mini|Untere Stadtkirche vom ehemaligen Klostergarten Die Franziskanerkirche am Schillerplatz in Wetzlar im mittelhessischen Lahn-Dill-Kreis ist die gotische Klosterkirche des ehemaligen Franziskanerklosters der Stadt. Nach der Säkularisation fungiert noch der Chor als evangelische Kirche, welche als Untere Stadtkirche bezeichnet wird. Die ehemalige dreischiffige Hallenkirche wurde im 18. und 19. Jahrhundert umfassend umgebaut und wird seit 1967 als Musikschule genutzt. Das Gebäude ist aufgrund seiner geschichtlichen, künstlerischen und städtebaulichen Bedeutung hessisches Kulturdenkmal.

Geschichte Franziskaner in Wetzlar werden erstmals im Jahr 1248 erwähnt.Thomas Doepner: Das Prämonstratenserinnenkloster Altenberg im Hoch- und Spätmittelalter. Sozial- und frömmigkeitsgeschichtliche Untersuchungen. Elwert, Marburg 1999, ISBN 3-7708-1128-3, S. 305, Anm. 1. 1262 wird den „fratibus Minoribus in Wetflaria“ (den Minoriten-Brüdern in Wetzlar) testamentarisch jährlich etwas für ihre Bekleidung gestiftet.Flender: Das Franziskanerkloster. 2024, S. 17. Für 1278 ist erstmals die Existenz eines Konvents urkundlich nachweisbar, als die Niederlassung der Franziskaner als claustrum Minorum fratrum bezeichnet wird. Nördlich der Klosteranlage bauten sie um 1300 eine Kirche über dem Wetzbach, der über das Klostergelände und auch unter dem Altar verlief.Förderverein Untere Stadtkirche: Die Geschichte der Unteren Stadtkirche in Wetzlar. Abgerufen am 12. April 2020. Das sumpfige Gelände wurde erst Ende des 13. Jahrhunderts für die Bebauung erschlossen. 1303 wurden ein Heilig-Kreuz-AltarFlender: Das Franziskanerkloster. 2024, S. 21. und 1339 erstmal der Friedhof erwähnt, der auf dem heutigen Schillerplatz gelegen war. Südlich der Kirche schlossen sich der Kreuzgang, die Klosterzellen und Wirtschaftsgebäude an. Der Konvent gehörte zur Kustodie Trier in der Kölner Ordensprovinz. mini|Musikschule von Westen Im Jahr 1542, als die Reformation in der Stadt eingeführt wurde, lebten nur noch neun Brüder im Kloster, das zunehmend in Verfall geriet. Mit dem Augsburger Religionsfrieden im Jahr 1555 wurde das „Barfüßerkloster“ aufgehoben. Im Kloster entstanden eine städtische Lateinschule und Wohnungen für die Lehrer und Geistlichen, die jetzt das evangelische Bekenntnis teilten. Die Franziskanerkirche wurde fortan für lutherische Gottesdienste genutzt und der langgezogene Chor im Jahr 1586 den 60 Familien wallonischer Glaubensflüchtlinge zur Verfügung gestellt, die aus den spanischen Niederlanden über Wesel nach Wetzlar gekommen waren. Im Ostteil der Kirche wurden seitdem reformierte Gottesdienste in französischer Sprache abgehalten, um auf diese Weise einer Ausbreitung der reformierten Lehre entgegenzuwirken.Flender: Das Franziskanerkloster. 2024, S. 53. Hingegen fanden im Hauptschiff lutherische Gottesdienste statt, ohne dass eine bauliche Trennung existierte.

Im Zuge des Dreißigjährigen Krieges rückten 1626 spanische Truppen in die Stadt ein. Ihr Feldgeistlicher war ein Franziskanerpater, der sich für die Übernahme der Kirche durch Franziskaner einsetzte. In der Folge übernahmen vier Mönche das Kloster. Die Reformierten kamen übergangsweise im Hauptschiff der Stiftskirche (Dom) unter. Als ihnen das untersagt wurde, verließen viele Reformierte Wetzlar, andere besuchten die Gottesdienste in Niedergirmes. 1632–1634 gewannen die Lutheraner unter schwedischer Besetzung das Kloster für kurze Zeit zurück, 1649 mussten die Franziskaner die Stadt endgültig verlassen.Flender: Das Franziskanerkloster. 2024, S. 57. Ab 1650 wurde wieder lutherisch gepredigt und an der Stadtschule unterrichtet. Nach langwierigen und zähen Verhandlungen erhielten die reformierten Gläubigen 1656 ihre Privilegien von 1586 zurück.Walter Schmidt (Bearb.), Archiv der Ev. Kirche im Rheinland: Bestand Evangelische Kirchengemeinde Wetzlar 4 KG 047 B , S. 2–3. 1660 wurde ihnen die Rückgabe des Chors der Klosterkirche in Aussicht gestellt. Der erste reformierte Gottesdienst fand 1667 statt und musste in französischer Sprache gehalten werden.Flender: Das Franziskanerkloster. 2024, S. 60. West- und Südflügel der Klostergebäude und das Hauptschiff der Kirche wurden seit 1675 wieder von Franziskanern genutzt. Chor und Friedhof erhielt die reformierte Gemeinde, während ein dritter Flügel des Klosters von einem lutherischen Prediger bewohnt wurde. Da im Langhaus nun wieder katholische Gottesdienste stattfanden, trennte die reformierte Gemeinde 1675 den Chor durch eine Fachwerkwand (wohl an der Stelle des alten Lettners) vom Kirchenschiff ab. Der Raum im Westen blieb katholisch, der östliche Teil wurde zur „Unteren Stadtkirche“ (im Gegensatz zum Wetzlarer Dom, der „Oberen Stadtkirche“). Erst 1690 wurde den Reformierten das Abhalten von Gottesdiensten in deutscher Sprache erlaubt.Flender: Das Franziskanerkloster. 2024, S. 68.

