miniatur|Türme und Westwerk der Kilianikirche bestimmen das Stadtbild von Höxter miniatur|St. Kiliani: Innenraum

Die Kilianikirche ist die evangelische Gemeindekirche der Stadt Höxter. Sie gehört der Evangelischen Kirche von Westfalen an. Die unter Denkmalschutz stehende Kirche, die wie die gotische Marienkirche zur Evangelischen Kirchengemeinde Höxter gehört, trägt die Plakette der Initiative „Offene Kirchen“ der Evangelischen Kirche von Westfalen.Initiative „Offene Kirchen“ der Evangelischen Kirche von Westfalen, gesehen am 29. März 2011.

Geschichte Das Patrozinium des heiligen Kilian, eines irischen Wanderbischofs aus dem 7. Jahrhundert, verweist wie beim Paderborner Dom auf eine Missionierung durch das Bistum Würzburg. Im Mittelalter war die 1075 urkundlich belegte Kilianikirche, deren Pleban erstmals 1232 genannt ist, einer der elf Archidiakonatsbezirke des Bistums Paderborn.Wolfgang Leesch: Die Pfarrorganisation der Diözese Paderborn am Ausgang des Mittelalters. In: Heinz Stoob (Hrsg.): Ostwestfälisch-weserländische Forschungen zur geschichtlichen Landeskunde. Aschendorff, Münster 1970, S. 335. Die Vorhalle der Kilianikirche diente während des Mittelalters (belegt 1272, 1278 und 1281) regelmäßig zu Gerichtshandlungen.

1533 wurde seitens des Magistrats in Höxter an allen drei Hauptkirchen der Stadt auf Betreiben des hessischen Landgrafen Philipp die Reformation eingeführt. Erster evangelischer Pfarrer an der Kilianikirche bis 1538 wurde Johannes Winnistedt aus Einbeck. Sein Nachfolger Mollner, der sich dem Augsburger Interim nicht beugen wollte, resignierte 1548 sein Amt, worauf die Kilianikirche für zwei Jahre geschlossen wurde. Der Versuch des Bürgermeisters Fuchs, in der Folgezeit den Calvinismus einzuführen und die vertriebenen lutherischen Prediger durch reformierte zu ersetzen, scheiterte am Widerstand des lutherisch verbliebenen Rats.

In Übereinstimmung mit dem Augsburger Religionsfrieden von 1555 hatte um 1600 der Corveyer Abt Dietrich von Beringhausen die Gegenreformation in Höxter durchzusetzen versucht. Als aber der Rat auf sein Besetzungsrecht der Pfarrstellen beharrte, ließ der Abt wiederum die Kilianikirche schließen. Infolge des Restitutionsedikts von 1629 wurde Höxter wieder katholisch, so dass Abt Johann Christoph von Brambach 1631 von der Kilianikirche aus die Fronleichnamsprozession leiten konnte. Der Dreißigjährige Krieg brachte, nachdem Gustav II. Adolf 1632 Höxter eroberte, einen mehrfachen Wechsel der Konfessionszugehörigkeit; erst 1674 wurde durch den Administrator des Corveyer Landes, Fürstbischof Christoph Bernhard von Galen, der evangelischen Seite die Kilianikirche zusammen mit der Petrikirche endgültig zugesprochen, während die Nikolaikirche katholisch blieb.Reinhard Schreiner: Ein Stück Geschichte der Stadt Höxter: Wie Höxter evangelisch wurde. digitalisat

Mit dem Abbruch der Petrikirche 1810 wurde die Kilianikirche, der zunächst ein gleiches Schicksal drohte, die einzige evangelische Pfarrkirche Höxters. 1817 wurde auch in der Kirchengemeinde Höxter die Preußische Union, d. h. die Vereinigung der reformierten und lutherischen Gemeinden zur Unierten Kirche, eingeführt. Ab 1818 gehörte Höxter kirchlich zur Synode Bielefeld, 1841 wurde in der Kilianikirche der Kirchenkreis Paderborn gegründet. 1847 kam Konrad Beckhaus nach Höxter, zunächst als Hilfsgeistlicher, um von 1851 bis 1890 als Pfarrer an Kiliani sowie seit 1857 als Superintendent für den Kirchenkreis Paderborn zu wirken. 1848 gründete er mit engagierten Höxteraner Bürgern den evangelischen Verein für Innere Mission, aus dem später das St.-Petri-Stift hervorging.H. Gehring: Konrad Beckhaus, ein Mann der Kirche und ihrer Diakonie; 1821–1890. Höxter 1992. Unter Beckhaus wurde 1855 der Vertrag mit der Stadt Höxter abgeschlossen, die auf das Patronat über die Kirchengemeinde verzichtete, aber die Baulast für den Südturm der Kilianikirche übernahm, und schließlich 1880 bis 1882 die Restaurierung durchgeführt.

