: Interpretationen. Schmidt Verlag, Berlin 1976, ISBN 3-503-01225-7, S. 105 f. und Karin Plewka: Shirley Jackson: The Lottery. In: Michael Hanke (Hrsg.): Interpretationen · Amerikanische Short Stories des 20. Jahrhunderts. Reclam jun. Verlag, Stuttgart 1998, ISBN 3-15-017506-2, S. 149 ff.