Manor Racing war ein 2009 gegründetes, im Vereinigten Königreich ansässiges Rennsportteam, das seit Beginn der Saison 2010 an der Formel-1-Weltmeisterschaft teilnahm. Der Rennstall, der in der Gründungsphase noch unter der Bezeichnung Manor Grand Prix firmierte, nutzte in den Jahren seiner Teilnahme unterschiedliche Namen. Anfänglich erschien er mit Blick auf den Hauptsponsor Virgin unter der Bezeichnung Virgin Racing. 2011 beteiligte sich der russische Automobilhersteller Marussia an dem Team, das daraufhin mit russischer Lizenz und ab 2012 als Marussia F1 Team antrat.Namensänderungen von der Formel-1-Kommission genehmigt: Nachricht auf der Internetseite www.motorsport-total.com vom 4. November 2011. Nachdem der Rennstall Ende 2014 zahlungsunfähig geworden war und sich in einem Insolvenzverfahren befunden hatte, gelang ihm im Frühjahr 2015 nach einer Restrukturierung der sportliche Neuanfang. Ab der Saison 2015 führte der Rennstall wieder die Bezeichnung Manor im Meldenamen, der mit Beginn der Saison 2016 die alleinige Teambezeichnung war. Das Team wurde im Januar 2017 liquidiert.
Geschichte Gründung und Vorbereitungen Manor war eines der drei neuen Teams, die in der Formel-1-Saison 2010 debütierten. Zu ihnen gehören außerdem HRT und Lotus Racing, das ab 2012 unter dem Namen Caterham F1 antrat.
Das Team wurde 2009 als ein Joint Venture des von John A. Booth geleiteten Formel-3-Euroserie-Teams Manor Motorsport und der britischen Technologiefirma Wirth Research gegründet.„Manor, Campos und USF1“ (Motorsport-magazin.com am 12. Juni 2009) Auslöser für die Gründung war eine Initiative der FIA aus dem Jahr 2009, die eine Senkung der Kosten in der Formel 1 zum Ziel hatte und eine Budget-Obergrenze festsetzte. Sie machte die Formel 1 nach vielen Jahren wieder für neue Teams attraktiv. Als die FIA daraufhin Plätze für drei weitere Teams ausschrieb, bewarben sich Booth und Nick Wirth um eine Teilnahme an der Formel-1-Saison 2010. Am 12. Juni 2009 bestätigte die FIA, dass für die Saison 2010 zwei Startplätze an Manor vergeben wurden.„FIA-Nennliste für 2010: FOTA-Teams sind dabei!“ (Motorsport-Total.com am 12. Juni 2009)
Im Sommer 2009 begannen die Vorbereitungen des Teams für die neue Saison. John Booth fungierte als Teamchef, während Wirth, der in den 1990er Jahren Rennwagen für die Teams Simtek und Benetton konstruiert hatte,Bei Simtek war Wirth auch Teamchef. die Leitung der technischen Abteilung übernahm. Wirth führte eine ausschließlich auf Computer Aided Design (CAD) gestützte Konstruktionsphilosophie ein, die das kleine Team überforderte. Als nach eineinhalb Jahren greifbare Erfolge ausblieben, wurde die Zusammenarbeit mit Wirth Research im Juni 2011 beendet.
Noch vor dem ersten Rennen änderte das Team seinen Namen. Nachdem sich Booth mit Richard Branson, dem Inhaber der Virgin Group, über ein Sponsoring des Teams geeinigt hatte, erhielt es die Bezeichnung Virgin Racing.“Manor GP set to be rebranded as Virgin Racing” (BBC Sport am 30. November 2009) Am 30. November 2009 bestätigte die FIA die Änderung des Teamnamens.
2010: Virgin Racing mini|Timo Glock bei einer Testfahrt vor der Saison 2010 in Jerez
Der Virgin VR-01 wurde am 3. Februar 2010 vorgestellt. Bei der Konstruktion des Wagens vertraute Nick Wirth ausschließlich auf CFD. Er führte keinerlei Windkanaltests durch und beschränkte sich stattdessen darauf, Strömungsverläufe im Rechner zu simulieren.Auto Motor und Sport Spezial – Formel 1 2010, S. 68. Kein anderes Team beschritt diesen Weg. Motorenlieferant war der britische Hersteller Cosworth, der neben den beiden anderen neuen Rennställen auch das Traditionsteam Williams belieferte. Fahrer waren der Deutsche Timo Glock sowie der Brasilianer Lucas di Grassi. Darüber hinaus wurden der portugiesische GP2-Pilot Álvaro Parente und der Brasilianer Luiz Razia als offizielle Testfahrer des Teams unter Vertrag genommen.