Im Jahr 1723 und 1737 bauten die Franziskaner des Langhauses im Stil des Barock um und vergrößerten es. Auch das grüne Portal entstand in dieser Zeit. Als die Reformierten 1797 die Kirche wegen der Franzosen verlassen mussten, kamen sie für eine Übergangszeit in der Hospitalkirche unter.Rudolph: 200 Jahre evangelisches Leben. 2009, S. 69. Lebten 1813 noch acht Patres und vier Laienbrüder im Kloster waren es 1824 nur noch vier Brüder und 1826 noch ein einziger.Jung: Wetzlar. Eine kleine Stadtgeschichte. 2010, S. 51. Die reformierte Kirchengemeinde im Ostteil schloss sich 1833 den unierten Kirchen an.Flender: Das Franziskanerkloster. 2024, S. 75.

Wohnten 1813 noch zwölf Franziskaner im Konvent, waren es 1824 nur noch vier und 1826 ein einziger.Flender: Das Franziskanerkloster. 2024, S. 80. Das Langhaus wurde 1820 entwidmet und in ein Proviant- und Salzmagazin umgebaut. Es erhielt rechteckige Doppelfenster, die die gotischen, 1723 barock angepassten Fenster ersetzten. Zudem wurde im Erdgeschoss eine weitere Fensterreihe eingebrochen. Danach diente das Langhaus als Archiv für die Akten des Reichskammergerichtes und anschließend als Kaserne für das 8. Rheinische Jägerbataillon. In das Walmdach von 1723 wurde 1876/1877 ein weiteres Geschoss eingebaut; die Gewölbe des Mittelschiffes wurden ausgebrochen. Noch mehrmals wurde die Nutzung des Westteils geändert, so beherbergte er zwischen 1877 und 1931 eine evangelische Volksschule. 1898 erfolgte ein umfangreicher Umbau.

Wegen zunehmender Feuchtigkeitsschäden folgte in den Jahren 1925–1930 eine grundlegende Sicherung und Sanierung des Baubestandes.Flender: Das Franziskanerkloster. 2024, S. 83. In diesem Zuge wurden Reste mittelalterlicher Wandmalereien entdeckt, an der Nordwand eine Kreuzigungsgruppe und am östlichen Vierungspfeiler einen Ritter mit Mantel, der sich auf seinem Schwert stützt.Rudolph: 200 Jahre evangelisches Leben. 2009, S. 201–202. Nach 1933 zog im angrenzenden Klostergebäude eine Dienststelle der NSDAP ein. Die ehemalige Kirche wurde 1934–1937 wieder von der Volksschule und ab 1937 von der Gewerblichen und Kaufmännischen Berufsschule genutzt. Während des Zweiten Weltkriegs wurden die Fenster beschädigt; ansonsten blieb das Gebäude weitgehend unversehrt.Rudolph: 200 Jahre evangelisches Leben. 2009, S. 454. Nach dem Krieg machten die US-Amerikaner das ehemalige Kirchenschiff zum Truppengefängnis. 1967 zog die Musikschule ein. In den Obergeschossen sowie im Erdgeschoss war das Depot der Wetzlarer Freiwillige Feuerwehr untergebracht.Kirchenkreis an Lahn und Dill: Sanierung der Unteren Stadtkirche steht bevor, abgerufen am 13. April 2020.

1979–1983 wurde der östliche Chorraum, die sogenannte „Untere Stadtkirche“, umfassend renoviert, wobei die Chorwand mit der Kanzel des 18. Jahrhunderts, die Chorschranke und das zweite Geschoss der dreiseitigen Empore entfernt wurden. Im Jahr 1989 erfolgten die Innenrenovierung der Musikschule und die Erneuerung der Zwischendecken von 1820. Um weitere Sanierungen zu finanzieren, startete die Kirchengemeinde 2013 die Sammelaktion „Erhaltung der Unteren Stadtkirche“.Lothar Rühl: Bürger kämpfen für Untere Stadtkirche. Sanierung kostet eine Million Euro. In: Wetzlarer Neue Zeitung vom 5. November 2013. 2014 wurde der „Förderverein Untere Stadtkirche e. V.“ gegründet.Förderverein Untere Stadtkirche e. V. Website der Stadt Wetzlar, abgerufen am 12. April 2020. Im Jahr 2019 erfolgte eine umfassende Sanierung des Dachstuhls.

