mini|hochkant=1.75|Johann Wendelin Braunwald: Villa Moser, Entwurf, Ansicht von Osten, vor 1870.

Die Villa Moser war eine Landhausvilla in Stuttgart, die 1875 von Johann Wendelin Braunwald für den Schokoladefabrikanten Eduard Otto Moser in dem Park des Leibfriedschen Gartens erbaut wurde. Im Jahr 1944 wurde die Villa bei einem Luftangriff bis auf die Grundmauern zerstört.

Zur Internationalen Gartenbauausstellung 1993 (IGA '93) konzipierte der Architekt Hans Dieter Schaal die Kunststation Villa Moser, die die Überreste der Villa und ihren verwilderten Park durch Laufstege für das Publikum zugänglich macht.

Hinweis: Nach dem späteren Besitzer Karl Ernst Leibfried wird die Villa auch Villa Moser-LeibfriedSiehe z. B: #Hoffmann 2013, Seite 424. oder Villa Leibfried#D9167. genannt. Ziffern in Klammern, z. B. (12), weisen auf die entsprechenden Nummern in Plan 1 oder Plan 2 hin (siehe Abbildungen).

Kurzbeschreibung Name Villa Moser, auch: Villa Moser-Leibfried Standort Stuttgart, Leibfriedscher Garten Bauwerk Landhausvilla Baujahr 1875 Baustil Neurenaissance, im Stil der italienischen Hochrenaissance Bauherr Eduard Otto Moser Architekt Johann Wendelin Braunwald Größe des Parks Leibfriedscher Garten: ca. 4 ha Höhe über NN ca. 290 m Länge/Breite Erdgeschoss: West-Ost ca. 18,5 m, Nord-Süd ca. 17,5 mUntergeschoss: West-Ost ca. 20,5 cm, Nord-Süd ca. 26 mDie ungefähren Maße beruhen auf den Maßen der Grundrisse (siehe Abbildung). Höhe Erdgeschoss/Obergeschoss bis Oberkante Attika: ca. 6 mUntergeschoss: ca. 1,7 mDurch Übertragung der Grundrissmaße auf das Titelbild wurden die Höhen ermittelt. Zustand bis auf wenige Reste 1944 zerstört

Lage Die Reste der Villa Moser liegen in der Parkanlage des Leibfriedschen Gartens am Pragsattel im Stadtbezirk Stuttgart-Nord. Den Park begrenzen vier Straßen: im Westen: die Heilbronner Straße = B 27 (1) im Nordosten die Pragstraße = B 10 (2) im Osten ein kleines Teilstück der Nordbahnhofstraße (3) und im Südosten das westliche Endstück der Löwentorstraße (4). Bis auf die Löwentorstraße sind die stark befahrenen Straßen vierspurig ausgebaut und werden von Stadtbahnen durchfahren. Der Lärm, der die Parkanlage umbrandet, bricht sich an der reichen Bepflanzung der Anlage, so dass der Leibfriedsche Garten dem Besucher als eine Oase der Stille erscheint.

Der Leibfriedsche Garten bildet ein gleichseitiges Dreieck, das mit einer Spitze nach Osten und mit den beiden anderen nach Nordwesten bzw. Südwesten zeigt. Im Mittelpunkt des Dreiecks befand sich die Villa Moser bzw. befinden sich ihre heutigen Überreste.

Die drei Zugänge zur Villa sind über den südlich verlaufenden Lodzweg (7) erreichbar, der am Ende des Lodzer Stegs (6) beginnt. Die „offiziellen“ Eingänge zur Villa Moser waren zur Zeit der Internationalen Gartenbauausstellung 1993 (IGA '93) der momentan (2013) gesperrte Westeingang (19) und der Südeingang (14). Außerdem kann man die Villa Moser auch über den etwas beschwerlicheren Osteingang (13) erreichen.

Geschichte mini|hochkant=1.75|Johann Wendelin Braunwald: Villa Moser, Entwurf, Ansicht von Osten, vor 1870.

Bauherr Nach Abschluss seiner Lehre bricht der 18-jährige Stuttgarter Konditor Eduard Otto Moser im Jahr 1836 nach Paris auf und erlernt dort von der Pike auf die Kunst der Schokolade- und Bonbonherstellung. Nach zehn Jahren kehrt er nach Stuttgart zurück und gründet 1846 einen Süßwarenladen, in dem er Schokoladenerzeugnisse und Bonbons nach Pariser Art herstellt und verkauft.

Die Schokoladeproduktion kommt in Württemberg gerade erst auf, und Moser wird zu einem der Pioniere dieses neuen Wirtschaftszweigs. Sein Geschäft nimmt einen schnellen Aufschwung, und schon bald gründet er eine Fabrik zur Schokoladeherstellung, die rasant wächst und bei seinem Tod 1879 auf einem ansehnlichen Fabrikareal bereits 250 Mitarbeiter beschäftigt.

