Ein fliehendes Pferd ist eine Novelle des deutschen Schriftstellers Martin Walser. Sie entstand im Sommer 1977 als Nebenarbeit innerhalb weniger Wochen, wurde aber nach ihrer Veröffentlichung Anfang 1978 zu Walsers bis dahin größtem Erfolg. Sie erlebte gleichermaßen eine sehr positive Aufnahme durch die Literaturkritik wie eine starke Nachfrage durch die Leser. Innerhalb der folgenden 30 Jahre entwickelte sich die Novelle zu einem Bestseller mit einer Gesamtauflage von über einer Million Exemplaren.
Die Novelle schildert das Aufeinandertreffen zweier Paare mittleren Alters im Urlaub am Bodensee. Die beiden Männer, ehemalige Schulfreunde, haben einen ganz unterschiedlichen Lebensweg hinter sich. Während der Gymnasiallehrer Helmut Halm sich mit seiner Ehefrau Sabine von der Welt zurückzieht und sein Glück darin findet, von der Welt verkannt zu werden, jagt der Journalist Klaus Buch dem Erfolg und der gesellschaftlichen Anerkennung hinterher und sucht die Selbstbestätigung auch bei seiner deutlich jüngeren Frau Helene. Im Lauf der Novelle werden beide Lebenseinstellungen in Frage gestellt. Ihren Höhepunkt findet die Auseinandersetzung der Schulfreunde in einem Segeltörn auf dem stürmischen Bodensee, bei dem einer der Kontrahenten über Bord geht.
Inhalt
Seit elf Jahren fahren Helmut Halm, Oberstudienrat am Eberhard-Ludwigs-Gymnasium in Stuttgart, und seine Frau Sabine samt ihrem Spaniel Otto in den Urlaub an den Bodensee. Stets mieten sie beim Ehepaar Zürn dieselbe Ferienwohnung mit vergitterten Fenstern. Das Bild, das Halm der Welt vorspielt, soll möglichst wenig mit seiner Lebenswirklichkeit übereinstimmen. Er fürchtet, je mehr andere von ihm wissen, desto größere Macht gewinnen sie über ihn. Mit seiner Frau Sabine versteht er sich zumeist ohne große Worte. Zum Geschlechtsverkehr zwischen beiden kommt es kaum noch, ihre Beziehung hat einen Zustand von Ruhe und Unbeweglichkeit angenommen, den er genießt. Als Urlaubslektüre hat er sich sämtliche fünf Bände der Tagebücher Kierkegaards vorgenommen.
Durch einen unvermittelt auftauchenden Schul- und Studienkameraden Helmut Halms wird das eingespielte Arrangement gestört. Klaus Buch ist Journalist, gleichermaßen besessen von Fitness wie gesunder Ernährung. Er ist verheiratet mit der deutlich jüngeren Helene. Sogleich wärmt er Erinnerungen an die gemeinsame Vergangenheit mit Helmut auf, was dieser in seinem Bestreben, von der Welt verkannt zu werden, nur mit Unbehagen über sich ergehen lässt. Gegen seinen Willen treffen sich die Paare zu weiteren Freizeitaktivitäten. Dabei polemisiert Klaus Buch aus der scheinbar überlegenen Warte des geistig und sexuell befreiten Erfolgsmenschen gegen das verklemmte und spießige Kleinbürgertum, während sich Helmut mit der Verteidigung seiner Lebensweise in die Defensive gedrängt sieht. Sabine zeigt sich von der Lebenslust, die Klaus Buch versprüht, angezogen. Helmut hingegen fühlt sich von der ungezwungen zur Schau gestellten Erotik Helenes gleichzeitig erregt wie geniert.
Bei einer Wanderung auf den Höchsten kommt es zu einem symbolischen Moment, als ein ausgerissenes Pferd auf die Gruppe zugaloppiert. Klaus gelingt es, das Pferd einzufangen, woraufhin er erklärt: „Einem fliehenden Pferd kannst du dich nicht in den Weg stellen. Es muss das Gefühl haben, sein Weg bleibt frei. Und: ein fliehendes Pferd lässt nicht mit sich reden“.Walser: Ein fliehendes Pferd (1980), S. 90. An einem der folgenden Tage unternehmen die beiden Männer allein einen Segeltörn, bei dem Klaus seinen Freund zu einer gemeinsamen Zukunft auf den Bahamas zu überreden versucht. Die ohnehin gespannte Situation eskaliert, als das Boot in einen Sturm gerät. Klaus begreift den Kampf mit den Elementen als Herausforderung und steuert hart am Wind. Helmut befürchtet in Todesangst, der Freund werde das Schiff kentern lassen. Er stößt Klaus die Pinne aus der Hand, worauf dieser über Bord geht und abgetrieben wird.
