mini|hochkant=1.7|Kameramann Billy Bitzer bei der Vorbereitung eines Phantom Ride (Publicityfoto), um 1900 Als Phantom Ride [], also ‚scheinbare oder geisterhafte Fahrt‘, wird ein Genre der frühen Filmgeschichte bezeichnet, das um 1900 besonders in Großbritannien und den Vereinigten Staaten populär war. Zur Erstellung der Phantom Rides wurde eine Filmkamera an die Spitze einer Lokomotive montiert, welche die Fahrt als Point-of-View-Shot aufzeichnete.

Die dynamischen Präsentationen von Landschaften in den Phantom Rides waren die ersten Beispiele für Kamerafahrten in der Filmgeschichte. Als Vorläufer der Reisefilme stellen sie eine Vorform der Dokumentarfilme dar. Eine moderne Variante sind die Führerstandsmitfahrten, die seit den 1990er Jahren im Nachtprogramm einiger Fernsehsender ausgestrahlt wurden.

Die Phantom Rides sind auch für die Entwicklung des narrativen Films von Bedeutung, da sie zur Etablierung des Filmschnitts als künstlerischem Ausdrucksmittel beitrugen. Aufgrund ihrer Vermarktung als Attraktion in Vergnügungsparks ab 1905 unter dem Namen Hale’s Tours and Scenes of the World können sie außerdem als Vorbild für Fahrsimulatoren betrachtet werden.

Ursprünge mini|Ansichten wie diese Fotografie aus den 1880er-Jahren waren Vorbild der Phantom Rides. Die Entstehungsgeschichte des Kinos ist eng verbunden mit den ersten Vorführungen der Brüder Lumière, deren Film L’Arrivée d’un train en gare de La Ciotat mit der Einfahrt eines Zuges in einen Bahnhof zu den bekanntesten Beispielen des frühen Kinos zählt. Die hohe Popularität der Lumière-Filme führte zu zahlreichen Kopien des Sujets, das bereits vor der Entwicklung des Films zu einem Massenmedium bei Vorführungen der Laterna magica zum Einsatz kam. Fotografen wie Burton Holmes hatten in ihre Reisevorträge Landschaftsansichten, die aus fahrenden Zügen heraus aufgenommen wurden, integriert.Tom Gunning: „The Whole World Within Reach“ – Travel Images without Borders. In: Virtual Voyages: Cinema and Travel, S. 25–26.

Bereits 1896 – wenige Monate, nachdem die Vorführungen des Cinématographe zu einem Sensationserfolg in Paris wurden – entstand in Rennes ein Film, bei dem die Filmkamera auf dem Kuhfänger einer Dampflokomotive montiert wurdeStephen Bottomore: The Panicking Audience?: early cinema and the ‚train effect‘. Historical Journal of Film, Radio and Television, Vol. 19, No. 2, 1999, S. 208. und so – ähnlich wie bei den bereits bekannten Aufnahmen der Reisefotografen – die Bewegung des Zuges durch die Landschaft direkt aufgezeichnet werden konnte. In kurzer Zeit entwickelten sich die so aufgenommenen Eisenbahnfilme zu der beliebtesten Variante der dokumentarischen Landschaftsansichten (meist bezeichnet als Panorama, pris d’un train … ‚vom Zug aus gefilmtes Panorama‘) und Reisefilme, die in den Katalogen der Brüder Lumière den Hauptteil der Filme ausmachten.Christa Blümlinger: Lumière, der Zug und die Avantgarde, S. 28

Dank ihres weltweiten Vertriebsnetzes für fotografisches Zubehör gelang es den Brüdern Lumière, Ansichten aus der ganzen Welt aufzunehmen und zu vertreiben. Der französische Kameraoperateur Alexandre Promio positionierte im Herbst 1896 den Cinématographe in einem venezianischen Vaporetto und filmte analog zu den Point-of-View-Shots der Eisenbahnfilme den Canal Grande (Panorama du Grand Canal vu d’un bateau). Auch andere Verkehrsmittel wie Straßen- und Untergrundbahnen oder Automobile wurden eingesetzt und dienten somit als Vorläufer der heutigen Kamerawagen.

