Seit der ersten Jahreshälfte 2009 unternahmen deutsche Soldaten der ISAF zusammen mit Soldaten der Afghanischen Nationalarmee und weiteren afghanischen Sicherheitskräften (Afghanische Nationalpolizei, Geheimdienst Nationale Sicherheitsdirektion) mehrere militärische Operationen zur Stabilisierung der Region Kunduz in Nordafghanistan, in der es seit Anfang 2009 zu einem massiven Anstieg der Präsenz von Taliban-Kämpfern, Kriminellen, Drogenschmugglern und Aufständischen gekommen war. Die Kampfhandlungen und die damit einhergehende offensive Kriegführung der alliierten Truppen begannen nach einem missglückten Anschlag von Aufständischen auf das Provincial Reconstruction Team (PRT) Kunduz kurz nach dem Besuch der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel am 7. April 2009, war aber bereits zuvor geplant.Deutsche Welle

Ursachen für das verstärkte Auftreten von Aufständischen im Raum Kunduz Vor dem Sturz der Taliban-Regierung im Dezember 2001 durch die Invasion einer US-geführten Militärallianz war die Provinz Kunduz eine Hochburg der Taliban in Afghanistan und Frontstadt im jahrelangen Bürgerkrieg zwischen der Nordallianz und den islamistischen Radikalen.

2003 begannen Einheiten der ISAF unter deutscher Führung mit der Stationierung von Truppen im Norden Afghanistans (Regionalkommando Nord) und dem Aufbau zweier Wiederaufbauteams in Kunduz und Faizabad zur Herstellung der Sicherheit für den Wiederaufbau des Landes. Die Taliban waren zu diesem Zeitpunkt bereits größtenteils aus der Region Kunduz geflohen oder waren nach Ende der Kämpfe gefangen genommen worden.

Die multinationale Truppe (Deutschland, Belgien, Luxemburg, Kroatien) im PRT Kunduz sah sich bis 2007 hauptsächlich der Bedrohung durch Unkonventionelle Spreng- und Brandvorrichtung (USBV oder IED – Improvised Explosive Device), Selbstmordattentäter und gelegentliche Anschläge mit Handwaffen durch Kriminelle gegenüber. Ein Wiedererstarken der Taliban wurde erst im Mai 2007 offensichtlich, als drei deutsche Soldaten auf dem Marktplatz von Kunduz durch einen Selbstmordattentäter getötet wurden. Der Anschlag markierte das Ende der relativen Stabilität in dieser Provinz. Dies wurde vor allem durch die seit September 2007 massiven, anhaltenden Angriffe mit ungelenkten Raketen auf das deutsche Feldlager sichtbar.

Diese Entwicklung bewog das deutsche Verteidigungsministerium Ende 2007 dazu, Verstärkungskräfte nach Kunduz zu entsenden, um mehr Präsenz in der Fläche zeigen und jegliche terroristische Aktivität unterbinden zu können. Die dann im Februar 2008 eintreffenden 200 Fallschirmjäger und Aufklärungskräfte sorgten sehr schnell für eine spürbare Verbesserung der Sicherheitslage in der Provinz und einen Rückgang der Raketenangriffe auf das Feldlager. Das offensive Vorgehen der Fallschirmjäger führte jedoch auch zu einer Zunahme der Anzahl an Verwundeten und Gefallenen auf Seiten der ISAF. So wurde ein Fallschirmjäger des Fallschirmjägerbataillons 263 am 27. August während einer Patrouillenfahrt bei der Durchquerung einer Flussfurt bei Kunduz durch eine Sprengfalle tödlich verwundet.Die Welt Zwei Fallschirmjäger desselben Bataillons fielen am 20. Oktober im Chahar Darreh-Distrikt während der Durchführung einer Operation durch einen Selbstmordattentäter.Taliban drohen mit weiteren Anschlägen auf Bundeswehr. Spiegel Online

Mit der Ankündigung des neu gewählten US-Präsidenten Barack Obama, das Truppenkontingent der ISAF in Afghanistan um 17.000 US-Soldaten erhöhen zu wollen und den Kampf gegen die Taliban im stark umkämpften Osten und Süden des Landes massiv auszuweiten sowie gleichzeitig den Drogenanbau, nachweisliche Quelle der Terrorfinanzierung, zu unterbinden, hat der Einsatz der internationalen Schutztruppe eine neue Qualität erhalten. Um den Wiederaufbau in Sicherheit garantieren zu können, mussten zunächst der Vormarsch und Einfluss radikaler Aufständischer gestoppt werden.

