mini|hochkant=1.35|Oberegg 1826 dargestellt von Johann Ulrich Fitzi (1798–1855). mini|Historisches Luftbild von Swissair Photo AG von 1949mini|Oberegg in der Ansicht um 1955 Oberegg ist ein Bezirk im ostschweizerischen Kanton Appenzell Innerrhoden. Als Exklave vom restlichen Kantonsgebiet getrennt, bildet er zugleich den Äusseren Landesteil; alle anderen Innerrhoder Bezirke bilden zusammen den Inneren Landesteil.

Geografie und Besiedlung Oberegg bildet zusammen mit der Appenzell Ausserrhoder Gemeinde Reute den südlichen Teil des Appenzeller Vorderlands. Von den 14,7 km² des Bezirksgebiets sind 51,8 % Wiesen und Felder, 42,5 % sind bewaldet, 5,5 % sind mit Gebäuden oder Strassen bebaut und 0,1 % sind unproduktives Land.Bundesamt für Statistik, Stand 2011

Das Gebiet der Innerrhoder Exklave Oberegg ist in drei geografisch voneinander geschiedene Teile unterteilt. Der westliche, höher gelegene Teil des Bezirks besteht aus dem Dorf Oberegg sowie den grösseren Weilern St. Anton, Honegg und Kapf. Er wird auch «Obere Rhod» genannt. Der östliche, mehr gegen das Rheintal gelegene Teil des Bezirks besteht aus den grösseren Weilern Büriswilen, Eschenmoos und Sulzbach. Er wird auch «Unterer Gang» genannt. Das Bezirksgebiet von Oberegg ist ganz von den Kantonen Appenzell Ausserrhoden und St. Gallen umschlossen. Ebenfalls zum Bezirksgebiet von Oberegg gehört das katholische Kloster St. Ottilia Grimmenstein, welches sich in Walzenhausen Platz befindet.

Oberegg hat vier Dreikantonsecken zu den Kantonen Appenzell Ausserrhoden und St. Gallen (, , , ).

Der Bezirk Oberegg besitzt wie das gesamte Appenzellerland eine ausgeprägte Streusiedlung mit Einzelhöfen, die zum Reiz der Landschaft beiträgt. Eine Ausnahme bildet der Südhang des St. Anton, der hauptsächlich bewaldet ist. Zahlreiche Weiler bilden neben dem Dorf Oberegg heute noch einen wichtigen Siedlungsschwerpunkt. Streusiedlung wie auch Weilersiedlung sind jedoch als Wohnform in Bedrängnis geraten, nicht zuletzt durch die nationale Raumplanungsgesetzgebung, die ein verdichtetes Bauen in Kernzonen fordert. Durch die Ansiedlung neuer Industrie sowie einer starken Bauentwicklung im Dorf seit den 1950er-Jahren hat sich Oberegg als klares Zentrum und Bevölkerungsschwerpunkt des Bezirks etabliert.

Geschichte Ein spätrömischer Münzfund beim Weiler Heilbrunn ist der früheste Hinweis auf die Anwesenheit von Menschen auf dem späteren Bezirksgebiet von Oberegg. Die eigentliche Besiedlung fand als letzte Region des Appenzellerlands vor allem im 12. und 13. Jahrhundert statt. Einzig der Weiler Büriswilen trägt einen frühmittelalterlichen Namen aus der Karolingerzeit. Die Siedler stammten überwiegend aus dem Rheintal, von den Höfen Bernang, Marbach und Altstätten, sowie zu einem kleinen Teil vom Goldachtal her. Sie liessen sich als Familienverbände in Einzelhöfen nieder, deren Parzellen sie zuvor aus dem Wald herausgerodet hatten. Die Neusiedler waren Untertanen des Abtes von St. Gallen, an den auch Abgaben zu entrichten waren. Daneben standen die weltlichen Herren von Rosenberg-Berneck und die Meier von Altstätten. Letztere errichteten an der Wende vom 12. zum 13. Jahrhundert auf heutigem Bezirksgebiet von Oberegg die Burg Hoch-Altstätten.