Virgin Racing hatte bei den ersten Rennen mit technischen Schwierigkeiten zu kämpfen. Das bedeutendste Problem war der Tank des VR-01, der anfänglich zu klein bemessen war, sodass das Team jedenfalls bei einigen Veranstaltungen befürchten musste, die Rennen nicht beenden zu können. Als Grund hierfür gab Nick Wirth fehlerhafte Daten über die Dichte des verwendeten Treibstoffs an.Was hinter dem zu kleinen Virgin-Tank steckt, Motorsport-total, 27. März 2010 Zu den europäischen Rennen war es Virgin gelungen, das Tankvolumen hinreichend zu vergrößern. Hierfür musste das Chassis grundlegend umgebaut werden, was eine vorherige Genehmigung der FIA voraussetzte.FIA erteilt Virgin Erlaubnis zum Umbau, Motorsport-total, 26. März 2010 Ein weiteres Problem waren die teilweise zu dünn bemessenen und verwindungsfreudigen Aufhängungsteile des VR-01.
Beim dritten Rennen des Jahres, dem Großen Preis von Malaysia, erzielte di Grassi die erste Zielankunft für Virgin. Beim folgenden Rennen, dem Großen Preis von China in Shanghai, scheiterten wiederum beide Fahrzeuge. Aufgrund technischer Schwierigkeiten konnte Glock nicht an den Start gehen.„Beide Virgin-Renner Opfer der Technik“, Motorsport-aktuell.com, 19. April 2010 Beim Großen Preis von Spanien kamen schließlich erstmals beide Virgin-Fahrer ins Ziel; dies gelang ihnen auch bei drei weiteren Rennen. Allerdings konnte keiner der Fahrer einen Meisterschaftspunkt einfahren. Das beste Ergebnis des Teams waren zwei 14. Plätze. Da der Konkurrent HRT am Saisonende insgesamt drei 14. Plätze und Lotus sogar einen zwölften Platz erreicht hatte, beendete Virgin Racing die Debütsaison als letztes Team auf Position zwölf der Konstrukteurswertung.
2011–2015: Marussia Saison 2011 mini|Logo von Marussia Virgin Racing in der Saison 2011
Im Rahmen des letzten Rennens der Saison 2010 in Abu Dhabi wurde bekannt gegeben, dass der russische Sportwagenhersteller Marussia Motors zusammen mit dem Investor LDC einen signifikanten Anteil am Team erwirbt. Daraufhin wurde der Teamname in Marussia Virgin Racing geändert, und das Team trat mit russischer Lizenz an.„Marussia-Virgin mit russischer Lizenz“ (Motorsport-Total.com am 4. Februar 2011)
Mit dem neuen Investor im Hintergrund, verfügte das Team in der Saison 2011 über ein Budget in Höhe von 57 Millionen Euro.„Stolpert Wirth über den Bosporus“? Nachricht auf der Internetseite www.motorsport-total.com (abgerufen am 20. April 2011). Während Glock sein Cockpit behielt, musste di Grassi das Team verlassen. Er wurde durch Jérôme D’Ambrosio, der schon 2010 für Virgin an einigen Freitagstrainings teilgenommen hatte, ersetzt.„Fix: D'Ambrosio neben Glock 2011 bei Virgin“ (Motorsport-Total.com am 21. Dezember 2010) Testfahrer wurde Robert Wickens.
Das in Anlehnung an den Hauptinvestor als Virgin MVR-02 bezeichnete zweite Auto des Teams wurde wiederum von Wirth Research entwickelt. Wie beim Vorgänger, verzichtete Konstrukteur Nick Wirth auch hier vollständig auf Windkanaltests; alle Erprobungen wurden ausschließlich in der EDV simuliert. Virgin war nach wie vor das einzige Team, das ein solches Entwicklungskonzept verfolgte.
mini|Jérôme D’Ambrosio im Virgin MVR-02 beim Großen Preis von Malaysia 2011 mini|Timo Glock beim Großen Preis von Malaysia 2011
Die ersten Rennen der Saison 2011 verliefen problematisch. Das technische Niveau erwies sich nicht als Verbesserung gegenüber dem Vorjahr; nach Ansicht des Teamchefs war es in manchen Bereichen sogar schlechter.Neue Fabrik: Marussua-Virgin unter Zeitdruck. Nachricht vom 11. Juni 2011 auf der Internetseite www.motorsport-total.com. Hinzu kam, dass der MVR-02 ungeachtet des gesicherten Budgets nur geringfügig weiterentwickelt wurde; wiederholt kam es vor, dass neu entwickelte Teile keine Leistungsverbesserung brachten.