Die Untere Stadtkirche gehört zum Bezirk Dom der Evangelischen Gemeinde Wetzlar innerhalb des Evangelischen Kirchenkreis an Lahn und Dill in der Evangelischen Kirche im Rheinland.Evangelischer Kirchenkreis an Lahn und Dill, abgerufen am 12. April 2020. Sie wird schwerpunktmäßig für Wochenandachten und kulturelle Veranstaltungen genutzt.

Architektur mini|hochkant|Eingang zur Musikschule mit dem Symbol der Franziskaner, 1723 mini|Gewölbeschlussstein über der Orgel mit einem Löwen Die nach Ost-Nordost ausgerichtete Kirche aus weiß verputztem Bruchsteinmauerwerk wurde im Süden des alten Stadtkerns in Nähe der Stadtmauer errichtet,Jung: Wetzlar. Eine kleine Stadtgeschichte. 2010, S. 49. bestehend aus einem wahrscheinlich asymmetrisch dreischiffigen Langhaus mit fünf Jochen und einem dreijochigen Chor mit Fünfachtelschluss. Das westliche Chorjoch wurde nach Norden um ein Querhaus erweitert.

Spätestens 1737 wurde die Kirche zu einer dreischiffigen Anlage ausgebaut; die Gewölbe der vermutlich barocken Seitenschiffe sind erhalten. Möglich ist, dass nach Abriss des Kreuzgangs im Jahr 1720 oder 1737 ein südliches Seitenschiff angebaut wurde. Entsprechend der Tradition der Bettelorden verfügte die Franziskanerkirche über keinen Kirchturm, sondern nur über einen Dachreiter auf dem Langhaus.Jung: Wetzlar. Eine kleine Stadtgeschichte. 2010, S. 50.

Durch die verschiedenen Umbauten ist der Westteil kaum noch als Kirche erkennbar. Erhalten sind noch die Umfassungsmauern im Norden und Westen mit den abgetreppten Strebepfeilern und das grün gestrichene Ädikulaportal von 1723 am westlichen Ende der Nordseite, das heute als Eingang zur Musikschule dient. Es hat über zwei Pilastern mit auskragenden Kapitellen einen Korbbogen mit Dreiblattmotiven in den Zwickeln. Über dem Architrav zwischen dem gebrochenen Giebel prunkt das Symbol der Franziskaner: Vor einem Kreuz liegen zwei Arme kreuzweise übereinander, mit Wundmalen an den inneren Handflächen, gerahmt von einem vierfach geknoteten Kuttenstrick, der von Rankenwerk umgeben wird.

Doppelfenster belichten in drei Zonen das Innere. Die westliche Schmalseite hat einfache hochrechteckige Fenster. Mittig ist ein querrechteckiger Treppenturm mit abgeschrägten Ecken angebaut, dessen obersten Geschoss in Anpassung an das verschieferte Walmdach ebenfalls verschiefert ist. Ein hohes Rundbogenfenster wird durch zwei schräge Sandsteinbänder in drei Teile geteilt. Das barocke Walmdach von 1723 erhielt 1877 ein weiteres Geschoss zwischen zwei vorkragenden Zwerchgauben.

Der Chor hat seine ursprüngliche Bauform weitgehend bewahrt. Das Chorpolygon ist mit einem Kreuzrippengewölbe ausgebildet, das auf Konsolen ruht. Der Schlussstein über der Orgel zeigt Löwe und Lamm, ein Symbol für Christus (vgl. ). Im nördlichen Querhaus der Chorhalle befindet sich der heutige Eingang. Das barocke Muschelportal mit Ansätzen eines gesprengten Giebels aus rotem Sandstein ist mit 1720 bezeichnet. Die Zwickel des Korbbogens zeigen Blattornamente.

Zweibahnige Maßwerkfenster mit Dreipass im Bogenfeld belichten den Innenraum. Das mittlere Chorjoch trägt seit 1723 einen sechsseitigen Dachreiter mit hochrechteckigen Schallöffnungen für die Glocke, die Johann Peter Bach in Windecken im Jahr 1768 mit dem Schlagton gis1 goss.Hellmut Schliephake: Glockenkunde des Kreises Wetzlar. In: Heimatkundliche Arbeitsgemeinschaft Lahntal e. V. 12. Jahrbuch. 1989, , S. 5–150, hier S. 143. Ihm ist eine kleine Haube aufgesetzt, die von einem Turmknauf und einem verzierten Kreuz mit einem vergoldeten Wetterhahn aus dem Jahr 1952 bekrönt wird.Rudolph: 200 Jahre evangelisches Leben. 2009, S. 480.

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