Der Einfluss des Humanismus auf die Kölner Universität stellt einen wichtigen Einschnitt in die Entwicklungsgeschichte der frühen Universität zu Köln in der frühen Neuzeit dar. Er war dort maßgeblich an der Reformierung des Bildungssystems beteiligt und führte zu umfassenden Kontroversen mit der an der erzkonservativen Kölner Universität praktizierten Methode der Scholastik und ihren Befürwortern.
Die Kölner Frühhumanisten Als erste Kölner Humanisten in der frühen Neuzeit galten umherreisende Magister und Wanderpoeten. Unter diesen sind die Italiener Jakobus Publicius, welcher 1468 nach Köln kam, und Stephanus Surigonus, der 1471 für ein Jahr in der Stadt blieb, zu nennen. Einer der wichtigsten und interessantesten Wanderpoeten war Flavius Ramundus Mithridates. Zwischen 1484 und 1485 war er Professor der Artes und der Theologie an der Universität und lehrte dort unter anderem hebräisch, arabisch, griechisch und Latein. 1485 ließ er die „dicta septem sapientium Graeciae“ in Köln drucken, die er dem humanistisch interessierten Bürgermeister Peter Rinck widmete.„Humanism in Cologne“, James Mehl, 1991, S. 9
Die Familie Rinck Die Familie Rinck spiegelt den Enthusiasmus politisch einflussreicher und wohlhabender Leute für die Aufnahme von Humanisten und den Humanismus selbst in Köln gut wider. Für die Sympathie der Familie Rinck zu den Humanisten ist bedeutend, dass z. B. Peter Rinck zusammen mit Mithridates im italienischen Pavia studierte, wo er den Doktortitel in den Rechtswissenschaften erwarb. Wie er studierten auch viele andere Söhne reicher Patrizierfamilien im bereits humanistisch geprägten Italien, was sicherlich einen Faktor für die Übertragung des frühen Enthusiasmus für den Humanismus in Köln darstellt.„Humanism in Cologne“, James Mehl, 1991, S. 7 Peter Rinck lehrte selbst zwischen 1459 und 1501 beide Rechte an der Kölner Universität. Peter und Johann Rinck, sein Cousin zweiten Grades, fungierten als Patronen für Mithridates während dessen Aufenthaltes in Köln. Johann Rinck, der später Freund des Humanisten Petrus von Ravenna wurde, diente nach einer erfolgreichen Karriere als Handelsmann 1513 als Bürgermeister. Dessen Söhne, Hermann und Johann Junior, welche beide an der Universität zu Köln lernten, waren mit Ortwin Gratius und Hermann von dem Busche befreundet und im Streit Peter von Ravenna’s mit den Theologen der Fakultät auf dessen Seite. Sowohl Johann Junior als auch der angeheiratete Johann von Reidt, welcher ebenfalls Bürgermeister war und in der Etablierung der Jesuitenschulen in den 1550er Jahren noch eine wichtige Rolle spielen wird, pflegten eine freundschaftliche Korrespondenz mit Erasmus von Rotterdam. Des Weiteren stand von Reidt, der an der Montanerburse gelernt hatte, im engen Verhältnis mit den Humanisten Johannes Caesarius und Sobbius.„Humanism in Cologne“, James Mehl, 1991, S. 8 f. Hiermit zeigen sich also das große Interesse am Humanismus, aber auch das unmittelbare Verhältnis der Familie Rinck zu bedeutenden Humanisten, welches aufgrund der stark vorherrschenden konservativen Ader Kölns zu dieser Zeit jedoch nicht überbewertet werden darf. Dem anfänglichen Enthusiasmus folgte zunehmend ein allgemeines Interesse an humanistischem Gedankengut im Bezug auf die Bildung, worauf die Universität reagierte, indem sie humanistische Lehrer nach Köln holte und humanistische Fächer zuließ.„Kölner Universitätsgeschichte 1“, E. Meuthen, 1988, S. 207 f.
