Die Volksabstimmung in Oberschlesien (seltener auch: Plebiszit in Oberschlesien; auf Polnisch stets ) fand am 20. März 1921 in Folge des Versailler Vertrages statt. Sie hatte die Frage der territorialen Zugehörigkeit eines Teiles der preußischen Provinz Oberschlesien zum Gegenstand und führte letztlich zur Teilung Oberschlesiens und zur Abtretung von Ostoberschlesien an Polen. Die Abstimmung wurde von der Interalliierten Regierungs- und Plebiszitskommission für Oberschlesien durchgeführt, die hierfür im Rahmen einer zeitlich befristeten Autonomie von Februar 1920 bis Juli 1922 die Regierungsgewalt im betroffenen Gebiet ausübte. Das Abstimmungsgebiet umfasste große Teile der Provinz Oberschlesien, jedoch ohne die westlichsten Kreise Grottkau, Neisse und Falkenberg, nur den östlichen Teil des Kreises Neustadt O.S., ohne das zum Landkreis Ratibor gehörende Hultschiner Ländchen und unter Einbeziehung eines Teils des niederschlesischen Kreises Namslau.

Die etwa 1,2 Millionen Stimmberechtigten wurden darüber befragt, ob Oberschlesien bei Deutschland verbleiben oder an das 1918 wiederbegründete Polen angegliedert werden sollte. Es beteiligten sich etwa 97 % der Stimmberechtigten, wobei sich über das gesamte Stimmgebiet hinweg etwa 60 % für einen Verbleib bei Deutschland und etwa 40 % für einen Beitritt zu Polen aussprachen, bei lokal jeweils sehr stark abweichenden Voten. Der Völkerbundrat nahm am 20. Oktober 1921 einen auf Basis der Gemeindeergebnisse ausgearbeiteten Vorschlag zur Teilung der Region entlang der sogenannten Sforza-Linie an. Das kleinere, stärker industrialisierte Ostoberschlesien ging an Polen, während der größere, eher landwirtschaftlich geprägte westliche Gebietsteil bei Deutschland verblieb.

Die Abstimmung war begleitet von einer Vielzahl gewaltsamer Übergriffe beider Seiten bis hin zu kurzen bürgerkriegsähnlichen Episoden, bei denen nominell unabhängige militante Kräfte in militärischen Formationen aufeinandertrafen. Die Truppen der Plebiszitskommission, der zeitweiligen Regierung des Gebiets, waren auch in diese Auseinandersetzungen verwickelt. Den Kämpfen fielen schätzungsweise einige tausend Menschen zum Opfer.

Diese wie auch weitere aufgrund des Versailler Vertrags erfolgte Gebietsabtretungen lehnte die deutsche Öffentlichkeit nahezu einhellig ab. Zusammen bildeten sie eine der wesentlichen Triebfedern für die Revisionspolitik in der Weimarer Republik.

Hintergrund Schlesien unter wechselnder Herrschaft Schlesien hatte bis ins Spätmittelalter zu Polen gehört, zuletzt als Herzogtum Schlesien. Mit dem Vertrag von Trentschin gelangte es 1335 in den Herrschaftsbereich der Böhmischen Krone und lag fortan in den Grenzen des Heiligen Römischen Reichs, später des Deutschen Bundes. Nachdem seit dem 16. Jahrhundert das Haus Habsburg seine Macht in Schlesien ausgebreitet hatte, kam es zu Konflikten mit dem Haus Hohenzollern. Im Rahmen der Schlesischen Kriege (1740–1763) konnte Preußen den Großteil der Region gewinnen („Preußisch-Schlesien“). Es verwaltete ihn von 1815 bis 1919 als Provinz Schlesien. Der viel kleinere südöstliche Teil verblieb als Herzogtum Ober- und Niederschlesien bei Österreich („Österreichisch Schlesien“). Im Jahr 1918 lag die Region Schlesien im Deutschen Reich sowie in Österreich-Ungarn. Mit der Gründung der Tschechoslowakei fiel das vormalige „Österreichisch-Schlesien“ in das Gebiet des neuen Staates, der auch Anspruch auf das zu „Preußisch-Schlesien“ gehörende Hultschiner Ländchen erhob.