Zwar konnten sich beide Fahrer bis zum Sommer mit einer Ausnahme regelmäßig qualifizieren; es gelang dem Rennstall jedoch nicht, auf das konkurrierende Team Lotus Racing aufzuschließen. Die Virgin-Fahrer sahen sich vielmehr zunehmend durch die HRT-Piloten bedrängt, die mit einem schlecht vorbereiteten Wagen in die neue Saison gegangen waren. Zunehmend gelang es einem der HRT-Piloten, sich in der Startaufstellung vor Glock oder D'Ambrosio zu positionieren. Beim Großen Preis von Kanada im Juni 2011 war die Leistungsfähigkeit des Teams so weit gesunken, dass sich D'Ambrosio nicht mehr aus eigener Kraft qualifizieren konnte; zu einer Rennteilnahme kam es nur im Wege einer Ausnahmeentscheidung der Rennleitung.D'Ambrosio darf in Montreal starten: Nachricht vom 11. Juni 2011 auf der Internetseite www.motorsport-total.com. Vor allem Timo Glock klagte über eine mangelnde Fahrbarkeit des Autos und die problematische Aerodynamik.
Angesichts der schlechten Leistung geriet Nick Wirth zunehmend in die Kritik. Sowohl Timo Glock als auch John Booth forderten ab April 2011 die Aufnahme konventioneller Windkanaltests, denen sich Wirth allerdings verweigerte. Nach dem Großen Preis von Monaco, in dem Glock wegen eines Aufhängungsdefekts ausschied, trennte sich Virgin von Wirth Research. Neuer technischer Leiter des Teams wurde Pat Symonds.Marussia-Virgin trennt sich von Wirth: Nachricht auf der Internetseite www.motorsport-total.com vom 2. Juni 2011. Ziel der Trennung war es, für 2012 ein erfolgreicheres Auto auf konventionellem Weg entwickeln zu lassen.
In den letzten Rennen der Saison konnte keine Verbesserung der sportlichen Leistungen erreicht werden. Lotus, das beste der drei 2010 gestarteten Teams, blieb außer Reichweite, HRT hingegen hatte man, was die Zielankünfte anging, sicher im Griff. Die Virgin-Piloten kamen meist vor den HRT-Fahrern ins Ziel und erreichten mehrere 14. und 15. Plätze, die HRT verwehrt blieben.Als beste Positionierung konnte HRT, abgesehen vom 13. Platz beim Großen Preis von Kanada, lediglich mehrere 17. Plätze aufweisen. Da aber der HRT-Pilot Vitantonio Liuzzi den Großen Preis von Kanada auf dem 13. Rang beendete, nahm HRT in der Teamwertung zum Jahresende eine bessere Position ein als Virgin. Diese Wertung spiegelt allerdings insofern die Leistungsverhältnisse nicht zutreffend wider, als Liuzzis Ergebnis in Montréal unter außergewöhnlichen Rennbedingungen zustande kam.In den Medien wurde der von Unterbrechungen und Safetycar-Phasen geprägte Weltmeisterschaftslauf wiederholt als Chaos-Rennen bezeichnet; Überblick über die Pressemeldungen auf der Internetseite www.spiegel.de (abgerufen am 14. Juni 2011).
Während der Saison begann das Team mit einem Umzug nach Banbury.„Booth: "Wir haben wie Dummköpfe ausgesehen"“ (Motorsport-Total.com am 3. September 2011)
Saison 2012 mini|Timo Glock im Marussia MR01 beim Großen Preis von Malaysia 2012
Marussia bestritt die Saison 2012 mit dem MR01, einem unter der Leitung von Pat Symonds entwickelten Rennwagen, der wie in den Jahren zuvor von einem Cosworth-Motor angetrieben wurde. Der MR01 war das erste Auto des Teams, das vor Saisonbeginn einem Aerodynamiktest in einem Windkanal unterzogen wurde. Die entsprechenden Versuche liefen bereits im September 2011. Die Fertigstellung des MR01 verzögerte sich allerdings. Das Auto sollte am 1. März 2012 in Barcelona vorgestellt werden. Da der MR01 zu diesem Zeitpunkt jedoch nur 17 der 18 vorgeschriebenen Crashtests bestanden hatte, waren weitere Entwicklungsarbeiten nötig, sodass die Präsentation erst am 5. März 2012 in Silverstone erfolgte. Zu diesem Zeitpunkt waren die offiziellen Testfahrten der Formel-1-Saison bereits abgeschlossen. Daher erschien der MR01 beim ersten Saisonrennen in unerprobtem Zustand.
Mit Beginn der Saison wurde der letztjährige Pilot D’Ambrosio durch Charles Pic ersetzt; Timo Glock blieb dagegen im Team. Testfahrerin war die Spanierin María de Villota.