Nach Abflauen des Sturms kehrt Helmut allein zu den beiden Frauen zurück. Im Glauben, Klaus sei gestorben, enthüllt Helene die Verlogenheit ihres Lebens an dessen Seite: Klaus war von Selbstzweifeln zerfressen, glaubte nicht an seine Fähigkeiten als Journalist, sah sich als Versager und „Verbrecher“, der der Welt nur etwas vormache. Seine Frau, eine ausgebildete Pianistin, hielt er absichtlich klein und untersagte ihr die Musik, um sich ihr gewachsen zu fühlen. In der Begegnung mit Helmut lag für ihn die Rettung aus seiner Hoffnungslosigkeit, an der Vernunft und Ausgeglichenheit des alten Jugendfreunds hoffte er zu genesen. Inmitten Helenes Klavierspiels tritt Klaus Buch in die Ferienwohnung. Wider Erwarten hat er den Sturm überlebt, und Helene tritt sogleich an seine Seite. Die Paare trennen sich, ohne dass es zu einem Blickwechsel zwischen Helmut und Klaus kommt. Halms reisen vorzeitig ab. Auf der Zugfahrt nach Montpellier erzählt Helmut Sabine die Geschichte des Urlaubs, sein letzter Satz ist der Beginn der Novelle.
Erzählstil
Erzähltechnisch bemerkenswert ist die starke Fokalisierung, die die Dinge aus der Sicht von Helmut erscheinen lässt und durch die der Leser tiefe Einblicke in sein Innenleben erhält.
Stellung in Walsers Gesamtwerk
Ein fliehendes Pferd war in Walsers Werk in mehrfacher Hinsicht ein Wendepunkt. Die Novelle erwies sich als der Bestseller, auf den Walser, obwohl längst ein etablierter Schriftsteller, lange hatte warten müssen. Der Erfolg bei Publikum wie Kritik brachte Walser die finanzielle Sicherheit, sich vollkommen auf seine schriftstellerische Tätigkeit konzentrieren zu können.Jörg Magenau: Martin Walser, Rowohlt, Reinbek 2008, ISBN 978-3-499-24772-9, S. 357.
Inhaltlich wurde die Novelle vielfach als Abkehr von Walsers früheren politischen Positionen hin zu einer Neuen Subjektivität gewertet. So urteilte Marcel Reich-Ranicki in seiner lobenden Rezension, Walser habe „offenbar nicht mehr den Ehrgeiz, mit der Dichtung die Welt zu verändern. Er will nur ein Stück dieser Welt zeigen. Mehr sollte man von Literatur nicht erwarten.“Marcel Reich-Ranicki: Martin Walsers Rückkehr zu sich selbst. In: FAZ, 4. März 1978. Jörg Magenau übersetzte dies als: „Er hat sich vom Sozialismus losgesagt und bekommt dafür nun den Lohn.“Magenau: Martin Walser, S. 354. Walser selbst verwahrte sich gegen eine solche Wertung. „Wo, wo hätte ich diesen Ehrgeiz ausgedrückt, wo? Ich habe immer gesagt: Ein Autor verändert im besten Fall dadurch, daß er schreibt, sich selber.“ Gleichzeitig sei Ein fliehendes Pferd durchaus kein unpolitisches Buch: „Wenn ich die Novelle anschaue, dann scheint mir das kein privater Befund zu sein, wie diese beiden Männer, Halm und Buch auf verschiedene Weise Schein produzieren, Konkurrenzhaltungen leben, die gewissermaßen die Person auffressen.“Magenau: Martin Walser, S. 354–355. Der politische Hintergrund der Novelle sei, dass sie sich nur in unserer Gesellschaft auf diese Weise abspielen könne.Struck: Martin Walser: Ein fliehendes Pferd, S. 62.