Das verstärkte Auftreten von Aufständischen im Norden resultierte demzufolge zum einen aus dem enormen militärischen Druck, den die ISAF in Ost- und Südafghanistan sowie in den Stammesgebieten Pakistans aufbauen konnte. Ausweichende Kämpfer versuchten nun verstärkt, in den Westen und Norden des Landes, entlang der ganz Afghanistan umspannenden „Ring-Road“ zu gelangen, um ihren militärischen Schwerpunkt dorthin zu verlagern. Zum anderen sorgte die Bekämpfung der Führungsriege von Taliban und Al-Qaida in Pakistan durch US-gelenkte Drohneneinsätze für die Forderung nach dem Aufbau einer zweiten Front im Norden, was eine Ausweitung von Anschlägen, Angriffen und Terror gegen die ISAF-Truppe im Regionalkommando Nord zur Folge hatte. So ordnete das Führungsgremium der Taliban in Quetta an, dass die Talibananführer in Kunduz den Kampf gegen ausländische Truppen verstärken sollten. Vermutetes Ziel der Aufständischen ist es dabei, die Nordregion so zu schwächen, dass Deutschland sein Engagement in Afghanistan beendet und damit die internationale militärische Kooperation in Afghanistan in hohem Maße geschwächt wird.

Im Zuge der pakistanischen Militäroffensive im Swat-Tal von April bis Juni 2009 und anschließend in den paschtunischen Stammesgebieten mit dem Ziel der Zerschlagung der Taliban in Pakistan erhöhte sich zudem die Präsenz islamistischer und vor allem ausländischer Kämpfer in Nordafghanistan, die von den Schlachtfeldern Pakistans nach Westen über die beiderseitige Grenze fliehen konnten.

Verlauf der Operationen links|mini|Eine deutsche Panzerhaubitze 2000 des PRT Kunduz während einer Schießübung. Konzertierte Operationen begannen mit „provokativen“ Patrouillen ins Kernland der Taliban, von Bundeswehrsoldaten „Talibanien“ getauft.Focus TV Report „Die Deutschen Soldaten nennen es Talibanien.“ Dabei durchsuchten deutsche und afghanische Soldaten mehrere Gehöfte und Farmhäuser in der Provinz Kunduz. Bei Widerstandshandlungen wurden vier mutmaßliche Aufständische und zwei ANA-Soldaten getötet. Außerdem wurden 40 mutmaßliche Aufständische gefangen genommen.Mehrere Todesopfer bei Selbstmordanschlägen. Spiegel Online Zudem konnten mehrere versteckte Waffenlager ausgehoben werden. Bundeswehreinheiten wurden daraufhin auf längere Patrouillen geschickt, um eine Präsenz in der Tiefe zu erreichen. Diese Patrouillen wurden in der Folgezeit mehrmals angegriffen, erlitten aber keine Verluste.

Am 29. April 2009 unternahmen deutsche und afghanische Infanteriekräfte eine Aufklärungsoperation, um Feindaktivitäten im Raum Chahar Darreh westlich von Kunduz festzustellen. Gegen Mittag griff ein Selbstmordattentäter eine deutsche Einheit an und verwundete fünf Soldaten. Am gleichen Tag geriet ein deutscher Konvoi des Jägerbataillons 292 auf der „Road Banana“ beim Marsch in das deutsche Feldlager in einen Hinterhalt. Nachdem es den Fahrzeugen gelungen war, unter Erwiderung des Feuers aus dem Hinterhalt auszubrechen und den Marsch weiter fortzusetzen, gerieten sie einen Kilometer weiter in ein zweites Feuergefecht: Etwa fünfzig Aufständische griffen entlang einer Strecke von 1500 m aus mehreren vorbereiteten Stellungen heraus den deutschen Konvoi nun taktisch geplant mit Handfeuerwaffen und Panzerfäusten an. Dabei fiel ein deutscher Soldat und vier Soldaten wurden verwundet, womit zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg ein deutscher Soldat in einer bewaffneten Auseinandersetzung getötet wurde. Ein gegnerischer Panzerfaustschütze wurde ebenfalls erschossen, wie auch zwei potentielle Selbstmordattentäter, die sich auf Motorrädern dem Konvoi näherten.

Am 7. Mai unternahm die ISAF einen erneuten Versuch, den umkämpften Distrikt Chahar Darreh unter ihre Kontrolle zu bringen. Am späten Mittag wurden deutsche Einheiten im Randbezirk zwischen Kunduz und Chahar Darreh angegriffen. Deutsche und afghanische Verstärkungskräfte umzingelten die Angreifer, lieferten sich mit ihnen ein etwa vierundzwanzigstündiges Gefecht und bekämpften den Gegner auch mit Hilfe von Luftnahunterstützung. Dabei wurden sieben feindliche Kämpfer getötet, 14 verwundet und mehrere gefangen genommen.Bundeswehr-Presseerklärung Am gleichen Tag unternahmen Soldaten des Kommando Spezialkräfte zusammen mit afghanischen Sicherheitskräften und ISAF-Einheiten eine Zugriffsoperation in der Nähe von Faizabad, bei der der Talibankommandeur für Nordostafghanistan, Abdul Razeq, gefangen genommen wurde.Bundeswehr-Presseerklärung Ein KSK-Soldat verletzte sich dabei im schwierigen Gelände.