Chronik Wie viele andere erfolgreiche Industrielle und Geschäftsleute seiner Zeit ist auch Moser bestrebt, seinen wirtschaftlichen Erfolg durch den Bau eines „standesgemäßen“ Domizils zu krönen. Auf dem ausgedehnten Grundstück des später so genannten Leibfriedschen Gartens lässt er 1875 einen weitläufigen englischen Park anlegen und eine prachtvolle Villa im Stil der Hochrenaissance errichten. Moser „ließ die Villa 1875 als Pendant zu der etwa 20 Jahre früher errichteten Villa Berg bauen“, ein hoher Anspruch, wenn man bedenkt, dass die Villa Berg der Landsitz des württembergischen Kronprinzen und späteren Königs Karl I. war.Zitat in #Knitz 1984.1 nach einer ungenannten Quelle. Mosers Villa jedenfalls schaute auf die 2 km südöstlich und ca. 20 m tiefer gelegene Villa Berg hinunter.

mini|hochkant=1.25|Kunststation Villa Moser, Blick auf Brunnen und Laube.

Nachdem Moser 1879 und seine Frau 1903 gestorben waren, geht das Anwesen des kinderlosen Ehepaars um 1904 auf den Privatier Karl Ernst Leibfried (1864–1942) über.#Skrentny 2011, Seite 400. – In einem nicht datierten Zeitungsartikel von Knitz in den Stuttgarter Nachrichten unter der Überschrift Lebendige Nachrichten (wahrscheinlich aus dem Jahr 1984) wird kolportiert, Leibfried habe eine Rose Moser geheiratet, die die Villa Moser in die Ehe eingebracht habe. Die Villa wird nach ihm auch als Villa Moser-Leibfried oder Villa Leibfried und der Park als Leibfriedscher Garten bezeichnet. Im Jahr 1943 mietet die Robert Bosch G.m.b.H. das Gebäude und baut es um, so dass sieben Zweizimmerwohnungen für „verheiratete Angestellte mit ihren Familien“ entstehen.#D9167/13; #Knitz 1984.2. Am 21. Februar 1944 wird die Villa bei einem Bombenangriff bis auf die Grundmauern zerstört.#Knitz 1984.2.

Danach verwildern Ruine und Park im Lauf der Zeit zu einem „Dornröschengarten“.#Knitz 1984.1. „In den vom Haus etwas entfernteren Bereichen des Nutz- und Obstgartens nisteten sich eine kleine Gärtnerei und einige Schrebergärtner ein“.#Luz, Hans 1993.3, Seite 100; #Kurz 2005. Im Jahr 1955Quelle: Hinweistafel an der Laube. erwirbt die Stadt Stuttgart das Areal, verpachtet es teilweise als Grabeland und überlässt das übrige Gelände und die Villenruine sich selbst.#Arbogast 1993, Seite 85. Im Jahr 1983 wurde das Anwesen in den Entwurf zur Liste der Kulturdenkmale Stuttgarts aufgenommen und erhielt einen denkmalrechtlichen Status. In der Liste der Kulturdenkmale der Stadt Stuttgart aus dem Jahr 2008 ist die Villa Moser jedoch nicht mehr enthalten.#Stuttgart 2008.

Zur Internationalen Gartenbauausstellung 1993 (IGA '93) wird nach den Entwürfen des Architekten Hans Dieter Schaal die Kunststation Villa Moser errichtet, die Villa und Park durch Laufstege wieder für die Öffentlichkeit zugänglich macht.

Gebäude Hinweis: Die Beschreibung des Gebäudes beruht auf den Grundrissen und den beiden Ansichten der Ostfassade, die hier abgebildet sind. Über die Westfassade ist nichts Näheres bekannt, und die Kenntnisse über die Nord- und Südseite beschränken sich auf die Seitenansicht, soweit sie in den Ansichten der Ostfassade erkennbar ist.

Im September 1944 wurde die Villa bei einem Bombenangriff bis auf die Grundmauern zerstört. Nur wenige Teile blieben erhalten: fast die gesamte Fassadenmauer des östlichen Untergeschosses mit den beiden Freitreppen, der Grotte und dem Inschriftenstein (65), die Treppe (62), die zur Grotte hinaufführt, einschließlich zweier Postamente beim Antritt der Treppe (61), die südliche Fassadenmauer (64) mit dem Kellereingang (63) sowie große Teile des Fundaments, die die beiden Kellerräume (67, 68) einschließen.

Grundriss mini|hochkant=1.75|Johann Wendelin Braunwald: Villa Moser, Grundrisse, Erdgeschoss und Obergeschoss, vor 1870.

Der Grundriss der Villa Moser gehorchte einem einfachen Schema. Die Grundfläche (ohne Risalite) bildete annähernd ein Quadrat von ca. 18 m Seitenlänge, das senkrecht und waagerecht in drei Streifen unterteilt war.