Auch stilistisch bedeutete Ein fliehendes Pferd eine Wende im Werk Walsers. Gerald A. Fetz konstatierte in der Novelle „die diszipliniertere Sprache, die größere Überschaulichkeit der Handlung, die klar nachvollziehbare Fabel – es gibt sogar ‚Action‘! – die abgeschlossenere Form und die allgemeine Verständlichkeit“ gegenüber Walsers früheren Romanen.Zitiert nach: Fetz: Martin Walser, S. 121. Joachim Kaiser vermisste deren „tausendmal anfechtbareren, tausendmal herrlicheren Seelen- und Wort-Dschungel“ in der Novelle. Und Martin Lüdke konstatierte, der „stetig steigende Unterhaltungswert“ von Walsers Prosa fordere einen hohen Preis: „Walsers Rückgriff auf die überlieferten literarischen Formen [Novellenform] läuft einher mit dem Rückgriff auf eine längst zerdepperte Bewußtseinsform. […] Martin Walser bewegt sich auf die fließende Grenze zu, die ‚Literatur‘ von ‚Unterhaltung‘ trennt.“
Wie in vielen anderen Werken Walsers ist auch der Protagonist aus Ein fliehendes Pferd mit Zügen seines Autors ausgestattet. So schrieb Paul F. Reitze in einer Rezension der Novelle: „Sein Hauptthema heißt Walser. Die eigene Person wird zerlegt, wird mit dem spitzen Aperçumesser in Viertelstücke und Hälften tranchiert.“Paul F. Reitze: Die Reise nach Philippsburg. In: Rheinischer Merkur vom 24. März 1978. Die Nähe Walsers zu Helmut Halm reicht von dessen Midlife-Crisis – Walser selbst war wenige Monate vor Entstehung der Novelle 50 geworden – über die räumliche Umgebung – Walser wohnt in Nußdorf am Bodensee – bis zur kleinbürgerlichen Perspektive Halms. Walser erklärte zur Figurenkonstellation in Ein fliehendes Pferd: „ich war, als ich das Buch schrieb, der Meinung, ich vertrete mit meiner Spielfigur Helmut Halm einfach meine eigene Position gegenüber einer Reihe von Figuren, die ich in Wirklichkeit kenne und die ich zusammengefasst habe in der Figur Klaus Buch.“Struck: Martin Walser: Ein fliehendes Pferd, S. 61. Andere Leser sahen in den beiden männlichen Protagonisten zwei Seiten von Walsers Persönlichkeit. Laut Hans-Erich Struck sei Walser wie Klaus Buch ein guter Segler und er besitze wie dieser eine besondere Empfindlichkeit gegen Abhängigkeit und Beleidigung.Struck: Martin Walser: Ein fliehendes Pferd, S. 61–62. Für Michael Zimmer spaltete Walser seine Biografie als Germanist in die Alternativen Gymnasiallehrer und Journalist auf, die er in der Novelle durchspiele.Zimmer: Martin Walser: Ein fliehendes Pferd, S. 77.
Der Handlungsort und das Personal der Novelle kehren in Walsers Werk mehrfach wieder. Die besondere Beziehung des Autors zu seiner Heimat am Bodensee drückte sich im zweiten 1978 erschienenen Buch Heimatlob aus, das Texte von Walser mit Aquarellen des Malers André Ficus verband. 1985 schrieb Walser mit dem Roman Brandung das Leben von Sabine und Helmut Halm fort und versetzte sie vom heimischen Bodensee nach Kalifornien, wo Halm eine Gastprofessur an einem amerikanischen College annahm. Gottlieb Zürn, der Vermieter der Ferienwohnung der Halms, ist die Hauptperson von Walsers Romanen Das Schwanenhaus, Jagd und Der Augenblick der Liebe.
Entstehungsgeschichte
Ein fliehendes Pferd entstand im Sommer 1977 während Walsers Arbeit an seinem Roman Seelenarbeit. Nachdem eine erste Fassung von Seelenarbeit Ende Juli 1977 fertiggestellt war, wollte sich Walser nach eigener Aussage „für eine Durcharbeitung des Romans möglichst weit vom Geschriebenen […] entfremden“ und wandte sich daher einer Novelle zu, die innerhalb von vierzehn Tagen als Lockerungsübung entstand. Walser nannte Ein fliehendes Pferd eine „rasch wegzischende Sommerarbeit“ und sandte bereits am 8. September 1977 das Manuskript an Siegfried Unseld, seinen Verleger beim Suhrkamp Verlag. Dessen Reaktion war positiv: „Ich gratuliere Dir und mir und uns“. Die Startauflage für das folgende Frühjahr wurde auf 25.000 Exemplare angesetzt. Zudem erschien die Novelle als Vorabdruck ab dem 24. Januar 1978 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.Magenau: Martin Walser, S. 349–351.
Ausgerechnet in der FAZ hatte Martin Walser mit seinem letzten, im Frühjahr 1976 erschienenen Roman Jenseits der Liebe den bislang schärfsten Verriss seiner Karriere hinnehmen müssen. Schon der Titel, unter den Marcel Reich-Ranicki seine Rezension stellte, Jenseits der Literatur, sprach aus, was der Kritiker von Walsers letztem Werk hielt. Reich-Ranicki urteilte über Jenseits der Liebe: „Ein belangloser, ein schlechter, ein miserabler Roman. Es lohnt sich nicht, auch nur ein Kapitel, auch nur eine einzige Seite dieses Buches zu lesen.“ Er beklagte den schriftstellerischen Niedergang Walsers, der einst als Hoffnung der Nachkriegsliteratur gehandelt worden sei, nun aber „die Worte nicht mehr halten“ könne.Magenau: Martin Walser, S. 343.
Rezeption