Narmer (eigentlich Hor-Narmer) ist der Name eines altägyptischen Königs (Pharao) der Frühdynastischen Periode. Er war nach Meinung einiger Ägyptologen der letzte König der sogenannten 0. Dynastie oder, nach Meinung anderer Forscher, der erste Herrscher der 1. Dynastie. Narmer war der Vorgänger von König Hor-Aha. Er regierte ungefähr zwischen 3100 und 3000 v. Chr. und ist vielleicht mit dem legendären Ahnenkönig Menes späterer Quellen gleichzusetzen.Nicolas Christophe Grimal: A history of Ancient Egypt. Oxford u. a. 1994, S. 36–39.
Obgleich Narmer archäologisch sehr gut belegt ist (selbst über die Grenzen Ägyptens hinaus), weiß man über die Herkunft und Identität dieses Herrschers noch immer wenig, weshalb viele kontroverse Thesen um ihn aufgestellt wurden. Weder ist bekannt, mit wem er liiert war, noch, wie lange er geherrscht hat. Zeitgenössische Artefakte legen zumindest nahe, dass Narmer vor allem militärisch sehr aktiv war und viele Fürstentümer unter sich vereinte. Er war auch außenpolitisch aktiv und unterhielt Handelskontakte zur Levante und bekämpfte zahlreiche fremdländische Völker, die regelmäßig in Ägypten einzufallen versuchten. Zu den bedeutendsten Funden aus Narmers Epoche zählen vor allem seine Prunkpalette und sein Prunkkeulenknauf.
Name und Identität Zum Horusnamen mini|links|hochkant=0.7|Narmers Serech auf seiner Prunkpalette.
Narmer ist ausschließlich durch seinen Horusnamen belegt. Unter Narmer und seinem Vorgänger, König Ka, setzte sich die Tradition durch, den Namen des Königs innerhalb des sogenannten Serechs einzutragen und den Falkengott Horus darüber zu platzieren. Narmers Horusname setzt sich für gewöhnlich aus den Gardiner-Zeichen K13 und U23 zusammen. Dabei wurde K13 lange Zeit als Darstellung des Zitterwelses (Malapterurus electricus) identifiziert. Neuere Untersuchungen favorisieren hingegen den Wunduwels (Heterobranchus longifilis).Douglas J. Brewer, Renée F. Friedman: Fish and fishing in ancient Egypt. The American University Press in Cairo, Kairo 1990, ISBN 977-424-224-6, S. 63. Das zweite Zeichen, U23, zeigt einen Kupfermeißel. Obwohl Narmers Name schon lange bekannt ist, konnte er bis heute nicht zufriedenstellend übersetzt werden. Besonders die Phonetik des sogenannten Nar-Welses, des Wappentiers des Herrschers, bereitet Linguisten und Ägyptologen gleichermaßen Schwierigkeiten. Was der Wels symbolisch bedeutet, ist völlig unbekannt, für das Meißel-Symbol bieten sich mehrere Transkribierungs- und Lesungsmöglichkeiten an.Joachim Friedrich Quack: Zum Lautwert von Gardiner Sign-List U 23. In: Lingua Aegyptia – Studia Monographica. 11. Band. Widmaier, Hamburg 2003, , S. 113–116.
Als gängigste Lesung ist heute „Narmer“ (beziehungsweise „Hor-Narmer“) akzeptiert, als gängigste Deutung hat sich gemeinhin „Wütender Wels“ oder „Furchterregender Wels“ durchgesetztWolfgang Helck: Geschichte des Alten Ägypten. Brill, Leiden 1981, ISBN 90-04-06497-4, S. 22., obgleich es von jeher Vorschläge von abweichenden Lesungen gab.Gérard Godron: A propos du nom royal. In: Annales du service des antiquités de l’Égypte. (ASAE) Band 49, Ausgabe 1976, S. 217 ff. und S. 547.; Vladimir Vikentieff: NAR-BA-THAI. In: Journal of Egyptian Archaeology. (JEA) Nr. 17, S. 67 ff (Digitalisat). Hartwig Altenmüller erklärt in diesem Zusammenhang das bisher zumeist angewendete Rebusprinzip, woraus sich durch das Aneinanderfügen der Begriffe „nar“ (für den Wels) und „m(eh)er“ (für den Meißel) die gängige Lesung als „Narmer“ ergab.