Zu einer Zeit, als die Filmkamera fest auf einem Stativ stand und Kameraschwenks noch nicht als filmische Mittel verwendet wurden, gelang es den Kameraoperateuren mit diesen Filmen erstmals, nicht nur Bewegung aus einer starren Position heraus aufzunehmen, sondern mittels einer Kamerafahrt selbst Bewegung zu erzeugen. Der panoramatische Blick des Reisenden, der durch die hohen Geschwindigkeiten der Eisenbahn beim Durchfahren der Landschaften den Verlust des Bildvordergrundes hinnehmen musste,Wolfgang Schivelbusch: Geschichte der Eisenbahnreise: Zur Industrialisierung von Raum und Zeit im 19. Jahrhundert. Ullstein, Frankfurt am Main 1994, ISBN 3-548-35015-1, S. 81. übertrug sich auf die Phantom Rides. Die deutlich wahrnehmbare subjektive Kamera vermittelt laut dem Filmhistoriker Tom Gunning „den Eindruck eines sich durch den Raum bewegenden Auges, wodurch der Akt des Sehens selbst ebenso deutlich sichtbar wird wie die gezeigte Ansicht.“Tom Gunning: Vor dem Dokumentarfilm, S. 115. Die Kamera trete buchstäblich selbst als Reisender auf.

Verbreitung der Phantom Rides mini|Ausschnitt aus dem britischen Film View From An Engine Front – Ilfracombe (gedreht auf der Bahnstrecke Barnstaple–Ilfracombe) 1897 imitierte erstmals die American Mutoscope Company mit einer gefilmten Durchfahrt des New Yorker Haverstraw-Tunnels die Lumière’schen Eisenbahnfilme. Hier wurde auch der Begriff Phantom Ride geprägt. So sah sich im Sommer 1897 der Rezensent des Journals Phonoscope beim Betrachten des Films The Haverstraw Tunnel als Passagier einer geisterhaften Eisenbahnfahrt („passenger on a phantom train ride“), die ihn „mit einer Geschwindigkeit von beinahe einer Meile pro Minute durch den Raum wirbelt. Es gab keinen Rauch, kein Anzeichen eines erbebenden Fahrgestells oder schmettender Räder.“zitiert in: Charles Musser: Moving towards fictional narratives, S. 94. Gerade bei den Phantom Rides zeigte sich die anfängliche technische Überlegenheit des Biograph-Filmprojektors der American Mutoscope Company gegenüber Edisons Vitaskop-Filmen. Da beim Biograph im Gegensatz zum bisher üblichen 35-mm-Film der doppelt so breite 70-mm-Film verwendet wurde, hatten die Landschaftsdarstellungen eine bis dahin unbekannte Klarheit und Detailfülle.

Vorführungen von The Haverstraw Tunnel in London machten die Phantom Rides in kurzer Zeit in Großbritannien äußerst populär.Peter Zimmermann: Geschichte des dokumentarischen Films in Deutschland: Band 1 Kaiserreich 1895–1918. Reclam, Stuttgart 2005, ISBN 3-15-010584-6, S. 84. Die Theaterzeitschrift Era schrieb begeistert, dass dem Zuschauer noch nie zuvor ein so aufregendes und sensationelles Abbild der Realität geboten wurde.zitiert in: John Barnes: The Beginning of the Cinema in England 1894–1901. Volume 2: 1897. University of Exeter Press, Exeter 1996, ISBN 0-85989-519-X, S. 145. Das Satiremagazin Punch karikierte dagegen den Geschwindigkeitsrausch, den die gebannten Zuschauer beim Betrachten der Eisenbahnfahrten verspürten.zitiert in: Stephen Bottomore: The Panicking Audience?: early cinema and the ‚train effect‘. Historical Journal of Film, Radio and Television, Vol. 19, No. 2, 1999, S. 195–196.