Das Gebiet des späteren Bezirks Oberegg wurde als Resultat der Appenzellerkriege zu Beginn des 15. Jahrhunderts zur Rhode Trogen geschlagen und damit appenzellisch. Weiterhin wurden jedoch Abgaben ins Rheintal entrichtet – die letzte Ablösung dieser Zehnten geschah erst zu Ende des 16. Jahrhunderts – und auch der Kirchgang führte nach wie vor dorthin. 1428 versuchte der Graf von Toggenburg gewaltsam, im Grenzgebiet von Altstätten appenzellisches Territorium zu erobern, die nationalistische Geschichtsschreibung spricht in diesem Zusammenhang von einer «Schlacht bei Honegg» auf nachmaligem Oberegger Gebiet. Die Grenzen des Appenzellerlands gegen das Rheintal wurden schliesslich 1465 vom Abt von St. Gallen verbrieft. Das Herausbilden eines politischen Selbstbewusstseins auf nachmaligem Oberegger Gebiet innerhalb der Rhode Trogen – namentlich die Gebiete Oberegg und Hirschberg – ist ab der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts nachvollziehbar. So wird 1470 ein Wegrechtsbrief von einer «Nachpurschaft am Hersperg [Hirschberg]» gesiegelt. Der Name Oberegg taucht erstmals 1535 als Weilername in einer Haushaltszählung auf.

Durch das wegen der Reformation im Land Appenzell 1525 eingeführte Kirchhöreprinzip – also dem Prinzip, dass jede Rhode sich für eine Konfession entscheiden musste – bekannte sich die Rhode Trogen zum reformierten Glauben. In Oberegg-Hirschberg verblieben aber trotzdem viele Familien beim alten Glauben, da sie in die paritätischen Rheintaler Kirchgemeinden pfarrgenössig waren. Das führte 1597 bei der Appenzeller Landteilung in die beiden Halbstände Inner- und Ausserrhoden dazu, dass die katholischen Liegenschaften in den nun neu als Halbrhoden bezeichneten Gebieten Oberegg und Hirschberg zu Appenzell Innerrhoden geschlagen wurden, die reformierten Liegenschaften zu Appenzell Ausserrhoden. Als Resultat entstand ein unzusammenhängender, territorialer Flickenteppich. Dieser unbefriedigende Zustand blieb bis ins 19. Jahrhundert bestehen und führte zu einer Reihe von Grenzstreitigkeiten zwischen den Halbständen.

1654 wurde mit dem Bau der Pfarrkirche für die katholischen Bewohner von Oberegg-Hirschberg im Weiler Oberrickenbach begonnen. Der Ort lag auf dem Gebiet der Halbrhode Hirschberg, das nun im Entstehen begriffene Dorf erhielt als Kompromiss den Namen Oberegg. 1658 wurde mit der Weihe der Pfarrkirche auch die Pfarrei errichtet. Die Errichtung einer Kaplanei folgte kurz darauf. Die Stelle war ursprünglich bei der Kapelle Eschenmoos angesiedelt, wechselte jedoch bald ins Dorf. Zur Pfarrei gehört ebenfalls die zu Beginn des 18. Jahrhunderts errichtete Kapelle St. Anton. Bis ins 19. Jahrhundert waren der Pfarrer und der Kaplan für den Schulunterricht zuständig.

In der Zeit der Helvetik (1798–1803) wurden Oberegg und Hirschberg dem Distrikt Wald zugeschlagen, während die Weiler Kapf und Boden zum Distrikt Oberrheintal kamen. Beide Distrikte lagen im neugegründeten Kanton Säntis. Die Oberegger waren mehrheitlich gegen die Neuordnung, was zu einer Verweigerung der Eidesleistung auf die neue Konstitution führte. Daraufhin führten Herisauer Exekutionstruppen eine Entwaffnung der Oberegger durch. Der Eid wurde daraufhin geleistet. Nach Ende der Helvetik kamen Oberegg und Hirschberg als Halbrhoden wiederum zum Kanton Appenzell Innerrhoden. In der Zeit der Mediation (1803–1815) lebten die Streitigkeiten um die Grenzziehung zwischen Inner- und Ausserrhoden im Gebiet Oberegg und Hirschberg wieder auf. Trotz eines von der Tagsatzung eingeführten Schiedsgerichtes konnten die definitiven Grenzen erst nach der Gründung des Bundesstaats und nach erneuten jahrelangen Verhandlungen unter Aufsicht zweier eidgenössischer Vermittler mit einem Schiedsspruch des Bundesrats 1870 gezogen werden. Der Bezirk Oberegg entstand in seiner heutigen Form im Gefolge einer neuen Kantonsverfassung 1872 aus der Fusion der Halbrhoden Hirschberg und Oberegg.