Altenmüller nennt allerdings noch eine alternative Lesung des Welses als „sab“ statt „nar“ und verweist auf zwischenzeitliche Zweifel anderer Ägyptologen hinsichtlich der bisherigen Übersetzung.Hartwig Altenmüller: Einführung in die Hieroglyphenschrift. Buske, Hamburg 2005, ISBN 3-87548-373-1, S. 59. Er folgt dabei Gelehrten wie Gérard Godron, Gunnar Sperveslage und Thomas C. Heagy, die ihrerseits zum Einen auf mehrere Tonsiegelabdrücke verweisen, die statt des gewohnten Welses ein stark abweichendes Zeichen zeigen. Dieses Zeichen weist einen elegant herabhängenden Tierschwanz auf und stellt sehr wahrscheinlich einen Tierbalg dar. Dieser wird tatsächlich „sab“ gelesen. Des Weiteren machen die Gelehrten darauf aufmerksam, dass das Kupfermeißel-Symbol U23 auch „abu“ gelesen werden kann. Insgesamt käme also auch eine Lesung von Narmers Namen als „Hor-Sab“ oder „Hor-Sabu“ in Frage.Gunnar Sperveslage, Thomas C. Heagy: A Tail’s Tale: Narmer, the Catfish, and Bovine Symbolism. In: The Journal of Egyptian Archaeology. Heft 109, Juli 2023. Egypt Exploration Society, , S. 65–75.
Eine ganz außergewöhnliche Deutung schlagen die französischen Ägyptologen Gérard Godron und Janine Monnet Saleh vor: sie lesen „Meher-Naru“ und übersetzen dies mit „Geliebter der Naru-Welsgötter“. Bei diesen Naru handelte es sich um Unterweltgötter im Dienste der Gottheiten Aker und Ra. In ganz ähnliche Richtung tendiert auch Winfried Barta, der eine Übersetzung als „Horus gehört zum Welsgott (Naru)“ vorschlägt.Ronald J. Leprohon: The Great Name: Ancient Egyptian Royal Titulary. (= Writings from the ancient world. Band 33). SBL Press, Atlanta 2013, ISBN 978-1-58983-736-2, S. 22–23.András Bácskay, Erika Roboz: Motifs of Smiting in the Syro-Palestinian Iconography: Proofs of Intercultural Exchange between Egypt and the Levantine Region (A Comparative Study). University Press, Budapest 2021, S. 17–21 u. 66–68.
Narmers Horusname ist bereits auf zeitgenössischen Artefakten in abweichenden Varianten überliefert. So erscheint der Nar-Wels auf Gefäßritzungen gebrannter Tonvasen oft allein im Serech, wobei die Lesung des Symbols aufgrund mangelnder Details oft sehr unsicher ist. Auf mehreren Tonsiegelabdrücken hingegen erscheint der volle Horusname gemeinsam mit dem Gardiner-Zeichen G47 (piepsendes Entenküken) innerhalb des Serechs. Das Küken-Symbol wird tjai gelesen und bedeutet „männlich“ oder „dominant“. Es bleibt allerdings unklar, ob es sich um ein funktionelles Epitheton, oder nur um einen angehängten Titel mit ehrender Funktion handelt.Rainer Hannig: Die Sprache der Pharaonen (2800–950 v. Chr.) Teil 1: Großes Handwörterbuch, Ägyptisch – Deutsch. von Zabern, Mainz 1995, ISBN 3-8053-1771-9, S. 1253.
Aus einem Grab bei Tarchan (Grab 1100) stammt ein Gefäß, das ebenfalls eine ungewöhnliche Variante des Namens von Narmer aufweist.The Narmer Catalog: Inscription 0109. Auf: narmer.org ; zuletzt abgerufen am 4. Juli 2017. Unter dem Wels im Serech ist ein Zeichen zu sehen, das nach Meinung des Ägyptologen Wolfgang Helck entweder Gardiner-Zeichen U6 (eine Harke) oder U13 (ein Scharpflug) darstellt.Wolfgang Helck: Untersuchungen zur Thinitenzeit. Harrassowitz, Wiesbaden 1987, ISBN 3-447-02677-4, S. 90 (online). Edwin van den Brink hingegen, der die Serech-Schreibweise der Frühzeit untersuchte, kam zu dem Schluss, dass es sich hierbei vielleicht um den Namen eines anderen Herrschers aus früherer Epoche handeln könnte.Edwin C. M. van den Brink: The Pottery-Incised Serekh-Signs of Dynasties 0-1. Part 11: Fragments and Additional Complete Vessels. in Archéo-Nil: Revue de la société pour l’étude des cultures prépharaoniques de la vallée du Nil- Band 11, Dezember 2001. Société pour l'étude des cultures prépharaoniques de la vallée du Nil, Paris & Peeters Publishers, Leuven 2001, (Volltext als PDF).
Gleichsetzung mit Menes mini|rechts|hochkant=0.7|Tonsiegelabdruck mit Narmers Serech und der Zeichengruppe Mn im Wechsel.