Britische Filmemacher fertigten unverzüglich eigene Phantom Rides an. Vor allem der Filmpionier Cecil Hepworth wurde zum führenden Produzenten dieses neuen Genres. Hepworth entwickelte zum Ende des Jahrzehnts eine neue Kamera mit einem besonders großen Filmmagazin, um mehrminütige Fahrten aufzuzeichnen. Im Jahr 1899 produzierte er mit Dalmeny to Dumfermline, Scotland, via the Firth of Forth Bridge einen zwölf Minuten langen Streifen, der stolz als „der längste, pittoreskeste und interessanteste Film, der jemals produziert wurde“,zitiert in: John Barnes: The Beginning of the Cinema in England 1894–1901. Volume 4: 1899. University of Exeter Press, Exeter 1996, ISBN 0-85989-521-1, S. 269–271. beworben wurde. Zuvor wurden bereits Filmreihen wie die 1898 bei Charles Urbans Warwick Trading Company veröffentlichten Phantom Rides View From An Engine Front im Paket angeboten, so dass eine zusammenhängende Bahnfahrt zwischen zwei Stationen vorgeführt werden konnte. Die American Mutoscope Company setzte einzelne, nur eine Minute dauernde Filme einer Zugfahrt in Brooklyn so geschickt zusammen, dass der Eindruck einer kontinuierlichen Einstellung entstand.David Robinson: From Peep Show to Palace: The Birth of American Film. Columbia University Press, New York 1996, ISBN 0-231-10338-7, S. 75. So trugen die Phantom Rides zu der Entwicklung längerer Filme bei.Frank Gray: The Kiss in the Tunnel (1899). G. A. Smith and the emergence of the edited film in England. In: The Silent Cinema Reader (Hrsg. Lee Grieveson und Peter Krämer). Routledge, London 2004, ISBN 0-415-25284-9, S. 51–62.

Vom Phantom Ride zum narrativen Film Auch bei der Entwicklung des narrativen Films lieferten Phantom Rides wichtige Beiträge. Im Februar 1899 filmte der Brightoner Filmpionier George Albert Smith im Studio eine komische Szene, in der ein elegant gekleideter Mann mit einer Frau in einem Zugabteil flirtet und sie schließlich – im Schutze der Dunkelheit beim Durchfahren eines Tunnels – leidenschaftlich küsst. Diese Szene montierte er in einen Phantom Ride von Cecil Hepworth, so dass die Sekunden des Films, in denen der Zug einen Tunnel durchfuhr, mit dem neu gefilmten Material gefüllt werden konnten. Der so entstandene Film The Kiss in the Tunnel gilt als eines der frühesten und bekanntesten Beispiele des szenischen Filmschnitts.Hans Beller: . In: Onscreen/Offscreen. Grenzen, Übergänge und Wandel des filmischen Raumes (Hrsg. Hans Beller, Martin Emele, Michael Schuster). Hatje Cantz, Stuttgart 2000, ISBN 3-7757-9035-7, S. 11–49.

Smiths Film wurde ein großer Erfolg und trug mit dazu bei, den unsichtbaren Schnitt als die wichtigste Montagetechnik des klassischen Films zu etablieren. Zahlreiche andere Filmemacher kopierten die Szene und entwickelten ihre eigenen Varianten, so Ferdinand Zecca in Une idylle sous un tunnel (1901), Siegmund Lubin in Love in a Railroad Train (1903) und Edwin S. Porter in What Happened in the Tunnel (1903). Diese Filme wurden von den Filmvorführern zur Auflockerung der Phantom Rides gezeigt, eine festgelegte Szenenfolge lag also noch nicht vor. Dieses änderte sich 1903, als Edwin S. Porter nach den Erfahrungen des in mehreren Einstellungen gedrehten Films A Romance of the Rail mit Der große Eisenbahnraub einen der ersten komplexen narrativen Filme fertigstellte, in dem die Eisenbahn zwar noch eine große Rolle spielte, auf die Verwendung von Point-of-View-Shots aber verzichtet wurde.Charles Musser: Moving towards fictional narratives, S. 94–95.

Simulierte Eisenbahnfahrten mit Hale’s Tours mini|Hale’s Tours als eine besondere Form der Filmvorführung (um 1906) Anfang der 1900er-Jahre waren die Phantom Rides keine Novität mehr und – wie die dokumentarischen Aktualitätenfilme im Allgemeinen – zunehmend der Konkurrenz durch fiktionale Filme ausgesetzt. Um eine höhere Attraktivität zu erzielen, wurden vermehrt exotische Schauplätze gefilmt und Ansichten berühmter Städte von Straßenbahnen und Automobilen aus aufgenommen. Mit hohem Aufwand wurde dem Publikum ungewöhnliche Bilder in den Phantom Rides geboten. So filmte im Jahr 1903 die Deutsche Mutoskop und Biograph im Stil eines Phantom Ride den irischen Automobilisten H.H.P. Deasy, wie er mit einem Schweizer Martini-Automobil die Strecke der Zahnradbahn von Glion zur knapp 2000 Meter hoch gelegenen Bergstation am Rochers de Naye befuhr (Captain Deasy’s Daring Drive).Dorit Müller: Gefährliche Fahrten: Das Automobil in Literatur und Film um 1900. Königshausen & Neumann, Würzburg 2004, ISBN 3-8260-2672-1, S. 180–183.