Die Mittelstreifen wurden im Osten, Süden und Norden nach außen gezogen, so dass sich im Erdgeschoss zwei Mittelrisalite und eine halbrunde Exedra ergaben und im Obergeschoss entsprechende Balkone. Das Untergeschoss sprang gegenüber den Obergeschossen um ca. 4 m im Norden und Süden und um ca. 5,5 m im Osten vor, so dass eine entsprechend breite Terrasse entstand. Der Exedra im Erdgeschoss entsprach im Untergeschoss ein halbrunder, wesentlich größerer Vorbau. Die Westfassade wich von dieser Gliederung ab. Dem westlichen Untergeschoss war eine teilweise überdachte Auffahrtrampe vorgesetzt, die von zwei Seiten her angefahren werden konnte.

Die Symmetrie der Fassade erscheint nach Christine Breig „auch im Grundriß, denn eine Blickachse geht vom Eingang durch das Vestibül in den Salon auf den Garten hinaus. Eine zweite Achse verläuft dazu quer. Beide Sichtachsen halbieren jeweils den Grundriß und erscheinen an den Fassaden als Fensterachsen.“#Breig 2004, Seite 496.

Baukörper Der kubusförmige Baukörper bestand aus drei Stockwerken: aus dem Untergeschoss, das die Kellerräume enthielt, und den Wohntrakten im Erdgeschoss und im Obergeschoss. Im Norden erweiterte sich das Untergeschoss zu einem halbrunden Vorbau, der sich im Erdgeschoss in einer kleineren Exedra wiederholte.

Eine kassettierte Attikamauer, die teilweise von einem schmiedeeisernen Geländer unterbrochen wurde, begrenzte die Dachterrasse und verbarg das niedrige Walmdach.#Breig 2004, Seite 496.

Das Untergeschoss stand auf einer rechteckigen Grundfläche von 20 × 26 Metern, deren Schmalseiten in Nord-Süd-Richtung lagen. Außer im Westen sprang das Untergeschoss gegenüber den beiden Wohnstöcken vor, so dass sich in Erdgeschosshöhe mehr oder minder breite Terrassen ergaben.

Im Westen war dem Untergeschoss eine teilweise überdachte Auffahrtrampe vorgesetzt, die von zwei Seiten her angefahren werden konnte. Von hier aus gelangte man zum Eingang: „Die Eingangssituation ist auf Repräsentation angelegt. Von einem kleinen Windfang geht es über einige Stufen in ein breites, zentral gelegenes Vestibül.“#Breig 2004, Seite 496. Das Vestibül erstreckte sich über zwei Stockwerke. Im Obergeschoss war es als Galerie mit einer kunstvollen Kassettendecke ausgebildet, so dass man in das Erdgeschoss hinunterschauen konnte. Vom Vestibül aus konnte man alle übrigen Räume erreichen, darunter den auf den Garten gehenden Salon und den Speisesaal, der mit der Exedra abschloss.

Dem dreiachsigen Mittelbau im Osten war ein Säulenportikus vorgelagert, zu dem eine breite Treppe hinaufführte. Der Mittelrisalit der Südfassade trug einen als Laube gestalteten offenen Balkon, dessen Decke von zwei Karyatiden getragen wurde. Der Säulenportikus trug ebenfalls einen offenen Balkon, während die Exedra von einem geschlossenen Balkon überbaut war. Die Balkone sprangen nach hinten gegenüber der Fassadenflucht zurück und erreichten dadurch eine größere Tiefe als die Decken ihrer Unterbauten.

Mauerwerk Die Fassade des Untergeschosses bestand aus Flachrustika-Mauerwerk, dessen Quader mit rauen Stirnflächen und mit Randschlag versehen waren, der den Eindruck von Fugen zwischen den Quadern erzeugte.

Ein Teil der östlichen Fassade des Untergeschosses blieb zusammen mit den beiden Freitreppen und der Grotte erhalten. Das Mauerwerk des Mittelbaus wird hier durch Diamantquader gegenüber der übrigen Fassade hervorgehoben. In die Mauer zwischen den Freitreppen ist eine tropfsteinartige Grotte eingelassen. Sie wird von einem Bogen aus Diamantquadern begrenzt, dessen Schlussstein ein Fratzenkopf bildet, der als Wasserspeier das halbrunde Brunnenbecken unter der Grotte speiste. Der erhaltene Inschriftenstein über der Grotte trägt die Inschrift: „Erbaut von Eduard Otto Moser / MDCCCLXXV“. Darüber befand sich eine von zwei Putten flankierte Wappenkartusche.

Die Fassaden der oberen Stockwerke wurden hauptsächlich durch Fenster- und Türöffnungen geprägt. Die verbleibenden Wandflächen (Sockel, Rahmung der Mittelfenster im Obergeschoss und Eckpilaster der seitlichen Rücklagen) hoben sich durch ihr glattes Flachrustika-Mauerwerk von der gröberen Rustika des Untergeschosses ab.

Fassadengliederung