In der Nacht vom 10./11. Mai 1902 brannte der südliche Kirchturm durch Blitzschlag aus und wurde nachfolgend wiederhergestellt.

Baugeschichte miniatur|hochkant|Raumarchitektur mit romanischen Säulen und Bögen miniatur|Grundriss der Kilianikirche mit eingezeichnetem Vorgängerbau Der heutige Kirchenbau der Kilianikirche entstand in mehreren Bauabschnitten, deren Kern die romanische Basilika bildet. Ihr zweitürmiges Westwerk aus dem 11. Jahrhundert dominiert städtebaulich die Altstadt. Vorbild für den zweitürmigen Ausbau des karolingischen Westwerks war das der nahegelegenen Abteikirche Corvey.

Errichtung eines Vorgängerbaus um 800 Bei Umbauarbeiten im Jahre 1961 wurden Fundamente eines älteren, wesentlich kleineren Vorgängerbaus freigelegt. Dieser Saalbau hatte eine Unterteilung im Westen und einen Chorraum mit quadratischem Grundriss. Das Alter dieses Saalbaues ließ sich durch Scherbenfunde und zahlreiche Bestattungen innerhalb und außerhalb in die Zeit zwischen 780 und 800 datieren – er wurde also noch vor der im Jahre 806 erfolgten Gründung des Bistums Paderborn errichtet.

Bau einer Basilika um 1100 Eine neue Kirche wurde im 11. Jahrhundert aus Wesersandstein erbaut und am 8. Juli 1075 geweiht. Ursprünglich war sie eine Pfeilerbasilika, eine flach gedeckte Hallenkirche, mit zwei Seitenschiffen, und mit geradem Chorabschluss im Osten und im Westen. Heute lässt noch das gegenüber dem Hauptschiff niedriger gehaltene nördliche Seitenschiff mit dem romanischen Nordportal die reine basilikale Form erkennen.

Einwölbung um 1200 Ein weiterer Bauabschnitt etwa 100 Jahre später veränderte das Bild der Kirche völlig: Sie erhielt ein Gewölbe. Dazu wurden unter dem Gewölbeansatz Pfeilervorlagen eingefügt. Diese wurden in den Seitenschiffen mit Halbsäulen und reich verzierten Kapitellen geschmückt. Eine völlig neue Raumwirkung ergab sich dadurch, dass die richtungsbetonte Architektur der ursprünglichen Basilika nun sowohl im Haupt- als auch in den Seitenschiffen einer Aufteilung des gesamten Raumes in mehrere fast quadratische Gewölbe wich.

Bau der Turmhelme Die Frage, wann im Laufe der langen Geschichte der Kilianikirche die ursprünglich flachen romanischen Turmdächer durch die heutigen schlanken Turmhelme ersetzt worden sind, konnte bisher offenbar noch nicht geklärt werden. Charakteristisch ist die das Stadtbild prägende unterschiedliche Höhe der beiden Türme: der Nordturm, der „Gemeindeturm“, ist 48 m hoch. Als Wetterfahne hat er einen Hahn, der die Macht Gottes verkörpern soll. Der Südturm, auch als „Stadtturm“ bezeichnet, ist nur 45,65 m hoch. Der Reichsadler ist das Symbol für die niedriger eingestufte weltliche Macht. In der früher Neuzeit wird er auch als Hausmannsturm überliefert, der von einem angestellten Türmer besetzt wurde. Im Untergeschoss befand sich das Ratsarchiv.

Ausbau zu einer zweischiffigen Hallenkirche um 1400 In den Jahren 1391 bis 1412, also in der Spätgotik, wurde das südliche Seitenschiff abgebrochen. Man nahm zwei der drei südlichen Arkadenpfeiler heraus und spannte zwischen den verbliebenen Pfeilern zwei höhere Arkadenbögen mit doppeltem Radius. Während dieser Umgestaltung zur Hallenkirche entstand auch das heute noch vorhandene gotische Südportal. Die heute auf den vorgelegten Säulen im Hauptschiff angebrachten Kapitelle entstammen dem ehemaligen südlichen Seitenschiff.

Der Chorraum erhielt – vermutlich zur gleichen Zeit – ein gotisches Kreuzrippengewölbe, das höher war als das ursprüngliche romanische.

Anbau der Annenkapelle um 1500 Zwischen 1500 und 1515 wurde an der Nordseite der Kirche, parallel zum Seitenschiff, die Annenkapelle angebaut, ein länglicher Raum mit Kreuzrippengewölbe, ursprünglich mit einem Giebel gekrönt.