Oberegg erlebte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und bis zum Ersten Weltkrieg eine Gründerzeit, in der die meisten Institutionen und Infrastrukturen neu errichtet oder grundlegend modernisiert wurden. Dazu gehört der Strassenbau, das Postwesen und die Stromversorgung ebenso wie das Vereinswesen, die öffentliche Hand, das Schulwesen oder die Errichtung von gleich zwei Bankinstituten auf Bezirksebene. Zusammen mit der politischen Eigenständigkeit führte dies zu einer ausgeprägten Autonomie, die auch im kollektiven Bewusstsein als solche wahrgenommen wurde. Während die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts als Krisenzeit diesbezüglich keine weitreichenden Veränderungen sah, wurden ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts vermehrt Zusammenarbeiten mit den regionalen Nachbarn angestrebt oder bisher eigenständig wahrgenommene Kompetenzen dem Kanton übertragen. Der Status als Exklave von Appenzell Innerrhoden bringt es mit sich, dass die Wahrnehmung von Oberegg als «Sonderfall» bis heute existiert.

Bevölkerung + Bevölkerungsentwicklung Jahr 1850 1900 1910 1950 2000 2010 2020 Einwohner 2141 2652 2862 2197 1796 1892 1927 Die Bevölkerungsanzahl im Bezirk Oberegg wuchs in den vergangenen Jahren langsam aber stetig. Es handelt sich um ein unproportional kleines Wachstum, wenn man es mit der eher starken Bautätigkeit vergleicht. Im Vergleich mit der Bevölkerungszahl vor rund hundert Jahren zeigt sich ein noch extremeres Bild: So zählte der Bezirk Oberegg 1910 eine Bevölkerung von 2'862 Personen, also fast tausend Menschen mehr als heute. Gründe für diesen markanten Bevölkerungsrückgang gibt es vor allem zwei: Erstens entzog die tiefe Wirtschaftskrise der 1920er- und 1930er-Jahre einem grossen Teil der Bevölkerung die Lebensgrundlagen in der damals vorherrschenden Textilindustrie in Heimarbeit. Eine Auswanderungswelle war die Folge. Zweitens schrumpfte die durchschnittliche Kinderzahl in der Familie zwischen 1910 und 1960 markant. Die Bevölkerungspyramide für den ganzen Kanton Appenzell Innerrhoden zeigt heute eine Flaschenform, das bedeutet, dass die ältere Bevölkerung die jüngere überwiegt. Nach wie vor dominiert die katholische Konfession in der Bevölkerung, gefolgt von Konfessionslosen und Protestanten. Bis zur Einführung der Niederlassungsfreiheit in Appenzell Innerrhoden 1850 durften nur katholische Personen in Oberegg wohnen. Der Anteil von Ausländern an der Wohnbevölkerung beträgt 8,6 %. Diese Zahl liegt weit unter dem Schweizer Durchschnitt von 25,1 %. Die meisten Ausländer stammen aus Deutschland.

Politik und öffentliche Körperschaften mini|hochkant|Fahne mini|hochkant|Ehemaliges Gemeindewappen von Oberegg AI mini|Als einzige Gemeindeorganisation in der Schweiz besitzt Oberegg eine eigene Gebäudeversicherung. Der Bezirk Oberegg wird geführt vom siebenköpfigen Bezirksrat unter der Leitung des Bezirkshauptmanns. Zahlreiche Kommissionen unter Leitung der Bezirksräte fungieren als zusätzliche Gremien. Seit 1968 gibt es im Bezirk Oberegg Urnenabstimmungen und -wahlen. Im Gegensatz zu allen anderen Bezirken Appenzell Innerrhodens wurde die öffentliche Bezirksversammlung abgeschafft. Als erste Frau wurde 1994 Monika Egli in den Bezirksrat gewählt, nachdem das Frauenstimm- und wahlrecht in Appenzell Innerrhoden 1991 eingeführt worden war. Das Amt des Bezirkshauptmanns wurde noch nie von einer Frau geführt. Aktuell ist ausserdem im Bezirksrat keine Frau vertreten.

Der Äussere Landesteil nahm traditionellerweise die Führung eines Gerichtes erster Instanz stets selber wahr. Es handelte sich bis Anfang der 2000er-Jahre um ein siebenköpfiges Laiengremium. 2012 fusionierten die beiden Bezirksgerichte Innerrhodens miteinander. Dieses wird seither professionell von Juristen geführt. Von der Öffentlichkeit kaum bemerkt verlor der Bezirk Oberegg damit einen wichtigen Teil seiner politischen Autonomie.

Oberegg verfügt über ein vollständiges Schulangebot auf primärer und sekundärer Stufe, namentlich über Spielgruppe, Kindergarten, Primarschule und integrierte Oberstufe. Die mindestens seit dem 18. Jahrhundert bestehenden Landschulen im Sulzbach, auf St. Anton und in Kapf-Sturzenhard wurden 2007, 1970 und 1943 aufgehoben. Die 1902 vom Bezirk gegründete Realschule fusionierte 1985 mit der Primarschulgemeinde. 2018 fusionierte die bisher eigenständige Schulgemeinde wiederum mit dem Bezirk.