In der Zeit des Deutschen Kaiserreichs gehörte das spätere oberschlesische Abstimmungsgebiet im Wesentlichen zum Regierungsbezirk Oppeln in der Provinz Schlesien. Bereits ab der zweiten Wahl zum Reichstag im Jahr 1874 konnte sich die katholische Zentrumspartei als die bestimmende politische Kraft in Oberschlesien etablieren und in elf von zwölf Wahlkreisen das Mandat erringen. Lediglich der protestantisch geprägte Reichstagswahlkreis Regierungsbezirk Oppeln 1 „Kreuzburg/Rosenberg O.S.“ wurde zumeist durch die Freikonservative Partei repräsentiert. Dies änderte sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit den Wahlerfolgen der Polnischen Fraktion in Oberschlesien, die nach dem Kulturkampf und der Germanisierungspolitik in den 1880er und 90er Jahren zunehmend eine polnisch-nationale Haltung vertrat. Im Jahr 1903 wurde Wojciech Korfanty, vormals Mitglied der Zentrumspartei, im oberschlesischen Wahlkreis „Kattowitz/Zabrze“ zum ersten polnischen Reichstagsabgeordneten gewählt. Bei den beiden folgenden Wahlen errang die Polnische Fraktion in Oberschlesien fünf (1907) beziehungsweise vier Mandate (1912). Der Regierungsbezirk Oppeln entwickelte sich dadurch neben der Provinz Posen zu einer Hochburg der sogenannten „Polenpartei“. Liberale und linke Parteien spielten in Oberschlesien hingegen nur eine untergeordnete Rolle.

Zusammensetzung der Bevölkerung mini|hochkant=1.4|Sprachensituation in der Provinz Schlesien nach der preußischen Statistik 1905/06 Aufgrund ihrer Lage und Geschichte war die Region seit dem Mittelalter stets mehrsprachig, wobei im westlichen Teil nahezu ausschließlich die deutsche Sprache überwog, während im Osten vielfach polnisch, und im Südosten auch tschechisch, gesprochen wurde. Von allen drei „Hauptsprachen“ Schlesiens gab es zudem jeweils schlesische Dialekte (Schläsisch, ślōnskŏ gŏdka, Lachisch), die viele Ausdrücke aus den jeweils anderen Sprachen beinhalteten und damit den Charakter von Übergangsdialekten hatten. Für Dialektunkundige waren diese daher teils schwer verständlich. In Schlesien formte sich über die Jahrhunderte eine regionaltypische Mischung aus deutschen, polnischen, österreichischen und tschechischen kulturellen Einflüssen, was unter anderem auch in der Schlesischen Küche deutlich wird. Zugleich entwickelte sich aber erst im 19. Jahrhundert ausdrücklich, zunächst unter dem Einfluss von Industrialisierung und Modernisierung, eine bis ins 20. Jahrhundert sehr lebendige Regionalidentität, die sich als Gegenmodell zum deutschen und polnischen Nationalismus verstand.Andrea Schmidt-Rösler: Autonomie- und Separatismusbestrebungen in Oberschlesien, S. 3.

Bis ins 20. Jahrhundert hinein lieferten der Katholizismus, die allgemeine wirtschaftliche Not und die lokalen Bräuche und Dialekte (Schlä’sch und ślōnskŏ gŏdka) die zentralen Säulen für eine gemeinsame Identität im ländlichen Oberschlesien (Schlesiertum). So war dort die Bevölkerung nahezu ausschließlich katholisch, mit den Kreisen Kreuzburg und Namslau als Ausnahme, in denen etwa zwei Drittel beziehungsweise die Hälfte der Bevölkerung protestantisch waren. Anders zeigte sich Oberschlesien in den Städten, die wesentlich stärker von aus Preußen eingewanderten Familien geprägt waren und somit einen deutlich höheren Anteil protestantischer und deutschsprachiger Personen aufwiesen.Sarah Wambaugh: Plebiscites since the world war, Band 1, S. 209–210.

Mit dem Erstarken des Nationalismus ab dem 19. Jahrhundert stieg der Druck auf die Bewohner Oberschlesiens, sich als Mitglieder einer bestimmten Nation (sprich: eines Volks) zu definieren. Vor allem der „Kulturkampf“ unter Reichskanzler Otto von Bismarck, der mit der Unterdrückung der polnischen Sprache und der systematischen Diskriminierung der polnischsprachigen und katholischen Bevölkerung einherging, führte in Oberschlesien zur Ausbildung einer ausdrücklich polnischen Identität. Der Ausschluss der polnischen und der katholischen Bevölkerung aus dem Staatsdienst sowie eine weitgehende Verweigerung der Zulassung als Ärzte, Anwälte und – in geringerem Maße – als Priester, führte zu einem Bruch zwischen dem preußisch-deutschen Staat und vielen Oberschlesiern. Eine gemischtsprachliche, ganz überwiegend katholische Bevölkerung wurde von etwa 78.000, fast ausschließlich deutschen und protestantischen Staatsbediensteten verwaltet.Sarah Wambaugh: Plebiscites since the world war, Band 1, S. 210.