In der Folgezeit wurde das PRT Kunduz durch weitere deutsche Kräfte verstärkt. Gleichzeitig verschlechterte sich die allgemeine Sicherheitslage. So wurden alle Mädchenschulen in Chahar Darreh von den Einheimischen aus Angst vor Übergriffen der Taliban geschlossen. Im Mai 2009 kam es wiederholt zu Angriffen und Gefechten zwischen ISAF und islamistischen Aufständischen.

Operation Sahda Ehlm Am 4. Juni unternahmen deutsche Schutzkräfte des PRT Kunduz zusammen mit der Quick Reaction Force des Regionalkommandeurs eine weitere Offensivoperation im Chahar-Darreh-Distrikt, nachdem eine deutsche Patrouille an der Stadtgrenze von Kunduz in einen Hinterhalt im Grünstreifen geraten war. Bei den anschließenden schweren Kämpfen kamen zehn Aufständische ums Leben.Die Welt

Am 7. Juni wurden ebenfalls in Chahar Darreh zwei deutsche Soldaten angeschossen. Außerdem wurden ein Aufständischer getötet und zwei verwundet. Bei weiteren Gefechten erlitten die Aufständischen Verluste in Höhe von 7 Toten und 14 Verwundeten. Am 15. Juni gegen 10:50 Uhr wurde eine Patrouille der afghanischen Armee zusammen mit Soldaten eines belgischen Verbindungsteams (OMLT) nordwestlich des PRT Kunduz beschossen. In dem sich anschließenden Gefecht setzten die Afghanen Luftnahunterstützung ein. Als deutsche und afghanische Verstärkungskräfte eintrafen, konnte der Gegner zum Ausweichen gezwungen werden. Im Verlauf des Gefechts wurden zwei afghanische Soldaten getötet und zwei weitere verletzt.Bundeswehr-Presseerklärung Die Angreifer hatten fünf Tote und vier Verletzte. mini|Das Umland von Kunduz, in dem fast täglich heftige Kämpfe stattfanden

Am 23. Juni kam es zu einer erneuten Auseinandersetzung, als nur wenige Kilometer von Kunduz entfernt rund 300 deutsche und afghanische Soldaten von Aufständischen angegriffen wurden. Drei Deutsche kamen ums Leben, als ihr Transportpanzer bei einem Ausweichmanöver in einen Wassergraben stürzte und sich überschlug.Bundeswehr-Presseerklärung Auch drei Angreifer kamen ums Leben. In der Folgezeit fanden immer wieder Scharmützel statt, und ISAF-Einrichtungen in Kunduz wurden erneut zum Ziel von Mörser- und Raketenangriffen.

Operation Oqab Die deutsch-afghanischen Anstrengungen im Juli 2009 im Zuge der Operation Oqab (Operation Adler) führten ab dem 20. Juli zu heftigen Kämpfen, in denen die Bundeswehr zum ersten Mal in ihrer Geschichte leichte Artillerie (Mörser) und Schützenpanzer einsetzte. Dabei wurden 16 Aufständische getötet, 12 verwundet und 14 gefangen genommen. Außerdem kamen zwei afghanische Zivilisten ums Leben, als deutsche Soldaten, die einen Selbstmordanschlag befürchteten, deren Auto beschossen.Hamburger Abendblatt Die Taliban verübten daraufhin mehrere Attentate, denen eine Anzahl von Zivilisten zum Opfer fielen.Sina

Obwohl sich die Situation danach für rund eine Woche beruhigte, warnten Beobachter, dass die Taliban noch nicht geschlagen seien und bald nach Chahar Darreh zurückkehren könnten.Blitz-Comeback der Taliban. Spiegel online Dies zeigte auch ein starker Anstieg neuerlicher Attacken auf deutsche Soldaten. So wurde beispielsweise am 7. August ein Bundeswehrsoldat während eines Gefechtes angeschossen.Bundeswehr-Presseerklärung Am 16. AugustZeit „Schließlich seien am 16. August in der Region zwei Tanklastwagen von Taliban in Brand geschossen worden.“ attackierten die Aufständischen zum ersten Mal auch Nachschublieferungen für die ISAF und afghanische Dienststellen.