Einrichtung eines zweiten Südportals 1562 Erst in nachreformatorischer Zeit wurde, offenbar wegen des seit der Reformation stark angewachsenen Kirchenbesuchs, ein weiteres Portal im südlichen Querhaus ausgebrochen. Die Steinmetzarbeiten (außen am Querhaus) gehören zu den besten Werksteinarbeiten der Kirche.

Anbau der Sakristei um 1600 miniatur|Blick aus dem Südschiff Richtung Annenkapelle Aus der Zeit der Renaissance stammt die Sakristei im Winkel zwischen nördlicher Chorwand und Querhaus. Aus jener Zeit erhalten sind das Kreuzrippengewölbe und ein Fenster.

Restaurierung 1881/1882 Während einer zweijährigen Restaurierungsphase, in der die zu jener Zeit als Lagerraum zweckentfremdete gotische Marienkirche als behelfsmäßige Ausweichkirche diente, wurde der steinerne Lettner, der bis dahin die Barockorgel samt barocker Balustrade getragen hatte, durch eine große hölzerne Empore ersetzt. Die Kirche wurde mit Bänken im neogotischen Stil ausgestattet, von denen noch ein beträchtlicher Teil erhalten ist. Andere zuvor vorgeschlagene Maßnahmen wurden glücklicherweise nicht in die Tat umgesetzt: die „Entfernung der in schlechter Renaissance ausgeführten Bekleidung der Empore, der Kanzel, des sehr dürftigen Altars und des Orgelprospektes und Neubeschaffung in romanischer Bauweise“ sowie die Entfernung des Taufsteines.

Zerstörung des Nordturms 1901 Im Jahr 1901 brannte der Nordturm, verursacht durch Blitzeinschlag, aus. Der Turmhelm wurde dabei völlig zerstört. Der Turm konnte erst nach über einem Jahr wiederhergestellt werden.

Bau des Westportals und Schließung des Ostfensters 1937 Das Westportal zwischen den beiden Kirchtürmen wurde erst im Jahre 1937 aus der Mauer gebrochenFoto von 1901 (Kirche ohne Westportal) auf der Webseite der Barockorgel gesehen am 22. März 2011. und gleichzeitig der vordere Teil der Orgelempore tiefer gelegt. Das Ostfenster im Chorraum wurde zugemauert und erst wieder bei der letzten Kirchensanierung geöffnet.

Guss des bestehenden Geläuts 1921/1949 Die Gemeinde musste sich mehrfach von ihren Glocken trennen: 1810/11 bei der Übernahme des Geläuts aus der ehemaligen Petrikirche und während der beiden Weltkriege zur Einschmelzung für Rüstungszwecke. Das Glockengeläut der Kilianikirche befindet sich im Südturm.

Die älteste erhalten gebliebene Glocke stammt aus dem Jahre 1921 und trägt die Inschrift Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben. Diese Glocke aus Bronze wiegt 350 kg. Bei einem Durchmesser von 920 mm erzeugt sie den Schlagton as1. Die Gedächtnisglocke aus dem Jahr 1949 trägt die Inschrift Daran haben wir erkannt die Liebe, daß Er sein Leben für die Brüder lasse. Sie ist aus Gussstahl (Bochumer Verein), wiegt 1.300 kg und erzeugt bei einem Durchmesser von 1.430 mm den Schlagton f1. Die große Betglocke entstand zusammen mit der Gedächtnisglocke im Jahr 1949. Jene trägt die Inschrift O Land, Land, Land höre des Herren Wort. Ihr Gewicht liegt bei 1.800 kg und sie erzeugt bei einem Durchmesser von 1.605 mm den Schlagton es1. Eine vierte Glocke ist außen am Turmhelm unter einem kleinen Dachvorbau sichtbar. Sie ist wesentlich kleiner und schlägt viertelstündlich die Zeit.

Sanierungsphasen in neuerer Zeit In den Jahren 1961/62, 1966/67, 1984/85 und 2005–2007 fanden umfangreiche Sanierungsarbeiten am Kirchengebäude statt. Waren die ersteren vor allem zur statischen Sicherung des Gebäudes notwendig, das seine Erbauer nicht für die Belastung durch ein Gewölbe ausgelegt hatten, so wurde die letzte Sanierung notwendig durch die Explosion eines Wohnhauses in unmittelbarer Nachbarschaft der Kirche im September 2005, die auch an der Kirche große Schäden anrichtete.

Ausstattung Die mittelalterliche Ausstattung der Kirche ging in den Wirren der Reformationszeit verloren, mit Ausnahme einer gotischen Stollentruhe, die heute in der Gedenkkapelle im Untergeschoss des Südturmes zu besichtigen ist.