Die „studia humanitatis“
Generell wird mit „studia humanitatis“ abstrakt die Gesamtheit der humanistischen Studien der „ars humanitatis“, der Kunst des wahren Menschseins, bezeichnet, die zur Erlangung einer ganzheitlichen Bildung im Sinne des Humanismus führen sollten.„Wege und Wandlungen des Humanismus“, Michael Seidlmayer, 1965, S. 174 Hauptsächlich wurden an der Universität im Fach „ars humanitatis“ Poesie, Rhetorik und Geschichte gelehrt. Diese Kurse waren jedoch nicht Teil des regulären scholastischen Curriculums und hatten somit im Vergleich zu heute höchstens die Bedeutung von zur freien Wahl stehenden Kursen.„Humanism in Cologne“, James Mehl, 1991, S. 11 Es ist zu bemerken, dass die Einführung dieses Faches auf keinerlei Widerstand der theologischen Fakultät traf,„Kölner Universitätsgeschichte 1“, E. Meuthen, 1988, S. 207 was sich vermutlich durch folgende Thesen begründen lässt: Einerseits scheinen die das scholastische Bildungssystem vertretenden Theologen dieses neue Fach unterschätzt zu haben, andererseits wird auch der durchaus zu bemerkende finanzielle Bonus für die Universität in der Aufnahme dieses stark der Nachfrage entsprechenden Faches eine nicht zu verachtende Rolle gespielt haben. Dabei ist auch die Frage des Unterhalts der dieses Fach unterrichtenden Lehrer von Relevanz, da die Universität ein Interesse gehabt haben muss, diese zu halten. So gab es zwei verschiedene Finanzierungsmöglichkeiten für die Lehrer. Jakob Sobbius wurde beispielsweise als einer der wenigen Humanisten direkt vom Stadtrat bezahlt, welches ihn jedoch auch zur Ableistung verschiedener Dienste in der Stadtverwaltung verpflichtete. Dieser Aspekt verdeutlicht die Präsenz mit dem Humanismus sympathisierender und für ihn aktiv eintretender Mitglieder des Stadtrates, ohne welche die betreffenden Humanisten eine solche Finanzierung nicht erfahren hätten. Eine typischere und hauptsächlich auftretende Möglichkeit bestand darin, dass die Lehrer als „magister artium“ Vorlesungen in der „ars humanitatis“ hielten und ihnen dafür die Gebühren für die Teilnahme an anderen Vorlesungen erlassen wurden, was die Kölner Matrikel 1485 zu Samuel Karoch wie auch 1491 zu Johannes Stammeler von Augsburg bemerkte.„Kölner Universitätsgeschichte 1“, E. Meuthen, 1988, S. 206 f.
Peter von Ravenna
Ein weiterer bekannter Humanist, den die Kölner Universität als Universitätslehrer engagierte, ist Petrus von Ravenna. 1506 suchte sie den in Köln weilenden Juristen durch Aussetzung eines wenngleich bescheidenen Gehaltes für Vorlesungen in beiden Rechten, welche er bereits als angesehener Lehrer an verschiedenen italienischen Universitäten und auch an der zu Wittenberg gelehrt hatte, zu gewinnen. Innerhalb kürzester Zeit erfreuten sich die juristischen Vorlesungen Ravennas, in welche er auch sein humanistisches Gedankengut einbrachte, größter Beliebtheit. Sein relativ kurzer Aufenthalt von 1506 bis 1508 ist durch die Folgen seiner Aufsehen erregenden Äußerungen gegen die deutschen Fürsten zu begründen, die die kirchliche Beerdigung von Hingerichteten verweigerten. Dies verdeutlicht die humanistischen Ansichten Ravennas, welche er somit öffentlich kundtat. Gegen diese Äußerungen wandte sich der dominikanische Inquisitor und Theologieprofessor Jakob van Hoogstraten, welcher weitere mächtige Theologieprofessoren wie Arnold von Tongern, Hauptregent der Laurentianerburse, auf seiner Seite hatte.