In der altägyptischen Ahnenkultur gilt König Menes als vergöttlichter Gründervater Ägyptens. Es gibt kaum eine Königsliste, die ihn nicht auflisten und ehren würde (Ausnahme bildet die Königsliste von Sakkara). In der Ägyptologie gibt es bis heute kontroverse Diskussionen darüber, ob Narmer und der Name des Königs Menes gleichgesetzt werden können.Thomas C. Heagy: Who was Menes? In: Archeo-Nil. Band 24, 2014, S. 59–92.
Für eine Gleichsetzung des Narmer mit Menes sprechen mehrere Tonsiegel aus Narmers Grab mit den Abdrücken von Narmers Horusnamen und einer Zeichengruppe, die als Menj gelesen werden kann. Die Zeichengruppe setzt sich aus den Gardiner-Zeichen Y5 (Spielbrett mit Spielfiguren darauf) und N35 (Wasserlinie) zusammen und erscheint in den Tonsiegelinschriften im Wechsel mit Narmers Serech. Da der Name des späteren Ahnenkönigs Menes auf genau dieses Wort (Menj) zurückgeht, liefern die Tonsiegel das bislang stärkste Indiz dafür, dass Narmer mit Menes identisch ist. Dagegen mag sprechen, dass auf weiteren Tonsiegeln aus Narmers Grab die Personnennamen von Prinzen und Prinzessinnen in der selben Manier erscheinen. Bei allen Personennamen fehlt ein Titel (was allerdings daran liegt, dass viele Adelstitel, darunter der Königstitel Nesut-bitj, noch gar nicht eingeführt waren). Daher könne gemäß Wolfgang Helck nicht ausgeschlossen werden, dass Menj in Wahrheit der Name eines Prinzen ist und nicht der von Narmer selbst.Wolfgang Helck: Gab es einen König Menes? In: Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft. (ZDMG) Band 103, Heft 2. F. Steiner, Wiesbaden 1953, S. 354–359. Dem wiederum halten Ägyptologen wie Jacques Kinnaer und Thomas C. Heagy entgegen, dass noch unter König Dewen, welcher ja den Nesut-Bitj Titel einführte, dessen Geburtsname Chasti auf Tonsiegeln ohne Nesut-Bitj neben dem Horusnamen erscheint. Demnach sei es möglich, dass auch spätere Könige ihre Geburtsnamen ohne Titel darstellen ließen.Thomas C. Heagy: Who was Menes? In: Archéo Nil. Nr. 24, Januar 2014, , S. 59–92.
mini|rechts|hochkant=0.7|Elfenbein-Etikett des Hor-Aha mit dem umstrittenen Nebti-Namen Menj (ganz oben rechts).
Auf einem Elfenbeintäfelchen aus dem Grab des Aha bei Abydos ist eine der ältesten schriftlichen Darstellungen des Wappens der Beiden Herrinnen direkt gegenüber dem königlichen Serech des Aha eingraviert. Es befindet sich innerhalb eines zeltförmigen, dreifach ausgeführten Zierrahmens zusammen mit einer alten Form des Nebti-Namens. Das zeltähnliche Gebilde ist ein Pavillon, der für Gedenkfeiern bei dem Tod eines Herrschers errichtet wurde. Wenn das Mn-Symbol tatsächlich den Namen „Meni“ darstellen sollte, kann er nur Narmer meinen, denn Aha lebte laut Etikettenaufschrift noch, als der Pavillon aufgesucht wurde. Demzufolge stellt das Elfenbeinetkett dar, wie Aha seinen Vorgänger (Narmer) bestatten ließ.Percy E. Newberry: Menes: the founder of the Egyptian monarchy (circa 3400 B.C.). In: Winifred Brunton: Great ones of ancient Egypt: Historical studies by various Egyptologists. Hodder & Stoughton, London 1929, S. 37–53.
Dagegen spricht, dass nicht gesichert ist, dass das Wort Men für einen Personennamen steht, er kann genauso gut der Name des Gebäudes sein. Demnach würde das Etikett König Aha bei einem Besuch des Schreins der Beiden Herrinnen namens Men-Nebti (deutsch „Die Beiden Herrinnen überdauern“) zeigen. In diesem Falle wäre das Elfenbeinetikett leider keine Hilfe bei der Frage um die Gleichsetzung von Narmer mit Menes.Jacques Kinnaer: The Naqada label and the identification of Menes. In: Göttinger Miszellen. (GM) Band 196. Seminar für Ägyptologie und Koptologie der Georg-August-Universität Göttingen, Göttingen 2003, , S. 23–30.