Der „nationale Bekenntnisdruck“ auf die Schlesier erreichte seinen Höhepunkt in der Zeit des Plebiszits und der folgenden Zwischenkriegszeit, als viele europäische Staaten ihre (Rück-)Forderungen nach Staatsgebiet nicht zuletzt mit dessen Besiedlung durch eigene Landsleute rechtfertigten. Daneben gab und gibt es heute erneut eine Bewegung für die Autonomie Schlesiens, die die Schlesier als eigenes Volk mit einer eigenständigen schlesischen Identität betrachtet. Dies führte nach 1918 in PreußenAndrea Schmidt-Rösler: Autonomie- und Separatismusbestrebungen in Oberschlesien, S. 34. beziehungsweise in PolenMaciej Fic: Die Republik Polen und die Volksabstimmung in Oberschlesien, S. 157–158. zu Maßnahmen für mehr politische Autonomie.

Wirtschaftliche Bedeutung Ab der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erfuhr Schlesien eine zwiespältige wirtschaftliche Entwicklung. Einerseits gehörte das nur etwa 5 % der Fläche Oberschlesiens umfassende Oberschlesische Industriegebiet zu den ersten wesentlichen Regionen der Industrialisierung in Preußen und später des Deutschen Reichs. So stammten unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg etwa 23 % der in Deutschland geförderten Kohle, 57 % des Bleierzes und 72 % des Zinks aus Oberschlesien. Durch die Verschiffung über die Oder war der Transport der Produkte nach Berlin und bis in den Ostseeraum vergleichsweise einfach. In diesem Gebiet lebten etwa 47 % der Bevölkerung Oberschlesiens. Die Tageslöhne im oberschlesischen Kohlenrevier lagen jedoch deutlich unter denen an der Saar oder im Ruhrgebiet (so beispielsweise durchschnittlich 3,64 Mark im Jahr 1912 zu 4,22 Mark beziehungsweise 5,03 Mark). Das restliche Oberschlesien war stark von der Landwirtschaft geprägt, mit einem jedoch sehr ungleich verteiltem Landbesitz. So besaßen lediglich sieben Großgrundbesitzer ein Viertel der gesamten Landwirtschaftsfläche Oberschlesiens. Insgesamt gehörten über 60 % der landwirtschaftlichen Fläche deutschsprachigen Junkern, denen eine große Zahl an Pächtern mit eher kleinen Flächen gegenüberstand.Sarah Wambaugh: Plebiscites since the world war, Band 1, S. 207.

Durch die Kombination aus vergleichsweise geringen Löhnen in Oberschlesien sowie gut ausgebildeten und nachgefragten Fachkräften im Bergbau spielte die Arbeitsmigration in Schlesien ab der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts eine wichtige Rolle, die sich ganz überwiegend als Binnenwanderung innerhalb Preußens beziehungsweise des Deutschen Reichs zeigte. So waren es einerseits erfahrene Bergmänner aus dem oberschlesischen Kohlerevier, die eine wichtige Rolle beim Aufbau der Kohleindustrie an Rhein und Ruhr spielten. Viele weitere Oberschlesier fanden insbesondere als Maurer Beschäftigung in der im Ruhrgebiet entstehenden Industrie.Lutz Budrass: Abstimmungskampf im Rheinland und Westfalen: Bottrop, S. 232–235. Im Ergebnis führte dies zu Beginn des 20. Jahrhunderts dort sowohl zu einer großen oberschlesischen Diaspora als auch durch Rückwanderung zu einem bescheidenen wirtschaftlichen Aufstieg in Oberschlesien selbst.Lutz Budrass: Abstimmungskampf im Rheinland und in Westfalen: Das Beispiel Bottrop.

Der Weg zur Volksabstimmung (1918–1920) Politischer Umbruch nach dem Ersten Weltkrieg mini|Gebietsverluste Deutschlands nach dem Ersten Weltkrieg (farblich schraffierte Flächen) Der Erste Weltkrieg (1914–1918) führte zu großen politischen Umwälzungen und einer territorialen Umgestaltung Europas. Der Zusammenbruch des russischen Zarenreiches und Österreich-Ungarns hatte die Gründung einer Reihe von neuen Staaten in Mittel-, Ost- und Südosteuropa zur Folge. Für die Region Schlesien waren dabei die Wiedergründung Polens und die Entstehung der Tschechoslowakei bedeutsam.Jörn Leonhard: Selbstbestimmung als Ideal und Praxis nach 1918, S. 84–85.