„Kölner Universitätsgeschichte 1“, E. Meuthen, 1988, S. 212 f. Vermutlich spielte die persönliche Eifersucht dieser auf den erfolgreichen Ravenna, aber auch deren Abneigung gegen seine humanistischen Tendenzen, eine wichtige Rolle bei dessen Kündigung von der Universität. So nahm er bereits im Sommer 1508 seine neue Lehrtätigkeit an der Universität zu Mainz auf.„Kölner Universitätsgeschichte 1“, E. Meuthen, 1988, S. 213 Am Beispiel von Peter von Ravenna ist also gezeigt, wie der Humanismus bzw. dessen Einbettung in den Unterricht an der Universität an Einfluss zunahm, was sich auch an den steigenden Studentenzahlen zu dieser Zeit ablesen lässt.„Kölner Universitätsgeschichte 1“, E. Meuthen, 1988, S. 77
Der Humanismus an der Universität zu Beginn des 16. Jahrhunderts
Darauf reagierten die konservativen, scholastischen Theologen der Universität, wie im Folgenden beschrieben, mit der Zensur. Dass die Reaktion auf den Humanismus erst nach dessen verstärkter Einflussnahme stattfand, ist ein Beleg für die bereits aufgestellte These, wonach die Theologen den Humanismus an der Universität zuerst unterschätzt hatten.
Die Zensur des Humanismus an der Universität
Der Kölner Erzbischof übertrug 1487 das Recht der Zensur auf die Kölner Theologen und Kanonisten, nachdem die Kölner Universität bereits 1479 als erste überhaupt von Papst Sixtus IV. ein unbeschränktes Zensierrecht erhalten hatte. Die Universitätstheologen begannen in Kooperation mit der Stadtverwaltung den Humanismus indirekt zu zensieren, indem sie humanistische Publikationen und Inhalte aus der Universität verbannten, welche die politische und religiöse Stabilität der Stadt bedrohen würden.„Humanism in Cologne“, James Mehl, 1991, S. 15 ff Hierzu muss beachtet werden, dass die Kölner Universität tatsächlich in einer langen erfolgreichen scholastischen Tradition stand und in dieser eine der führenden überhaupt war. Aus dieser Position heraus entwickelte sich eine gewisse Arroganz besonders unter den Theologieprofessoren. Durch ihre konservative Haltung sahen sie keinen Grund, ihre alten bewährten scholastischen Prinzipien und Lehrhaltungen gegen neue humanistische auszutauschen.„Humanism in Cologne“, James Mehl, 1991, S. 44 1508 zensierten die Theologen das Studium heidnischer Poeten, indem sie nur noch das Vergils und früher christlicher Poeten für die Kölner Studenten als sicher befanden und erlaubten. So hinderten die Theologen 1513 Johannes Aesticampianus daran, Vorlesungen über Plinius und Augustinus’ „de doctrina christiana“ zu halten. Damit einher geht die Zensur der Druckereien,„Humanism in Cologne“, James Mehl, 1991, S. 15 unter welchen besonders die Quentelldruckerei hervorzuheben ist, die als größter und wichtigster Publizist humanistischer Werke„Humanism in Cologne“, James Mehl, 1991, S. 20 großen Anteil an der dargestellten Einflussnahme des Humanismus hatte. Eine andere Variante der Zensur zeigt sich in der Aberkennung der Promotion des Humanisten Johannes Frissemius in der theologischen Fakultät. Dieser hielt in der Montanerburse unter anderem auch Vorlesungen über Erasmus, Rudolf Agricola und Cicero und gab dort eine Einführung in die griechische Sprache.„Die Bursen der Kölner Artistenfakultät bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts“, Tewes, 1993, S. 708 Infolge dieser so zusammengefassten Zensur des Humanismus an der Kölner Universität verschwand er weitestgehend von ihr.
Johannes Caesarius